E-Book, Deutsch, 328 Seiten
Braun Lebenssucher (Kommentiert)
1. Auflage 2018
ISBN: 978-80-268-8465-1
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Erweiterte Ausgabe. Frauenbildung, soziale Reform und intellektuelle Selbstsuche im Deutschen Kaiserreich
E-Book, Deutsch, 328 Seiten
ISBN: 978-80-268-8465-1
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Lily Braun (1865-1916) war eine deutsche Schriftstellerin, Sozialdemokratin, Frauenrechtlerin und Journalistin. Besonders setzte sie sich für die Vereinbarkeit von Mutterdasein und Berufstätigkeit ein. Mit Memoiren einer Sozialistin hat sie ihre Autobiografie veröffentlicht und darin vor allem ihr Engagement für Frauenemanzipation beschrieben.
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Zweites Kapitel.
Von der Fahrt in die Freiheit
In der Bahnhofshalle von Bamberg brütete die Septembersonne in breiten, heißen Strahlen. Sie schien die kurzen Minuten verzauberter Stille benutzen zu wollen, um jeden Rest von Rauch herauszudrängen; sie tanzte lustig über alles Blanke und ließ selbst auf den Steinplatten des Perrons Millionen winziger Sternchen strahlen.
Drei Männer traten hinaus; mit elastischem, raschen Schritt der eine, so wie sorglose Menschen gehen, mit schweren an der Erde klebenden Sohlen der andere, wie solche, die unsichtbare Lasten tragen, und hastig trippelnd der letzte, als wäre er ein Greis oder ein Kind.
»Eine halbe Stunde zu früh! Verrückt!« brummte der zweite, eine untersetzte Gestalt mit den typischen feinen Zügen des Semiten von alter Kultur.
»Weise, sehr weise, mein Freund!« entgegnete lachend der erste, ein hochgewachsener blonder Jüngling, der, gewohnt, sich zu allen anderen niederbücken zu müssen, die Schultern ein wenig nach vorn fallen ließ, »und zwar nach deiner eigenen Theorie, lieber Walter. Heißt es nicht, die Vorfreude auskosten bis aufs letzte, wenn wir hier in steigender Erwartung die Minuten verstreichen sehen?«
Ein leise meckerndes Lachen antwortete ihm. Rasch wandte er sich nach dem anderen Gefährten um.
»Jetzt steht der Mensch wahrhaftig hinter mir wie eine Leibwache!« rief er halb ärgerlich, halb belustigt.
»Euer Gnaden haben geruht, mich als Kammerdiener mitnehmen zu wollen,« antwortete der Alte mit einem tiefen Bückling, während seine schwarzen Äuglein zärtlich zu ihm aufblinzelten.
»Damit du vor der Welt ein Amt hast, Giovanni, du weißt, ein Kerl ohne Titulatur hat keine Existenzberechtigung! Aber unter uns,« und über des Jünglings gebräuntes Antlitz huschte ein weiches Kinderlächeln, »unter uns bist du, was du immer warst: mein Freund.« Der Alte drückte die dürren Hände flach aneinander wie zu einem Gelöbnis.
»Wollen wir nicht wenigstens aus der Sonne gehen?« sagte Walter, noch immer voll Mißmut.
»Freu' dich doch, daß sie scheint! Sieh nur, wie sie selbst diesen öden Bau in einen Märchenpalast verwandelt!«
»Träumer!«
In diesem Augenblick schien das Leben erwacht: Dort rasselte schwerfällig ein langer Lastzug vorüber, hier rangierte mit schrillem Pfeifen eine Lokomotive, drüben klingelte gellend der Telegraph, dazwischen sauste ein Expreßzug stolz durch die Halle, daß sie bis in ihre Fundamente erbebte; das alles kreischte und fauchte und dröhnte und schrie den Harrenden und Hinund Widerhastenden in gleichem Allegrotempo sein Vorwärts – Vorwärts entgegen, während dunkle Rauchschwaden alle Sonne verschluckten.
Es läutete. Um den langsam hereinstampfenden Personenzug drängten sich die Landleute. Eine grauhaarige Alte, die schwer bepackte Kiepe auf dem krummen Rücken, keuchte im letzten Augenblick auf den Perron. »Mach rasch, Mutter!« rief ein junger Bursche ärgerlich aus dem Coupéfenster.
Konrad Hochseß' Stirnadern schwollen. »Bande!« knirschte er zwischen den Zähnen und sprang hilfreich zu, die Last der armen Frau mit beiden Händen stützend, als sie die Stufen des Waggons emporstieg.
»Wirst du nun einsehen, daß das weibliche Geschlecht sich in keinen einheitlichen Begriff zusammenfassen läßt?« sagte Walter; »es gibt Damen und Lastträgerinnen – von alters her.«
»Glaubst du, ich werde jemals eine Tatsache als berechtigt anerkennen, nur weil sie die sogenannte Würde des Alters für sich hat?« brauste Konrad heftig auf. »Die Würde des Alters! Ach!« er schüttelte sich wie im Ekel, »ich brauche bloß an unseren Magister zu denken: er predigte uns mit eindringlicher Spekulation auf unsere Tränendrüsen Enthaltsamkeit und betrank sich, daß seine arme Dicke ihn nächtlicherweile auf der Treppe auflesen mußte!«
»Was ereiferst du dich?! Seine Predigten waren nichts anderes als Schuldbekenntnisse!«
»Ein Schwächling ist noch ekelhafter als ein Heuchler.«
Es läutete abermals: der Eilzug. Hinter den Freunden klappten die Coupétüren auf und zu. Da lief ein Mädchen mit langen wehenden Zöpfen und glühenden Wangen, ein kleines, von Seidenpapier umhülltes Paketchen in der ausgestreckten Hand, über den Bahnsteig. Sie suchte. Vergebens. Niemand sah hinaus. Keiner schien für die Stadt, aus der der Zug ihn entführte, einen Abschiedsblick zu haben. Nur hinter einem Fenster tauchte etwas auf wie eine Fratze: gelb, faltig, mit tief heruntergezogenen Mundwinkeln, wie nur unauslöschlicher Gram sie zeichnet. Das Mädchen riß bei diesem Anblick entsetzt die hellen blauen Augen auf und starrte noch auf denselben Fleck, als der Zug sich schon in Bewegung setzte; erst der gelle Pfiff brachte sie zu sich. Und plötzlich schien sie entdeckt zu haben, was sie suchte: ein scharfgeschnittenes Profil – schwarze, gerade gezogene Augenbrauen, weiche rote Lippen – blonde Haare. Aber der Kopf, an dem ihre Blicke sehnsüchtig hingen, wandte sich ihr nicht zu, obwohl sie atemlos neben dem schon rascher fahrenden Zuge herlief. Da warf sie ihr Paketchen gegen das Fenster: das Seidenpapier löste sich, eine blasse Rose fiel unter die Räder.
Walters dunkler Kopf bog sich einen Augenblick lang hinaus. »Das Klärchen!« sagte er, zu dem Freunde gewandt.
»Ich weiß,« stieß er zwischen den Zähnen hervor.
»Und hast keinen Gruß für sie? Gabst du nicht früher dein ganzes Taschengeld für ihre Eitelkeit aus, machtest Fensterpromenaden und Liebesgedichte?!«
Der andere warf dem spottenden Freunde einen Blick zu, dessen drohender Ausdruck zu dem Geschehenen in keinem Verhältnis zu stehen schien.
»Erinnere mich nicht. Du weißt so gut wie ich, daß sie sich an den Egon, den dummen Bengel, hängte –«
»Ganz einfach: weil er, der Durchgefallene, in Bamberg blieb, und du nicht rasch genug den Ranzen packen konntest. Erwartetest du etwa ewige Treue von dem Mädchen, oder gedachtest du, Konrad Freiherr von und zu Hochseß, das Fräulein Klärchen Werber als dein ehelich Gemahl heimzuführen?!«
Der junge Mann überhörte diesmal den Spott.
»Ich hatte sie lieb,« flüsterte er wie im Selbstgespräch. »Wie oft wäre ich davongelaufen, aus Ekel über die Gemeinheit der Bengels um mich, aus Wut über den öden Stumpfsinn, den man uns als aller Weisheit letzten Schluß eintrichterte, aus Sehnsucht – ich wußte selbst nicht, wonach! –, wenn die Kleine nicht gewesen wäre. Kaum, daß ich ihr die Hand zu drücken wagte – Esel, der ich war! –, nur daß sie in einer Stadt mit mir lebte, daß ich sie hier und da sehen, grüßen, ein paar Worte mit ihr wechseln konnte, genügte mir.«
Er schwieg minutenlang, ein Lächeln um die Lippen, um dann, aufgerichtet, den Kopf dem Freunde abgewandt, als wäre er allein mit sich, in steigender Erregung weiter zu reden.
»Gib uns armen, hinausgestoßenen, mutterlosen Buben solch eine Liebe, gütiges Geschick, laß uns solch einem süßen, zarten Ding begegnen, und es bedarf all eurer Strafpredigten nicht, liebwerte Priester und Professoren! Wenn ich halbwegs gerade wuchs in diesen Jahren – dem Klärchen verdank' ich's. Nicht, weil sie mich mit guten Ratschlägen fütterte – weiß Gott nicht! – nur weil sie da war.«
Er setzte sich wieder, die Ellbogen auf den Knien, das Kinn in die Hände gegraben, dem Freunde gerade ins Gesicht starrend: »Und schließlich stieß sie – sie! – mich in den Schmutz, daß ich mich vor mir selber graue!« Aufstöhnend schlug er die Hände vor das Gesicht.
»Konrad – Konrad!« und der Freund suchte vergebens, sie zu lösen, um ihm ins Antlitz zu schauen, »wie kannst du dem unschuldigen Mädel daran die Schuld zuschieben!«
Der junge Mann sah auf, mit Augen, die erloschen schienen. »Glaubst du, ich wäre jemals mit den anderen gegangen, wenn ich ihrer sicher gewesen wäre?! Ich wäre solch ein Schweinigel gewesen, unsere Liebe zu beschmutzen?! Gelacht hätt' ich, wie bisher, triumphierend gelacht, wenn die Kameraden den ›heiligen Konrad‹ gehänselt hätten.«
»Früher oder später mußte es kommen,« meinte der andere zögernd, ohne aufzusehen.
»Es mußte – meinst du?!« Mit bitter geschürzten Lippen sah er auf. »Aus hygienischen Gründen wohl, wie die Gelehrten sagen?! Neulich hat sich einer das Leben genommen, als er von einer Dirne kam. Ich versteh's! Nur, daß ich auch dafür zu schwach bin.«
»Oder zu stark,« warf Walter mit Betonung ein.
»Du glaubst?!« Konrad zuckte die Achseln. »Pah! Schütteln wir's ab! Wie alles übrige! Jetzt geht's in ein neues Leben.«
Und sie schwiegen beide.
Walter sah zum Fenster hinaus. »Die Türme des Doms!« unterbrach er lebhaft die Stille. »Dort, ganz fern – zum letztenmal! So schau doch hinaus!«
»Nein,« ungewöhnlich hart kam es über die weichen Lippen, »denn nichts, aber auch gar nichts hat diese Stadt mir gegeben, was sie nicht mit Wucherzinsen wieder genommen hätte, wenn es nicht dieser erste Tag reiner Freude ist, und jener andere vielleicht vor drei Jahren, als ich sie, alle Wunder von ihr erwartend, zuerst betrat.«
»Und dankst ihr doch so viel an Wissen und Werden – um mit unserem würdigen Professor zu sprechen.«
Konrad lachte, aber es war sein frohes Lachen nicht. »Ins Gesicht hätt' ich ihm springen mögen, als er all sein Pathos auf diese unvergleichliche Alliteration verwendete. War nicht das Wissen, mit dem er und seinesgleichen unser Hirn belastete und unser Herz einschnürte, der mörderische Feind allen Werdens? Wie reich war ich, als ich...




