E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Braun Der mieseste Liebhaber der Welt
1. Auflage 2010
ISBN: 978-3-423-40284-2
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-423-40284-2
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Harald Braun, geboren 1960, lebt als Autor und freier Journalist für Magazine und Wochenzeitungen bei Hamburg.
Autoren/Hrsg.
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I.Kapitel
1974, Angelique (Cordula)
Tags Adoleszenz, Schauspielerin, Scheidungskind, Sonnenöl, Swimmingpool
Soundtrack Teenage Rampage/ The Sweet
Film Frankenstein Junior/ Mel Brooks
C.D.Payne, ›Crazy Days –
Die Tagebücher des Nick Twisp I.‹
Während ich Angelique dabei zusah, wie sie aufreizend langsam ihren braungebrannten Körper mit Kokossonnenöl eincremte, wusste ich, dass ich in Fällen geliefert sein würde.
Ich war vierzehn Jahre alt und Angelique war so ziemlich das dümmste Mädchen, das ich bis dahin kennengelernt hatte. Allerdings auch das attraktivste. Sie war neunzehn und hatte nach der Volksschule als Verkäuferin in einer Parfümerie gearbeitet. Das sei aber nicht ihre Welt, ließ sie uns wissen. Nun wollte Angelique lieber Schauspielerin werden. Sie färbte sich ihr langes braunes Haar hellblond, ließ sich wallende Locken drehen und wartete auf den Tag, an dem es in Hollywood losgehen würde. Ich hätte an ihrer Stelle auf eine Karriere als Model gehofft – oder auf eine Renaissance des Stummfilms. Seit Kurzem besuchte sie Kurse bei einer renommierten privaten – und ziemlich teuren – Schauspielschule.
Wir lagen seit zwei Stunden gemeinsam am Pool des Bungalows, in dem ich aufgewachsen war. Ich spielte hin und wieder mit der Polaroidkamera herum, die mein Vater mir geschenkt hatte, und Angelique las in einer ›Frau im Spiegel‹. Meinem Vater gehörte ein großes Möbelhaus in unserer Stadt, die »Möbelwelt Stiltfang & Strube«. Ein Familienunternehmen in der dritten Generation. Die Strubes hatten das 1000-jährige Reich nicht überlebt. Mit Möbeln waren in den sechziger und siebziger Jahren gute Geschäfte zu machen, als die Nachkriegsgeneration nach der Fresswelle auch das Prinzip »Schöner Wohnen« entdeckte und Ikea noch nichts weiter als eine schwedische Spanplattenklitsche war. Wir konnten uns einen Pool im Garten leisten und noch so einige andere Dinge, die in einer Kleinstadt wie der unseren eher exotisch anmuteten. Einen roten Mercedes Pagode zum Beispiel, in dem mein Vater auch bei schlechtem Wetter mit geöffnetem Verdeck zur Arbeit fuhr. Den Pool hatte ich immer geliebt. Viele heiße Sommernachmittage lungerte ich hier mit meinen Freunden auf unseren blauen Schaumstoffliegen herum, immer den Chlorgeruch und diesen unverwechselbaren Dunst des Piz-Buin-Sonnenöls in der Nase. Vor uns stand meistens eine große Karaffe mit Selters und einer Tri-Top-Kirschmischung auf dem schweren rostroten Steintisch, dazu ein paar dreieckige, orange Sunkist mit Strohhalmen. Für unsere kulturellen Anregungen sorgten zerlesene Fix-&-Foxi- oder Kater-Felix-Comics. Hin und wieder plantschten wir ein wenig im Pool und spielten mit unserem Münsteraner Vico, der es liebte, von uns ins Wasser geworfen und dann »gerettet« zu werden.
Angelique taucht in diesen lebendigen Erinnerungen an sorglos dahinplätschernde Sommertage nicht auf. Damals kannten wir noch keine Angelique, niemand aus unserer Familie. Vermutlich nannte sie sich zu der Zeit noch Cordula, was Sinn machen würde, denn das ist ihr richtiger Name. Cordula Bartke, um präzise zu sein. Es dauerte etwas, bis ich erfuhr, dass Angelique in Wahrheit eine war. Da hielt ich sie allerdings schon für so beschränkt, dass ihr »Künstlername« auch keine Rolle mehr spielte.
Ich erinnere mich nur an diesen einen Tag mit ihr zusammen am Pool. Es war gleichzeitig der letzte, den ich dort unbeschwert verbringen sollte. Beinahe zwei volle Stunden hatte Angelique nun schon darauf verwandt, sich voller Hingabe ihrem Körper zu widmen. Es war ein Grundkurs in Zen: Erst schnitt sie konzentriert ihre Fußnägel und rieb mit einem dicken Bimsstein die Hornhaut unter ihren Füßen ab, wusch und cremte sie minutenlang ein. Das hier schien ein gewohntes Ritual zu sein, fasziniert sah ich ihr aus den Augenwinkeln dabei zu, wie sie in ihrem knappen kanarienvogelgelben Bikini routiniert an sich arbeitete wie an der Fassade eines Tempels. Unter dem strahlend blauen Himmel wirkte Angelique auf ihrem Liegestuhl wie eine zum Leben erweckte Postkarte. Nachdem auch noch Fuß- und Fingernägel in Seelenruhe lackiert worden waren (in einem merkwürdigen Rotton mit dem Namen »Framboise«), begann sie, sich von Kopf bis Fuß mit ihrem transparenten Kokossonnenöl einzureiben. Ich nehme an, das Zeug sollte bloß den broilerbraunen Teint unterstreichen, den Angelique sich bereits durch geduldiges Sonnenbaden angeeignet hatte.
Mir wurde langsam heiß. Angelique cremte sich von den Füßen bis zu den Oberarmen in einem Tempo ein, als habe sie erst wieder in einigen Monaten den nächsten Termin. Mit konzentrierter Miene schabte, strich und salbte sie selbstvergessen an sich herum. Ein faszinierendes Schauspiel. Ich konnte nicht wegsehen. Mehr noch, inzwischen starrte ich sie ohne jede Zurückhaltung an (vorsichtshalber hatte ich mich auf den Bauch gelegt, nur um sicherzugehen). Ich war knapp davor, meine Polaroid zu zücken und ein Erinnerungsfoto zu schießen. Sie meine Irritation bemerkt haben.
Ich wusste, es gab jetzt nur zwei Möglichkeiten. Ich hatte Angst vor beiden. Entweder sie fragte, warum ich denn so schmierig glotze, und dann würde ich rot werden und mich wegdrehen, ohne aufstehen zu können. (Ich möchte noch mal dran erinnern: Ich war vierzehn Jahre alt!) Oder sie fragte mich, ob ich ihr den Rücken einreiben könnte. Dann würde ich aufstehen müssen und mich der größten Herausforderung meiner noch recht frischen Pubertät stellen. Möglicherweise fragen Sie sich ja, wo das verdammte Problem ist. Wenn sich eine neunzehnjährige Schönheit mit einem perfekten Körper vor einem räkelt und eine Einladung ausspricht, sich etwas intensiver damit zu beschäftigen, werden doch normalerweise Jungsträume wahr. In meinem Fall war die Sache komplizierter. Als Angelique sich für Möglichkeit B entschied und mich fragte, nachdem der Rest ihres Körpers bereits feuchtgolden glitzerte: »Markus, kannst du mir bitte den Rücken eincremen?«, schaute ich ein letztes Mal Hilfe suchend zur Eingangstür. Wo zum Teufel blieb mein Vater? Das hier war schließlich Freundin.
Mit meinem Vater hatte Angelique das große Los gezogen. Für meine Mutter war Angelique dagegen eine Menge anderer Sachen mit -los hintendran, nämlich verantwortungs-, hirn- und hemmungslos. Eine Scheidung war Anfang der siebziger Jahre noch recht ungewöhnlich, zumal in einer Kleinstadt wie unserer. So wie ich das sah, kam ich allerdings ganz gut damit klar. Meine Eltern trafen sich hin und wieder, um organisatorische Dinge zu besprechen. (Hauptsächlich, wie man mich irgendwie bis zum Abitur durchschleppen könnte.) Ich wohnte mit meiner älteren Schwester bei meiner Mutter in einer großen Altbauwohnung in der Innenstadt. Mein Vater zahlte jetzt also für zwei Häuser und Kinder, wobei Angelique mit Abstand der teuerste Posten in seinen monatlichen Abrechnungen war. Manchmal fuhr sie mit seiner Pagode stundenlang durch die Stadt spazieren (vermutlich so eine Art Vorgriff auf die Zeit, in der sie auf einem roten Teppich Fotografen zuwinken würde). Meistens aber hing Angelique nur in unserem Bungalow herum, nachdem sie ihren Job aufgegeben hatte, und vertrieb sich die Zeit. Mit Frauenmagazinen hauptsächlich, vor der Höhensonne und mit einer Menge Cremetiegel. Ich besuchte meinen Vater gelegentlich am Wochenende. Da meine Schwester es vorgezogen hatte, den Kontakt zu ihrem »Erzeuger« bis auf Weiteres abzubrechen, war ich der letzte Anker seiner »Familie«. Meistens verschwand Angelique dann »in die Stadt« und bestückte ihren Kleiderschrank (der früher einmal das Zimmer meiner Schwester gewesen war). Sie schien meinen regelmäßigen Heimaturlaub nicht sonderlich zu schätzen, war aber bislang nie offen feindselig gewesen. Ich hielt es für Indifferenz. Aber ich muss sie unterschätzt haben.
An diesem besagten Tag am Pool verabschiedete sich mein Vater schon früh nach einem gemeinsamen Frühstück auf der Terrasse. Das Geschäft. An Samstagen brummte so ein Möbelladen. Er schlug mir vor, zu bleiben und den herrlichen Sommertag am Pool zu genießen. Ich willigte ein. Als Angelique früher als sonst von ihrer Einkaufstour...




