Bristow | Kalifornische Sinfonie | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 1030 Seiten

Reihe: beHEARTBEAT

Bristow Kalifornische Sinfonie


1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7325-2778-6
Verlag: beHEARTBEAT
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 1030 Seiten

Reihe: beHEARTBEAT

ISBN: 978-3-7325-2778-6
Verlag: beHEARTBEAT
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



1845 heiratet die wohlbehütete Garnet Cameron den jungen Präriehändler Oliver Hale und folgt ihm in das noch unbekannte Kalifornien.
Auf der beschwerlichen Reise muss sich das Paar gegen Tod und Teufel behaupten und Oliver ist den Gefahren nicht gewachsen. Als er plötzlich stirbt, steht Garnet allein und mittellos mit ihrem kleinen Sohn da und ist der Willkür ihres Schwagers hoffnungslos ausgeliefert.
Wird sie sich gegen ihn durchsetzen und ihr Schicksal selbst bestimmen können?

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Erstes Kapitel


Garnet Cameron verließ im Sommer 1844 Miss Waynes Institut für junge Damen mit dem Abschlusszeugnis. Miss Wayne unterhielt ihr exquisites Internat auf einem ausgedehnten Landgut im oberen Manhattan. Garnet hatte ihm vier Jahre lang angehört und wurde am Entlassungstage mit drei Medaillen ausgezeichnet, eine dekorative Anerkennung für ihre Leistungen in der Musik, im Reiten und in gesittetem Benehmen.

Garnet befand sich eben in der Mitte ihres neunzehnten Lebensjahres. Sie war eine interessante Erscheinung. Ihr glattes schwarzes Haar hatte einen wundervollen Glanz, dem das Sonnenlicht einen bläulichen Schimmer verlieh. Ihre grauen Augen wurden von langen, sehr dichten und ebenfalls blauschwarzen Wimpern umrahmt, ihre Wangen glühten ständig in einem intensiven Rot, sodass sie nicht selten in Verdacht geriet, der Natur mit Rouge nachgeholfen zu haben. Trotz der starken Farbkontraste, deren sie sich erfreute, konnte man die junge Dame keine ausgesprochene Schönheit nennen. Ihr Gesicht war im Ganzen zu rau gebildet, ihre Stirn war zu glatt, ihr Kinn zu stark und ihre Lippen zu voll. Das alles aber wurde ausgeglichen durch ihren festen, schlanken und biegsamen Körper und ihre außergewöhnlich schmale Taille. Die Kleidung, die sie gegenwärtig trug, war ganz dazu angetan, die Vorzüge ihrer vollendeten Figur auf das Wirkungsvollste zur Geltung zu bringen. Ein schlichtes Tageskleid umhüllte das junge Mädchen vom Hals bis zu den zierlichen Füßen, aber das Schnürleibchen saß so fest am Körper, als sei es dort angewachsen; der schimmernde Rock betonte nachdrücklich die winzige Taille und war doch weit genug, um ein freies Ausschreiten zu ermöglichen. Garnet verstand sich vollendet zu bewegen, in Miss Waynes Institut hatte sie genügend Gelegenheit gehabt, sich darin zu üben. Beispielsweise hatte es zu ihren täglichen Exerzitien gehört, mehrmals eine schmale Wendeltreppe hinauf- und hinabzuschreiten und dabei ein Buch auf dem Kopf zu balancieren.

Garnet erfreute sich einer ausgezeichneten Gesundheit, sie sprühte vor Frische und Lebenskraft und nahm großes Interesse an allen Dingen des Lebens. Ihre Wissbegierde war außerordentlich, sie hätte am liebsten alles gewusst. Der größte Vorwurf, den sie der Welt zu machen hatte, war der, dass sie ihr zu wenig Chancen bot, ihre Geheimnisse kennenzulernen. Freilich hütete sie sich, Wünsche dieser Art laut werden zu lassen. Eine der wichtigsten Erkenntnisse ihrer Erziehungsjahre war, dass niemand Wert darauf legte, die Meinung einer jungen Dame zu irgendeiner Sache kennenzulernen.

Die Wohnung von Garnets Eltern befand sich am Union Square in der City von New York. Die Häuser gruppierten sich hier rund um einen Park, in welchem zur Sommerszeit ein Springbrunnen sein Wasser versprühte, in dem Kinder mit Reifen spielten und Damen und Herren auf sauber gepflegten Kieswegen promenierten. Den Union Square umgab jederzeit eine Aura vornehmer Geborgenheit, sowohl im Sommer, wenn das Grün der Bäume und Büsche in der Sonne leuchtete, als im Winter, wenn die kahlen Zweige vor dem grauen Himmel standen und der Feuerschein der Kamine die Fenster erglühen ließ. Eine ruhige, angenehme Gegend, von ruhigen, angenehmen Leuten bewohnt.

Garnets Vater, Mr. Horace Cameron, war Vizepräsident einer Bank in der Wall Street; ihre Mutter war eine charmante Frau, die das Leben im Allgemeinen ganz annehmbar fand und ohne Weiteres voraussetzte, dass es so bleiben würde. Garnets jüngere Brüder, Horace jun. und Malcolm, besuchten die Elementarschule, deren Aufgabe es war, die Jungen für das Columbia College vorzubereiten. Die Camerons waren eine ruhige, angenehme Familie wie alle Familien in dieser Gegend; alle ihre Mitglieder waren gut erzogen und wussten sich gut zu benehmen. Als Garnet ihre drei Institutsmedaillen vorzeigte und einen vorschriftsmäßigen Knicks machte, versicherten die Freundinnen ihrer Mutter, dass sie das Idealbild einer gut erzogenen jungen Dame verkörpere, vielmehr, dass sie nahe daran sei, es zu verkörpern; leider werde der Eindruck der Vollendung durch die intensive Kontrastierung von Rot und Schwarz in ihrem Gesicht empfindlich beeinträchtigt. Wirklich, es sei ein Jammer, dass ihr Teint nicht zarter und vornehmer sei. Nichtsdestoweniger sei sie ein nettes und reizvolles Mädchen und werde zweifellos eine gute Partie machen.

Als Garnet am Abend ihrer Heimkehr aus Miss Waynes Institut ihre drei Medaillen in eine Schublade ihrer Kommode legte, stieß sie unwillkürlich einen Seufzer der Erleichterung aus. Die Schulzeit lag hinter, das Leben lag vor ihr. In einigen Wochen, sobald die notwendigsten Einkäufe getätigt waren, würde sie mit der Mutter nach Rockaway Beach fahren, um dort ihre Ferien zu verbringen. Sie würden in einem eleganten Hotel wohnen, würden zahllose interessante Bekanntschaften machen und sie würde nicht mehr an Miss Wayne und ihre Ermahnungen denken müssen. Sie war eine erwachsene junge Dame und hatte ein Recht darauf, aufregende Dinge zu erleben.

Aber zunächst geschah gar nichts, weder in Rockaway Beach noch, nach ihrer Rückkehr, in New York.

Allerdings erhielt sie zwei Heiratsanträge, die sie ohne lange Überlegung zurückwies. Der Erste kam von einem jungen Herrn, den sie in Rockaway Beach kennengelernt hatte. Er entstammte einer guten Familie, aber Garnet fand ihn so dumm, dass sie meinte, man würde gut daran tun, ihn einzusperren. Natürlich sagte sie das nicht; ihre Mutter hatte sie gelehrt, wie man einen unerwünschten Antrag ablehnte. Der junge Herr nahm den Eindruck mit, Garnet werde sich zeit ihres Lebens seiner mit Sehnsucht erinnern.

Den zweiten Antrag erhielt sie im September von Henry Trellen, einem reichen jungen Mann, der als einziger Sohn seiner Eltern ein bedeutendes Vermögen zu erwarten hatte. Sein Vater lebte nicht mehr, er selbst bewohnte mit seiner Mutter ein großes dunkles Haus in der Bleecker Street. Das Haus erinnerte Garnet an ein Mausoleum, und Henrys Mutter gemahnte sie an den Marmorengel eines Grabmonuments. Der junge Herr selbst langweilte sie bis zum Gähnen. Sie war sicher, dass sie sich nach einer Heirat mit ihm für den Rest ihres Lebens wie auf einem Friedhof eingesperrt vorkommen würde. Auch das sagte sie nicht. Sie sagte, dass sie ihr Herz sorgfältig geprüft habe und zu der Überzeugung gekommen sei, Henry Trellen nicht zu lieben.

Die Camerons hätten die Verbindung gern gesehen; da Garnet indessen mit einer solchen Entschiedenheit ablehnte, bestanden sie nicht darauf. Sie hatten sich selbst aus Liebe geheiratet und hegten den Wunsch, dass ihrer Tochter ein gleiches Glück widerfahren möchte. Garnet hatte viel Zeit, und ihre Mutter sorgte dafür, dass sie Gelegenheit erhielt, junge Herren ihrer Kreise kennenzulernen.

Garnet liebte ihre Eltern. Es waren liebenswerte Menschen, und sie war ihnen herzlich zugetan und durchaus geneigt, ihnen Freude zu machen. Aber sie verabscheute die jungen Herren, die sie ihr zur Auswahl präsentierten. Es waren dies nicht selten hübsche und nette Jungen, immer vermögend und zuweilen reich, aber ausnahmslos zum Sterben langweilig. Sie glänzten mit ihren guten Manieren und benahmen sich so, als seien junge Damen keine ernst zu nehmenden Menschen. Sobald man sie reden hörte, erhob sich ganz von selbst eine Nebelwand, die Männer und Frauen in zwei Welten schied; jeder natürliche Zugang von der einen zur anderen Welt erschien von vornherein hoffnungslos versperrt. Garnet ließ sich die Schmeicheleien ihrer Anbeter gefallen, tanzte mit diesem und flirtete mit jenem und verstand beides recht gut, aber es war nicht die Spur Aufregung dabei. Es gefiel ihr gar nicht und widersprach durchaus ihrem Charakter, etwas zu sagen und das Gegenteil zu meinen; ihr Wesen war so natürlich wie ein Regenschauer im Frühling. Sie beobachtete die anderen jungen Damen der Gesellschaft, sah sie flüstern und raunen, tuscheln und geheimnisvoll mit den Lidern zucken, und fand sie albern und dumm. Das alles konnte sie auch, wenn sie wollte, aber sie tat es nicht gern, ihr Herz blieb dabei völlig unbeteiligt; dieser ganze Betrieb ermüdete sie.

Ein Mädchen musste wohl Verehrer und Liebhaber haben, die Welt war nun einmal so eingerichtet, aber Garnet fand, es müsse doch eigentlich irgendwo auf der Welt einen jungen Mann geben, der in ihr einen vernünftigen Menschen sehen und auch so mit ihr reden würde. Eigentlich müsste es, fand sie, sogar in New York so einen Menschen geben.

Garnet hatte ihr ganzes Leben bis auf die Institutsjahre in New York zugebracht, aber sie wusste nicht viel von dieser Stadt. Das wurde ihr oft bewusst in diesem Herbst, wenn sie am Fenster stand und die Bäume auf dem Union Square betrachtete, deren Zweige im Oktoberwind knarrten. New York – eine so große und fröhliche, eine so heitere und aufregende Stadt – und sie hatte so wenig davon. Da gab es so viele Straßen und Plätze, die zu betreten ihr nicht erlaubt war, von denen sie gehört, die sie aber nie betreten hatte.

New York wuchs wie ein Weinstock in der Morgensonne. Die Stadt zählte jetzt, im Herbst 1844, nahezu vierhunderttausend Einwohner, noch vor zehn Jahren waren es nur dreihunderttausend gewesen. Eine direkte Eisenbahnlinie führte nach Philadelphia, eine andere nach White Plains; es gab Fährboote, die alle fünf Minuten nach Brooklyn fuhren, und Dampfwagen nach Harlem, die alle fünfzehn Minuten das City Hall Depot verließen. Prächtig ausgestattete Volksbäder gab es, in denen man für fünfundzwanzig Cents unter einer Brause stehen oder in einer marmornen Badewanne liegen konnte. Bei Castle Garden, gegenüber der Brücke von Battery, waren zwei Schwimmbassins, eins für Damen und eins für Herren. In den Parks sprudelten Springbrunnen, und auf den Straßen gab es Feuerhydranten,...



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