Bredel | Die Vitalienbrüder | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 214 Seiten

Bredel Die Vitalienbrüder

Ein Störtebeker-Roman
11. Auflage 2017
ISBN: 978-3-356-02144-8
Verlag: Hinstorff
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein Störtebeker-Roman

E-Book, Deutsch, 214 Seiten

ISBN: 978-3-356-02144-8
Verlag: Hinstorff
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Störtebeker – legendärer Pirat, Beschützer der Armen und Entrechteten, tollkühner Kapitän und Anführer der Flotte der Vitalienbrüder.
Willi Bredel erzählt, wie der junge Klaus auf der Sancta Genoveva anheuert, schon bald den Kampf mit dem verbrecherischen Reeder Wulflam aufnimmt, entschlossen eine Meuterei organisiert, Kapitän des Schiffes wird und im Geschwader einer Piratenflotte ein freies, wildes Seeräuberleben beginnt. Die Schauplätze des Geschehens reichen dabei von Wismar und Stralsund bis nach Schweden und Norwegen, von der schottischen Küste bis Friesland und Hamburg.
Der Roman um die Piraterie in den deutschen Großgewässern, zählt seit seinem Erscheinen im Jahre 1950 zu den beliebtesten Werken der Abenteuerliteratur.

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DER SCHWARZE TOD


Gier, Falschheit und Grausamkeit regierten. Der Papst in Rom war das Oberhaupt der abendländischen Welt. Mit Feuer und Schwert suchte er die Weltherrschaft der Kirche zu erhalten. Das „Heilige Offiz“ verbrannte, räderte, köpfte in allen Ländern Europas Zweifler, Abtrünnige, Ketzer, rottete Völker aus, die an der Unfehlbarkeit des Papstes zu zweifeln wagten. Die unwissende und fanatische Menge wurde auf „Hexen“ und „Juden“ gehetzt, die auf die Scheiterhaufen geworfen und deren Vermögen zu Nutz und Frommen der Kirchenfürsten eingezogen wurden. Die Mönche, die einstmals ihren Stolz darein gesetzt, arm und bedürfnislos zu sein, waren reich und anmaßend geworden. Die besten Ländereien gehörten ihnen. Ihre Klöster glichen Schlössern an Pracht und Reichtum, die hohen kirchlichen Würdenträger wetteiferten an Aufwand und Verschwendung mit weltlichen Fürsten. Und das Volk, die Bauern, die Bürger, mußten den Zehnten und Tribute zahlen und der Kirche Macht und Reichtum mehren.

Der Adel wollte nicht zurückstehen. Fürsten und Ritter drangen brandschatzend in die Dörfer und raubten. Sie überfielen die Kaufleute auf den Landstraßen, brachen in die aufblühenden Städte, sengten und mordeten; ihr einziger Beweggrund hieß: Beute machen. Adlige Nichtstuer scheuten in ihrer Geldgier nicht davor zurück, ihre nächsten Anverwandten um bares Geld zu verschachern, wie der „wackere Ritter Konrad von Urach“, von dem uns die Chronik berichtet, daß er seine Schwestern Agnes und Mahlit um drei Pfund Heller an den Abt von Lorch verkaufte. Und um ihre Räuberrechte zu schützen, schufen die adligen Herren ein geheimes Gericht; wer sich gegen ihre Willkür auflehnte, verfiel der Feme, die nur Freispruch oder Tod durch das Schwert kannte.

In jener düsteren Zeit, vor nunmehr fast sechshundert Jahren, im Frühjahr 1369, zogen auf der Landstraße von Schwerin nach Wismar seltsame, sehr unterschiedliche Gestalten dahin: ein hoch aufgeschossener, sich gebeugt haltender alter Jude, der auf dem Rücken einen großen Holzkasten schleppte, und ein schlanker, junger Bursche, über der Schulter einen Knotenstock mit einem kleinen Bündelchen, in dem seine Habseligkeiten waren. Aus des Juden kleinem, hagerem Gesicht sprang das Kinn, an dem ein struppiger Bart wucherte, auffallend hervor. Das Haar, das man damals lang herab über die Ohren trug, etwa in Kinnhöhe gestutzt, hing ihm wirr gekräuselt bis auf die Schultern; es sah aus, als wüchsen zahllose kleine, dunkle Schlangen aus seinem Schädel. Er hielt einen armdicken Knotenstock in der Hand, auf den er sich bei jedem Schritt stützte, der aber auch zugleich als Waffe gedacht war. Die Kleider auf seinem Leibe mochten ihm Bauern überlassen haben, der grobleinene Kittel war bäuerlicher Herkunft, desgleichen die geflickte Strumpfhose, die an seinen hageren Gliedern Falten schlug; ihr einstmaliger Besitzer mußte dikkere Beine gehabt haben. An den Füßen saßen derbe, gutgeflochtene Bastschuhe. Seines jungen Begleiters schmuckloses Wams, die graue Strumpfhose und die niedrigen Bastschuhe wie auch das breite, kräftige Gesicht verrieten einen Bauersmann. Jedoch sein Blick, offen und frei, hatte nichts von der schüchternen, demütigen, Drangsalierungen fürchtenden Art der Bauern. Hellblondes Haar hing ihm glatt in den Nacken und bis in Augenhöhe in die Stirn.

Der Hausierer Josephus hatte bereits nach der ersten Stunde ihrer Bekanntschaft erfahren, daß sein Begleiter weder Eltern noch Bekannte besaß, bald hier, bald dort bei Bauern gearbeitet hatte und jetzt in die Hafenstadt wollte, um Schiffsmann zu werden.

Klaus hatte sich anfangs in der Gesellschaft des alten, allzu gesprächigen Juden recht unbehaglich gefühlt, als er jedoch sah, wie freudig die Bauern den alten Hausierer begrüßten und wie Josephus für jeden ein gutes Wort hatte und einen wohlgemeinten Rat, auch beobachtet hatte, daß der Alte nicht nur auf seinen Gewinn bedacht war, sondern uneigennützig half, wenn es ihm notwendig schien, war sein Unbehagen allmählich geschwunden.

Josephus war eine lebendige Zeitung; von Dorf zu Dorf, von Mensch zu Mensch trug er die neuesten Nachrichten. Er wußte von allem, was in der weiten Welt vorging. Und wo es ihm an Neuigkeiten fehlte, erfand er wohl auch welche; seine wißbegierigen Zuhörer kamen gar nicht auf den Gedanken, an seinen Worten zu zweifeln. Josephus wußte, wenn unten an den Alpen oder sonstwo ein neuer Krieg ausgebrochen; er berichtete von der Neuwahl eines Papstes in Rom, als wäre er zugegen gewesen; erkannte in allen Einzelheiten die ehrgeizigen Pläne des Dänenkönigs, dem die Städte zu groß und zu mächtig wurden. Aber auch die kleinen Neuigkeiten aus der unmittelbaren Nähe brachte er. Saß er unter den aufmerksam lauschenden Bauern, blieb er auf keine Frage eine Antwort schuldig. Von Mißernten wußte er, vom Schwarzen Tod und von Hochzeiten, von Raubüberfällen, Fehden, Heerzügen, aufständischen Zunftgesellen, belagerten Raubritterburgen, geräderten Missetätern, von der neuesten Bannbulle des Papstes und den letzten Gerüchten über den „falschen Markgrafen Waldemar“, der, obwohl nun längst begraben, immer noch in den Köpfen der Leute spukte. Als allerneueste Sensation konnte er über eine kürzlich in Schwerin erfolgte Blendung von sieben gefangenen Wegelagerern berichten, die nun als Bettler, von einem Armlosen und einem Einbeinigen geführt, durch das Land zogen.

Der alte Jude brachte den Bauern nicht nur Neuigkeiten, sondern auch mancherlei Wunder- und Heilmittel. In seinem Holzkasten befanden sich geheimnisvolle Salben; wenn man damit die Euter der Kühe und Ziegen einrieb, gaben sie doppelte Milch. Staubfeines, schwarzes Pulver hatte er, das, in Wasser aufgelöst und eingenommen, alsobald gegen die Pest gefeit machen sollte. Gesundheitsstäbchen holte er hervor, glattpoliertes Wunderholz, das gewisse Krankheiten in sich aufsog, wenn man dem alten Hausierer glauben wollte. Wer Schmerzen in seinen Gliedern hatte, brauchte nur mit diesen Stäbchen die kranken Stellen tüchtig zu reiben, und Josephus versicherte, daß Schmerzen und Krankheiten schwanden. Auch allerlei überseeische Spezereien führte er bei sich, wie Pfeffer, Ingwer, Safran, Muskat.

Josephus, der so gastfreundlich aufgenommen und dem sogar Ehrfurcht entgegengebracht wurde, hatte keine gute Meinung von den Menschen, von den weltlichen Herren und der herrschenden allmächtigen Kirche besonders nicht. Wo er glaubte, gefahrlos ein abfälliges Wort wagen zu können, zeterte er über die Habsucht der Pfaffen und die Verderbtheit in den Klöstern. Die großen Herren, so flüsterte er, seien eine arge Plage, eine weit schlimmere aber noch die Priester.

Und er erzählte von ihrer Gier und Grausamkeit und ihrem unchristlichen Lebenswandel in den Klöstern.

Klaus hatte viel von der großen Zeit der Kreuzzüge erzählen hören, und er bewunderte die kühnen Kreuzfahrer, die, in seiner Vorstellung allen Gefahren und Leiden trotzend, durch viele Länder gezogen waren und in harten Kämpfen mit den Ungläubigen das Heilige Grab befreit hatten. Auf der Landstraße sprach Klaus begeistert über Einzelheiten dieser Heldentaten und Wunder. Josephus hörte schweigend, aber innerlich lächelnd zu. Als Klaus ihn fragte, ob er von dieser großen Zeit nichts wisse, strich er über seinen struppigen Fuchsbart. „Oh, sehr viel sogar, mein Junge.“ Er zeigte jedoch keine sonderliche Neigung, davon zu reden. – „Mir scheint’s nicht“, erwiderte Klaus, „denn von diesen Heldentaten sprecht Ihr nie.“ –

Josephus überlegte, wie er dem Jungen seinen Aberwitz austreiben könne. Offenbar glaubte der an die christlichen Märchen vom Edelmut der Kreuzfahrer und wußte nicht, daß diese Kreuzzüge ein politisches Ränkespiel der Päpste gewesen waren, um die Kaiser, Könige und Fürsten mit ihren ständig wachsenden Heeren zu beschäftigen und so die päpstliche Weltherrschaft zu sichern. Auch wußte der Junge anscheinend nicht, daß diese Kreuzzüge nicht nur für die Päpste ein politisches, sondern für die Kaufleute auch ein Handelsgeschäft waren. Josephus wollte durch einen Vergleich die Sache klarmachen, und er antwortete mit einer Frage: „Kennst du den größten aller Kreuzfahrer?“ – „Wen meint Ihr?“ fragte Klaus eifrig, „Gottfried von Bouillon oder Balduin von Flandern?“ – „Weder den einen noch den andern“, erwiderte Josephus. „Und auch Ludwig von Plois und Gottfried von Perche nicht, sondern den kühnen Venezianer Marco Polo.“ – „Nein“, gestand Klaus kleinlaut, „von dem habe ich nie gehört. Wann hat er Jerusalem erobert?“ – „Jerusalem?“ Josephus schmunzelte in sich hinein. Ihn freute sein gelungener, scherzhafter Vergleich. Marco Polo, der Reisende, Forscher und Entdecker, ein Kreuzfahrer? Natürlich war auch dieser Patrizier in die Welt hinausgezogen, weil ihm die bekannte zu eng geworden war und er...



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