Braun | Fürchten Lernen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 5, 208 Seiten

Reihe: Pfalz Krimi

Braun Fürchten Lernen


1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-86358-677-5
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, Band 5, 208 Seiten

Reihe: Pfalz Krimi

ISBN: 978-3-86358-677-5
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Während des Bad Dürkheimer Wurstmarkts, des größten Weinfests der Welt, wird eine junge Frau im Wald gefunden, ermordet; neben ihr liegt eine Flasche Wein. Wenige Tage später verlassen die Besucher des Jahrmarkts unter Panik die Geisterbahn. Eine Leiche hängt zwischen den Pappmachéfiguren. 'Das Fürchten lernen' steht auf einem Zettel, den der Märchenmörder daran befestigt hat. Der Wurstmarkt verwandelt sich mit einem Besucheransturm wie nie zuvor in einen Hexenkessel aus Angst und Faszination. Und mitten darin befindet sich der Mörder. Der Londoner 'Ripper' scheint in der Pfalz wieder auferstanden zu sein. Sebastian Sailer folgt seiner geträumten Spur in den Wald hinein - und lernt tatsächlich das Fürchten.

Meinrad Braun, geboren 1953, ist Psychotherapeut. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Mannheim.
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1

Scharf. Scharf muss die Klinge sein. Sie braucht den Stein.

Stein und Stahl, Stein und Stahl tanzen, Stein und Stahl. Fiedel und Flöte spielen auf. Fiedel und Flöte. Stein auf Stahl. Tanzen auf abgewetzten Dielen, tanzen zu zweit im Halbdunkel des Schlachtraums. Stahl und Stein. Ins Wasser, noch einmal. Jetzt blitzt die Klinge in der nassen Hand. Graue Tropfen auf dem ledernen Schurz.

Weiß im Dunkeln. Wartet das Lamm.

Der Stahl wieder am Stein. Singt so hell. Buchfinken zwitschern vor dem Fensterladen. Antworten andere von fern aus der Tiefe des Waldes. Draußen steht die Hitze auf den dichten Ranken, tausend schwarze Beeren hängen daran. Der Wald ist kühl. Er wartet. Flüstert. Die hohen Kiefern beschatten das Dach. Eine Fliege summt zornig, sie kann nicht hinaus.

Das Lamm atmet.

Die Klinge hat zu Ende gesungen. Streicht am Riemen. Fettiges Leder, englisch-rot. Den Faden nehmen. Viermal hin und her. Die Hand des Metzgers. Schwarze klobige Nägel. Dreht das Heft, die Schneide weist zum Daumen.

Das Lamm atmet.

Messerbreit sticht Licht durch den geschlossenen Laden, zeigt auf den Hacktisch, zerhauen wie die Oberfläche der Welt, ein Beil hineingeschlagen. Eine dünne Wand aus leuchtendem Staub weist auf die Schüssel am Boden, blaues Emaille, blau wie der Himmel, schwarze Sprünge darin, heimliche Zeichen. Zeigt auf das krause Fell, so unschuldig weiß. Auf die Füße, den Strick.

Da, ein Blitz! Das Messer ist durch das Licht gegangen, Finger Gottes.

Die Hand fasst an die Kehle, an das warme Leben, wie es pulsiert, wie üppig, wie schön! Krauses Haar, fest das Fell, darunter die weiche Haut.

Ein kurzer, seidiger Riss. Der Schnitt. Scharf.

Ein Seufzen vielleicht. Kein Laut sonst. Das Blut, das unreine, prallt auf das Blech wie Milch aus dem Euter, füllt die Schüssel. Bebt im Griff des Metzgers, das Lamm. Scharren die gebundenen Füße, sehen die Augen ihn an. Die Augen. Ihn an.

***

Der Schöpfer wollte den Zahn nicht fassen. Sailer nahm die Brille ab, um besser sehen zu können. Dann drückte er noch einmal auf den Repetierhebel. Das Schlagwerk lief an, der Schöpfer drehte sich, erfasste den ersten Zahn des Rechens, dann den zweiten, den dritten. Beim vierten rutschte der Rechen ab und schnellte zurück in die Ausgangsposition. Sailer starrte auf das hilflos arbeitende Schlagwerk, das erneut versuchte, den Stundenschlag zu absolvieren, so lange, bis die Feder abgelaufen war. Nach ein paar Sekunden ließ er den Atem aus den Lungen, den er unwillkürlich angehalten hatte. Seine Arme und sein Oberkörper entspannten sich.

Er stellte die Uhr vorsichtig auf den Tisch. Erst nachdenken, sagte er zu sich. Du hast Zeit. Auf dem Küchentisch stand neben Einmachgläsern, in denen Messingzahnräder und blinkende Stahlteile aufbewahrt wurden, ein von Schraubendrehern und kleinen Zangen belagertes Rotweinglas. Sailer nahm einen Schluck. Er ließ das Aroma langsam durch die Nase ausströmen. Die Flasche hatte ein paar Tage offen gestanden, und der Wein hatte Leben entwickelt.

Das Öl. Es war das Öl. Er hätte den Einfallhebel beim Zusammenbauen nicht ölen dürfen. Aus einer Blechdose nahm er zwei Wattestäbchen und tauchte eines davon in eine Flasche mit Waschbenzin. Vorsichtig ließ er einen Tropfen Benzin über die stählerne Kralle des Einfallhebels rinnen und fing ihn darunter mit einem trockenen Wattestäbchen auf. Das entsprach nicht den Regeln der Uhrmacherkunst, aber Sailer scheute den Aufwand, die Teile abzubauen und zu entfetten. Vielleicht ging es auch so. Er legte die Wattestäbchen auf den Tisch, nahm sie aber sofort wieder weg, als er sah, dass sich ein Benzinfleck auf der Holzplatte des Küchentischs auszubreiten begann. Die Zeitung lag noch zusammengefaltet am anderen Ende des Tisches. Sie hätte die Abendbrotlektüre sein sollen, er hatte aber keine Lust gehabt, darin zu lesen. Ich habe überhaupt, dachte er, immer weniger Lust, Zeitung zu lesen, je älter ich werde. Flüchtig nahm er die Schlagzeile wahr. »Rentenbetrug?« Vielleicht wurde es allmählich Zeit, sich mit dem Thema näher zu befassen. Er legte die nach Benzin riechenden Stäbchen auf das Papier und ließ das Schlagwerk ablaufen. Diesmal klappte es. Der Einfallhebel hielt die Rechenzähne auf, der Schöpfer konnte den Rechen weiterbefördern, und der Mechanismus tat wieder, was er seit zweihundert Jahren zu tun gewohnt war. Er schlug erst viermal, die Viertelstunden, dann zehnmal, die zehnte Stunde.

Sailer war zufrieden, dass es so einfach gewesen war. Gerade an der Kadratur hätte er ungern etwas verändert. Die alten Wiener Uhrmacher hatten ausgezeichnete Uhren gebaut, die wurden nicht dadurch besser, dass ein Amateur daran bog oder feilte. Andererseits, wenn es notwendig gewesen wäre. Einen Einfallhebel herzustellen, das hätte er sich schon zugetraut. Aus feinem Stahl, die Politur auf die anderen Teile abgestimmt. Man brauchte Behutsamkeit und Sorgfalt, Respekt vor so einer alten Maschine aus der Postkutschenzeit. Auch vor den längst gestorbenen Uhrmachern, die ihre Signaturen auf der Rückseite der Messingplatine hinterlassen hatten. Eines fernen Tages würde vielleicht einer die alte Wienerin hier wieder öffnen und kritisch auf die eingesetzten Lagerbuchsen blicken, erkennen, wo er ein paar Radzähne eingelötet hatte. Der sollte nicht den Kopf darüber schütteln, dachte Sailer und amüsierte sich über seinen posthumen Ehrgeiz. Für heute jedenfalls war Schluss.

Er trank noch einen Schluck Wein. Den Tisch abräumen, ein Buch aussuchen. Die Werkstatt, in der er schlief, war ein Provisorium. Wenn Sailer keine Lust hatte, die dreißig Kilometer nach Mannheim zu fahren, schlief er hier, im Hinterzimmer seiner Praxis, in der Teeküche, wie er das Zimmerchen offiziell getauft hatte. Ein alter, fleckiger Küchentisch stand darin und eine Campingliege, ein alter Küchenschrank. Das passte zu seinem Leben. Ein Provisorium, in das man nicht gern jemanden hineinführt.

Um das Wattestäbchen auf der Zeitung hatte sich ein brillenförmiger Benzinfleck ausgebreitet. Das Benzin färbte die Druckbuchstaben dunkler, sodass sie stärker hervortraten.

»Junge Frau vermisst«. Sailer zog die Zeitung zu sich heran, las: »Seit drei Tagen wird Friederike Haas vermisst. Sie ist zwanzig Jahre alt, hat blonde, halblang geschnittene Haare und trug zuletzt ein rotes Sweatshirt, Jeans und rote Nike-Turnschuhe. Die Polizei bittet um sachdienliche Hinweise.«

Das Passbild zeigte Friederike. Sailer hätte sie darauf nicht erkannt. Sie schaute verdrossen zur Seite und schürzte die Lippen zu einer Schnute. Die allerdings kam Sailer sofort vertraut vor, denn er hatte sie schon ein paarmal zu sehen bekommen.

Er griff nach dem Weinglas. Sein Herz pochte heftig, und wie immer seit einigen Jahren, wenn es das tat, mischte sich ein feines Stechen in der linken Brustseite ein, der Stich einer Schnake, die sich jedes Mal dieselbe Stelle aussuchte, tief drinnen in seiner Brust, wo sie unerreichbar war.

Friederike. Ihr blasses Gesicht mit dem Rahmen blonder, strähniger Haare, die Sommersprossen, die sich in den Sommermonaten auf ihre Nase setzten. Friederike konnte nicht sprechen und nichts hören. Als wenn das nicht genügt hätte, hatte sie, seitdem sie sechzehn war, Angstzustände entwickelt, mit, so Sailers Ansicht, realem Hintergrund, denn im Bauernhof der »Brücke« gehorchte das Zusammenleben rauen Regeln, allen Bemühungen der Betreuer zum Trotz. Friederike war hübsch und zart, und sie war allem, was mit Sexualität zu tun hatte, so abgeneigt, wie man es nur sein kann, wenn man die Natur eines achtjährigen Kindes besitzt. Ein Bauernhof mit einem Dutzend Menschen bietet Raum für vieles, den Triebstau der Heimbewohner noch nicht einmal mitgerechnet.

Sailer las weiter. »Die junge Frau wurde zuletzt gesehen, als sie am Donnerstag um sechzehn Uhr den Birkenhof der »Brücke« verließ. Die Fahndung läuft bereits. Friederike ist gehörlos und minderbegabt, möglicherweise kann sie sich nicht orientieren.«

Wahrscheinlich wieder ausgerissen, dachte Sailer. Friederike war schon ein paarmal weggelaufen. Nie zu ihrer Mutter nach Wachenheim, das wäre auch ein gutes Stück Weg gewesen, sie ging meistens in den Wald, aus dem sie abends in der Regel wieder auftauchte. Nur diesmal anscheinend nicht. Vielleicht hatte sie sich ernsthaft verlaufen. Westlich von Bad Dürkheim begann immerhin das größte Waldgebiet Deutschlands, der Birkenhof lag einige Kilometer weit darin.

Friederike kam alle vierzehn Tage in die Sprechstunde. Der Kleinbus der »Brücke«, der die Lebensmittel zum Verkauf nach Dürkheim brachte, nahm sie mit in die Stadt. Im Sommer ging sie anschließend mit den Betreuern noch ein Eis essen im »Venezia«, bevor sie wieder hinausfuhren ins Leininger Tal. Friederikes Behandlung bei Sailer entsprach keinen festen Vorgaben. Sie mochte es, wenn Sailer mit ihr sprach, obwohl sie vieles vermutlich nicht verstand. Sie las leidlich von seinen Lippen ab, Sailer hatte aber den Eindruck, dass es ihr nicht auf die Bedeutung der Wörter ankam, sondern auf seine Miene und seine Laune. Sie genoss es, dass sich jemand zwanzig Minuten lang ausschließlich um sie bemühte. Die Gehörlosensprache benutzte sie nicht, sie fuchtelte meist planlos in der Luft herum. Manchmal sang er ihr etwas vor, wenn ihm nichts mehr einfiel, damit brachte er sie regelmäßig zum Lachen. Da Sailer von sich annahm, dass er nicht singen konnte, glich er das nämlich mit bestimmten Grimassen aus, die Friederike sehr komisch fand. Dann zeigte sie die unbefangene Fröhlichkeit, zu der sie fähig war und die ihrem erwachsenen Gesicht einen seltsamen Zauber gab, als wäre sie die schöne Bewohnerin einer anderen, glücklicheren Welt. Und sie malte ihm Bilder. Schöne, bunte Bilder aus...


Meinrad Braun, geboren 1953, ist Psychotherapeut. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Mannheim.



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