Brettschneider | Auch junge Leoparden haben Flecken | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Brettschneider Auch junge Leoparden haben Flecken


1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7641-9301-0
Verlag: Ueberreuter Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

ISBN: 978-3-7641-9301-0
Verlag: Ueberreuter Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein aufwühlender Abenteuerroman ab 12 Jahren über Piraterie an der Küste Somalias Jeden Tag geht der fünfzehnjährige Geedi mit seiner kleinen Schwester Amina an den Strand, um Ausschau zu halten, ob ihr großer Bruder Aayan, der vor vielen Jahren plötzlich verschwunden ist, nicht doch zu ihnen zurückkehrt. Die Familie lebt in Hafun, einem kleinen Fischerort in Nordost-Somalia, fast am östlichsten Punkt des afrikanischen Kontinents. Man schlägt sich so durch - der Vater mit Gelegenheitsarbeiten, die Mutter als Köchin. Eines Tages taucht Aayan tatsächlich wieder auf. Wie gemunkelt wurde, hat er sich den Piraten angeschlossen - und ist kein geringerer als der berühmte und gefürchtete 'Geist von Aden' - darum kann er nur kurze Zeit bleiben. Als Aayan in der Nacht wieder verschwindet, versteckt Geedi sich kurzerhand auf der Ladefläche von Aayans Pickup. Zu gern möchte er seinem Vorbild folgen. Doch schnell stellt er fest: Das Piratenleben hat nicht nur Sonnenseiten ... Ein Roman, der die großen Fragen nach dem Richtigen im Falschen und dem Fünkchen Guten im Bösen aufgreift

Andreas Brettschneider wurde 1974 geboren und ist seit 2005 Lehrer für Deutsch, Englisch, Musik und Literatur. 'Auch junge Leoparden haben Flecken' ist sein Debüt.
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1


Das dritte Schiff


Nur zwei Schiffe lagen heute vor der Küste. Gestrandet und unbeweglich ruhten sie genau dort, wo doch seit Jahren drei Schiffe gelegen hatten: Im Süden von Hafun, dort, wo der Wolf sein Maul hatte, wie man bei uns sagte. Ich lebte an der Küste einer kleinen Insel im Norden Somalias. Und unsere Insel sah auf einer Karte eben wie der Kopf eines Wolfes aus. Sein Blick war auf das Festland gerichtet und die Alten behaupteten, dass er mit Sorge auf unser Land schaute. Jeden Tag ging ich auf dem Weg zur Schule diesen Strand entlang. Die Sandalen trug ich immer in der Hand, um den heißen Sand unter meinen Füßen zwischen den Zehen zu zerdrücken. Dann ging es über eine Sandbrücke, den Tombolo, zum Festland. Und an jedem dieser Tage sah ich diese großen, verrosteten Schiffe, die meine Schwester Amina und ich »die drei großen Toten« getauft hatten. Denn sie waren verlassen und leblos, und sie waren ganz sicher genauso tot dort angespült worden wie alles andere, was bei uns seit Jahren an Land kam: Halbe Fische, Seeschildkröten und alles andere, was die Hochseefischer nicht brauchen konnten.

»Was sie in Europa nicht brauchen können«, ergänzte Vater immer. Dabei waren es nicht nur Italiener oder Griechen oder was weiß ich, die mit ihren riesigen Industrieschiffen dafür gesorgt hatten, dass es für die Fischer aus unserem Dorf in der See nichts mehr zu holen gab. Aber für Vater waren das alles die Europäer. Einmal hatte ich ganz weit draußen auf dem Meer so einen Kutter gesehen, das war vor ungefähr fünf Jahren, als mein großer Bruder Aayan noch bei uns war. Er hatte auf den Horizont gezeigt und gesagt: »Schau, Geedi, die holen unsere Zukunft aus dem Meer.« Lebendige Fische wurden bei uns in Hafun schon seit Ewigkeiten nur noch selten gefangen. »Verkaufe dein Boot und werde Fischer«, hieß es bei uns. Dann konntest du den Strand nach dem absuchen, was das Meer wieder auswarf und noch genießbar war. »Wir fressen ihre Reste. Wie die Hunde«, sagte Vater, wenn wir auf der kleinen Steinmauer vor unserem Haus saßen und sehen konnten, wie die Frauen und Kinder mit Körben die Bucht auf und ab gingen. Dabei biss er sich auf die Lippen und rauchte dann still seine Zigarette. Die drei großen Toten – sie hatten jetzt vier Jahre lang rostig vor unserer Bucht gelegen. Und nun war einer von ihnen einfach fort: Der mit dem blauen Rumpf, der zwischen dem grauen und dem roten gelegen hatte. Wie konnte das gehen?

»Der blaue Tote ist weg!«, rief ich, als ich auf unser Haus zugelaufen kam. »Amina! Komm, das musst du sehen! Der blaue Tote ist verschwunden!« Amina sprang sofort aus dem Haus. Ich warf meine Tasche auf die Erde, als meine Schwester mich im Laufen gleich an der linken Hand fasste und mit sich riss – sie wollte sofort hinunter zum Strand, um zu sehen, ob es wirklich wahr sein konnte.

»Halt! Jetzt wird erst gegessen«, rief uns Mutter hinterher, also blieben wir stehen und drehten uns enttäuscht zu ihr um.

»Aber Mutter, der blaue Tote ist verschwunden«, riefen wir beinahe gleichzeitig. Mutter verstand nicht und sagte: »Der ist nach dem Essen noch genauso verschwunden. Kommt jetzt erst einmal rein und esst.«

Widerwillig folgten wir ihr ins Haus, setzten uns in der Küche an den Tisch und schaufelten das Baasto in uns hinein, als gäbe es kein Morgen. Ich liebte diese Spaghetti. Mutter machte das beste Baasto in ganz Hafun. Normalerweise konnte ich schon vom Strand aus die Gewürze riechen, den Koriander und den Kreuzkümmel, und ich lief schneller und schneller. Dabei hoffte ich immer, dass wenigstens drei Stücke Fleisch in der Soße sein würden und konnte es nie erwarten, endlich zu Hause zu sein. Doch heute war es mir egal. Es musste schnell gehen mit dem Essen, damit wir nur bald wieder loslaufen und die Stelle anschauen konnten, an welcher der große, blaue Tote jetzt nicht mehr war.

»Wer ist verschwunden?«, fragte Vater, der nun in der Tür stand, und Mutter ermahnte uns streng: »Das ist kein Grund, das Essen so herunterzuschlingen!«

»Der blaue, große Tote«, murmelte ich mit vollem Mund, und Mutter ermahnte mich wieder: »Iss nicht mit vollem Mund!«

Wir lachten alle, sodass uns das Essen aus dem Gesicht fiel. Das passierte Mutter immer, wenn sie sich bemühte, eine strenge Mutter zu sein. Und wenn sie dabei scheiterte. Sie war selten streng und scheiterte oft, wenn sie es doch versuchte. Dabei wollte sie es nur den anderen Müttern in Hafun gleichtun. Und diese wollten es ihr gleichtun. Auf dem Markt konnte man ihnen zuhören, wenn sie sich gegenseitig erklärten, wie es zu Hause mit den Kindern zuging: Eine war strenger als die andere. Ich war fest davon überzeugt, dass keine der anderen Mütter wirklich strenger gewesen wäre als meine. Sie redeten es sich ein, ein richtiger Wettbewerb war das, doch am Abend zu Hause scheiterten sie ganz sicher alle genauso wie meine liebe Mutter. Ihr Name war Kilala. Das bedeutete »eins mit den Katzen«, und genau so wäre sie auch gerne gewesen. Unabhängig wollte sie sein und eigensinnig. Einmal hatte sie zwei Tage lang nicht mit Vater gesprochen. Sie hatte sich wieder einmal grundlos wegen etwas Sorgen gemacht und Vater sagte dann zu ihr: »Kilala! Den völlig falschen Namen haben deine Eltern dir gegeben – ›eins mit den Schafen‹, das wäre besser gewesen.« Mutter schmollte und Vater lachte ihr Schmollen einfach so lange weg, bis es ganz verschwunden war. Länger als diese zwei Tage hatte sie es noch nie ausgehalten – meist konnte sie sich schon nach wenigen Stunden nicht mehr gegen Vaters Gutmütigkeit wehren. Denn eigentlich war sie selbst gutmütig, auch wenn sie oft so streng tat. Sie liebte meinen Vater, und Vater liebte sie. So einfach war das.

Wir lachten und aßen weiter, während Mutter schmollte. Schließlich fragte Vater noch einmal: »Wer ist jetzt verschwunden?«

»Der große, blaue Tote«, sagte Amina laut, so als wäre Vater nicht ganz bei der Sache, weil doch eigentlich völlig klar war, was wir gemeint hatten. Sie musste es einfach noch einmal und lauter sagen, damit er endlich verstand. Und Vater verstand.

»Der große, blaue Tote also …«, sagte er. Plötzlich war er ganz still. Er ging zum Fenster und versuchte, in der Bucht etwas zu erkennen. Wir schauten ihn an, wie er nachdenklich aus dem Fenster auf die Küste starrte. Eine ganze Weile stand er so da, dann drehte er sich zu uns herum, schaute erst Amina und mich an, dann Mutter, und schließlich sagte er: »Er war das. Er hat das getan.«

»Wer war was?«, fragte ich mit vollem Mund, doch Mutter schaute nur leise in den Himmel, und auch Vater blieb stumm. Ich schaute Amina an, aber auch sie verstand nicht, was hier vor sich ging.

»Geht schon, ihr zwei«, sagte Vater schließlich, »es ist aufgegessen.«

Ich nahm Amina an die Hand und wir liefen hinunter zur Küste, um uns die zwei großen Toten und den fehlenden dritten anzuschauen. Wir rannten und schwenkten unsere Arme, wir stolperten über unsere eigenen Füße aus dem Ort hinaus, vorbei an den grünen Sträuchern und dann über den Sand. Als wir schließlich am Strand standen, breitbeinig, die Füße in den Sand gestemmt, und ungläubig das graue und das rote Schiff anstarrten, hatte auch ich plötzlich das schlechte Gefühl unserer Eltern. Hier war etwas nicht in Ordnung. Der fehlende große Tote hatte etwas zu bedeuten. Nur was war das?

Es waren wenigstens zweihundert Meter ins Meer hinein bis zu der Sandbank, an der die Schiffe lagen, und trotzdem hätte ich jedes von ihnen bis ins kleinste Detail beschreiben können, nachdem ich sie schon so lange und so oft angeschaut hatte. Wenn ich die Augen beinahe ganz schloss, war auch das fehlende Schiff wieder da. Zwischen den beiden anderen konnte ich es sehen: Die hellblaue Farbe des Rumpfes, die rot-braunen Roststreifen, die von oben nach unten liefen und die wie ein kleines, umgedrehtes Gebirge aussahen, mit spitzen Gipfeln, die nach unten zeigten. Am hinteren Teil hatte das Schiff einen Aufbau, das Führerhaus, in dem der Steuermann gestanden haben musste. Braun lackiertes Metall, ein weißes Dach. Auf den Seiten am Bug stand in Weiß der Name des Schiffes: Yusra. Das bedeutete »Erfolg«. Traurig hatte ich den Namen immer schon gefunden, ich meine, für ein gestrandetes Schiff, das über Jahre in der Sonne und der Gischt verrotten sollte. Wie war es überhaupt hierhergekommen? Ich konnte mich nicht erinnern. Irgendwann waren es eben drei Schiffe gewesen. Und heute waren es wieder nur zwei. Vielleicht war es ja jetzt irgendwo auf dem Meer und suchte genau den Erfolg, den sein Name ihm versprochen hatte.

»Meinst du, es war Aayan?«, fragte Amina plötzlich.

»Was? Das mit dem großen Toten? Nein, Aayan ist schon lange fort«, sagte ich, »er ist zu den Piraten gegangen, und wahrscheinlich ist er tot.«

»Sag das nicht!« Amina schaute mich böse...



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