Brook | Mein Shakespeare | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 160 Seiten

Brook Mein Shakespeare

The Quality of Mercy
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-89581-371-9
Verlag: Alexander
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

The Quality of Mercy

E-Book, Deutsch, 160 Seiten

ISBN: 978-3-89581-371-9
Verlag: Alexander
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Brook hat Shakespeares Werke inszeniert und sein ganzes Leben lang kommentiert. In neun sehr persönlichen Essays reflektiert die Regielegende seine lebenslange Auseinandersetzung mit dem Phänomen Shakespeare und erklärt, wie Leser, Zuschauer, Schauspieler und Regisseure dem 450 Jahre alten Dramatiker begegnen können. 'Dies ist keine akademische Arbeit. Es ist eine reihe von Eindrücken, Erfahrungen und vorläufigen Schlußfolgerungen. Die Einzigartigkeit Shakespeares besteht darin, daß jede Inszenierung ihre eigenen Gestalten und Formen finden muß, die geschriebenen Worte aber nicht einfach der Vergangenheit angehören. Sie sind Quellen, die immer neue Formen hervorbringen und beleben können.' Peter Brook

Peter Brook, geb. 1925 in London, zählt zu den bekanntesten internationalen Regisseuren. Seinen Ruf begründete er mit eigenwilligen Shakespeare-Inszenierungen und radikalen Inszenierungen zeitgenössischer Bühnenstücke und Roman-Verfilmungen, u.a. von Marguerite Duras oder William Golding. Seit 1970 lebt Peter Brook in Paris, wo mit dem International Centre for Theatre Research in den Bouffes du Nord ein international besetztes Ensemble gründete, dem er bis 2008 als Künstlerischer Leiter vorstand. Brook erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Preise.
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ACH, ARMER YORICK

oder

Was wäre, wenn Shakespeare
vom Sockel fiele?

Ich war in Moskau und hielt beim Tschechow-Festival einen Vortrag über Shakespeare. Als ich fertig war, stand ein Mann auf und teilte dem Publikum mit, wobei er seine vor Wut angespannte Stimme zu zügeln versuchte, daß er aus einer der islamischen Republiken im Süden komme.

»In unserer Sprache«, sagte er, »bedeutet Shake Scheich, und Pir bedeutet weiser Mann. Für uns besteht kein Zweifel – mit den Jahren haben wir gelernt, versteckte Botschaften zu deuten. Diese ist eindeutig.«

Ich war sehr überrascht, daß niemand darauf hinwies, daß Tschechow ein Tscheche gewesen sein muß.

Seit damals ist mir immer wieder ein neuer Anspruch auf die Urheberschaft am Werk des Barden* zu Ohren gekommen. Der letzte kam aus Sizilien. Ein Wissenschaftler hatte herausgefunden, daß eine Familie vor der Inquisition von Palermo nach England geflohen war. Ihr Name war Crollolancia. Es liegt auf der Hand: crollo heißt schütteln, auf Englisch shake, und lancia ist ein Speer, spear. Einmal mehr ist der Code eindeutig.

Vor einigen Jahren bat die angesehenste der intellektuellen Zeitschriften eine Reihe von Gelehrten, der großen Frage nachzugehen: »Who wrote Shakespeare? (Wer schrieb Shakespeare?)« Aus irgendeinem Grund kamen sie auf mich zu, und ich schrieb eine sehr humorvolle Reductio ad absurdum der ganzen Theorien.

Der Herausgeber schickte sie mit der kühlen Anmerkung zurück, daß sie meinen Beitrag zwar in Auftrag gegeben hätten, es jedoch nicht möglich sei, ihn zu veröffentlichen, da er des hohen akademischen Niveaus, das sie von ihren Autoren erwarteten, unwürdig sei.

Was für sie das Faß endgültig zum Überlaufen gebracht hatte, war mein Schluß. Ich zitierte Max Beerbohm, einen hoch angesehenen englischen Humoristen des beginnenden 20. Jahrhunderts. Seine Antwort auf die verworrenen Versuche, Geheimchiffren zu finden, war der Beweis, daß Tennysons Werk von Königin Viktoria geschrieben worden war. Dafür durchsuchte er In Memoriam geduldig Zeile für Zeile, bis er eine fand, die er ausschließlich unter Verwendung derselben Buchstaben umstellen konnte. Das Ergebnis seines Anagramms war: »Alf hat das hier nicht geschrieben, sondern ich, Vic.«

Zumindest in einem Punkt stimmen wir alle überein: Shakespeare war und ist einzigartig. Er überragt alle anderen Dramatiker, die Kombination von genetischen Elementen – oder Planeten, wenn Sie möchten –, die sein Entstehen im Mutterleib lenkten, ist so verblüffend, daß sie nur einmal in mehreren Jahrtausenden auftreten kann. Man pflegte zu sagen, wenn eine Million Affen eine Million Jahre auf eine Million Schreibmaschinen einhämmerten, würden die gesammelten Werke Shakespeares erscheinen. Selbst das ist nicht sicher.

Shakespeare nimmt Bezug auf alle Aspekte des menschlichen Daseins. In wirklich jedem seiner Stücke wird das Niedrige – der Dreck, der Gestank, das Elend des gewöhnlichen Lebens – mit dem Schönen, Reinen und Erhabenen verwoben. Das zeigt sich in den Figuren, die er erschafft, ebenso wie in den Worten, die er schreibt. Wie konnte ein einziges Gehirn ein so breites Spektrum umfassen? Lange Zeit genügte diese Frage, um einen Mann des Volkes auszuschließen. Nur jemand von adliger Herkunft und mit höherer Bildung konnte diese Stufe erreichen. Selbst der klügste Gymnasiast vom Land, und sei er noch so begabt, könnte nie über so viele Erfahrungsebenen springen.

Das wäre einleuchtend, wenn nicht sein Gehirn einzigartig gewesen wäre.

Als wir für ein Stück, L’Homme qui*, über das Gehirn forschten, begegnete ich vielen Phänomenen. Nur ein Aspekt war die erstaunliche Fähigkeit vieler Gedächtniskünstler. Ein typisches Beispiel war ein Taxifahrer aus Liverpool, der die komplette räumliche Anordnung jedes Hotelzimmers in Liverpool in anschaulichen Details im Kopf hatte. Wenn er Kunden vom Flughafen abholte, konnte er ihnen daher raten: »Nein, Zimmer 204 ist nichts für Sie. Das Bett steht zu nah am Fenster. Lassen Sie sich 319 zeigen. Oder noch besser, gehen Sie ins ›Liverpool Arms‹ und fragen Sie nach Zimmer 5. Das ist genau das, was Sie suchen.« Ein so erstaunliches Erinnerungsvermögen ist nicht das Resultat höherer Bildung und reicht für sich genommen nicht aus, um Shakespeares Werk zu schreiben. Aber er muß eine außergewöhnliche Fähigkeit gehabt haben, um jede Art von Eindruck aufzunehmen und sich in Erinnerung zu rufen. Ein Dichter nimmt alles auf, was er erlebt, und das gilt erst recht für einen genialen Dichter. Er filtert es und hat die einzigartige Fähigkeit, scheinbar völlig unzusammenhängende oder widersprüchliche Eindrücke miteinander in Verbindung zu bringen.

Heutzutage wird das Wort »Genie« sehr selten benutzt. Aber wenn man über Shakespeare spricht, muß man von der Erkenntnis ausgehen, daß dies ein Fall von Genialität ist, und der ganze altmodische Standesdünkel ist wie weggefegt. Ein Genie kann aus den bescheidensten Verhältnissen hervorgehen. Wenn wir das Leben der Heiligen betrachten, waren die meisten, im Gegensatz zu Kardinälen und Theologen, von ganz gewöhnlicher Herkunft. Das trifft vor allem auf Jesus zu. Niemand bezweifelt, daß Leonardo wirklich Leonardo da Vinci war, auch wenn er ein uneheliches Kind aus einem italienischen Dorf war. Warum also behaupten, daß Shakespeare ein Bauerntölpel war? Das Bildungsniveau war zu Zeiten von Königin Elisabeth I. bemerkenswert hoch. Es war gesetzlich festgelegt, daß kein Junge vom Lande über weniger klassische Bildung verfügen sollte als die Söhne des Adels. In der Satzung der Schule in Stratford stand: »Alle Kinder sollen unterrichtet werden, mögen ihre Eltern auch noch so arm und die Jungen noch so unbegabt sein.« Wir können das Vergnügen erkennen, mit dem sich Shakespeare über Lehrer lustig machte. Klassisches Wissen ebenso wie die Überheblichkeit der Pedanten, alles füllte den riesigen Speicher seines Gehirns.

Gewissenhafte und fleißige Wissenschaftler haben eine gewaltige Forschungsarbeit betrieben. Allen voran hat James Shapiro ausgezeichnete Arbeit geleistet und das Lebensgefühl und den Zeitgeist jener Epoche lebendig werden lassen. Seine detaillierten Nachforschungen sind so überzeugend, daß ausnahmsweise einmal Theorien durch lebendige Erfahrung ersetzt werden. So können wir uns den jungen Mann vom Lande an seinen ersten Tagen in London vorstellen, wie er durch die lauten, geschäftigen Straßen läuft, in den Wirtshäusern sitzt und in Bordelle späht, Augen und Ohren weit offen, um Geschichten von Reisenden, Gerüchte über Palastintrigen, religiöse Streitigkeiten, elegante Schlagfertigkeit und gewalttätige Obszönitäten aufzusaugen. Angesichts seiner einzigartigen Wißbegierde und großen Aufnahmefähigkeit hätte ihm ein einziger Tag – oder, wenn Sie wollen, eine Woche – mehr als genug soziales, politisches, intellektuelles Material für einen ganzen Stückekanon geliefert. Und tatsächlich lebte er Jahr für Jahr mit diesem riesigen Meer von Informationen, das den ungeformten Geschichten, die in seinem Kopf herumwirbelten, Nahrung gab. So verwundert es nicht, daß er nach außen hin als stiller Mensch wahrgenommen wurde!

Jeder Hochschuldozent kennt die Aufregung, die die Welt der Wissenschaft ergreift, wenn ein Plagiatsvorwurf aufkommt. Es ist wirklich seltsam, daß das nie dazu geführt hat, den wichtigsten, entscheidendsten Faktor der ganzen Geschichte von Shakespeare zu bedenken, daß nämlich seine Welt das Theater war. Theater ist eine Gemeinschaft, und nur mit dem Leben, das er Tag für Tag lebte, kann jede ernsthafte Untersuchung beginnen.

Wer war dieser Mann, der auf der Bühne stand, zusammen mit anderen probte, stundenlang in den Wirtshäusern saß und mit jedermann ins Gespräch kam, ohne daß irgendeiner ihn verdächtigte, ein Schwindler zu sein? Ein Schauspieler sagt zu einem Autor: »Kannst du diese Zeile nicht ändern?« oder »Der Teil scheint ein bißchen lang, könnten wir ihn nicht kürzen?« oder »Ich habe nicht genug Zeit für den Kostümwechsel, könntest du nicht einen Monolog oder eine kleine Szene auf der Vorbühne schreiben?«

Stellen Sie sich vor, ein falscher Shakespeare gerät in Bedrängnis. Er muß etwas umschreiben und eine neue Szene hinzufügen. Er überlegt eine Weile und rechnet aus, wie lange es für einen Mann zu Pferd dauern würde, vielleicht nach Oxford oder York zu reiten, zu warten, bis ihm der geheime Dichter seine Papiere gibt, und dann zurückzukommen. Shakespeare müßte jedes Mal hin- und herüberlegen und dann sagen: »Dafür brauche ich fünf Tage.« Und niemand hat das je angesprochen, obwohl es Jahr für Jahr so gelaufen sein muß. Niemand schöpfte Verdacht unter all diesen gehässigen und neidischen Rivalen? Tut...


Peter Brook, geb. 1925 in London, zählt zu den bekanntesten internationalen Regisseuren. Seinen Ruf begründete er mit eigenwilligen Shakespeare-Inszenierungen und radikalen Inszenierungen zeitgenössischer Bühnenstücke und Roman-Verfilmungen, u.a. von Marguerite Duras oder William Golding. Seit 1970 lebt Peter Brook in Paris, wo mit dem International Centre for Theatre Research in den Bouffes du Nord ein international besetztes Ensemble gründete, dem er bis 2008 als Künstlerischer Leiter vorstand. Brook erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Preise.



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