E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Breslin Eine Feder für den Lord
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7751-7330-8
Verlag: Hänssler
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Reihe: Liebesdrama im ersten Weltkrieg
ISBN: 978-3-7751-7330-8
Verlag: Hänssler
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kate Breslin stammt aus Florida und lebt mit ihrem Mann in Seattle. Sie ist die Autorin zahlloser Reise-Reportagen, preisgekrönter Lyrik und romantischer Romane. Sie hat lange als Buchhändlerin gearbeitet und reist in ihrer Freizeit - immer aus der Suche nach einer Idee für eine neue Geschichte.
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2
Drei Monate später
Grafschaft Kent – Juli 1917
Verbannung hat sich noch nie so gut angefühlt …
Mit leisem Schuldgefühl schrieb Grace diese Worte in ihr Tagebuch. Dann hob sie das Gesicht in die frische Sommerbrise, die durch das offene Fenster des Taxis hereindrang. Sie bewunderte die idyllische Schönheit der Landschaft Kents, die im Gegensatz zur Stadt makellos und friedlich wirkte. Strohgedeckte Dächer und schlichte Scheunen lagen verstreut zwischen Platanen und Erlenhainen. Die welkenden weißen Blüten der Vogelbeeren bildeten einen scharfen Kontrast zu den leuchtend roten Beeren des Kreuzdorns.
Sie war erleichtert, den wachsamen Augen ihres Vaters und Lady Bassetts Vorwürfen entronnen zu sein, und hätte sich kein angenehmeres Exil vorstellen können. Es war die perfekte Umgebung für ihre nächste Geschichte.
»Wir sind schon bald in Roxwood, Miss.«
Grace wandte sich vom Fenster ab und lächelte über die Aufregung ihrer Zofe. »Hast du das Reisen schon satt?«
»Überhaupt nicht«, sagte Agnes. »Seit ich in England lebe, habe ich London noch nie verlassen, aber in den letzten beiden Wochen waren wir in Norfolk und an sämtlichen Orten zwischen Norfolk und London.« Sie sah Grace mit großen braunen Augen an. »Ich wusste nicht, dass England so groß ist.«
»Ja, es war ein ganz schöner Trubel«, sagte Grace. »Ich kann kaum glauben, dass wir erst heute Morgen in London aufgebrochen sind.« Jetzt waren es nur noch wenige Meilen bis nach Roxwood. Das Anwesen in Kent umfasste offenbar ein riesiges Gebiet zwischen Canterbury und der Stadt Margate und würde in den nächsten Wochen ihr Zuhause sein, während sie und Agnes ihren Dienst im Women's Forage Corps aufnahmen, einem Frauenhilfsdienst der britischen Armee. Sie würden Heu für die Armeepferde im Ausland einbringen.
»Es war nett von Ihrem Vater, uns ein Taxi zu spendieren.«
»Es gab keine große Auswahl, die Züge fahren sonntags nicht. Und wir können ja schließlich nicht gleich an unserem ersten Arbeitstag zu spät kommen.« Dann fügte sie flüsternd hinzu: »Und wahrscheinlich hat Papa den Fahrer bezahlt, damit er ihm über mein Verhalten berichtet.«
Agnes warf ihr einen mitleidigen Blick zu. »Ja, er war sehr … sehr fürsorglich seit dem Kostümball.«
»›Fürsorglich‹ ist sehr hübsch ausgedrückt«, sagte Grace trocken. Lady Bassett hatte ihre Drohung wahr gemacht und Papa war furchtbar wütend über Grace' Stunt mit der weißen Feder gewesen. Er hatte tagelang geschimpft und ihr abwechselnd gedroht, sie zu Tante Florence nach Oxford zu schicken oder mit seinem amerikanischen Protegé Clarence Fowler zu verheiraten. Dann hatte er ihr verboten, weitere Suffragetten-Versammlungen mit diesen »schamlosen Pankhurst-Weibern« zu besuchen. Und schließlich hatte er den Rat seiner wichtigsten Gönnerin befolgt, er müsse unbedingt »ein Auge auf sie haben«, und hatte Grace in die oberen Stockwerke von Swan's verbannt, wo sie Teepäckchen für die Soldaten packte, während er sich klar darüber wurde, was er tun sollte.
»Ich kannte das Risiko, als ich an diesem Abend auf den Ball ging«, fuhr sie fort. »Und ich bereue es nicht, obwohl er mich eingesperrt hat.« Sie warf ihrer Zofe einen bedeutsamen Blick zu. »Nicht, solange mein Bruder in Frankreich kämpft und andere sich vor ihrer Verantwortung drücken.«
Wie Jack Benningham. Grace schaute aus dem Fenster, während sie wieder einmal an die aufregende Begegnung mit dem großen, gut aussehenden, blauäugigen Casanova dachte. Wie immer ließ die Erinnerung an sein verführerisches Lächeln und die Art, wie sein Schlafzimmerblick den ihren einen Moment lang festgehalten hatte, während sie einander gegenüberstanden, ihr Herz schneller schlagen. Sie hatten an jenem Abend kein einziges Wort miteinander gesprochen und doch hatte sie das Gefühl, dass eine Verbindung zwischen ihnen geknüpft worden war. Dieses Gefühl war ihr gar nicht recht, nicht nur wegen seines skandalösen Rufes, sondern weil er ein Feigling war. Grace hatte ihn nach dem Ball nicht mehr wiedergesehen, doch sie hatte ein paar Tage später in der Times einen Bericht über einen Brand in seinem Londoner Stadthaus gelesen. In Swan's Teestube war das Gerücht umgegangen, dass er nach einer Nacht beim Glücksspiel, in der er eine beträchtliche Summe verloren hatte, versehentlich sein Haus in Brand gesetzt hatte. Der Schaden hielt sich offenbar in Grenzen und auch er selbst war nur leicht verletzt worden, doch sie hoffte, dass ihm der Zwischenfall die Augen geöffnet hatte, er seinem ausschweifenden Leben entsagen und endlich etwas für sein Land tun würde.
»Jedenfalls bin ich jetzt frei«, sagte sie, wieder an ihre Zofe gewandt. »Und wir leisten einen größeren Beitrag für unser Land, als wenn wir nur Teepäckchen packen.« Sie beugte sich zu ihr und nahm sie fest in den Arm. »Das alles verdanke ich dir, liebe Agnes.«
Agnes errötete. »Es war reiner Zufall, dass ich das Flugblatt über das Women's Forage Corps gefunden habe.«
»Eher ein Wunder.« Grace hatte sehr unter dem Hausarrest bei Swan's gelitten und immer wenn ein Brief von ihrem Bruder eintraf, plagte sie der Wunsch, das Ende des Krieges beschleunigen und ihn endlich nach Hause holen zu können. »Vor allem, weil Papa gar nicht begeistert davon war, dass ich in einer Munitionsfabrik arbeiten oder eine Ambulanz zwischen Feldspital und der Stadt fahren könnte.«
»Sie machen hinter dem Lenkrad eine gute Figur«, meinte Agnes. »Aber ich glaube, er hat sich einfach nur Sorgen gemacht. Erinnern Sie sich an den Zwischenfall in Silvertown?«
Grace nickte. Die Times hatte berichtet, dass bei der Explosion einer Munitionsfabrik eine große Zahl von Arbeiterinnen ums Leben gekommen war. »Umso dankbarer bin ich, dass du vorgeschlagen hast, dass wir dem Women's Forage Corps beitreten«, sagte sie. Dann lachte sie. »Ehrlich gesagt hatte ich schon die Hoffnung aufgegeben, dass Papa mich jemals wieder aus den Augen lassen würde, ganz zu schweigen, dass ich je nach Kent reisen dürfte – und jetzt sind wir hier.«
»Ich glaube, das liegt auch an den Bombardierungen der letzten Zeit«, sagte Agnes.
Grace warf ihr einen raschen Blick zu; das Lachen war ihr vergangen. Zahllose Luftangriffe auf London in den letzten drei Jahren hatten Hunderte unschuldiger Menschen getötet. Im Juni waren bei einem einzigen Angriff der Deutschen über hundertfünfzig Personen ums Leben gekommen. Nach einem weiteren Bombardement erst vor wenigen Tagen, bei dem wieder Dutzende Menschen getötet worden waren, hatten sie und Agnes dann die Stadt verlassen. »Papa gefällt es zwar gar nicht, dass ich auf dem Feld arbeiten und mich schmutzig machen werde, aber du hast recht, er denkt wohl, dass es auf dem Land sicherer ist.«
Doch wie stand es mit der Sicherheit ihres Vaters? Bis jetzt hatte es keine Angriffe in der Nähe von Swan's oder ihr Haus in Knightsbridge gegeben, doch die Bedrohung war allgegenwärtig – ein weiterer Grund dafür, dass der Krieg endlich aufhören musste, dachte Grace.
Dann holte sie tief Luft und versuchte, ihr Unbehagen abzuschütteln. Gott hatte sie bis jetzt beschützt, und sie würde beten, dass er es auch weiterhin tat. »Du weißt doch, Agnes, dass Papa mir trotz aller Gefahren in der Stadt dieses Abenteuer nie erlaubt hätte, wenn du nicht bereit gewesen wärst mitzukommen«, sagte sie. »Dafür bin ich dir sehr dankbar.«
»O Miss, ich bin sehr froh, aus London fortzukommen.« Ein leichter Schatten flog über Agnes' Gesicht, doch dann lächelte sie. »Und ich hoffe, mir von meinem Verdienst beim WFC so viel zurücklegen zu können, dass ich nach dem Krieg die kleine Boutique eröffnen kann, von der ich schon lange träume.«
Sie legte eine behandschuhte Hand auf Grace' Hand. »Seit ich Sie kenne und von der Suffragettenbewegung erfahren habe, ist so vieles in den Bereich des Möglichen gerückt.« Doch dann verschleierten sich ihre braunen Augen. »Wenn ich an den Tag denke, an dem Sie mich gefunden haben und mir zu Hilfe gekommen sind …«
»Vergiss die Vergangenheit.« Grace drückte ihre Hand und hoffte, dass Agnes nicht wieder anfangen würde, über ihren feigen Ehemann Edgar Pierpont nachzugrübeln. »Denke lieber an deine Boutique oder, noch wichtiger, an unsere große Chance, einen wichtigen Beitrag für den Sieg zu leisten. Kavalleriepferde werden dringend gebraucht, Agnes, meine Nessa auch.«
Dann wurde sie von ihren Gefühlen überwältigt und schwieg. Sie hatte geweint, als Papa ihre Stute und Colins Wallach Niall an die Armee verkauft hatte. Doch der Bedarf an Pferden war immens. »Sie gut im Futter zu halten, ist das Wichtigste«, fuhr sie fort. »Wir können stolz auf uns sein. ›Für Gott, König und Vaterland‹.«
»O Miss, wenn Sie so von Ihrem Land und Ihrer Liebe zu ihm sprechen, klingen Sie wie Mrs Pankhurst«, sagte Agnes.
»Vergiss nicht, dass England jetzt auch dein Land ist«, sagte Agnes.
Agnes nickte. »Ich möchte eine loyale Bürgerin sein.«
Grace sah sie voll Mitleid an. »Du wirst bald die Chance dazu haben … oh, wir sind ja schon da!«
Das Taxi schlingerte ein wenig, als es um eine Ecke bog, an der eine große Bergulme ihre dicht belaubten grünen Zweige über einen verwitterten Wegweiser breitete, auf dem in Großbuchstaben ROXWOOD stand. Sie fuhren durch einen Torbogen aus grauem Stein und folgten einer schmalen, gepflasterten Straße, die direkt in die kleine Stadt führte.
»Was für ein...




