E-Book, Deutsch, 357 Seiten
Braunger Eiskalter Bodensee
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7977-5103-4
Verlag: Stadler Konstanz
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kommissar Zoffingers zweiter Fall
E-Book, Deutsch, 357 Seiten
ISBN: 978-3-7977-5103-4
Verlag: Stadler Konstanz
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der in Freiburg lebende Autor Manfred Braunger ist zum 'Spätheimkehrer' geworden. Seine eindrucksvollen Erlebnisse auf Reisen in viele Länder der Erde wurden in zahlreichen Reisebüchern, Reiseführern und Bildbänden veröffentlicht. Nach 'Blutroter Bodensee' ist der Weltenbummler mit seinem zweiten Krimi 'Eiskalter Bodensee' schöpferisch erneut an seinen Geburtsort Konstanz zurückgekehrt. In der Bodenseemetropole und ihrer Umgebung muss der kauzige Kommissar Paul Zoffinger wieder einige knifflige Fälle aufklären.
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1
KEIN FALL WIE JEDER ANDERE
Mit einer Mischung aus Abscheu und professionellem Interesse starrte er auf die Horrorfotos. Der Polizeifotograf hatte mal wieder richtig zugelangt. Ausgebreitet wie ein giftiges Pokerblatt lagen die widerwärtigen Bilder auf Zoffingers Schreibtisch. Erstochene, Erschossene, Erdrosselte, Erhängte und Vergiftete waren zwar nicht gerade sein tägliches Brot als Kriminalkommissar, aber ›Ingredienzien‹ seines Berufs, um die er hin und wieder nicht herumkam. Aber es gab auch Fälle, die bei ihm ans ›Eingemachte‹ gingen. So wie dieses neueste mysteriöse und nebulöse Verbrechen, dem eine zierliche junge Frau zum Opfer gefallen war. Die Informationen gaben bislang nicht allzu viel her. Zunächst hatte es nach einer Entführung ausgesehen. Doch dann wurde der Leichnam gefunden, und das Rätsel nahm seinen Lauf.
Zoffinger spürte, wie ihm die Widerwärtigkeit der Fotos die Kehle zudrückte und ihn trocken schlucken ließ. Als altes Schlachtross an der Kriminalistenfront hatte er schon häufig mit menschlichen Abgründen zu tun gehabt. Der neueste Fall hätte aber grotesker kaum sein können.
Kurzerhand fegte er die Fotos mit beiden Händen zusammen, warf sie in eine Schublade, fingerte seinen Autoschlüssel aus der Jackentasche und zog die Bürotür hinter sich ins Schloss. Er hätte die Angelegenheit telefonisch erledigen oder einen Kollegen schicken können. Aber er hatte das Bedürfnis, dem Fall nicht nur durch abstoßende Beweisfotos und dürftige Informationen, sondern auch persönlich näherzukommen.
Zoffinger überquerte die Rheinbrücke, auf der ein Straßenkünstler auf einem Podest stehend die Freiheitsstatue mimte, nahm die B33 nach Westen und bog ein paar Kilometer später auf die Pirminstraße Richtung Insel Reichenau ab.
Im Ortsteil Oberzell lotste ihn sein Navi zu einer Ferienwohnung, in der sich eine Urlauberin aus Hannover mit ihrer Zwillingsschwester für ein paar Tage einquartiert hatte. Zoffinger läutete. Niemand machte auf. Er ging um das Haus herum und fand die Frau im Garten zusammengesunken auf einer Bank sitzen. Sie sah übernächtigt aus, hatte dunkle Ringe unter den Augen und knetete ihre Hände, dass die Knöchel weiß hervortraten.
»Guten Tag, Frau Wernicke. Tut mir sehr leid, was passiert ist. Wirklich tragisch«, sagte Zoffinger. »Glauben Sie mir. Wir tun alles, um diesen Fall aufzuklären. Wären Sie vielleicht in der Lage, mir ein paar Fragen zu beantworten?«
Es dauerte ein paar Atemzüge lang, bis die Frau kaum merklich nickte.
»Natürlich! Ich will wissen, was Margarete passiert ist. Ihr mysteriöser Tod zerreißt mir das Herz.«
Im Kommissariat kannten Zoffinger alle als einen umgänglichen, sympathischen Menschen, der trotz seiner Prominenz sowohl in Ermittlerkreisen als auch im kriminellen Milieu bodenständig und unkompliziert geblieben war. Jeder, der jemals mit ihm gearbeitet hatte, wusste, dass er den Dingen auf den Grund ging, sich an seinen Fällen festbiss. Aber man schätzte ihn auch als empathischen Menschen, der die leisen Töne auf der Klaviatur des Mitgefühls beherrschte und nachempfinden konnte, wie es um die Frau bestellt war, die ihre Schwester verloren hatte. Mit der Tür ins Haus zu fallen, kam nicht infrage. Nur zu gut konnte er sich an seinen eigenen Zustand erinnern, nachdem er vor zehn Jahren seine Frau bei einem Autounfall verloren hatte. Damals war er in ein abgrundtiefes Loch gestürzt. Selbst in späteren Zeiten holte ihn die Erinnerung hin und wieder ein wie ein dämonischer Flashback. In solchen Situationen zog Zoffinger sich in seine eigenen vier Wände zurück und versorgte seine Wunden mit alterprobten, verlässlichen Heilmitteln aus Küche und Kühlschrank: mit badischen Seelentröstern und Most vom Obstbauern.
»Aus welchem Grund haben Sie eigentlich gerade die Insel Reichenau als Urlaubsort ausgesucht?«, nahm er das Gespräch auf.
Frau Wernicke verbarg ihr Gesicht in den Händen.
»Es hätte so schön sein können hier am Bodensee.«
Sie atmete tief ein, ehe sie fortfuhr.
»Ich wollte uns auf der Reichenau einquartieren, weil meine Schwester eine Stelle als Lehrerin an einem Konstanzer Gymnasium in Aussicht hatte. Sie war seit einem halben Jahr mit einem Schweizer liiert und wäre am liebsten sofort an den Bodensee umgezogen.«
Frau Wernicke ließ die Hände in den Schoß sinken und verharrte eine Minute lang. Zoffinger starrte in den Himmel, weil die qualvolle Situation auch an ihm nagte. Eine leichte Brise schob zerzupfte Wölkchen über den See. Er hielt inne, wollte ihr Zeit geben, sich zu sammeln. Dann bat er sie zu erzählen, was an dem verhängnisvollen Tag passiert war.
»Wir hatten schönes Wetter und beschlossen, nachmittags nicht nach Konstanz zu fahren, sondern ein paar entspannte Stunden am Seeufer auf der Reichenau zu verbringen.«
Zoffinger hörte aufmerksam zu und versuchte, sich jedes Detail einzuprägen, als die Frau den Ausflug schilderte.
Während sich Frau Wernicke auf einer Wiese gesonnt hatte war ihre Schwester am Seeufer entlangflaniert, hatte sich hier und da nach einem Blümchen gebückt, ihre Zehen ins Wasser getaucht und ihrer auf einer Decke sitzenden Schwester vergnügt zugewinkt. Als es Frau Wernicke zu warm geworden war, hatte sie aus ihrem geparkten Auto einen Sonnenschirm holen wollen. Auf dem Rückweg war ihr eingefallen, dass sie, einen Katzensprung entfernt, in einem Dorfladen zwei Becher Eis besorgen könnte.
»Wie lange waren Sie weg?«, erkundigte sich Zoffinger.
»Vielleicht eine Viertelstunde. Wahrscheinlich nicht mehr.«
»Und als Sie wieder zurück auf Ihre Wiese kamen?«
»Ich spannte den Sonnenschirm auf und drückte ihn so in den Boden, dass ich genügend Schatten bekam. Dann packte ich das Eis aus und wunderte mich, wo Margarete abgeblieben war.«
»War nichts von ihr zu sehen?«
»Nein! Ich rief nach ihr, bekam aber keine Antwort.«
»Kann es sein, dass Ihre Schwester schon nicht mehr da war, als Sie sich auf den Weg zu Ihrem Auto machten?«
Sie schüttelte energisch den Kopf.
»Ich habe sie zuletzt im knöcheltiefen Wasser stehen sehen, wie sie mit einem abgebrochenen Ast herumfuchtelte. Sie war definitiv noch da, als ich zum Auto ging. Ganz sicher!«
»Sind Ihnen andere Leute in der Umgebung aufgefallen oder ist Ihnen jemand auf dem Weg zum Auto begegnet? Parkte vielleicht ein anderes Fahrzeug in der Nähe?«
»Wir waren mutterseelenalleine! Da war niemand in der Nähe.«
»Was machten Sie, als Margarete nicht auf Ihre Rufe reagierte?«
»Ich ging ans Seeufer, um nach ihr zu schauen. Hätte ja sein können, dass sie sich versteckte, um mich zu necken. Aber ich sah und hörte nichts. Zuerst kam mir das komisch vor. Dann packte mich die Panik. Ich rannte am Seeufer entlang, erst auf die eine, dann auf die andere Seite unseres Liegeplatzes. Ich konnte mir einfach nicht erklären, wo sie geblieben war.«
»War sie vielleicht in den See hinausgeschwommen?«
»Dazu hätte sie sich ausziehen müssen. Einen Badeanzug hatte sie unter ihrer Kleidung nicht an. Am Ufer lagen auch nirgends Kleidungsstücke. Außerdem verabscheute sie kaltes Wasser. Eine ausgezeichnete Schwimmerin war sie übrigens auch. Ich war mir sicher, dass sie nicht ins Wasser gestiegen war. Sie können sich nicht vorstellen, welche Verzweiflung mich ergriff.«
Die Erinnerung überwältigte Frau Wernicke. Von Tränen geschüttelt saß sie da wie ein Häufchen Elend. Zoffinger beschloss, seine Befragung abzubrechen. Ohnehin wusste er von seinen Kollegen, dass noch am selben Spätnachmittag der örtliche Polizeiposten eine Suchaktion eingeleitet hatte, an der sich mehrere Personen aus der Gemeinde beteiligten – ohne Erfolg. Sogar mit zwei Booten und einem Taucher war im See gesucht worden.
Einen Tag später stellte sich bei einer Ortsbegehung heraus, dass sich Frau Wernicke in ihrer Liegewiese geirrt und den Nachmittag tatsächlich an einem anderen, jedoch ähnlich aussehenden Uferabschnitt verbracht hatte. Als die Polizei das richtige Gebiet gründlich in Augenschein nahm, fand sie die Zwillingsschwester an einer von Schilf dicht bewachsenen Stelle neben einem umgestürzten Baumstamm. Ihr Tod erschien rätselhaft, weil sie äußerlich keinerlei Verletzungen aufwies.
Der vorläufige medizinische Befund hätte mysteriöser kaum sein können. Neben zahlreichen Hämatomen hatte Margarete offenbar unerklärliche Knochenbrüche erlitten. Von einem Sturz konnten die Frakturen nicht herrühren, weil am fraglichen Ufer weder ein größerer Baum noch sonst etwas stand, wovon sie hätte herunterfallen können. Auch kamen die Knochenbrüche als Todesursache nicht infrage. Aber wie war die Urlauberin dann zu Tode gekommen?
Zoffinger wusste aus Erfahrung, dass Familien entgegen der weitverbreiteten Annahme nicht unbedingt Schutz, Sicherheit und Geborgenheit garantieren. Häusliche Gewalt und Missbrauch waren Phänomene, über die man tagtäglich in der Zeitung lesen konnte. Aber so, wie er Frau Wernicke kennengelernt hatte und einschätzte, schloss er kategorisch aus, dass sie irgendetwas mit dem Tod ihrer Schwester zu tun hatte. Auch die Situation am Seeufer sprach dagegen.
Auf dem Weg zurück ins Büro zermarterte er sich das Gehirn. Er hatte null Idee, wie er seinen jüngsten Fall lösen sollte. Hoffnung setzte er auf die Kollegen der Rechtsmedizin. Außer mehrfachen Blutergüssen und Knochenbrüchen machten sie an der Frauenleiche eine weitere Entdeckung, die für...




