Braun | Algena | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 496 Seiten

Braun Algena

Psychodrama einer jungen Frau
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7504-4463-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Psychodrama einer jungen Frau

E-Book, Deutsch, 496 Seiten

ISBN: 978-3-7504-4463-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die einunddreißigjährige bildhübsche Modedesignerin Algena erfährt eines Abends, dass ihr vergötterter Ehemann Philipp während einer Dienstreise einen tödlichen Autounfall erlitt. Und durch Zufall entdeckt sie gut drei Monate später, dass diese Autofahrt ihn zu einer Geliebten führen sollte, die zugleich eine gute Freundin von ihr ist. Die junge Frau fällt in ein tiefes Loch, erzählt aus Angst vor Blamage niemandem von diesem fatalen Geheimnis und behält nur mühsam die Contenance über ihr Leben. Ein halbes Jahr nach dem Tod ihres Mannes begegnet sie ihrem einstigen Studentenfreund Harry, der für sie damals vor zehn Jahren eine Art Traummann gewesen war. Damit bricht in ihr eine langwierige Auseinandersetzung zwischen wieder erwachten Gefühlen und ihrem Verantwortungsbewusstsein auf, weil der zwar inzwischen längst verheiratet und Familienvater ist, aber die wiedererwachte Bekanntschaft pflegen will ... Sie stemmt sich auf vielfältige Weise gegen die Macht eines Schicksals, das sie zu überfordern droht. Wenige gute Freunde und die wohlmeinende Freundin Isabelle stehen ihr oft hilfreich zur Seite, können aber ihr Grundproblem nicht lösen. Wird sie dieses mental-emotionale Chaos meistern können?

Der Autor Werner Braun, geb. 1942 in Wien, lebt seit etwa fünfzig Jahren in München und betrachtet diese Stadt als seine Heimat auch wenn er in den Bergen am Tegernsee aufgewachsen ist. Er ist verheiratet und seit vielen Jahren Rentner. In seinem Arbeitsleben war er Ingenieur und hat sich bis Anfang des sechsten Lebensjahrzehnts nur wenig ums Schreiben von Texten gekümmert, von gelegentlichen tagebuchartigen Notizen bei wichtigen Ereignissen abgesehen. Es gab eben andere Prioritäten. Erst dann hat sich nach und nach eine Freude am Schreiben, Formulieren und Schildern entwickelt. So hat er sich noch deutlich vor der Pensionierung beginnend zunächst mit biografischen Texten, zusammengestellt aus den erwähnten früheren rudimentären Tagebuchaufzeichnungen, befasst, später dann, schon als Rentner in loser Folge lebendige Reiseberichte eigener Reisen und solcher zusammen mit seiner Frau Roswitha geschrieben. Aus allen diesen Erzeugnissen sind bisher nur private Ringbücher entstanden. Eine Veröffentlichung war nie vorgesehen, obwohl sie im weiten Freundeskreis stets gut angekommen waren. Als Schriftsteller und Autor fühlt er sich allerdings nach wie vor als reiner, wenngleich laut dem Urteil seiner Freunde begabter Amateur, der die Schreiberei als Hobby betreibt. Im Jahr 2018 hat er erstmals eine Art biografischer kurzer Erlebnisschilderungen mit dem Titel auf Menschen treffen herausgegeben. Der vorliegende Roman Algena, Psychodrama einer jungen Frau ist ein umfangreicheres Erstlingswerk das er der Öffentlichkeit zugänglich machen will.
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Schon vor zwei Wochen überlegte Algena, ob sie ihren zweiunddreißigsten Geburtstag am zehnten Oktober, einem Freitag in diesem Jahr, überhaupt feiern sollte und, wenn ja, wie das dann ablaufen könnte. In den vergangenen Jahren hatte Philipp sie meist genau an diesem ihrem Ehrentag regelmäßig in ein edles Lokal zum Abendessen ausgeführt. In diesem Unglücksjahr war alles anders und nach Feiern war ihr eigentlich absolut nicht zumute. Für den Freundeskreis galten Geburtstage stets als willkommener Anlass, am darauffolgenden Wochenende privat in den „heiligen Hallen des Geburtstagskindes“ zu feiern – willkommene Anlässe für Partys. Und die Freunde ließen sich nicht lumpen …, brachten tolle Köstlichkeiten mit. Die Gastgeber sollten keine Arbeit haben. Zweimal im Jahr gabs in den vergangenen Jahren also eine ausgelassene Fete bei ihnen, im Sommer für Philipp und Mitte Oktober eben für sie. Bei trockenem, vor allem warmen Wetter wurde auch die großzügige Terrasse einbezogen samt Schwingen des Tanzbeins. Das waren immer Highlights gewesen. Zu Philipps Geburtstag im August (er war „Löwe“) hatten zwar einige der Freunde angerufen, Algena hatte sich aber nur recht förmlich für das Gedenken an ihren Mann bedankt. Sie wollte keinesfalls „Schalmeiengesänge“ über ihn hören oder gar bedauert werden von Uneinfühlsamen und die Freunde deuteten dieses ansich ungewohnte kurz angebunden sein als Trauer über ihren toten Mann. Für sie jedoch war der Grund ein ganz anderer: die unglaubliche Enttäuschung über ihn. Das wusste aber niemand.

Nach den Ereignissen dieses Jahres wäre eine solche Groß-Festivität zu ihrem Geburtstag ein wahrer Horror für sie – und völlig unpassend. Am besten schwerhörig sein gegenüber unterschwelligem Anklopfen einiger Gedankenloser. Letztlich hoffte sie auch hier auf stillschweigendes Verständnis.

Obendrein fürchtete sie panisch, Laura könnte die Chuzpe haben, locker lässig hier in der Wohnung ihres einstigen verheirateten Freundes mit aufzukreuzen und sich wie üblich ohne viel Hemmung aufzuspielen, als ob nichts gewesen wäre (für alle anderen ). Das hätte ihr gerade noch gefehlt, am Geburtstag gute Miene zum bösen Spiel machen zu müssen: Lauras „Spiel“ war bei der sicherlich längst ad acta gelegt, ihre, Algenas Verletzungen dagegen waren es nicht. Die nahmen, seit das furchtbare Geheimnis gelüftet war, eher noch zu, vor allem weil Laura ihr gegenüber nicht die geringsten Anzeichen von schlechtem Gewissen erkennen ließ, im Gegenteil. Die war fast immer in bester Stimmung. In Wirklichkeit war ein nahezu unmöglich gewordenes, reserviertes Frauen-Verhältnis entstanden. Die beiden begegneten einander in ambivalenter „herzlicher Abneigung“, aber bewahrten aus unterschiedlichen Motiven strengstes Stillschweigen über ihre fatale Verstrickung.

Also keine große Geburtstagsparty! Jedenfalls nicht mit der Gesellschaft der Freunde und Bekannten. Überall, wo Stimmung, Ausgelassenheit, Feiern eben angesagt war, hielt sich Algena schon seit längerem reserviert zurück. Der ganze oberflächliche Small Talk, das locker-flockige Herumalbern allenthalben, jeder den anderen geistreich übertreffen wollend, ödete sie an, derzeit wenigstens, und ihre nach wie vor angeknackste Befindlichkeit interessierte eh kaum noch einen.

Auch den gemeinsamen Oktoberfestbesuch Ende September hatte Algena sausen lassen. In ausgelassener Stimmung auf den Bänken herumhopsen, feierseliges Verbrüdern und schmierige Bier-Flirts – all das wollte sie sich nicht antun, keinesfalls. Albert hatte sie schon Mitte September von den reservierten zwanzig Plätzen in der Box „Chiemsee“ im Bräurosl-Zelt informiert – alles wie gehabt, jedes Jahr dasselbe. Sie hatte spontan abgesagt. „Albert, versteh mich bitte. Du erinnerst dich, wie gern Philipp und ich immer dabei waren auf der , aber jetzt ist alles anders!“ Mit Albert und seiner Frau Eleonore verstand sie sich gut, beides erfolgreiche, distinguierte Freunde, dabei aber ohne jegliches elitäre Gehabe. Albert hatte auch das meiste Verständnis für ihre Not in den Wochen nach Philipps Tod gezeigt. Er war alles andere als ein seichter Leichtfuß.

Trotzdem: Geburtstag haben und allein sein? War auch nicht der Hit, denn dann wären depressive Gedanken an diesem Abend geradezu vorprogrammiert. Tagsüber war sie eh im Geschäft und für den Abend lud sie kurz entschlossen Isabelle samt ihrem Georg auf ein Glas Wein und ein paar Snacks ein. Die beiden, vor allem Isabelle, taten ihr gut, sie lachten gerne miteinander, verstanden sich. Erst dachte sie daran, ihre einstige und nur kurzzeitige Kollegin Claudia mit dazu zu nehmen, aber die würde das dann Rebekka erzählen und Sylvia, einer Kollegin, mit der sie sich recht gut verstand … Es würde Kreise ziehen und gerade das wollte sie nicht dieses Jahr. Also nur Isabelle und Georg. War okay.

Der zehnte Oktober kam und in ihrer Arbeitsstelle nahm sie Glückwünsche am Geschäftstelefon entgegen oder an ihrem Handy, darunter natürlich von ihren Eltern und dem fernen Bruder Leon, aber auch von Freunden und Bekannten. Sogar Laura hatte sich per SMS gemeldet, reichlich unpersönlich mit einem kurzen Gruß und der nichtssagenden Formel . Einige Sekunden verweilten ihre Augen auf dem Display mit den wenigen Worten, dann drückte sie entschlossen die Löschtaste. Ihr Hass auf diese Frau war ungebrochen. Philipp war tot und Laura lebte …, ihre Wut über diese Infamie des Schicksals kannte keine Grenzen, unerbittlich immer wieder aufs Neue.

Zum Glück sprach keiner der Gratulanten sie auf ihre innere Verfassung an. Man lebte im Jetzt und Philipps Tod lag ja auch schon an die sieben Monate zurück. Sie war froh, nicht Rede und Antwort stehen zu müssen über innere Nöte, die sie nach wie vor plagten. Ansonsten hatte sie sich im Atelier wieder einigermaßen gefangen. Die Stimmung war wieder aufgehellt, die KollegInnen nett zu ihr – was ihr gut tat bei all der sonst üblichen stressbedingten Funktionsunpersönlichkeit. Der Chef, heute ausgesprochen spendabel, ließ am späteren Nachmittag Sekt springen und nach einer knappen Stunde Zusammenstehens mitten im sonst so betriebsamen Entwurfsstudio trollte sich einer nach dem anderen oder das (Geschäfts-)Handy klingelte oder es gab noch dringende Erledigungen für morgen. Die üblichen Verhältnisse gegen Ende kleiner privater Feiern am Arbeitsplatz. Die Runde dünnte zunehmend aus und löste sich schließlich bald auf. Feierabend.

Algena verabschiedete sich leicht benebelt und schloss eine Dreiviertelstunde später gegen achtzehn Uhr, wieder in Solln angekommen, ihre Wohnungstür auf. Etliche Geburtstagspost, nichts Aufregendes, ein paar Anrufe auf dem Anrufbeantworter.

***

Gegen halb sieben Uhr klingelte das Telefon.

„Hallo Algena, hier ist Harry …, Harry Waldner …, erinnerst du dich an mich?“

Algena hatte seit Jahren kaum mehr was von Harry gehört. Auf Philipps Beerdigung hatte sie ihn unter den vielen Menschen kurz ausgemacht, aber er hatte nicht kondoliert. Sie wusste nicht mal, ob er inzwischen verheiratet war, gar Kinder hatte. Und jetzt? Diese vertraute sonore Stimme, wie früher! Sofort glimmte längst erloschen geglaubte, alte Erinnerungsglut in ihr wieder auf. Was hatte sie diesen jungen Studenten einst geliebt, mehr als alle anderen, gerade auch wegen dieser betörenden Stimme … Ungefähr acht oder neun Jahre muss das her sein.

„Harry??? Du? Na, das ist ja mal ‘ne Überraschung. Jaaa, …“ Kunstpause, „Wie gehts dir denn so?“ Mehr als diese Allerweltsfloskel brachte sie nicht heraus.

„Erst mal wollte ich dir zum Geburtstag gratulieren. Den weiß ich nämlich noch, auch wenn ich mich die letzten Jahre nicht mehr gemeldet hatte. Du hattest mir damals erzählt, demnächst zu heiraten und dann hatte ich nicht mehr den Mut, bei dir anzurufen. Das Unglück mit deinem Mann im März hatte sich rumgesprochen und deshalb war ich dann auch auf der Beerdigung. War schon ein rechter Schicksalsschlag für dich, wie gehts dir denn inzwischen?“

„Danke, lieber Harry, erst mal für die Geburtstagswünsche. Kann ich brauchen. Ach Harry, es geht solala, das mit meinem Mann ist eine unerquickliche Geschichte. Ich bin immer noch dabei, wieder Fuß zu fassen in einem Leben alleine und es fällt mir außerordentlich schwer. Übrigens danke, dass du damals zur Beerdigung gekommen warst. Du hättest mich ruhig ansprechen können. Aber ich weiß, kondolieren am Grab fällt keinem leicht.“

„Ja, hätte ich. Irgendwas hat sich in mir gesperrt damals, weiß auch nicht recht was und warum.“ Er machte eine kurze Pause. „Weißt du, dass ich vor knapp zwei Jahren auch geheiratet habe und wir sogar schon ein Kind, einen Sohn, den Maximilian, haben? Fünfzehn Monate ist er alt, ein aufgewecktes...



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