E-Book, Deutsch, 544 Seiten
Brown Blindes Vertrauen
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-641-10039-1
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 544 Seiten
ISBN: 978-3-641-10039-1
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Es ist finstere, undurchdringliche Nacht. Ein Baby hört plötzlich auf zu atmen - das Baby des Präsidentenehepaares der USA. Monate später stößt die junge Reporterin Barrie Travis auf Unstimmigkeiten in dem Fall, und ihre Recherchen führen in einen Sumpf von dunklen Machenschaften.
Ein ehemaliger enger Berater des Präsidenten wurde vor einem Jahr entlassen. Man munkelt, er hatte eine Affäre mit der First Lady...
Sandra Brown arbeitete als Schauspielerin und TV-Journalistin, bevor sie mit ihrem Roman »Trügerischer Spiegel«auf Anhieb einen großen Erfolg landete. Inzwischen ist sie eine der erfolgreichsten internationalen Autorinnen, die mit jedem ihrer Bücher die Spitzenplätze der »New York Times«-Bestsellerliste erreicht! Ihr endgültiger Durchbruch als Thrillerautorin gelang Sandra Brown mit dem Roman »Die Zeugin«, der auch in Deutschland zum Bestseller wurde. Seither konnte sie mit vielen weiteren Romanen ihre Leser und Leserinnen weltweit begeistern. Sandra Brown lebt mit ihrer Familie abwechselnd in Texas und South Carolina.
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1. Kapitel
»Gut sehen Sie aus, Mrs. Merritt.«
»Ich sehe einfach furchtbar aus.«
Vanessa Merritt sah wirklich furchtbar aus, aber Barrie war es peinlich, bei einem unaufrichtigen Kompliment ertappt worden zu sein. Sie versuchte, elegant darüber hinwegzugehen. »Nach allem, was Sie durchgemacht haben, ist es ganz normal, daß Sie etwas mitgenommen aussehen. Die meisten Frauen – mich eingerechnet, besonders mich – wären glücklich, so auszusehen wie Sie, wenn sie sich mies fühlen.«
»Danke.« Vanessa Merritt rührte lustlos ihren Cappuccino um. Könnten Nerven Geräusche von sich geben, hätten ihre geklappert wie der Kaffeelöffel, den sie nun mit zitternden Fingern auf die Untertasse zurücklegte. »Mein Gott, für eine einzige Zigarette würde ich mich von Ihnen mit glühenden Zangen malträtieren lassen.«
Da sie jedenfalls nie in der Öffentlichkeit geraucht hatte, war Barrie überrascht, daß sie sich als Raucherin zu erkennen gab. Andererseits könnte eine Nikotinabhängigkeit ihre nervöse Unruhe erklären.
Ihre Hände hielten keine Sekunde still. Sie schlang ihre Perlenkette um einen Finger, spielte mit den geschmackvollen Brillantsteckern in ihren Ohrläppchen und rückte mehrmals die Ray-Ban-Sonnenbrille zurecht, die die dunklen Ringe um die verschwollenen Augen nicht ganz verbergen konnte.
Vor allem diese bemerkenswerten Augen hatten bisher zu ihrer Schönheit beigetragen. Heute sprachen aus ihren strahlend babyblauen Augen nur Schmerz und Enttäuschung. Sie wirkten wie die Augen eines Engels, der gerade einen ersten grauenerregenden Blick in die Hölle geworfen hat.
»Ich habe gerade keine Zange bei mir«, antwortete Barrie. »Aber wie wär’s hiermit?« Sie kramte eine unangebrochene Packung Zigaretten aus ihrer großen ledernen Umhängetasche und schob sie über den Tisch.
Für Mrs. Merritt war die Versuchung offenbar groß. Ihr gequälter Blick glitt nervös über die Terrasse des Restaurants. Es war nur ein einziger weiterer Tisch besetzt – dort saßen mehrere Männer –, und im Hintergrund hielt sich nur ein beflissener Ober auf. Trotzdem schob sie die Zigaretten zurück. »Danke, lieber nicht. Aber rauchen Sie ruhig.«
»Ich rauche nicht. Zigaretten habe ich nur für den Fall in der Tasche, daß ich einen Interviewpartner entkrampfen muß.«
»Bevor Sie ihm den Todesstoß versetzen.«
Barrie lachte. »Ich wollte, ich wäre so gefährlich.«
»Tatsächlich liegen Ihnen eher die Reportagen, die voll aus dem Leben gegriffen sind.«
Sie war angenehm überrascht, daß Mrs. Merritt ihre Arbeiten kannte. »Oh, danke!«
»Einige Ihrer Reportagen waren wirklich außergewöhnlich. Zum Beispiel die über den Aids-Kranken. Und die über eine obdachlose alleinerziehende Mutter von vier Kindern.«
»Sie wurde für einen Branchenpreis nominiert.« Barrie hielt es für überflüssig zu erwähnen, daß sie ihre Reportage selbst eingereicht hatte.
»Sie hat mich zum Weinen gebracht«, sagte Mrs. Merritt.
»Mich auch.«
»Tatsächlich sind Sie so gut, daß ich mich schon gefragt habe, warum Sie nicht bei einer der großen Fernsehgesellschaften arbeiten.«
»Ich hab’ ein paarmal Pech gehabt.«
Vanessa Merritt runzelte ihre glatte Stirn. »War da nicht die Sache mit Bundesrichter Green, die …«
»Zum Beispiel«, unterbrach Barrie sie. Sie hatte jedoch keine Lust, hier ihre Mißerfolge aufgezählt zu bekommen. »Warum haben Sie mich angerufen, Mrs. Merritt? Ich bin entzückt, aber auch neugierig.«
Vanessa Merritts Lächeln verblaßte allmählich. »Ich habe mich klar genug ausgedrückt, oder? Dieses Gespräch ist kein Interview.«
»Ja, ich verstehe.«
Aber das stimmte nicht. Barrie Travis hatte nicht die geringste Ahnung, warum Mrs. Merritt sie ganz unerwartet angerufen und zu einer Tasse Kaffee eingeladen hatte. Sie kannten einander seit ein paar Jahren flüchtig, waren aber bestimmt keine Freundinnen.
Selbst der Treffpunkt, den sie gewählt hatte, war merkwürdig. Dieses Restaurant war eins von mehreren am Ufer des Kanals, der den Potomac mit dem Tidal Basin verband. Nach Einbruch der Dunkelheit wimmelte es in den Clubs und Restaurants der Water Street von Gästen, hauptsächlich von Touristen. In einigen Lokalen herrschte auch mittags reger Betrieb, aber am späten Nachmittag, vor allem an einem Werktag, waren die Restaurants praktisch menschenleer.
Vielleicht war dieser Treffpunkt gerade wegen seiner Abgeschiedenheit ausgesucht worden.
Barrie ließ einen Zuckerwürfel in ihren Cappuccino fallen und rührte ihn langsam um, während sie über das eiserne Terrassengeländer hinwegstarrte.
Es war ein trübseliger Tag. Der Himmel war bewölkt, und das Wasser des Kanals kabbelte. Die Motor- und Segelboote im Jachthafen tanzten im grauen Wasser auf und ab. Der Sonnenschirm über ihrem Tisch knatterte in den heftigen Windböen, die den Geruch von Fisch und Regen herantrugen. Weshalb saßen sie an einem so stürmischen Tag im Freien?
Mrs. Merritt rührte in der aufgeschäumten Milch ihres Cappuccinos und nahm endlich einen Schluck. »Jetzt ist er kalt.«
»Möchten Sie einen frischen?« fragte Barrie. »Ich kann den Ober rufen.«
»Nein, danke. Eigentlich wollte ich diesen schon nicht. Die Einladung zum Kaffee war nur…« Sie zuckte mit einer Schulter, die einst elegant und schmal, mittlerweile aber ausgesprochen knochig war.
»Eine Ausrede?« hakte Barrie nach.
Vanessa Merritt hob den Kopf. Trotz der Sonnenbrille sah Barrie trostlose Aufrichtigkeit im Blick der anderen. »Ich muß mit jemandem reden.«
»Und da sind Sie auf mich gekommen?«
»Genau.«
»Weil Sie ein paar meiner Reportagen zum Weinen gebracht haben?«
»Deshalb – und wegen der Beileidskarte, die Sie mir geschrieben haben. Die hat mich berührt, tief berührt.«
»Ich bin froh, wenn sie Sie ein bißchen getröstet hat.«
»Ich … ich habe nicht viele gute Freunde. Sie und ich sind ungefähr gleich alt. Ich dachte, Sie könnten ein guter Resonanzboden sein.« Als sie den Kopf sinken ließ, fiel ihre kastanienbraune Mähne nach vorn und verdeckte teilweise ihre hohen Wangenknochen und ihr aristokratisches Kinn.
Barrie sprach halblaut weiter: »Meine Karte hat nicht ausdrücken können, wie betroffen mich dieser Schicksalsschlag gemacht hat.«
»Doch, das hat sie. Und dafür danke ich Ihnen.« Vanessa Merritt zog ein Papiertaschentuch aus ihrer Handtasche und tupfte sich damit die Augen unter der Sonnenbrille ab. »Ich weiß nicht, wo die noch herkommen«, sagte sie und meinte damit die vom Taschentuch aufgesogenen Tränen. »Eigentlich müßte ich schon völlig ausgetrocknet sein.«
»Möchten Sie darüber reden?« fragte Barrie behutsam. »Über das Baby?«
»Robert Rushton Merritt«, sagte sie nachdrücklich. »Warum vermeidet es jeder, seinen Namen zu nennen? Er hatte einen Namen, Himmel noch mal! Das Baby war drei Monate lang ein Mensch und hatte einen Namen.«
»Wahrscheinlich …«
Aber Mrs. Merritt ließ Barrie nicht zu Wort kommen. »Rushton war der Mädchenname meiner Mutter«, erklärte sie. »Es hätte sie gefreut, daß ihr erster Enkel den Namen ihrer Familie trägt.«
Beim Sprechen starrte sie auf den aufgewühlten Kanal. Ihre Stimme klang, als käme sie aus weiter Ferne. »Und der Name Robert hat mir schon immer gefallen. Ein geradliniger, schnörkelloser Name ohne irgendwelchen Scheiß.«
Dieser vulgäre Ausdruck verblüffte Barrie, weil er überhaupt nicht zu Vanessa Merritts Südstaatenlady-Persönlichkeit paßte. Barrie war ihr Leben lang noch nie so um Worte verlegen gewesen. Was wäre unter diesen Umständen passend gewesen? Was sagte man zu einer Frau, die vor kurzem ihr Baby begraben hatte? Hübsche Beerdigung?
»Was wissen Sie darüber?« fragte Mrs. Merritt plötzlich. Auf diese Frage war Barrie nicht gefaßt. War das eine Herausforderung? Was wissen Sie schon darüber, wie es ist, ein Kind zu verlieren? Was wissen Sie eigentlich überhaupt?
»Meinen Sie…? Meinen Sie den Tod des Babys… Roberts Tod?«
»Ja. Was wissen Sie darüber?«
»Über den plötzlichen Kindstod weiß niemand so recht Bescheid, nicht wahr?« fragte Barrie, während sie versuchte, den eigentlichen Sinn dieser Frage zu erfassen.
Mrs. Merritt hatte sich die Sache mit der Zigarette offenbar anders überlegt und riß die Packung auf. Ihre Bewegungen waren die einer Marionette, eckig und ruckartig. Ihre Finger zitterten, als sie die Zigarette an ihre Lippen führte. Barrie angelte rasch ein Feuerzeug aus ihrer Umhängetasche. Vanessa Merritt sprach erst weiter, nachdem sie mehrmals tief inhaliert hatte. Aber die Zigarette beruhigte sie nicht. Statt dessen wurde sie immer erregter.
»Robert hat auf der Seite liegend geschlafen – von einem kleinen Kissen gestützt, das ich ihm wie empfohlen untergeschoben hatte. Alles ist so schnell passiert! Wie konnte…« Ihre Stimme versagte.
»Machen Sie sich deswegen Vorwürfe? Hören Sie mir bitte gut zu, Mrs. Merritt.« Barrie griff über den Tisch, nahm ihr die Zigarette aus den Fingern und drückte sie im Aschenbecher aus. Dann nahm sie Vanessa Merritts kalte Hände zwischen ihre. Diese impulsive Geste wurde von den Männern am anderen Tisch registriert.
»Robert ist dem Krippentod zum Opfer gefallen. Jedes Jahr verlieren Tausende von Eltern ein Baby durch plötzlichen Kindstod, und alle stellen anschließend ihre elterlichen Fähigkeiten in Frage. Es liegt in der menschlichend Natur, angesichts einer Tragödie die Schuldfrage zu stellen, deshalb belasten die betroffenen...




