Bromfield | Der große Regen | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 608 Seiten

Bromfield Der große Regen

Roman
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-293-30495-6
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 608 Seiten

ISBN: 978-3-293-30495-6
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der alte Maharadscha in der indischen Provinz Ranchipur weiß, dass auf seine Untertanen Hunger und Tod warten, wenn der Regen ausbleibt. So erträgt er die langen Wochen des Wartens in brennender Hitze, solange er sein Volk nicht sicher weiß vor der Katastrophe. Auch Tom Ransome, der verwöhnte Intellektuelle aus der westlichen Welt, wartet auf das Naturereignis, um es zu malen. Den indischen Arzt Dr. Safka lässt seine Berufs- und Menschenpflicht ausharren. Was aber treibt Lady Heston aus England nach Ranchipur? Dann kommt taifunartig der Regen. Die Macht des Monsuns bringt nicht nur ein Gesellschaftssystem ins Wanken, sie bietet auch eine Chance für die Liebe - über sämtliche Klassenschranken hinweg.

Louis Bromfield, geboren 1896 in Mansfield (Ohio), verbrachte den Ersten Weltkrieg als Journalist in Frankreich. Nach dem Krieg ließ er sich in New York nieder, wo er mit dem Schreiben begann. Für seinen Roman Früher Herbst, der dritte Band einer Tetralogie, erhielt er 1926 den Pulitzer-Preis. Sein bekanntester Roman Der große Regen wurde zweimal verfilmt. Louis Bromfield starb 1956 in Columbus (Ohio).
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1 


Dies war Ransome die liebste Stunde des Tages. Brandy trinkend saß er um Sonnenuntergang auf seiner Veranda. Einen Augenblick war das grau-gelbe, von scharlachfarbenen Schlingpflanzen umwucherte Haus, waren die Banyanbäume ringsum von der Zauberfülle goldenen Lichts überflutet. Dann versank die Sonne in jähem Sturz hinter dem Horizont, und das weite Land lag in Finsternis. Es war ein magischer Anblick, doch ewig fremd seiner nordischen Seele, welcher die langen, blauen, gedämpften Dämmerungen Nordenglands vertraut und verwandt waren.

In dieser Stunde war ihm, als stehe die Welt mit einem Mal still, eine Sekunde ganz still, und stürze dann in den Abgrund der ewigen Dunkelheit. Ein Anflug archaischer Ängste überkam Ransome bei diesen indischen Sonnenuntergängen.

Doch hier in Ranchipur gab es um diese Zeit noch anderes als die Schönheit des goldenen Lichts. Die Luft wurde starrer und schwerer von Düften brennenden Holzes, von Jasmin, Ringelblume, Dung und gelblichem Staub, den das Vieh aufwirbelte, das des Abends von der versengten Weide bei der Rennbahn jenseits der Straße in die Ställe getrieben wurde, und man vernahm von den ausgedörrten Ufern des Stromes hinter dem Tierpark des Maharadschas gedämpfter Trommeln Klang und hörte die Schakale schreien, welche am Dschungelrand, die gelben Leiber feige geduckt, den Einbruch der Nacht erwarteten, um unter ihrem Schutz in der Niederung aufzuspüren, was am Tage verendet war.

Ihnen folgen bei Morgengrauen die Geier. Sie steigen aus ihren Höhlen und von den kotigen Dornbäumen auf und gieren nach dem toten Getier der vergangenen Nacht …

Um diese Stunde erklang hauchzart die Melodie einer Flöte. Die blies »Johannes der Täufer«, am Gittertor hockend, der Abendkühle zum Willkomm.

»Johannes der Täufer« saß unter einem riesigen, üppig wuchernden Banyan, der Jahr um Jahr seine Zweige bis auf die Erde senkte, dass sie sich in den Boden fraßen, Wurzeln schlugen und wieder ein paar Quadratfuß des Gartens eroberten. Weiter im Norden bei Peschawar stand ein noch größerer Banyan, der ganze Morgen Landes bedeckte, ein einziger Baum und zugleich ein Wald! – Wenn unser Erdball lang genug lebt, dachte Ransome, kann der Baum völlig von ihm Besitz ergreifen, so wie die menschliche Bosheit und Dummheit, kann langsam, beharrlich Zweig um Zweig vorwärts treiben mit der ganzen Lebensgier und Widerstandskraft Indiens.

Selbst Schakale und Geier mussten, ihr Leben zu fristen, sich zeitig aufmachen und sich ohne Unterschied auf menschliche Leichen und das Aas von Affen, heiligen Kühen und Paria-Hunden stürzen. Wer da in erster Morgenfrühe aus der Stadt ins Freie hinausritt, sah rings in der braunen Weite in kleinen, sich in Kämpfen windenden dunklen Klumpen das Leben, wie es den Tod verschlang. Das waren Geier. Ritt er nur eine halbe Stunde später hinaus, so waren sie weg, und an derselben Stelle lagen nur weiße Häuflein rein abgenagter Gebeine, der einzige Rest von dem, was gestern noch eine Kuh, ein Affe, vielleicht auch ein Mensch war.

In trägem Sinnen, das ihn bald dahin, bald dorthin führte, lauschte Ransome der schlichten Weise, die »Johannes der Täufer« flötete und selber erfunden hatte; die Melodie schien sich für westliche Ohren immerzu bis ins Unendliche zu wiederholen und dabei, wie Ransome herausfühlte, sein Inneres zu befreien – das konnte er nur mit Musik und kunstvollen Arrangements von blauen Lilien und Ringelblumen, dem Einzigen, was zu Ende des Jahres der Garten noch darbot. Der Täufer schien keine Geliebte zu haben oder sich nur heimlich mit ihr zu treffen. Sein Leben war das seines Herrn und Meisters: des Herrn Tee beim Erwachen, des Herrn Frühstück, Mittag- und Abendessen, seine Hemden und Socken, sein Jodhpur und seine Shorts, sein Brandy und seine Zigarren. Er war Christ, ein Katholik aus Pondicherry, und sprach lieber französisch als hindustanisch oder das Gujarati der Einheimischen von Ranchipur, doch war es ein wunderliches Französisch; seine Zunge hatte es abgerundet, es weich ins Indische umgeformt; zum Gebrauch im Salon, im Modeatelier oder in der Diplomatie wäre es nicht geeignet gewesen. Sein wirklicher Name war Jean Baptiste, doch Ransome nannte ihn stets »Johannes der Täufer«; der kleine, sehr magere Diener kam ihm stets vor wie eine Miniaturausgabe jenes hageren Propheten, der sich von Heuschrecken und wildem Honig ernährte.

Im entschwindenden Licht hockte der »Täufer« mit fünf Freunden zusammen; einer davon begleitete sein Flötenspiel mit fiebrigem Trommelschlag. Alle waren von Beruf »Boy« – beim Obersten, bei Bannerjis und Major Safka, die beiden andern im Gästehaus des Maharadschas; aber wer bei wem diente, war schwer zu sagen, denn sie sahen einander unglaublich ähnlich.

Ransome auf seiner Veranda wusste: Nun würden sie noch eine Weile flöten und trommeln, und wenn sie dann aufhörten, verstummten sie aber noch lange nicht, sondern schwatzen; sie wussten ja alles, was sich in Ranchipur zuträgt. Nicht einer konnte richtig lesen; keinem fiel es auch nur im Traum ein, in eine Zeitung zu gucken, und trotzdem erfuhren sie alles, nicht nur Dinge wie Krieg, Erdbeben und andere Katastrophen aus den entferntesten Teilen der Welt, sondern auch Diebstähle, Ehebrüche, Betrugsfälle und so weiter, und zwar mit allen Einzelheiten, die weder der Presse zu Bombay, Delhi oder Kalkutta noch ihren eigenen Herren und Meistern bekannt waren. »Johannes der Täufer« diente Ransome seit dessen Ankunft in Ranchipur, kannte ihn daher in- und auswendig und brachte ihm zuweilen eine erstaunliche kleine Neuigkeit. Er servierte sie zu Tisch, in aller Bescheidenheit selbstverständlich, wie eine Schale Reis oder den Tee: Mrs Talmudes skandalöse Entführung durch Hauptmann Sergeant zum Beispiel hatte »der Täufer« schon drei Tage, bevor sie erfolgte, vorausgesagt. Daraufhin hätte Ransome den Gatten warnen und so den Skandal verhüten können; er wollte sich aber nicht einmischen, wozu? –

Die sechs Männer unter dem Banyan hörten zu spielen auf. Ransome sah die Silhouetten der Köpfe, die sie dicht zusammensteckten, im nächtlichen Licht. Doch ihr Gespräch übertönte ein furchtbares Lärmen. Über ihnen im Baum brach es plötzlich aus, eine Kakophonie aus Gekreisch und Geschnatter; durch die staubigen Wipfel der großen Mangobäume kam es dahergerast: eine förmliche Prozession von Affen, die heiligen Affen von Ranchipur, laute, schwarzgraue, stattliche, patzige Burschen, die von Urzeiten her darum wussten, dass niemand wagte, einem von ihnen ein Leid anzutun: kein Inder, denn sie hatten ja einst in der Schlacht aufseiten des göttlichen Rama gekämpft; kein Europäer, denn ein einziger Affenmord konnte den größten Aufruhr hervorrufen.

Ransome hasste die Biester und musste zugleich über sie lachen. Er hasste sie, weil ihm ihr Höllenlärm die Abendstille zerriss und sie mit Vorliebe die Blumen in seinem Garten pflückten oder in regelmäßigen Zeitabständen vom Dach des Geräteschuppens die Ziegel herunterrissen. Der »Täufer« und seine Freunde schauten nicht einmal in die Höhe. Sie waren zu sehr in ihr Gespräch vertieft. – Das Affengeschrei hatte den Bann der Abendstunde gebrochen. Ransome trank seinen Brandy aus, legte den Fächer beiseite, erhob sich, ging hinters Haus und sah nach dem Wetter …

Das große Geviert des Gartens umgab hohes, aus Flechtwerk und gelbem Lehm errichtetes Mauerwerk, das zwischen dicht rankenden Begonien und Bougainvilleen sanft gesprenkelt hervorlugte. Noch herrschte Dürre. Das Erdreich war bis in die Tiefe von der Glut einer Sonne zerbissen, die, von keiner Wolke verhüllt, Tag für Tag sengte und brannte. Da und dort zeigte sich noch eine müde Ringelblume, eine verzweifelte Stockrose; der Gärtner hat ihre Wurzeln mit Wasser befeuchtet, das er aus der Zisterne am Gartenende herbeitrug; die dünnen, aufgeschossenen Stängel waren vom Sonnenbrand gezeichnet, ausgezehrt und erschöpft. Seit Tagen, ja schon seit Wochen wartete das ganze Land, Bauern, Händler, Soldaten und Staatsminister, auf den Beginn der Regenzeit, die über Nacht mit reich flutenden Güssen Gärten, Felder und Dschungel aus einer dürren, schmorenden Wüste in eine grünende Masse verwandeln soll, üppig wuchernd, als wolle sie Mauern, Bäume und Häuser in sich hineinschlingen.

Selbst der alte Maharadscha hielt die langen Wochen der brennenden Hitze aus, wollte die Freuden von Marienbad und Paris nicht gegen Ranchipur eintauschen, ehe die Regen nicht kamen und er sein Volk vor Hungersnot sicher wusste.

Die Spannung war von Woche zu Woche gewachsen. Nicht nur die grausige Hitze riss mehr und mehr an den Nerven, auch die entsetzliche Angst vor Krankheiten und Hungersnöten, das Grauen vor diesem lodernden Sonnenball; es war unerträglich! Selbst der gute alte Maharadscha mit all seinen Kornkammern und Vorräten konnte nicht zwölf Millionen Menschen vor Elend und Tod bewahren, wenn Rama, Wischnu und Krischna sich weigerten, Regen zu spenden. Panischer Schrecken befiel das Volk; man verspürte ihn selbst in den schattigen Gärten der reichen Kaufleute und auf den Veranden der Europäer, die in der angenehmen Lage waren, sich in die Berge zurückziehen zu können.

Diese Angst war wie eine ansteckende Krankheit; auch Ransome war davon befallen, dabei hatte er es nicht einmal nötig, in Ranchipur zu verweilen. Aber das große Bangen schlug schon seit Wochen alles in Bann; man spürte es ringsumher, zuweilen glaubte man, es mit Händen greifen...


Bromfield, Louis
Louis Bromfield, geboren 1896 in Mansfield (Ohio), verbrachte den Ersten Weltkrieg als Journalist in Frankreich. Nach dem Krieg ließ er sich in New York nieder, wo er mit dem Schreiben begann. Für seinen Roman Früher Herbst, der dritte Band einer Tetralogie, erhielt er 1926 den Pulitzer-Preis. Sein bekanntester Roman Der große Regen wurde zweimal verfilmt. Louis Bromfield starb 1956 in Columbus (Ohio).



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