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E-Book, Deutsch, 380 Seiten

Braun Die Suche nach dem Anderen

Zwischen Aufbegehren der 68er Generation und neuen Gefahren für Frieden und Freiheit
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8192-3868-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Zwischen Aufbegehren der 68er Generation und neuen Gefahren für Frieden und Freiheit

E-Book, Deutsch, 380 Seiten

ISBN: 978-3-8192-3868-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



'In seiner Generation ein Rebell, war er in der Wahrnehmung meiner Generation hoffnungslos altmodisch', so schreibt die Tochter des Autors. Meine Schwester war 20 Jahre lang mit ihm verheiratet, sie stand beruflich an seiner Seite, die Begleitung von 'besonderen Menschen' wurde für beide zur Berufung, Orientierung gab beiden das anthroposophische Menschenbild. Sie teilte seine Hoffnungen, und sie ertrug mit ihm die Rückschläge, bis er erneut rebellierte und sich auflehnte gegen ein Leben, das er als unvollständig empfand. Schicksalhafte Ereignissen und unglaubliche Zufälle prägten seine Wege. Es gibt Ereignisse für die der Begriff Zufall kleinlich wirkt und die Frage aufwirft: Woher fällt einem Menschen etwas zu? Schon die Mutter des Autors hatte rebelliert, gegen ihre Eltern, nicht aber gegen die Nazis. Ihr Lebensweg war geprägt vom Krieg und vom Einmarsch der russischen Armee in Berlin, von Flucht und von der Teilung des deutschen Volkes quer durch ihre Familie. Mit ihrer 'Biographie zwischen Ost und West' wurde sie zur Zeugin ihrer Zeit, und durch Zufall war sie erneut in Berlin beim Fall der Mauer. Auch im vorliegenden Buch sind die persönlichen Geschichten verwoben mit geschichtlichen Entwicklungen in Deutschland, zuletzt auch mit dem bis heute andauernden Freiheitskampf in Georgien. Es ist die Fortschreibung einer Familiengeschichte, auf die vielleicht bald mit dem dritten Buch einer Trilogie eine Fortsetzung folgen wird. Irene Reuter

Volker Braun, Jahrgang 1955, verbrachte seine Kindheit im Arbeitermilieu der Industriestadt Ludwigshafen. Seine Jugend war geprägt von den Folgen der 68er Studentenrevolte: Ablehnung des Staates, in dem Alt-Nazis noch immer hohe Ämter innehatten, Kriegsdienstverweigerung und Radikalisierung. Während seines 1½-jährigen Aufenthaltes in Israel hatte er Begegnungen, die sein marxistisches Weltbild ins Wanken brachten, und durch die er seinen Beruf als Heilpädagogen fand. Für diese Aufgabe und zur Bewältigung von Schicksals-schlägen half ihm die Beschäftigung mit der anthroposophischen Philosophie. Erst nachdem er seine zweite Heimat in Georgien gefunden hatte, stand er zu den Werten von Demokratie und Toleranz und zu seiner deutschen Heimat.
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Erstes Kapitel


Das Inserat in der Zeitung hatte die junge Frau gelesen, dann aber doch wieder zur Seite gelegt. Zu hoch war noch die Hemmschwelle, um auf diesem Weg dem Schicksal etwas nachzuhelfen. Aber sollte sie noch weiter abwarten, bis sie durch Zufall den Mann findet, mit dem sie eine eigene Familie gründet? Ihre Familie! Der Zufall hatte nur wenig Gelegenheiten zur Verfügung, bei über 60 Arbeitsstunden pro Woche und nur jeden 2. Sonntag frei. Und dann so wenig Geld, dass sie lieber zu Fuß ging, als Geld für die Straßenbahn auszugeben. Und es gab zu wenig Männer. Zu viele hatten den Krieg nicht überlebt oder waren noch in Gefangenschaft. Sollte sie dann auf einen ungewissen Zufall vertrauen?

Schon einmal hatte sie ihr Schicksal selbst in die Hand genommen. Damals war sie 16 und wäre so gerne auf eine weiterführende Schule gegangen, vielleicht auf die Handelsschule. Sogar der Pfarrer hatte sich dafür eingesetzt. Aber es war vergeblich. Nach Meinung der Eltern brauchten Mädchen keine Berufsausbildung. Sie verließ ihr Elternhaus und suchte in Berlin ihren eigenen Weg, auch wegen der Prügel, die sie von Mutter bekommen hatte, wenn diese mit der Arbeit nicht zufrieden war. Genau genommen war es nicht einmal ihre Mutter; die war schon gestorben, als sie gerade mal neun war.

In einer Bäckerei in Berlin hatte sie eine Lehre als Verkäuferin begonnen. Aber statt für ihren Beruf zu lernen, musste sie viel putzen, Bleche säubern, und sonntags musste sie sich oft um die Kinder des Meisters kümmern. In die Berufsschule durfte sie erst gehen, nachdem sie sich selbst darum gekümmert und ihr Recht darauf eingefordert hatte. Aber die Wärme ihres Arbeitsplatzes tat ihr gut, und sie wurde ihre chronische Blasenentzündung los.

Zum Ende des Krieges gab es kaum einen gefährlicheren Ort als Berlin, gerade für ein alleinstehendes Mädchen. Dennoch, die Entscheidung für Berlin war richtig. Und der Zufall hatte ihr oft geholfen. Wie durch ein Wunder war sie dem Bombenhagel und den Vergewaltigungen entkommen. Manchmal waren es sogar russische Soldaten, die ihr geholfen hatten. Ihre Mutter und ihre jüngere Schwester hatten mehr Pech. In ihrer Heimat waren jetzt die Polen die neuen Machthaber. Denen waren sie nicht entkommen, bei denen mussten sie wie viele andere Deutsche Zwangsarbeiten leisten.

Auch nach ihrer Flucht musste die junge Gerda Hausarbeiten für andere leisten. Nun war sie schon 27 und lebte zum ersten Mal nicht in einer Familie, von der sie abhängig war. Sie arbeitete im Krankenhaus und wohnte in einem Kellerraum zusammen mit ihrer Schwester Traudi, der inzwischen auch die Flucht in den Westen gelungen war. Aber auch hier arbeitete sie nur als Hauswirtschaftsgehilfin.

Noch hatte Gerda den Wunsch nach ihrer eigenen Familie nicht aufgegeben. Wieder nahm sie ihr Schicksal selbst in die Hand. Nach einer Woche suchte sie nach der Zeitung und fand auch gleich das Inserat: „Geschiedener Mann mit Kind sucht Partnerin“. Auf ihren Brief bekam sie jedoch keine Antwort, vorerst, denn er hatte sich bereits mit einer anderen angefreundet. Als er aber gemerkt hatte, dass sie von dem Kind nichts wissen wollte, war es wieder vorbei.

Deshalb kam seine Antwort auf Gerdas Brief erst nach zwei Monaten. Als sie den Grund für seine späte Antwort erfuhr, war es gut zu wissen, dass er keine Beziehung auf Kosten des Kindes wollte, und dass er nicht „mehrere Eisen im Feuer“ hielt, bis er sich entschied.

Für die Verabredung hatte Wolfgang ihr beschrieben, welche Kleidung er tragen würde. So hatte sie Gelegenheit, ihn erst einmal von Weitem zu betrachten; sie beobachtete ihn, als er um eine Hausecke ging und seine Schuhe blank putzte. Beim ersten Kennenlernen erfuhr sie, dass er sogar schon zwei Söhne hatte: Rainer, vier Jahre alt, lebte bei seiner Oma, Wolfgangs Mutter; der zweijährige Wolfgang Junior lebte bei seiner Mutter, Wolfgangs geschiedener Frau.

Nach 8 Monaten ließen sich Gerda und Wolfgang trauen, ganz unspektakulär und einfach. Nach der Trauung fuhren sie mit der Straßenbahn zu Wolfgangs Familie zum gemeinsamen Essen.

Einfach war auch der Grund, weshalb die Hochzeit kurzfristig vorgezogen wurde, denn bei der Wohnungssuche hatten sie erfahren, dass sie nur als Ehepaar eine Chance hatten. Dennoch, das junge Ehepaar bekam vorläufig nur noch mehr Probleme: Er wurde arbeitslos, die Wohnungssuche wurde damit aussichtslos, und der zweite Sohn, Wolfgang Junior, wurde von seiner Mutter so sehr vernachlässigt, dass er zunehmend verwahrloste und unterernährt war. Die Mutter wollte ihn jedoch nicht gehen lassen. Um das Sorgerecht für diesen Jungen vor Gericht zu erstreiten, sollte Gerda ihre Arbeit kündigen.

Es dauerte über zwei Jahre, bis Wolfgang einen neuen, diesmal unbefristeten Arbeitsvertrag in der BASF hatte, bis sie eine Wohnung hatten und bis beide Söhne zu ihnen kommen durften. Endlich waren sie eine richtige Familie. Wenig später, nach ihrem ersten gemeinsamen Urlaub im Spätsommer 1954 auf einem Zeltplatz am Neckar, kündigte sich das gemeinsame Kind von Gerda und Wolfgang an. Die beiden Söhne durften den Namen auswählen: ein Mädchen sollte Karin heißen, wenn´s ein Junge wird, dann Volker.

*

Wenn es nach meinem Vater gegangen wäre, dann wäre ich ein Mädchen geworden. Ob er wohl sehr enttäuscht war? Vielleicht ist das der Grund, weshalb wir nie eine richtige Vater-Sohn-Beziehung entwickeln konnten. Dies konnte ich erst als Erwachsener ein wenig nachholen. Ich begann sogar, ihn ein wenig zu verstehen, denn ich musste mir eingestehen: Vielleicht wäre ich nach zwei Söhnen auch enttäuscht. Und immerhin, anders als seine beiden älteren Söhne wurde sein dritter Sohn von der Mutter von Geburt an geliebt.

Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, dass mein Vater in meiner Kindheit jemals einfach nur mit mir gespielt hat. Mit seinen älteren Söhnen ist er sogar in Urlaub gefahren, für mich schien er sich weniger zu interessieren. Zwar hat er, wenn auch selten, Familienausflüge organisiert, sogar in den Frankfurter Zoo. Aber für mich zählte das nicht. Das war etwas Anderes, denn es war für ihn ebenso interessant, und er konnte ungestört einem seiner vielen Hobbys nachgehen. Fotografieren liebte er sehr, mehr als mich, so schien es mir.

Umgekehrt war´s aber nicht anders. Ich habe ihn nicht vermisst. Ich war sogar froh, wenn er nicht da war. Als er mit meinen Brüdern im Skiurlaub war, da hatte ich meine Mutter für mich. Dann durfte ich bei ihr sein, sogar im Bett. Sobald er zuhause war, ging das nicht. Nach seiner Meinung gehörten Kinder ins eigene Bett. Und zu viel Nähe durfte nicht sein. Ich durfte meine Mutter und ihn immer nur korrekt angekleidet sehen, möglichst nicht im Nachthemd, auf keinen Fall nur in Unterwäsche oder gar …, darüber durfte nicht gesprochen werden.

Wenn der Vater zuhause war, dann wurden seine Regeln befolgt, ohne Widerspruch. Beim Essen bekam er immer zuerst, und wenn es einmal Fleisch gab, dann das größte Stück, selbstverständlich, denn er arbeitete hart, und es gab für alle nur wenig zu essen.

Wir alle mussten uns einschränken, auch in der Wohnung, 2-Zimmer-Küche-Bad, 49 m2 , für 5 Personen. Ins Kinderzimmer passte neben dem Etagenbett und meinem Kinderbett nur ein Schrank und die Nähmaschine, ein wichtiges Gerät, welches von meiner Mutter oft gebraucht wurde, um für uns oder zum Nebenverdienst zu nähen. An einen Schreibtisch kann ich mich nicht erinnern.

Die Eltern schliefen im Wohnzimmer. Wenn das Sofa zum Schlafen ausgezogen war, dann konnte die Tür nur zur Hälfte geöffnet werden und der kleine Tisch musste in der Ecke stehen. Da auf das aufwändige Umräumen meist verzichtet wurde, spielte sich das Leben in der Küche ab. Dort hatten neben Ofen, Gasherd, Spüle und Schrank immerhin ein Tisch, Stühle und eine Eckbank Platz.

Küche und Bad waren die einzigen Räume, die geheizt werden konnten, mit Kohlen, die aus dem Keller ins vierte Obergeschoss geholt werden mussten. Für warmes Wasser musste im Bad der Ofen angeheizt werden, meist samstags. Einer nach dem anderen konnte dann ein Bad nehmen, aber, um Kohlen zu sparen, wurde nicht jedes Mal neues Wasser eingelassen.

Wäsche gewaschen wurde in der Waschküche im Keller, alles von Hand, aber nur alle drei Wochen am „Waschtag“, denn die Waschküche wurde von 15 Familien genutzt.

Platz zum Spielen hatte ich wenig. Alle meine Spielsachen passten in eine kleine Kiste, die abends wieder eingeräumt werden musste.

Auch die Spielmöglichkeiten im Freien waren eingeschränkt. Der Hof war zur Hälfte geschottert. Und als die ersten wohlhabenden Mieter sich ein Auto leisten konnten, mussten die Kinder aufpassen, um den mit Argusaugen überwachten Statussymbolen ja nicht zu nahe zu kommen. Die andere Hälfte des Hofes war Wiese. Bei schönem Wetter hing dort die Wäsche auf der Leine, und beim Spielen mussten die Kinder ebenso aufpassen. Der nächste Spielplatz war ein paar Straßen weiter. Aber dort spielte ich selten, nur dann, wenn jemand Zeit hatte, um mich zu begleiten.

Trotz all der Einschränkungen, ich hatte eine...



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