Brisby | Reise mit zwei Unbekannten | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 413 Seiten

Reihe: Eichborn

Brisby Reise mit zwei Unbekannten

Roman
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7325-9511-2
Verlag: Eichborn
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 413 Seiten

Reihe: Eichborn

ISBN: 978-3-7325-9511-2
Verlag: Eichborn
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die 90-jährige energische Maxine ist aus dem Seniorenheim ausgebüxt, um ihr Ableben selbstbestimmt zu regeln. Der schüchterne Student Alex hat Liebeskummer und braucht frischen Wind. Das Schicksal führt sie über ein Mitfahrportal zusammen. In einem uralten Twingo brechen sie zu einer Fahrt durch Frankreich nach Brüssel auf. Als Maxine von der Polizei gesucht wird, beginnt ein atemloses Abenteuer - mit Blick auf die grandiose Vielfalt des Lebens.



Zoe Brisby ist Kunsthistorikerin und literaturbegeistert. Ihre eigene schriftstellerische Karriere begann 2016, und REISE MIT ZWEI UNBEKANNTEN ist ihr erster Roman, der auf Deutsch erscheint. Sie schätzt Humor und Herzensweisheit und ist der Meinung, dass ungewöhnliche Lebenssituationen einen manchmal im besten Sinn über sich hinauswachsen lassen.
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3


Alex erreichte die Adresse, die Max ihm angegeben hatte. Mit einem solchen Namen und bei einem Interesse für Technik, Whisky und die Tour de France halste er sich zwar vielleicht keinen Kettenraucher auf, aber unter Umständen einen Schraubendreher, der während der gesamten Fahrt unentwegt über Motoren, Keilriemen, Bremsbeläge und Vergaser schwadronierte.

Angesichts dieser Adresse war er jedoch etwas perplex. Dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen.

Natürlich. Man hatte ihn versetzt. Man hatte ihn für dumm verkauft. Warum sollte auch jemand in seiner Begleitung eine Reise antreten wollen?

Er parkte am Straßenrand und betrachtete noch einmal das am Eingang des Gebäudes befestigte goldene Schild. Residenz Beau Séjour. Wohn- und Erholungsstätte für alte, kranke oder hilfsbedürftige Menschen. Was für eine Ansage! Er brauchte gewiss auch Erholung und Ruhe, aber hier würde er es keinen Tag lang aushalten. Es war, als würden alte Mitmenschen einem ungeheure Angst einjagen, einem auf grausame Weise vor Augen führen, wie es irgendwann mit einem enden wird. Da beschloss man doch lieber, sie zu verstecken. Man sah weg, gab den Schlüssel ab und schickte hin und wieder einen Blumenstrauß, um ein reines Gewissen zu haben.

Aber im Grunde scherte es ihn nicht, was die fernere Zukunft an Krankheit, Traurigkeit oder Einsamkeit für ihn bereithielt: Er war schließlich jetzt schon depressiv.

Das schmiedeeiserne Gittertor der Einrichtung öffnete sich langsam und quietschend. Bereits das Tor legte hier also ein gehöriges Alter an den Tag. Die Angeln lagen offenbar in den letzten Zügen, und Alex rechnete beinahe damit, die Addams Family auftauchen zu sehen.

Anstelle von Morticia A. Addams oder Cousin Itt erschien jedoch ein kleines Mütterchen, dessen von Falten zerfurchte Haut dem rostigen Belag des Gittertors altersmäßig in nichts nachstand. Ihr Haar war makellos frisiert und blieb trotz einiger Windböen auf wundersame Weise in der von den Lockenwicklern vorgegebenen Form.

Sie trug eine lavendelfarbene Strickjacke – oder eher einen Cardigan, wie ihre Altersgenossen wohl sagen würden – und dazu einen schwarzen Rock, der sittsam die Knie bedeckte. Eine Perlenkette zierte ihren Hals und verlieh ihr das Aussehen einer betagten sonntäglichen Kirchgängerin.

Ihre kleinen, von Altersflecken übersäten Hände umschlossen fest den Griff eines kastanienbraunen Koffers, der ganz so aussah, als stammte er aus der Zeit vor dem letzten Weltkrieg. Mehrere Aufkleber zeugten von Reisen aus früheren Zeiten: Rom, New York, Sydney …

Alex öffnete das Fenster.

»Entschuldigen Sie bitte, Madame. Bin ich hier richtig in der Rue du Général-de-Gaulle Nummer 48?«

Die alte Dame wirkte ein wenig überrascht und brachte ihren Koffer hinter sich in Sicherheit. Beim Anblick der von dunklen Ringen unterlegten Augen des jungen Mannes kam ihr in den Sinn, dass sie es hier womöglich mit einem Rauschgiftsüchtigen zu tun hatte. Einem »Junkie«, der in der Lage wäre, eine alte Dame wie sie zu bestehlen, um seine nächste Dosis zu finanzieren.

Aber letztlich war es ihr auch egal. Sie hatte nichts zu verlieren. Außerdem lag irgendetwas in dem Blick des Rauschgiftsüchtigen, das sie berührte – eine Art tiefer Einsamkeit, innerer Verzweiflung. Als wäre alles in ihm zusammengebrochen und nur noch diese leere Hülle eines Schurken auf der Suche nach seinem nächsten Schuss übrig geblieben. Sie verspürte Mitleid.

»Ja, mein Lieber. Das ist genau hier.«

»Aha, danke.«

Alex schloss das Fenster wieder. Er kochte vor Wut. Er fühlte sich hintergangen von jemandem, den er gar nicht kannte. Man hatte ihm einen üblen Streich gespielt, indem man ihm die Adresse dieses Altersheims gegeben hatte, und er war natürlich – dämlich, wie er war – in die Falle getappt.

Maxine blickte auf ihre Armbanduhr. Drei Minuten Verspätung. Das gefiel ihr gar nicht. Diese Alex war unpünktlich. Und dann auch noch behaupten, dass man die Literatur liebt. Es ist acht Uhr, Herr Doktor Schweitzer. Acht Uhr heißt acht Uhr. Und nicht acht Uhr und drei Minuten.

Obendrein fühlte sie sich höchst unbehaglich, weil der junge Mann in seinem Auto an Ort und Stelle stehen blieb und ganz so aussah, als zögerte er nur noch, ob er den Strick oder die Pistole wählen sollte. Sie überlegte kurz, dann sagte sie sich, dass sie bei ihrer knapp bemessenen Lebenszeit nichts zu verlieren hatte, wenn sie versuchte, diesem Unglücksraben zu helfen. Vielleicht konnte sie ihn von seinen Drogenproblemen abbringen und wieder auf den rechten Weg zurückführen. Er würde Arzt werden, ein Spezialist für Entgiftung – dank seiner schicksalhaften Begegnung mit der »Dame mit dem Koffer«.

Zaghaft näherte sie sich dem Auto. Langsam. Sie wollte ihn keinesfalls erschrecken. Es erinnerte sie ein wenig an die Safaris, an denen sie während der sechziger Jahre in Indien mit dem Maharadscha teilgenommen hatte. Man musste ein wenig in die Knie gehen, um dem Raubtier zu zeigen, dass man seine Überlegenheit akzeptierte und in friedlicher Absicht unterwegs war.

»Brauchen Sie Hilfe, junger Mann?«

Der Rauschgiftsüchtige wirkte überrascht. Sie hatte ihn aus seiner Lethargie gerissen. Er sagte etwas in ihre Richtung, aber wegen der geschlossenen Fensterscheibe verstand sie nichts. Sie bedeutete ihm, das Fenster zu öffnen, und ahmte dazu eine kurbelnde Handbewegung nach wie alle Leute, die noch Autos ohne automatische Fensteröffnung kannten. Womöglich verstand der junge Mann das gar nicht. Doch. Er drückte auf einen Knopf, und die Scheibe senkte sich.

»Ich warte auf jemanden.«

»Ich auch.«

»Ach ja?«

»Na klar. Da brauchen Sie gar nicht so erstaunt zu schauen. Das ist beleidigend. Nur weil ich sechzig Jahre alt bin, heißt das noch lange nicht, dass ich kein Sozialleben mehr habe.«

Alex zog eine Augenbraue hoch. Sie verbesserte sich:

»Gut, ich gebe es zu. Siebzig Jahre.«

Zweifel standen ihm ins Gesicht geschrieben, als er sie von Kopf bis Fuß musterte.

»Nun, vielleicht auch achtzig Jahre …«

Er sagte nichts.

»Okay, neunzig und ein paar Zerquetschte. Aber in meinem Kopf fühle ich mich wie eine jung gebliebene Fünfzigjährige.«

»Ich dachte immer, dass Leute, äh … mit einem gewissen Alter stolz darauf wären, wie lange sie schon auf der Welt sind.«

»Stimmt genau, deshalb werde ich mich auch bald beim Guinness Book melden, damit man bei mir vorbeischaut und mein hohes Alter begutachtet.«

Eine peinliche Stille trat ein, welche die alte Dame jedoch rasch beendete. Bei Stille hatte Maxine sich noch nie wohlgefühlt.

»Ich verabscheue es, wenn Leute zu spät kommen.«

»Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige.«

»Hoppla, wer von uns beiden ist denn nun alt?«

»Warum sagen Sie das?«

»Weil ich mich nicht erinnern kann, diesen Ausdruck seit Roosevelt und der Konferenz von Jalta gehört zu haben.«

»Sie sind zu jung, um bei der Konferenz von Jalta gewesen zu sein.«

Die Wangen der alten Dame färbten sich rosig.

»Oh, das ist aber nett von Ihnen!«

»Wenn Sie tatsächlich neunzig Jahre alt sind, dann sind Sie ungefähr, äh …, um 1926 herum geboren. Also waren Sie 1945, zum Zeitpunkt der Jalta-Konferenz, noch keine zwanzig Jahre alt.«

Maxine war überrascht von den folgerichtigen Überlegungen des jungen Mannes. Offenbar hatten die Drogen noch nicht all seine Neuronen zerstört. Das war eine gute Nachricht. Es erhöhte ihre Chancen ungemein, ihn zu einem guten Arzt zu machen.

»Ich sagte, neunzig Jahre und ein paar Zerquetschte. Ab einem bestimmten Zeitpunkt zählt man nicht mehr so genau mit. Die Geburtstage ähneln eher einem Countdown als einem Fest. Außerdem gibt es im Altersheim selten Kuchen. Solche Leckereien werden dort als Provokation des großen Sensenmanns aufgefasst, der uns ankündigt, dass er bald vorbeischauen wird. Er ist nämlich ein Leckermaul. Aber Sie haben recht, es gibt auch ein paar Alte, die ihren Geburtstag immer noch gern feiern. Sie fühlen sich offenbar wie Superhelden. Nur habe ich noch nie gesehen, wie Superman sein Gebiss verliert oder eine Windel trägt wie Marty Schuberts.«

»Wer ist denn Marty Schuberts?«

»Mein Zimmernachbar. Und ich muss schon sagen, das ist kein besonders schöner Anblick … Deswegen mag ich das Altersheim nicht. Es gibt nur Alte dort drinnen, das ist ziemlich deprimierend. Ich habe mich noch nie mit Alten verstanden.«

»Ja klar, wie auch, wo Sie schließlich eine jung gebliebene Sechzigjährige sind.«

»Fünfzigjährige! Wie schön, Sie haben also verstanden, was ich meine.«

Sie lächelten sich an. Alex blickte auf die Uhr.

»Gut, ich mache mich dann mal auf den Weg. Sieht so aus, als hätte meine Verabredung mich versetzt.«

Maxine sah nach rechts und dann nach links. Niemand.

»Ich glaube, meine mich auch.«

»Brauchen Sie jemanden, der Sie irgendwohin bringt? Wenn Sie wollen, kann ich Sie mitnehmen.«

»Das ist nett, mein Junge, aber ich habe eine lange Reise vor mir. Ich fahre nach Brüssel.«

Alex sah sie mit großen Augen an.

»Max?«, fragte er nun zögerlich.

Maxine beugte sich über ihre Handtasche und zog eine Brille mit riesigen Gläsern hervor.

»Ja. Woher wissen Sie denn meinen Namen?«

»Ich bin Alex.«

»Alex?«

»Alex. Von der Mitfahrzentrale im...



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