E-Book, Deutsch, 344 Seiten
Braunger Blutroter Bodensee
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7977-5102-7
Verlag: Stadler Konstanz
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Fall für Kommissar Zoffinger
E-Book, Deutsch, 344 Seiten
ISBN: 978-3-7977-5102-7
Verlag: Stadler Konstanz
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der in Freiburg lebende Autor Manfred Braunger ist zum 'Spätheimkehrer' geworden. Seine Erlebnisse und Erfahrungen auf zum Teil abenteuerlichen, aber auch informativen Reisen in viele Länder der Erde haben sich in der Veröffentlichung von fast 100 Reisebüchern niedergeschlagen. Mit seinem Krimi 'Blutroter Bodensee' ist der passionierte Weltenbummler literarisch an seine Wiege zurückgekehrt - an seinen Geburtsort Konstanz. In der Bodenseemetropole und ihrer Umgebung soll das badische Urgestein Kommissar Paul Zoffinger mehrere komplizierte Mordfälle aufklären.
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1
MORD IM SCHWIMMBAD
»Leg einen Zahn zu, Alter. Endlich mal wieder ein Hammerereignis!«, brüllte Matty in sein Smartphone. »Bin gerade am Stadtrand von Friedrichshafen auf die B31 eingebogen. Bin gleich im Strandbad in Eriskirch.«
»Strandbad in Eriskirch? Brauchst du eine Abkühlung oder hast du dort deine Badehose vergessen? Was hat ein Konstanzer Polizeifotograf so weit von seinem Schreibtisch entfernt zu suchen?«, hakte Florian nach.
»Du bist wohl im Tal der Ahnungslosen aufgewachsen. Eriskirch liegt nicht auf dem Mars, sondern gehört noch zu unserem Dienstbereich. Übrigens: Erzähl bloß niemandem, dass du den Strandbad-Tipp von mir bekommen hast.«
»Bist du sicher, dass es sich um ein Gewaltverbrechen und keinen Pennälerstreich handelt?«
»Bist du heute eigentlich schwer von Begriff? Du redest mit Matty, Bullenprofi schon ein halbes Leben lang, falls du das vergessen hast. Ja, es handelt sich wahrscheinlich um ein Gewaltverbrechen, weniger wahrscheinlich um einen Selbstmord. Wer hängt sich schon am Fünf-Meter-Brett in einem Strandbad auf! Ich wüsste bequemere Methoden. Also sattle die Hühner, bevor der Markt verlaufen ist.«
Florian ließ in der Redaktion des »Seekuriers« alles stehen und liegen, bretterte nicht ganz regelkonform über die Rheinbrücke und schaffte es in letzter Minute in Staad bei Konstanz auf die Fähre nach Meersburg. Er blieb im Auto sitzen und nestelte an seinem Navi herum, bis er das Strandbad Eriskirch als Fahrtziel eingegeben hatte. 31 Kilometer. Aber nicht die Entfernung war das Problem, sondern die völlig überlastete Bundesstraße 31. Kolonnenverkehr bis zum Abkotzen. Und warum? Weil die Verkehrsstrategen der Ortschaft Hagnau ein 30er-Tempolimit verpasst hatten. Ein Nadelöhr vom Feinsten. Man hätte während der Ortsdurchquerung zum Friseur gehen können. In Eriskirch kam er deshalb erst an, als die Show schon fast gelaufen war.
»Stopp! Das Bad ist geschlossen.«
Breitbeinig wie ein Bootcampaufseher versperrte der Uniformierte den Eingang. Florian nestelte seinen Presseausweis aus der Brusttasche.
»O.k.«, nickte die breitschultrige Barriere. »Aber keinen Schritt weiter wie die Absperrbänder um das Becken.«
»Das Bad sieht aus, als sei es in dieser Saison noch gar nicht in Betrieb gewesen«, wunderte sich Florian.
»War es auch nicht. Die Wasseranalysen waren jämmerlich. Das Regierungspräsidium Stuttgart hat deshalb den Stecker gezogen und ein Badeverbot verhängt.«
»Badeverbot?«
»Keimbelastung durch die stark verschmutzte Schussen oder so ähnlich. Wenn Sie Genaueres wissen wollen, reden Sie mit der Presseabteilung.«
Hinter dem Strandbadeingang standen sich mehrere Uniformierte teilnahmslos die Beine in den Bauch, als müssten sie dafür sorgen, dass niemand das Schwimmbecken klaut. Die Jungs von der Spurensicherung hatten es noch vor Florian nach Eriskirch geschafft. Mit Metallkoffern geisterten sie in weißen Einweg-Overalls wie Außerirdische in der Gegend herum. Einer war mit einem schwarzen Plastikeimer unterwegs und sammelte alles auf, was ihm verdächtig erschien. Auf dem Sprungturm lag bäuchlings einer der Schneemänner und bearbeitete mit einem Pinsel die Kante des Fünf-Meter-Brettes. Der Strick baumelte noch dran, von dem das Opfer schon abgeschnitten worden war. Zwei Kerle in Neoprenanzügen hockten wie bestellt und nicht abgeholt auf dem Beckenrand. Florian reimte sich zusammen, wie die Bergung vor sich gegangen war. Wahrscheinlich hatten die Typen vom THW oder der Feuerwehr die Leiche abgeschnitten und geborgen. Das Neoprenduo dürfte sich für den Fall bereitgehalten haben, dass sie ins Wasser gefallen wäre. Florian nickte. So musste es sich abgespielt haben.
Die tote Frau lag in einem kornblumenblauen Kleid rücklings auf einer Plastikunterlage. Ein Spurensicherer inspizierte die widerwärtigen blauroten Würgemale um ihren Hals.
»Wir müssen in unseren Bericht aufnehmen, dass sie mit dem Rücken auf einer feuchten Unterlage gelegen haben muss, bevor der Täter sie erhängte«, sagte er zu seinem Kollegen. »Könnte ein feuchter Holzboden gewesen sein.«
Der zweite Spurensicherer sah sich ihre Beine an, die an den Waden Kratzspuren aufwiesen.
»Der linke Schuh fehlt!«, bellte er. »Ist euch das nicht aufgefallen?«
Das Neoprenduo schaute sich unentschlossen an, bis sich einer entschied, nach der fehlenden Fußbekleidung zu suchen. Nach zwei Versuchen tauchte er auf und hielt den Schuh wie eine Trophäe in der ausgestreckten Hand. Zwei gelangweilte Typen in dunklen Anzügen aus der Kleiderspende klappten den Deckel des Sarges auf, in dem die Tote weggebracht werden sollte.
Auf der gegenüberliegenden Seite des Schwimmbeckens wieselte Polizeipaparazzo Matty kamerabehängt durch das Gelände.
»Du hast das Beste verpasst«, raunte er Florian zu. »Das hättest du sehen sollen, wie die Typen die Leiche vom Strick holten. Selten so etwas Krasses vor die Linse bekommen.«
Florian sah sich um.
»Ich habe Zoffinger noch gar nicht gesehen.«
»James Bond 2.0 ist im Anmarsch. Wahrscheinlich hängt er auf der B31 im Stau fest. Oder er musste unterwegs noch einen Fleischkäsewecken einwerfen.«
Für Florian blieb im Eriskircher Strandbad nicht mehr viel zu tun. Die Details über die Tote würden ohnehin erst in ein paar Tagen ans Licht kommen. Zu sehen gab es im Augenblick auch nichts mehr. Die Hauptshow, wie Matty sie bezeichnete, hatte er verpasst. Blieb nur noch der geordnete Rückzug in sein Büro in Konstanz. Eilig hatte er es nicht mehr, jetzt an seinem letzten Arbeitstag beim »Seekurier«. Am nächsten Tag würde er ein neues Leben antreten, sein zwölfmonatiges Sabbatjahr. Er nahm sich Zeit, ließ sich auf der Rückfahrt im Kolonnenverkehr durch Friedrichshafen treiben, ärgerte sich nicht einmal mehr über den Stopp&Go-Verkehr in Hagnau, sondern freute sich diebisch, als ihn mitten im Ort ein rücksichtsloser Motorradfahrer kamikazehaft überholte und prompt von der Radarfalle geblitzt wurde.
Freitagnachmittag. In den Fluren des »Seekuriers« herrschte entspannte Wochenendstimmung. Kein Terroranschlag, kein Diesel-Gate und kein Ministerrücktritt brachte die Redakteure ins Rotieren. Für Florian war ohnehin Schicht im Schacht. Höchstens noch die letzten E-Mails checken. Matty hatte aus dem Strandbad in Eriskirch bereits ein paar Bilder von der Erhängten geschickt.
»Mit allen guten Wünschen zum bevorstehenden Sabbatjahr«, stand im mitgeschickten Text.
Florian druckte fünf Bilder aus und breitete sie auf seinen Schreibtisch aus. Quasi ein Zeichen der Amtsübergabe an den Kollegen, der sich weiter um den Fall kümmern würde. So richtig tot sah die Frau trotz der blonden, an der Stirn klebenden Pudelfrisur eigentlich nicht aus. Quicklebendig allerdings auch nicht. Wie ein enges Halsband zogen sich die hässlichen rotblauen Striemen um ihren Hals. Schade um ihr kornblumenblaues Kleid mit den weißen Punkten, dachte er. Kaum war ihm der Gedanke gekommen, schämte er sich. Wie konnte er in Anbetracht des gewaltsamen Todes der Frau überhaupt an ein ruiniertes Kleidungsstück denken! Er sah sich eines der Fotos genauer an. Aber was konnte man aus dem Gesicht einer erhängten Leiche schon herauslesen? Älter als Mitte 30 war sie bestimmt nicht, hatte ein schmales Gesicht, blondes Haar, das ihr wie ein Büschel nasses Stroh auf dem Kopf hing.
Er warf einen Blick durch das Fenster auf die Dächerlandschaft der Altstadt. Rote und braune Ziegel, Dachtraufen, hie und da ein betoniertes Flachdach, in der Entfernung der Konstanzer Münsterturm.
Über den Dachfirst direkt vor seinem Büro spazierte eine schwarze Katze. Von links nach rechts. Schon als Bub hatten sie ihm eingetrichtert: schwarze Katze von rechts: Glück und Schwein gehabt; schwarze Katze von links: Ärger, Unglück, Tod. Um im letzteren Fall einen Schlamassel abzuwenden, musste man drei Steine über den Weg der Katze werfen. Oder auf einen Stein spucken.
Die Mieze hatte sich hingesetzt, um sich zu putzen. Nach einer Weile drehte sie auf dem Dachfirst um und marschierte den Weg zurück, den sie gekommen war. Von rechts nach links.
»Na also«, dachte Florian. »Ums Verderben noch mal herumgekommen.«
Amüsiert über das Kokettieren mit dem schwachsinnigen Aberglauben schwang er seinen Rucksack auf die Schulter. Ein letzter Blick in sein Büro, das er ein Jahr lang nicht mehr betreten würde. Draußen vor dem Fenster flanierte immer noch der schwarze Haustiger auf dem Dachfirst. Er hatte wieder umgedreht und schlenderte jetzt von links nach rechts. Kein gutes Omen!
Als sich Florian auf seinen letzten Gang durch die Redaktion machte, fiel ihm seine ziemlich feuchte Abschiedsfete vor einer knappen Woche in der Kantine des Zeitungsgebäudes ein. Am nächsten Morgen hatte er zwei Reparaturseidel bemühen müssen, um halbwegs gerade aus der Wäsche schauen zu können. Einer war bei der Sause nicht dabei gewesen, dem er jetzt zum Abschied als Erstem die Hand schütteln würde. Im Kulturressort nebenan roch es nach einer Mischung aus Veilchenduft und Erkältungsbad. Aus einem Lautsprecher säuselte belangloses Gedudel wie im Supermarkt. Ignaz Schuler badete einen Teebeutel wie ein Jojo in einer Tasse mit heißem Wasser. Als einer der wenigen in der Redaktion pflegte Florian mit ihm ein ziemlich distanziertes Verhältnis, weil er ein richtiger Griffelspitzer war, überkorrekt, unnahbar, humorresistent; einer, der morgens erst einmal seine Schreibtischunterlage einnorden musste, standardmäßig...




