E-Book, Deutsch, Band 1, 400 Seiten
Reihe: Hidden Tracks
Brenke / Moon Notes Hidden Tracks 1. All Your Secret Songs
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-96981-062-0
Verlag: Moon Notes
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Traumhafter New Adult-Liebesroman über Musik, Geheimnisse und unerwartete Liebe auf Tour
E-Book, Deutsch, Band 1, 400 Seiten
Reihe: Hidden Tracks
ISBN: 978-3-96981-062-0
Verlag: Moon Notes
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Nina Brenke, Jahrgang 1983, lebt für die Musik und das geschriebene Wort. Am liebsten kombiniert sie beides in Texten, in denen es - wie im echten Leben - um das Suchen und Finden der Liebe geht.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Prolog
Samstag, 30. März
Conor – Just let me adore you
»Alter, beeil dich, sie geht jeden Moment live!«, höre ich Danny von oben brüllen, als die Standuhr im Wohnzimmer acht schlägt. Reflexartig schiebe ich mir das letzte Stück Mozzarellapizza in den Mund und angele mit der freien Hand nach den Chips.
»Komme«, nuschele ich, gebe der Schranktür einen Tritt mit der Ferse und haste, mit drei Bierflaschen und der knisternden Tüte beladen, die Treppe hinauf, immer zwei Stufen auf einmal.
Danny sitzt vor seinem Rechner, die fetten Kopfhörer auf den Ohren, die Augen starr auf den Bildschirm gerichtet, während Kian wie üblich im Sitzsack lungert. Ich zerre den Stuhl hinter dem Schlagzeug hervor und lasse mich darauf fallen, bevor ich die Pizza mit einem Schluck Kilkenny runterspüle. »Hab ich was verpasst?«
Danny schüttelt den Kopf, ohne mich anzusehen. Sein Finger drückt immer wieder F5, während meine Augen zwischen dem Browserfenster und der Uhrzeit rechts unten im Bild hin- und herspringen. Zwei Minuten nach acht. Ungewöhnlich.
»Was sie heute wohl spielt?« Ich wollte es gar nicht laut aussprechen, geschweige denn eine Antwort, und trotzdem folgt Dannys Reaktion auf dem Fuße: »Ich hab ihr geschrieben, dass sie mal was vom Boss covern soll.«
»Großartige Idee«, sage ich und ohrfeige mich gedanklich dafür, dass nicht darauf gekommen bin, ihr das zu schreiben. Ihr überhaupt zu schreiben.
» oder so«, sinniert Danny derweil weiter und nippt an seiner Flasche.
»«, fällt mir direkt ein.
»Wir sind aber schon hier, um zu proben, oder?« Kians Zwischenfrage bleibt unbeantwortet, weil im selben Moment endlich der Ring um ihr schwarzes Profilbild aufleuchtet und Danny dem Livestream beitritt.
»Hi, ihr Lieben«, höre ich ihre übliche Grußformel wenige Sekunden später. »Es ist Samstagabend, acht Uhr, und ihr wisst, was das heißt.«
Bam. Augenblicklich ist der Tag einen Tick besser, wird es heller in Dannys muffigem Zimmer.
»O wow, so viele sind schon online! Als hättet ihr gewartet.« Sie lacht selbstironisch, und sofort bekomme ich eine Gänsehaut. »Die Verspätung tut mir leid, aber ich arbeite aktuell an einem Song und hatte beim Duschen eben so einen krassen Einfall, dass ich den unbedingt aufschreiben , bevor er wieder weg ist.« Sie macht eine kleine Pause, und ich lehne mich zurück, schließe die Augen und lasse den Klang ihrer Stimme auf mich wirken. »Hattet ihr auch schon mal so eine Offenbarung? Einen Gedanken, bei dem sich euch die Haare aufgestellt haben, weil er so genial ist? Jedenfalls ging es mir gerade so. Ich hab mich tropfnass auf den Badewannenrand gesetzt, um mir eine Notiz im Handy zu machen. Die Musiker unter euch werden mich verstehen. Manche Ideen sind zu perfekt, um sie gehen zu lassen!«
»Recht hast du, Liz!« Dannys Gebrumme reißt mich aus dem Tagtraum, in dem ich bis eben mit Liz auf dem Rand ihrer Badewanne gesessen habe. Um mit ihr über Musik zu sprechen, versteht sich. Über Gott und die Welt zu philosophieren, wie wir es oft tun, wenn wir beide in meinem Kopf allein sind.
»Hi, James, schön, dass du auch wieder dabei bist.« Ich halte die Luft an. Auf einer Skala von eins bis ›Du musst dringend einen Arzt aufsuchen‹, wie irrational ist es, mir zu wünschen, dass sie Namen sagt?
Wohl sehr, denn wir sind über Dannys Account eingeloggt.
»Hi, Riley, Patsy, Paula, Danny, Kayla, hallo, ihr lieben Menschen! Ich freue mich, dass ihr da …« Sie stockt kurz. »Dermot, hey, schönen guten Abend auch an dich. Und vielen Dank für deinen Songwunsch. Ihr wisst, steht schon ewig auf der Liste meiner absoluten Favoriten, aber so wirklich traue ich mich da nicht ran, muss ich gestehen. Dylan ist … ein Gott! Und sich an Gottes Werk zu vergreifen … Puh, ihr wisst, was sie hier im erzkatholischen Irland mit solchen Leuten noch bis weit in die Neuzeit gemacht haben, oder?« Sie lacht, und die Kommentarspalte explodiert kurzzeitig.
PatsyBanksUK Spiel mal wieder Taylor Swift!
itsme.dermotokeefe Verstehe dich gut! Vor Dylan hätte ich auch Respekt.
official_kaykayfromupton Welche Gitarre spielst du?
_druidfluid_ Du bist bestimmt Millionen Mal heißer als Bob Dylan!
mineisbigger_thanyours Zeig mal dein Gesicht, dann sag ich dir, ob ich auch gern mal mit dir in der Badewanne sitzen und noch ganz andere Dinge tun möchte!
oriley_d03 Spiel den Boss!
her.name.was.lola.2004 Hast du meine Nachricht bekommen?
PatsyBanksUK Du solltest Harry Styles um ein Duett bitten. Aus dir könnte sein weibliches Pendant werden!
Irgendwann räuspert sie sich in die Stille hinein. »Natürlich habe ich eure Mails erhalten! Danke an alle, die bei meinem letzten Aufruf mitgemacht und sich Songs gewünscht haben. Es waren echt ein paar ganz tolle Vorschläge dabei, und ich werde in jeden einzelnen reinhören, versprochen.«
Einhundertneunzehn Viewer, die wie Danny und ich lechzend am PC sitzen und darauf warten, dass sie die Gitarre in die Hand nimmt und singt. Vielleicht sitzt sie heute auch am Klavier, keine Ahnung. Oder sie packt ein neues Instrument aus und überrascht uns damit. Ich traue ihr alles zu. Querflöte, Kontrabass, Fagott, Fiddle, Harfe.
»Wie dem auch sei, eigentlich wollte ich heute Abend von der lieben Taylor für euch singen.« Noch so ein Lied, welches ich nun nie wieder hören kann, ohne dabei an Liz zu denken. »Das habe ich die ganze Woche geübt, aber dann kam dieser Geistesblitz eben in der Dusche, und den werde ich einfach nicht los. Und deshalb habe ich beschlossen, dass wir heute gemeinsam draufschauen und sehen, ob daraus was werden kann. Habt ihr Bock?«
Liz hat den Satz noch nicht ganz zu Ende gesprochen, da schickt Danny das Emoji mit dem erhobenen Daumen mehrfach quer durch das Netz nach … wohin auch immer.
»Das sieht mir sehr eindeutig aus.« Man kann sie durch die Leitung förmlich lächeln hören. Und wieder denke ich nur, wie gern ich wissen möchte, wie dieses Lächeln aussieht.
In meinem Kopf gehören zu der Stimme, zu Liz, blonde Haare und wunderschöne rauchblaue Augen. Ein bisschen wie Sydney Sweeney mit einem Lächeln, das Eisberge und Herzen zum Schmelzen bringt. Meines schmilzt still und leise vor sich hin, seit ich vor ein paar Wochen durch Zufall über ihre Live-Sessions gestolpert bin, in denen sie Songs für ein stetig wachsendes Publikum covert. Und jeden Samstag hänge ich an ihren Lippen, obwohl ich sie noch nie gesehen habe – die Lippen und sie. Weil sie sich immerzu hinter diesem dämlichen Vorhang versteckt.
»Also, seid ihr so weit?«
, möchte ich ihr schreiend antworten, aber dann erinnere ich mich wieder daran, dass sie mich nicht hören kann. Und dass Kian mich auslachen würde.
oriley_d03 Ja, zeig’s uns, Lizzie!
Danny war längst schneller als ich und lehnt sich zurück. Auch er hängt an ihren Lippen. Alle, denke ich. Alle einhundertsiebenundvierzig Zuhörer, die sie mit ihrem Scheißvorhang in ihrem Bann hat.
Ich will nicht wissen, wie ihre Klickzahlen wären, wenn sie sich zeigen würde. Wir haben uns schon oft gefragt, wieso sie das nicht tut. Ob sie Angst vor Stalkern hat. (Meine Vermutung, und die ist nicht von der Hand zu weisen, wenn man sich ein paar der unterirdischen Kommentare ansieht.) Oder ob sie ein Celebrityspross ist, der nicht erkannt werden will. (Dannys Verdacht, aber wir haben wochenlang hin und her gerätselt, wer sie sein könnte, und sind dabei zu keinem Ergebnis gekommen.) Oder ob sie nicht tageslichttauglich ist. (Wie Kian an der Stelle gern ketzerisch einwirft.)
»Okay.« Ihre Hand fährt über die Tasten eines Keyboards. Ich nehme an, es ist ihre, denn auf dem Bildschirm sehen wir schwarz, immer nur schwarz. Jeden Samstag. Und trotzdem schalte ich ein. Weil ihr Schwarz so viel besser klingt als all die Farben, die ich je gehört habe. »Bitte seid ehrlich, ja?«
Ein paar Herzen fliegen über den Screen. »Ich nenne es .« Wieder ein hörbares Lächeln, dann sinken ihre Finger auf die Tasten.
Perhaps you were just too blind to see
What you needed most wasn’t meant to be
Keep smiling through that ocean of tears
So no one sees what you’ve been hiding all those years
All the hurt and the guilt and the grief
That has you weeping in your dreams
Drei Akkorde, dann habe ich Gänsehaut. Überall. An den Armen, im Nacken, zwischen den Zehen. Sie singt so weich und unangestrengt und gleichzeitig so kraftvoll. Sie erreicht mich an Stellen, an die vor ihr noch nie ein anderer Mensch vorgedrungen ist. Und nein, damit meine ich nicht die Zwischenräume meiner Zehen.
Ich würde es nie laut aussprechen – auf keinen Fall vor Danny und erst recht nicht vor Kian – aber ich glaube, ich bin tatsächlich ein bisschen verliebt. Was völlig absurd ist, denn mit Anfang zwanzig verliebt man sich in Gesichter, die man auf dem Campus sieht, oder in Frauen in Cafés oder Klubs – oft wöchentlich in eine andere.
Und dann gibt es mich.
Conor...




