E-Book, Deutsch, 456 Seiten
Reihe: beHEARTBEAT
Bristow Tiefer Süden
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7325-2773-1
Verlag: beHEARTBEAT
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 456 Seiten
Reihe: beHEARTBEAT
ISBN: 978-3-7325-2773-1
Verlag: beHEARTBEAT
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der erste Teil der Louisiana- Trilogie beginnt mit dem Schicksal von Judith Sheramy und Philip Larne im Jahre 1772. Judiths Vater wurde für seine Verdienste im Kolonialkrieg ein Stück Land im 'tiefen Süden', in Louisiana, zugeteilt und die Sheramys wollen hier ein neues Leben beginnen. Auf der Überfahrt trifft Judith auf Philip Larne, einen jungen Abenteurer aus Süd- Carolina und verliebt sich in ihn. Gegen den Willen ihrer Eltern heiratet Judith den jungen Mann und folgt ihm als seine Frau auf eine Indigopflanzung. Für beide beginnt nun der Kampf gegen die Natur, das unerbittliche Tropenklima und die Armut. In unmittelbarer Nachbarschaft hingegen bauen sich Judiths Eltern und ihr Bruder Caleb ihr Gut Silberwald auf und bringen es zu Wohlstand und Ruhm. Fortan kreuzen sich die Wege der beiden Familien stetig und die gesellschaftliche Kluft wird immer größer ...
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1.
Die späte Abendsonne warf seidigen Glanz auf die Wellen des Flusses. Am Ufer drangen ihre Strahlen wie goldne Speere durch die Zweige der immergrünen Eichen, und in dem lang herabhängenden graugrünen Spanischen Moos raunte der Wind wie ein leiser Unterton zu den lauten Rufen der Bootsleute.
Während die Männer das Flachboot festmachten, lehnte Judith sich über den Seitenrand und wusch einige Tücher und ein Paar braungelber Nankinghosen ihres Vaters aus. Es war schwer, Kleider im Fluss zu säubern. Wie eifrig man auch reiben mochte, immer hatten sie einen gelblichen Schein, wenn sie getrocknet waren. Welche Erleichterung würde es doch sein, wenn diese lange Reise endlich vorüber wäre und sie sich wieder wie zivilisierte Menschen angesiedelt hätten. Wie wundervoll würde es sein, wieder einen Brunnen mit klarem Wasser und einen großen Herd zum Kochen zu haben!
Die Männer banden das Boot mit Stricken an einem Baum fest, und Judiths Bruder machte sich daran, ein Feuer am Ufer zu entzünden. Ihr Vater schickte die Leute dann fort, um nach Wild Ausschau zu halten.
Das Boot tanzte in der Strömung leicht auf und ab. Judith breitete die Tücher und die Hose auf dem Deck aus, damit sie trocknen sollten, und machte sich selbst zum Abendessen fertig. Sie kämmte das Haar durch, das goldbraun und widerspenstig war wie der Strom, und nachdem sie die Zöpfe aufgesteckt hatte, band sie ein frisches Tuch um die Schultern. Ihre Mutter war schon mit dem Dreifuß an Land gegangen. Judith nahm die Kochtöpfe und folgte ihr.
Die Männer hatten gedörrten Mais, Bohnen und in Streifen geschnittenes getrocknetes Wild ans Ufer gebracht. Judith mischte Mais und Bohnen und schüttete Wasser dazu. Als sie den Topf auf den Dreifuß stellte, hörte sie vom Fluss her eine Stimme.
»Guten Abend, meine Reisegefährten!«
Sie erschrak ein wenig und schaute auf. Ein anderes Flachboot näherte sich der Biegung, und während die fremden Bootsleute es die Strömung hinunterstießen, winkte der Eigentümer nach dem Ufer. Er war groß und breitschultrig. Die Sonne hatte sein frisches Gesicht gebräunt bis auf eine Stelle, an der eine Narbe wie eine schmale weiße Linie über seine linke Wange lief. Er trug einen Rock aus weinroter Atlasseide und Silberschnallen an den Knien und den Schuhen, und seine seidenen Strümpfe schimmerten im Sonnenlicht. Judith starrte ihn verwundert an. Sie hatten während ihrer Fahrt den Mississippi herunter andere Siedler getroffen, aber noch keinen, der in so vornehmer Kleidung reiste wie dieser Mann.
»Guten Abend!«, rief Judiths Vater vom Ufer zurück und verbeugte sich höflich, aber ein wenig nachlässig. Allem Anschein nach hielt er nicht viel von einem Mann, der in so herausfordernd eleganter Aufmachung in die Wildnis hinauszog.
Der Fremde kam darüber nicht in Verlegenheit. Er grinste nur. Sein langes Haar, das mit einem schwarzen Seidenband zurückgehalten wurde, leuchtete in der Sonne rotgolden auf.
»Wollen Sie sich in Louisiana niederlassen?«, rief er.
»Ja.«
»Gut. Ich auch. Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle. Philip Larne zu Ihren Diensten.«
»Meine Empfehlungen, Mr. Larne. Mein Name ist Mark Sheramy. Dies sind meine Frau, mein Sohn Caleb und meine Tochter Judith.«
»Darf ich Ihnen allen meine Hochachtung ausdrücken? Ich nehme an, dass wir uns wiedertreffen werden.«
Mark Sheramy verneigte sich wieder. Der junge Mr. Larne berührte die Stirn, als ob er den Hut abnehmen wollte, aber da er keinen trug, machte die Bewegung den Eindruck, als ob er die anderen freundlich entließe. Sein Flachboot hatte die Biegung des Stromes erreicht, wo ein Dickicht von Schilf weit ins Wasser vorsprang. Mr. Larne sah jetzt Judith an und lächelte. Sein Blick wich nicht von ihr, bis sein Boot hinter dem Gestrüpp am Ufer verschwand.
Judith fühlte, dass ihr ein Schauer über den Rücken lief. Unruhig sah sie zu ihren Eltern hinüber, ob sie diese unverfrorene Aufmerksamkeit beobachtet hätten. Aber ihr Vater legte Holzscheite aufs Feuer, und ihre Mutter war eifrig damit beschäftigt, die Waldhühner zu rupfen und vorzubereiten, die von den Bootsleuten im Walde geschossen worden waren. Judith holte einen Topf Wasser und fragte sich, ob Mr. Larne sie wohl so angesehen hatte, weil er sie für schön hielt.
Sie war fünfzehn und alt genug, um hübsch aussehen zu wollen. Aber ihr Vater sagte, sie wäre noch zu jung, als dass sie Schmuck tragen könnte, und da sie niemals einen Spiegel gesehen hatte, der größer war als eine Hand, konnte sie sich kaum ein Urteil über ihre äußere Erscheinung bilden. Sie wusste, dass ihre Augen eine bräunlich goldene Farbe hatten wie ihr Haar und dass ihre Haut rein, wenn auch zu stark von der Sonne gebräunt war. Wenn sie aber auf ihr graues Baumwollkleid und das einfache Schultertuch sah, wollte sie kaum glauben, dass ein vornehmer Herr in Seide und Silber sie bewundernd anschauen könnte. Missbilligend betrachtete sie die nussbraunen Anzüge, die Caleb und ihr Vater trugen. Daheim in Connecticut hatten sie sehr ordentlich und sauber ausgesehen. Aber zu Hause kleideten sich alle anständigen Farmer in dieser Art und machten nur eine Ausnahme, wenn sie zu einer Versammlung oder an Feiertagen zum Markt ritten. Woher mochte Mr. Larne nur kommen?
»Mutter«, sagte sie plötzlich.
Mrs. Sheramy sah von ihren Waldhühnern auf. »Ja, mein Kind?«
»Dieser Mr. Larne reist – so ganz allein. Vielleicht hat er uns nur angesprochen, weil er sich einsam fühlt. Er hat sein Boot an der anderen Seite des Dickichts am Ufer festgemacht. Wäre es nicht nett, wenn wir ihn zum Abendessen einladen würden?«
»Ja – vielleicht«, erwiderte Mrs. Sheramy nach kurzem Zögern. Dann wandte sie sich an ihren Mann. »Wie denkst du darüber, Mark?«
Er lehnte sich auf sein Gewehr.
»Ich weiß nicht recht«, entgegnete er langsam. »Mir kommt es nicht so vor, als ob er gute Gesellschaft für uns wäre.«
»Aber Vater!«, rief Judith. »Er sieht doch wie ein Lord aus!«
Mark lächelte leicht. »Eher wie ein eleganter Taugenichts! Ich kenne diese Art Menschen. Die treiben sich in den Kolonien herum und machen sparsamen Leuten wie uns, die sich ein neues Heim gründen wollen und in der Furcht Gottes leben, nur Unannehmlichkeiten.«
Judith steckte den Löffel in das Gericht aus Bohnen und Mais. »Es ist wirklich unchristlich von dir, dass du so schlecht über einen Mann denkst, nur weil er fein angezogen ist.«
»Judith!«, sagte ihr Vater.
»Es tut mir leid.« Sie biss sich auf die Lippe, aber dann war sie freudig erstaunt, als sie hörte, was ihre Mutter sprach.
»Immerhin, Mark, wenn der arme Mann den ganzen Fluss herunter nur die Kost dieser rauen Bootsleute gehabt hat, muss er sich nach einer Mahlzeit sehnen, die eine Frau zubereitet hat. Warum sollen wir ihn nicht zum Essen einladen?«
Mark zuckte die Schultern.
»Nun gut. Geh hinüber, Judith, und lade ihn ein.«
»Jawohl, Vater.« Sie machte sich sofort auf und bahnte sich einen Weg durch das Schilfrohr. Die Sonne stand schon tief, aber als Judith die Halme beiseitebog, glänzten sie noch schwach in den letzten Strahlen auf. Jenseits des Dickichts blieb das Mädchen stehen. Plötzlich wurde sie ängstlich und scheu. Philip Larne saß auf einer gebogenen Baumwurzel. Er hatte das Gewehr quer über die Knie gelegt und hielt nach Wildenten Ausschau, während seine Bootsleute ein Feuer anzündeten. Judith hatte das Gefühl, dass sie die Zunge nicht mehr bewegen konnte. Dieser Mann gehörte einer Welt an, die sie nicht kannte, und ihn zum Abendessen einzuladen, erschien ihr wie ein großes Kunststück. Dazu musste man die Gewandtheit besitzen, die man sich nur bei Hofe oder im Ballsaal aneignen konnte. Sie hätte sich lautlos wieder fortgestohlen, wenn er sie nicht gerade in dem Augenblick bemerkt hätte. Sofort sprang er auf und lehnte sein Gewehr gegen einen Baum.
»Oh, die entzückende junge Dame, die ich eben kennengelernt habe!«, begrüßte er sie.
Dann trat er näher und küsste ihr die Hand. Das hatte vorher noch niemand getan. Verwirrt und verlegen machte sie einen Knicks.
»Ich – ich bitte Sie um Verzeihung, aber meine Mutter – meine Mutter schickt ihre besten Empfehlungen – und möchte wissen, ob Sie heute mit uns zu Abend essen wollen.«
Philip Larnes blaue Augen musterten sie von oben bis unten, und obwohl er liebenswürdig antwortete, spielte doch ein belustigtes Lächeln um seine Lippen.
»Ich fühle mich sehr geehrt, Madame.«
»Dann – dann wollen Sie also kommen, Mr. Larne?«, fragte sie befangen, während sie langsam nach dem Dickicht zurückging.
Er lachte. »Warten Sie doch einen Augenblick!«, rief er und fasste sie am Arm, damit sie nicht fortlaufen konnte. »Sie zittern ja, Miss Sheramy! Halten Sie mich denn für einen Indianer, der Ihnen den Skalp rauben will?«
»Nein – natürlich nicht – aber –« Sie zögerte. Er sprach jedoch so herzlich und freundlich, dass sie auch lachte, bevor sie es selbst wusste. »Ich bin nicht sehr an Fremde gewöhnt«, gestand sie.
»Dann ist es aber hohe Zeit, dass sich das ändert. Sie ziehen doch in ein ganz neues Land! Kommen Sie her, setzen Sie sich und plaudern Sie ein wenig mit mir.«
Judith trat einen Schritt zurück. »Aber ich dachte, Sie wollten mit mir kommen!«
»Das würde ich zu gerne tun. Aber –« Die letzten Sonnenstrahlen fielen auf seine rotseidenen Schultern, während er sich umwandte und einen Blick nach dem Fluss warf, wo sein Boot angebunden war. Es war größer...




