Brendel | Die Mensch-App | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 216 Seiten

Brendel Die Mensch-App

Wie Internet und Smartphone unsere Wirklichkeit verändern
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7427-3041-1
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Wie Internet und Smartphone unsere Wirklichkeit verändern

E-Book, Deutsch, 216 Seiten

ISBN: 978-3-7427-3041-1
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Was passiert eigentlich, wenn wir klicken oder wischen? 'Die Mensch-App' analysiert den Einfluss von Smartphone- und Internetanwendungen auf das Leben der Nutzer/innen und die Gesellschaft. Schwerpunkt des kurzweiligen Essays ist der Begriff der Wirklichkeit, die zunehmend über Smartphone- und Tablet-Displays wahrgenommen und gedeutet wird. Ein weiterer Fokus liegt auf den Kontrollverheißungen, Kontrollmöglichkeiten und dem Kontrollverlust in der digitalen Welt. Der Autor schildert u. a., welche individuellen, aber auch pädagogischen Folgen die Allgegenwart von Smartphones hat, wie Internetunternehmen aus persönlichen Daten Geld machen und wie die Meinungsvielfalt im Internet den Autoritätsverlust von Kirche, Schule, Eltern und Medien befördert. Der Essay zeichnet auch nach, wie postfaktisches Denken und Hate Speech durch algorithmischer Entscheidungen in Facebook, Instagram und Google gefördert werden ('Filterblase'). Die Analyse schließt mit einer Neudefinition des Begriffs Medienkompetenz. Dabei stellt der Autor auch konkrete Forderungen in Richtung Schule, Politik und Medien. Der Praxisteil zeigt konkrete Maßnahmen auf, mit denen sich das Filterblase-Phänomen sowie die Datensammlung eindämmen lassen. 'Die Mensch-App' gibt denjenigen Argumentations- und Entscheidungshilfen an die Hand, die bei der selbstverständlich gewordenen Nutzung digitaler Dienste im privaten und beruflichen Alltag hin und wieder ein mulmiges Gefühl beschleicht.

Michael Brendel, Jg. 1977, aufgewachsen in Rheine/Westf. auf. Studium der Kath. Theol. und Musikwissenschaften in Köln und Berlin, Mitarbeit u.a. bei der Lokalzeitung und im ARD Morgenmagazin. Volontariat bei dem Hörfunksender STAR FM Berlin, Tätigkeit bis 2012 u.a. als Redakteur, Moderator, Wort-/Onlinechef. Heute Studienleiter für Politik/Medien im Ludwig-Windthorst-Haus Lingen. Gründer des Blogs 'Spähgypten-Wir und die Macht im Netz'. Brendel lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Lingen.
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3. kontrolliert werden



a) … als Produkt

Im Internet herrscht noch immer eine Kostenloskultur. Wer möchte schon für Apps, Spiele, Filme, Musik, Dienstleistungen und Nachrichten bezahlen, wenn es die auch kostenfrei gibt? Die von Verlagen getragenen Zeitungen haben da sehr lange mitgemacht und ihre Artikel gratis online gestellt, was viele Medienhäuser an den Rand des Ruins – oder sogar darüber hinaus – gebracht hat. Doch mit Bezahlschranken für journalistische Inhalte tun sich die Onlinenutzer schwer, so wie sie grundsätzlich kostenfreie Angebote bevorzugen.28 Es scheint, als sei die Anarchie, die die ersten Jahre der zivilen Internetbewegung geprägt hatte, irgendwie im http-Protokoll implementiert, das damals wie heute Lieferant von Webseiten und deren Inhalten ist.29

Doch im Internet ist nichts kostenfrei. Wir zahlen mit unseren Daten. Wir sind das Produkt. Die drei größten Internetkonzerne, Google, Amazon und Facebook, sowie ein Großteil aller Anbieter von Browser-und App-Diensten scannen alle Informationen, die wir ihnen geben, um Einblick in unsere Lebenswelten zu bekommen. Die Daten – persönliche Vorlieben, das soziale Umfeld, der Wohnort, der Arbeitsplatz – speichern sie in einem Kundenprofil, das sie dann zu barem Geld machen. Während Amazon dazu passende Angebote in seinem Onlineshop oder einem seiner Streamingdienste anzeigt, schalten Facebook und Google personalisierte Werbung auf im Newsfeed bzw. in der Suchergebnisliste oder auf Webseiten. Wer in einer Email über seine letzte Shoppingtour spricht, wird am Tag darauf vielleicht eine Google-Anzeige von H&M auf einer Webseite finden, die er gerade besucht. Und wer das Urlaubsfoto eines Facebookfreundes mit einem Gefällt mir versieht oder kommentiert, könnte kurz darauf einen gesponserten Post eines Reisekonzerns in seinem Newsfeed finden.

Solche auf Kunden zugeschnittene Werbung ist Gold wert: 12,8 Mrd. Euro setzte Facebook allein im ersten Quartal 2018 damit um.30 Es ist nicht übertrieben, angesichts des ungeheuren Detailreichtums der Nutzerprofile von einem Digitalen Ich zu sprechen. Emails im Googlemail-Postfach oder Einträge im Kalender des Android-Smartphones werden auf verwertbare Infos untersucht, Facebook-Posts und Messenger-Nachrichten ebenfalls. Auch Whatsapp teilt seit dem Sommer 2016 seine Daten mit dem Mutterkonzern Facebook.31 Für den Autor ist die Kopplung der beiden Dienste die subtilste ihm bekannte Form der Datensammlung. Denn während Facebook bei den meisten Nutzern als zumindest halböffentlicher Raum gilt, in dem beim Posten Vorsicht angebracht ist, ist Whatsapp ein privates Medium. Im direkten Gespräch mit Freunden, Familienmitgliedern, Bekannten oder Kollegen, in dem auch persönliche Daten, Fotos oder Geheimnisse geteilt werden, vergisst man leicht, dass hier Datensammlung im großen Stil stattfindet. Zwar räumt sich der Dienst nicht (wie der Mutterkonzern Facebook und das Schwesternetzwerk Instagram) das Recht auf die Verwendung hochgeladener Bilder, Videos und Texte ein32 33, er speichert aber einen Haufen Metadaten, auf deren Wert an späterer Stelle noch eingegangen wird. Darüberhinaus ist der Zugriff von Facebook auf die Whatsapp-Daten alles andere als transparent.34

Eine sarkastische Anmerkung am Rande: Wer sich schon einmal gefragt hat, welche Bedeutung Essensfotos auf Facebook, Whatsapp oder Instagram haben: Sie stillen Hunger– und zwar den Hunger der Datenhändler auf unsere Vorlieben. Aber denken wir daran, wenn die duftende Pizza vor uns – und das Smartphone daneben – liegt?

Während die Geschäftsmodelle von Facebook und Google aber zumindest halbwegs transparent sind bzw. geworden sind, was auch als ein Erfolg der europäischen Datenschutzbeauftragten sowie der viel gescholtenen Datenschutzgrundverordnung gewertet werden darf, droht von Seiten anderer Unternehmen und ihres App gewordenen Datenhungers noch größere Gefahr für die Nutzerdaten. Denn viele Daten aus Apps oder Onlineanwendungen werden erhoben, um verkauft zu werden. Dabei geht es um Millionen: Die Financial Times hat versucht den Wert einer einzelnen aus Daten generierten Information zu ermitteln. Demnach ist Datenhändlern die Wohnadresse eines Internetnutzers 5 Euro wert, die Rabattkartennummer 80 Cent, das Interesse an Politik 1,40 Euro und der Wunsch abzunehmen ganze 8 Euro.35 Eine Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Justiz und Verbraucherschutz erwartet, dass jeder Verbraucher künftig jedes Jahr Daten im Wert von 440 Euro generieren wird.36

Das Perfide am Datenhandel ist, dass der Nutzer nicht davon in Kenntnis gesetzt wird – geschweige denn um Einverständnis gefragt wird – wenn seine persönlichen Daten gesammelt werden. Er hat lediglich eine App installiert oder ein Nutzerkonto eröffnet, bei dem er bestenfalls davon ausgeht, dass zur Nutzung Daten erhoben werden. Wer die persönlichen Informationen, Meinungsäußerungen, Bilder und Videos außer den Diensten, für die sich der Nutzer absichtlich entscheidet, aber darüberhinau bekommt (denn sie lassen sich problemlos kopieren), davon erfährt er nichts. Auch, was die Datenhändler damit anfangen, bleibt oft ein Geheimnis. Auf denkbare Einsatzgebiete kommen wir später noch zu sprechen.

Dass hier viel im Dunkeln liegt, bedeutet nicht, dass der Markt für persönliche Daten ein Schwarzmarkt ist. Die NDR-Journalistin Svea Eckert, die im Sommer 2016 unter einem Pseudonym Interesse an einem Datensatz angemeldet hatte, wurden problemlos 3 Mio. Datensätze von deutschen Internetnutzern als kostenlose Probe zugesandt.37


Was auch immer die Datenhändler und Datenkäufer mit den hinterrücks gesammelten Daten machen: Wer im Internet aktiv ist, muss akzeptieren, dass über Apps, Onlinedienste oder die simple Nutzung von Geräten übermittelte persönliche Informationen außerhalb seiner Kontrolle sind.

Das heißt: Unsere digitale Identität kontrollieren wir nur teilweise selbst.


Wer Facebook nutzt und selbst einmal überprüfen möchte, was sich aus seinen Likes herauslesen lässt, dem sei das Projekt Apply Magic Sauce empfohlen, das an den Universitäten Cambridge und Stanford durchgeführt wurde.38 Bereits 2013 – und damit drei Jahre vor dem Datenskandal um Facebook und Cambridge Analytica – konnte der Apply Magic Sauce-Algorithmus über den vom Nutzer gewährten Zugriff auf sein Facebookprofil oder anhand eines beliebigen, selbst verfassten Textes, auf die Persönlichkeitsstruktur des Nutzers bzw. Autors schließen. Dabei diente das sogenannte OCEAN-Modell als Grundlage, das die Persönlichkeit nach den Kriterien Offenheit, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und Neurotizismus bewertet39 (und das später tatsächlich auch von den Datenanalysten bei Cambridge Analytica im US-Wahlkampf eingesetzt wurde, siehe Punkt f) dieses Kapitels. Das Manuskript dieses Essays mit dem frühen Stand vom 11. Dezember 2016 (14 Normseiten) lässt darauf schließen, dass der Autor mit einer Wahrscheinlichkeit von 79 Prozent männlich ist, eher introvertiert als extrovertiert ist und eher ein Einzelkämpfer als ein Teamplayer. Abgesehen von dem Wert für das Geschlecht, das er durchaus bei 100 Prozent sieht, stimmen die Ergebnisse mit seiner Selbsteinschätzung durchaus überein. Allein die leichte Tendenz zum Unausgeglichenheit („easily stressed and emotional“) gibt ihm zu denken.

Die Analyse Facebook-Profils in Apply Magic Sauce ist nach Einschätzung der Wissenschaftler sogar so genau, dass das dahinterstehende Computermodell die Persönlichkeit des Nutzers besser einschätzen kann als seine besten Freunde. 70 gelikete Seiten und Beiträge genügen dazu, meinen die Erfinder um den Stanforder Psychologen Michal Kosinski.40 150 Likes benötigt Facebook, um mehr über den Nutzer zu wissen als die eigenen Eltern. Ein Beleg für diese These steht bis heute aber noch aus.

In einem anderen Experiment wollten Kosinski und seine Kollegen aus 85.000 Facebookprofilen Parallelen in Persönlichkeitsbildern herauslesen. Der Untersuchung zufolge ist jemand, der Kurt Cobain mag (den verstorbenen Sänger der Rockband Nirvana), eher depressiv als die Fans anderer Bands, und wer den Weight Watchers ein Like gibt, lebt wahrscheinlich in einer Partnerschft.41

Sicherlich sind die Verknüpfungen, mit denen Facebook sich ein Bild von uns macht, nicht immer korrekt – jeder wird schon einmal einen Beitrag in seinem Newsfeed gehabt oder einen Freundschaftsvorschlag bekommen haben, mit dem er nun wirklich überhaupt nichts anfangen kann. Doch der Existenz des Digitalen Ichs sollte sich jeder Facebooknutzer bewusst sein – und bei der Fütterung desselben Vorsicht walten lassen.


b) … als Nichts-Tuender

Doch unser Digitales Ich besteht nicht nur aus aktiv in die Welt gesetzten Informationen. Nicht weniger wertvoll für das Geschäft mit Daten – und noch weniger transparent – sind sogenannte Meta-Daten. Wo wir unser Smartphone benutzen, welche Apps wir zu welcher Zeit öffnen, mit wem wir im Chat zu welcher Zeit an welchem Ort kommunizieren und welche Webseiten wir...



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