Brashares | Ein Sommer für zwei | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 368 Seiten

Brashares Ein Sommer für zwei

Roman
2. Auflage 2018
ISBN: 978-3-423-43383-9
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)

Roman

E-Book, Deutsch, 368 Seiten

ISBN: 978-3-423-43383-9
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)



Eine tragisch-schöne Lovestory vor der Kulisse Long Islands Weiße Sandstrände und malerische Küstenorte: Lila und Robert haben drei Töchter und ein zauberhaftes Ferienhaus auf Long Island, das sie auf keinen Fall auflösen möchten, als es zum Scheidungskrieg kommt. Fortan gilt für das Haus ein strenger Belegungsplan, auch als beide mit neuen Partnern noch einmal Mutter und Vater werden. Die zwei jüngsten Kinder teilen sich daher ein und dasselbe Zimmer im Haus - sind aber nie zur gleichen Zeit dort. Erst im Teenageralter folgt auf eine schicksalhafte Begegnung ein Sommer tiefer Gefühle, der die fragilen Familienbande bis ins Mark erschüttert.

Ann Brashares wuchs in der Nähe von Washington D.C. auf. Sie studierte Philosophie an der Columbia University in New York und war einige Jahre als Lektorin tätig. Seit 2000 widmet sich die Autorin ganz - und höchst erfolgreich - dem Schreiben von Jugend- und Erwachsenenbüchern. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in New York.
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1


Mehr als alles andere war der Duft von Zuhause für ihn der eines jungen Mädchens, das er gar nicht kannte.

Sein Zuhause war nicht das knarzende, dreistöckige Stadthaus in der Carroll Street in Brooklyn, in dem er die meiste Zeit wohnte, sondern dieses große Haus, das an einem Weiher lag, der an der Südgabel von Long Island in den Ozean mündete, in der Nähe einer Siedlung namens Wainscott. Jeden Sommer hatte er dort die Hälfte seiner Ferien verbracht –, und jedes zweite Wochenende seines Lebens.

Ray saß auf dem Boden seines Schlafzimmers inmitten von Bücherstapeln, Kleidern, alten Spielsachen, Decken, Regenzeug, Angelzeug und Sport-Equipment und atmete diesen Duft ein, suchte darin nach etwas von ihr.

Der Duft war altvertraut und nostalgisch, er weckte die Erinnerung an das Glück und die Freiheit des Sommers, der die Natur ins Haus holt. Aber es gab auch einen neuen Duft, der jede zweite Woche aufgefrischt wurde, aufgeladen mit den Duftpartikeln von ihrem neuen Shampoo, einem neuen Kleid, dem glänzenden Zeug, das sie sich auf die Lippen schmierte.

War er so erfüllt davon, dass es fast schon wehtat, stand er auf und legte sich auf sein Bett, dort war ihr Duft immer am stärksten. Er gab ihm ein heimeliges Wohlgefühl, beschwor die nächtliche Vertrautheit herauf. In diesem Bett hatte er immer die besseren Träume, fast nie Albträume. In seinem Brooklyner Bett hingegen schon.

Er lag in Shorts und T-Shirt da. Ließ aus Rücksicht seine sandigen, schmutzig-nackten Füße von der Kante baumeln. Normalerweise machte er sich über solche Sachen nie Gedanken.

In diesem Bett zu schlafen war zwar immer noch eine Wonne, aber seit dem letzten Jahr war sein Schlaf unruhig geworden. Auf eine wonnevolle Weise unruhig. Wonnevoll frustrierend. Der Duft hatte neue und außergewöhnliche Aromen, war stimulierend und beruhigend zugleich. Er wusste nicht genau, welche Aromen das waren, nur dass sie seine nächtlichen Gedanken auf eine ungewohnte Art aufwühlten.

»Wie sieht’s bei dir aus?«

Er setzte sich auf. Klopfen und ins Zimmer stürmen, das war bei seiner Mutter eins.

»Machst du schon ein Schläfchen?«, fragte sie.

»Nein, ich war gerade dabei …«

»Hast du den ganzen Schrank ausgemistet?«

Er blickte hinter sich auf den leeren begehbaren Kleiderschrank. »Das meiste. Ich habe versucht, Sashas Sachen so zu lassen, wie sie waren. Aber es ist einiges durcheinandergeraten. Und bei manchen Sachen bin ich mir nicht ganz sicher.«

»Du tätest dich leichter, wenn du Licht hättest«, bemerkte seine Mutter zu Recht.

Er nickte. Die Glühbirne hatte er schon vor zwei Jahren auswechseln wollen. Und noch länger hatte er in dem Raum auch nicht mehr sauber gemacht.

»Wär’s das dann für mich?«

Lila sah ihn an. »Ist das dein Ernst? Bisher hast du einfach nur alles auf den Boden geschmissen. Das musst du wieder aufräumen.«

»Deshalb bin ich ja zurück ins Bett.«

Sie band sich ihr Bandana-Tuch wieder um den Kopf. Auf ihrer Hose waren lauter alte Farb- und Lehmflecken. »Du solltest mal die Küche sehen. Du kannst froh sein, dass ich dich nicht darum bitte, mir dabei zu helfen.«

Unwillig stand er auf. »Warum machen wir das eigentlich?«

»Die Idee kam von den Mädchen.«

»Das Haus sieht doch gut aus.«

»Die andere Familie macht das nächste Woche auch.«

»Wir hätten sie besser den Anfang machen lassen sollen.«

»Mach einfach weiter, Ray. Ich habe Müllbeutel und Kisten in den Flur gestellt. Die Sachen, die du aufheben willst, packst du in die Kisten. Wenn du fertig bist, bringst du sie raus in den Abstellraum und stapelst sie in die Regale.«

Er ging die Regale an den Schlafzimmerwänden durch. Er und Sasha hatten über die Jahre eine unausgesprochene Übereinkunft gehabt, was die Aufteilung der Schubladen, der Regale und des Platzes im Schrank betraf, und unausgesprochene Unstimmigkeiten hatte es auch gegeben.

Fast alle Bücher gehörten ihr. Die gesamte ›Harry-Potter‹-Reihe stand noch da, zusammen mit ›Die Chroniken von Narnia‹ und ›. Seinen ›Hobbit‹ hatte er neben ihre ›Herr-der-Ringe‹-Reihe gestellt. Er hatte fast alle ihre Bücher gelesen, außer denen, die so richtige Mädchenbücher waren, manchmal gleichzeitig mit ihr. Er hatte sich geärgert, wenn er gerade eines ihrer Bücher las, wie den letzten ›Harry Potter‹, und sie es dann wieder mit in die Stadt genommen hatte.

Er holte sich einen Wertstoffsack für seine alten Comics und den kunterbunten Haufen aus Schulheften und Papieren. Unter ihnen fand er auch einen ihrer alten Naturwissenschaftstests (91 Prozent richtig) und ihre handgeschriebene Zusammenfassung von ›Wilbur und Charlotte‹. Ihre runde, regelmäßige Schrift konnte man gar nicht mit der Sauklaue verwechseln, die er beim Schreiben mit dem Füller produzierte.

Der Schrank, in dem die Muscheln, das Meerglas, die glatten Steine, die Schachteln mit Eiern und die Haifischzähne aufbewahrt wurden, war ihr gemeinsamer Besitz. Er hätte unmöglich auseinanderklamüsern können, wer was gefunden hatte. Sie waren beide große Strandjäger und Sammler. Und all das gehörte ohnehin der See, oder nicht? Ein paar zerbröselte Korallen schmiss er weg, den Rest ließ er unangetastet.

Um den Schreibtisch brauchte er sich nicht zu kümmern – seit der Mittelstufe hatte er das Ding komplett ihr überlassen, mit Ausnahme einer großen Schublade unten, in der sich alte Jacken und Sweatshirts befanden, die sie beide benutzten. Das bisschen, was er an Klamotten besaß, passte in zwei Regale und auf eine Kleiderstange auf der linken Seite des großen Wandschranks. Der Arzneischrank war zu mindestens neunzig Prozent mit ihren Sachen gefüllt. In Wahrheit besaß er fast keine Toilettenartikel, was größtenteils daran lag, dass er ihr Zeug mitbenutzte. Er war glücklich, wenn er ihr Shampoo benutzen und auf diese Weise ein wenig von ihrem Duft mit sich herumtragen konnte. Zahnpasta oder Zahnseide hatte er schon seit Jahren nicht mehr gekauft.

Es gab haufenweise halb kaputtes oder nutzloses Zeug, das er einfach wegschmeißen konnte. Das Angelzubehör erforderte mehr Zeit. Er musste zugeben, dass es mehr Platz einnahm als nur die eine Schrankhälfte, aber sie durfte es auch benutzen, wenn sie gut darauf aufpasste. Sie hatten auch ein Boogie Board darin, das er noch manchmal herausholte.

Sie auch? Er hatte keine Ahnung. Aber insgeheim hoffte er es. Er hatte sich immer vorgestellt, dass sie diesen Ort liebte, diesen Weiher, diesen Strand, das seltsame Haus, dieses alte Feldbett unter der Dachluke, genau wie er.

Die Surfbretter, die sie in der Garage aufbewahrten.

Obwohl sie im selben (beruhigenden, ruhelosen) Bett schliefen, durch dieselbe Dachluke auf denselben Mond blickten, kannten sie einander nicht. Sie hatten drei gemeinsame ältere Halbschwestern, Emma, Quinn und Mattie, aber sie waren nicht miteinander verwandt. Sashas Vater war vor langer Zeit einmal mit seiner Mutter verheiratet gewesen.

Er hatte bei den Abschlussfeiern ihrer älteren Geschwister Sashas sehr schmales Gesicht einmal auf der anderen Seite der Radio City Music Hall entdeckt. Er hatte sie noch nie aus der Nähe gesehen, weil ihre Eltern die Choreographie der Sitzverteilung und der anschließenden Feiern selbst in die Hand nahmen, so dass sie nie Notiz voneinander nehmen mussten. Die Geburtstagsfeiern seiner Geschwister verliefen ebenso. Immer getrennt, immer zwei: eine Feier bei seiner Familie, mit hausgemachtem Zucchini-Kuchen und selbst gebastelten Geschenken am Brooklyner Küchentisch, und die mit der anderen Familie, was offenbar gemietete Privaträume in trendigen Restaurants bedeutete, in denen ein normaler Mensch niemals eine Reservierung bekommen würde. Natürlich war er noch nie auf einer dieser Feiern gewesen.

Im Haus hatte er Bilder von Sasha gesehen, Bilder aus einer Zeit, als sie noch klein gewesen war. Er hielt Ausschau nach neuen, aber er hatte schon lange keine mehr entdeckt. Als er in der achten Klasse gewesen war, hatte er versucht, auf Facebook mit ihr Freundschaft zu schließen, aber sie hatte die Anfrage abgelehnt. Er hatte sich geärgert, hatte es aber respektiert, und am Ende war er erleichtert gewesen. Er wollte sie nicht wirklich so sehen – noch so ein Mädchen im Bikini inmitten eines Pulks von Freundinnen, abgelichtet mit aufblitzenden Zahnspangen oder wie sie auf Paradise Island das Peacezeichen machten oder ähnlichen Kram. Er wollte die Vorstellung lebendig erhalten, dass sie anders war.

In der zehnten Klasse löschte er seinen Facebook-Account, weil er auch andere Leute nicht so sehen wollte. Diese Zurschaustellung von gefaketem Spaß nervte irgendwann. »Du bist so ein Miesmacher«, hatte Mattie zu ihm gesagt. Was nicht ganz stimmte. Auf Snapchat und Rapchat war er genauso oft unterwegs wie seine Freunde.

Er wusste, dass Sasha eine reine Mädchenschule an der Upper East Side besuchte, eine mit Schuluniform. Laut Mattie, dieser Spottliese, waren in Sashas Jahrgangsstufe nur zweiundvierzig Mädchen. Er stellte sich Sasha im Faltenröckchen vor, versuchte aber, das nicht zu oft zu machen.

Ray ging auf eine öffentliche Magnetschule in Fort Green, in Brooklyn. In seiner Stufe waren 1774 Schüler und fast keine Faltenröcke.

Die Welt der Privatschulen von New York City war wie ein Club, wie eine Inselwelt, sich selbst beweihräuchernd und ziemlich nervig, und Ray gehörte nicht dazu. Seine Schwestern gehörten dazu, weil ihr Vater reich war. Es fühlte sich seltsam an, einer anderen ökonomischen Klasse anzugehören...


Brashares, Ann
Ann Brashares wuchs in der Nähe von Washington D.C. auf. Sie studierte Philosophie an der Columbia University in New York und war einige Jahre als Lektorin tätig. Seit 2000 widmet sich die Autorin ganz - und höchst erfolgreich - dem Schreiben von Jugend- und Erwachsenenbüchern. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in New York.

Meßner, Michaela
Michaela Meßner lebt und arbeitet als freie Übersetzerin in München. Für dtv übertrug sie bereits mehrere große Klassiker, darunter ›Sturmhöhe‹ von Emily Brontë und ›Die Kameliendame‹ von Alexandre Dumas fils.



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