E-Book, Deutsch, 357 Seiten
Braunger Giftgrüner Bodensee
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7977-5104-1
Verlag: Stadler Konstanz
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kommissar Zoffingers dritter Fall
E-Book, Deutsch, 357 Seiten
ISBN: 978-3-7977-5104-1
Verlag: Stadler Konstanz
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der in Freiburg lebende Autor Manfred Braunger ist zum 'Spätheimkehrer' geworden. Seine eindrucksvollen Erlebnisse auf Reisen in viele Länder der Erde wurden in zahlreichen Reisebüchern, Reiseführern und Bildbänden veröffentlicht. Nach 'Blutroter Bodensee' und 'Eiskalter Bodensee' ist der Weltenbummler mit seinem dritten Krimi 'Giftgrüner Bodensee' schöpferisch erneut an seinen Geburtsort Konstanz zurückgekehrt. In der Bodenseemetropole und ihrer Umgebung muss der kauzige Kommissar Paul Zoffinger wieder einige knifflige Fälle aufklären.
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2
KEIN FALL WIE JEDER ANDERE
»Welch Glanz in meiner Hütte!«
Zoffinger schüttelte seinem Freund die Hand und begleitete ihn ins Wohnzimmer. In letzter Zeit hatte sich Florian Faller rar gemacht. Bei der Tageszeitung Seekurier hatte der Journalist ein Sabbatjahr genommen, um sich einen Lebenstraum zu erfüllen: einen Roman zu schreiben. Die Hälfte der Auszeit war schon verstrichen, doch die literarische Ausbeute war bislang mehr als mager. Außer einer riesigen, unübersichtlichen Materialsammlung hatte er noch kaum etwas zustande gebracht.
Auf dem Boden in Zoffingers Wohnzimmer lagen akkurate Stapel von Hemden, Hosen, T-Shirts und anderen Klamotten.
»Gehst du ins Kloster, wo du nur noch eine Kutte brauchst?«, flachste Florian.
Der Kommissar überhörte die Bemerkung.
»Ausmisten ist angesagt. Was ich seit fünf Jahren nicht mehr getragen habe, brauche ich nicht mehr.«
»Oder es passt nicht mehr, weil Kleidung durch lange Liegezeiten im Schrank erfahrungsgemäß um ein, zwei Größen schrumpfen«, provozierte Florian weiter. »Wie kommst du mit deinen Ermittlungen im Falle der Schnapsleiche vom Obsthof voran?«
»Von wegen Schnapsleiche!«, wehrte sich Zoffinger. »Linnemann hatte kaum Schnaps im Blut, sondern toxischen Vorlauf. Also keine Schnapsleiche, sondern ein Giftopfer. Totgesoffen hat er sich erwiesenermaßen nicht. Nachweislich wurde ihm die tödliche Brühe gewaltsam eingeflößt. Sowohl der Tatort als auch die Tatumstände geben mir aber immer noch Rätsel auf. Warum gerade der Obsthof von Moritz Stark? Warum ein eingeschlagener Schädel und zusätzlich noch eine Vergiftung? Wenn ich über ein Tatmotiv nachdenke, kommt mir nur eines in den Sinn: blanker Hass. Ich kann mich des Verdachts nicht erwehren, dass einer von Starks Gästen ausgerastet ist.«
»Ein Rätsel habe ich auch parat.«
»Du auch? Was liegt an? Brauchst du für deinen Roman einen rätselhaften Fall aus dem Zauberkasten der Kriminalpolizei oder ein paar Beziehungstipps von einem Frauenversteher?«
»Weder noch«, gestand Florian. »Die Sache ist etwas komplizierter.«
»Dann mal los!«, forderte Zoffinger ihn auf. »Könntest du einen kühlen Schluck Most als Lockerungsmittel für dein Gehirn vertragen?«
Was Florian erzählte, hörte sich an wie eine Fantasystory. Robert Abel, ein ehemaliger Journalistenkollege, hatte Kontakt zu ihm aufgenommen. Vor zirka zwei Jahren war er aus gesundheitlichen Gründen aus der Redaktion ausgeschieden. Jetzt hatte ihm ein Bauernverband angeboten, an einer Dokumentation über die Auswirkungen des Klimawandels auf die Landwirtschaft im Bodenseeraum mitzuarbeiten.
»Wir haben uns lang und breit über das Jobangebot unterhalten. Robert Abel wollte wissen, was ich als erfahrener Schreiber und Rechercheur von der Offerte hielt.«
»Da hat er sich ja den Richtigen ausgesucht«, lästerte Zoffinger. »Wenn ich richtig informiert bin, kommst du mit deinem Roman mehr schlecht als recht voran.«
Florian nahm einen tiefen Schluck.
»Im Laufe unserer Unterhaltung stellte sich heraus, dass es ihm um meine Meinung zu dem Jobangebot gar nicht ging. Ich merkte relativ schnell, dass er mit seinem eigentlichen Anliegen hinter dem Berg hielt und ihm etwas ganz anderes auf der Seele lag. Er hatte gesundheitlich stark abgebaut, seit ich ihn das letzte Mal gesehen habe. Mit eingefallenen Wangen und hängenden Schultern hockte er auf meiner Couch und starrte Löcher in den Teppich. Schließlich kam er auf den wahren Grund seines Besuchs zu sprechen.«
»Jetzt bin ich aber gespannt«, meinte Zoffinger.
»Mein ehemaliger Kollege hat nach langer Wartezeit endlich eine neue Niere bekommen. Medizinisch gibt es nach der Operation nichts zu kritisieren. Aber seit der Transplantation treibt ihn ein Problem um: Ist er eigentlich noch derselbe wie zuvor, oder hat er durch das fremde Organ seine ursprüngliche Identität verloren? Die Frage scheint ihn im Laufe der Zeit umso mehr zu beschäftigen, als er glaubt, dass sich sein Wesen und sein Verhalten im Unterschied zu früheren Zeiten verändert hat.«
»Kann ich mir vorstellen. Schließlich muss er mit seiner neuen Niere vermutlich nicht mehr regelmäßig zur Dialyse.«
Florian winkte ab.
»Darum geht es ihm nicht. Er wundert sich, dass er als ehemaliger Vegetarier plötzlich ein geradezu unstillbares Verlangen nach jedweder Art von Fleisch und Wurst hat. Innerhalb von vier Monaten nahm er 11 Kilo zu, was er unter anderem auf seine neue Vorliebe für Erdnussflips und Kartoffelchips zurückführt – Junkfood, das er früher nicht einmal mit der Kohlenzange angefasst hätte.«
»Das Problem ist mir bekannt«, grinste Zoffinger und strich sich über seine Bauchbeule. »Ich schaffe das auch ohne Nierentransplantation.«
»Das ist nicht Robert Abels einzige Veränderung«, fuhr Florian fort. »Vor seiner Operation ein beinharter Nichtraucher, lechzt er plötzlich nach blauem Qualm, hortet Zigaretten kartonweise und scheut nicht einmal vor Zigarillos zurück. Damit nicht genug. Von seiner früheren Flugangst ist auf magische Art und Weise nichts mehr übrig. Er hat sich sogar bei einem Paraglidingclub angemeldet.«
»Das alles führt dieser Robert Abel auf die neue Niere zurück? Er könnte doch zufrieden sein, dass das Ding überhaupt funktioniert.«
»Das denke ich auch«, antwortete Florian. »Andererseits kann man natürlich nicht nachvollziehen, was einen Menschen in so einer Situation umtreibt.«
Zoffinger legte seine Denkerstirn in Falten.
»Ich verstehe nicht, warum er mit seinem Problem gerade zu dir kommt. Hat er keinen Arzt oder Psychiater, an den er sich wenden könnte? Ich will dir nicht zu nahe treten. Aber als Psychoonkel oder Medizinmann hast du dich noch nie hervorgetan.«
»Das ist ja das Verrückte. Genauso fiel meine erste Reaktion aus. Bis Robert Abel die Katze aus dem Sack ließ.«
Der frühere Kollege wurde nach der Operation offenbar von unerklärlichen Stimmungsschwankungen geplagt, durchlebte depressive Phasen und hatte oft das Gefühl, mit seinen Gedanken in einem Nebelkosmos herumzuirren.
»Ziemlich schräge Geschichte«, meinte Zoffinger. »Aber Menschen ändern im Laufe ihres Lebens ihre Gewohnheiten. Ich frage mich allerdings, warum du gerade mir das alles erzählst.«
Florian langte wieder nach seinem Glas, als wollte er die Spannung in die Länge ziehen.
»Der Clou kommt erst noch. Mit den seltsamen Veränderungen lernte Abel, wie er mir erzählte, zu leben. Aber Nacht für Nacht plagt ihn ein widerwärtiger Albtraum, in dem er zum Mörder wird. Immer wieder erlebt er im Schlaf die grauenhafte Tat in allen Einzelheiten, und jedes Mal handelt es sich um dasselbe Mordopfer.«
»Täusche ich mich oder wäre dein Bekannter in der Klapse am besten aufgehoben?«, meinte Zoffinger.
Florian wiegelte ab.
»Auf mich macht er hin und wieder einen zerstreuten Eindruck und pendelt schnell zwischen Euphorie und Depression. Aber für durchgeknallt oder plemplem halte ich ihn eigentlich nicht.«
»Du bist genauso wenig wie ich ein Seelenklempner. Vielleicht sollte er sich wegen seiner Wahnvorstellungen in professionelle Hände begeben. Irgendeinen Grund für seine Albträume wird es wohl geben.«
»Logisch, dass er sich den Kopf darüber zerbrochen hat, wo die Horrorträume herkommen. Sein verändertes Verhalten brachte ihn schließlich auf die abstruse Vermutung, dass sie etwas mit der Organtransplantation zu tun hat.«
»Was für ein Blödsinn!«, urteilte Zoffinger. »Dem Kerl wurde die Niere und nicht das Gehirn verpflanzt.«
»Das sehe ich genauso. Aber er hat die fixe Idee entwickelt, dass seine Niere von einem Geistesgestörten, einem Psychopathen oder einem Gewaltverbrecher stammt, dessen Veranlagungen durch das transplantierte Organ auf ihn übergegangen sind.«
In Zoffingers Wohnzimmer herrschte plötzlich Stille. Florians letzter Satz hallte in Zoffingers Ohren nach. Eine völlig verrückte Idee stieg in ihm hoch wie ein Fieberschub. Konnte ein fremdes Organ einen Empfänger tatsächlich so konditionieren, dass dieser zum Mörder wurde?
»An genetische Veranlagungen glaube ich«, räumte Zoffinger nach längerem Nachdenken ein. »Dass ein Spenderorgan aber seinen Empfänger vom Nichtraucher zum Nikotinfan und vom gesetzestreuen Normalbürger zum Verbrecher macht, kann ich nicht glauben. Das liest sich wie ein Passus aus dem Rezeptbuch von Doktor Frankenstein. Jedenfalls habe ich so etwas noch nie gehört.«
»Langer Rede kurzer Sinn«, fuhr Florian fort. »Robert Abel ist wegen seiner Albträume durch nichts und niemanden vom Gedanken abzubringen, dass er seine Niere von einem Mörder bekommen hat. Und da kommst du ins Spiel.«
Zoffinger zuckte zusammen.
»Wie bitte? Wobei komme ich ins Spiel? Was habe ich mit den Halluzinationen deines übergeschnappten Kollegen zu tun? Ich kenne den Kerl nicht einmal.«
Florian hob beschwichtigend die Arme.
»Es handelt sich nur um ein Gedankenspiel. War Robert Abels Spender tatsächlich ein Mörder, stammt er vermutlich aus der Region. Vorstellbar ist sogar, dass du selbst den Kerl vor ein paar Jahren in den Knast gebracht hast. Kannst du dich an einen Killer erinnern, der nach seiner Verurteilung eine Niere gespendet hat?«
Zoffinger blieb die Spucke weg. Sprachlos glotzte er über den Tisch hinweg seinen Freund an. Er konnte nicht glauben, mit welchem Ansinnen der an ihn herangetreten...




