Brown | Glänze, Gespenst! | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 340 Seiten

Brown Glänze, Gespenst!


1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-942989-67-1
Verlag: Haffmans & Tolkemitt
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 340 Seiten

ISBN: 978-3-942989-67-1
Verlag: Haffmans & Tolkemitt
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Halloween in Mexiko - All-Gay-Cruise - ein Kreuzfahrtschiff auf der Rundreise zwischen Long Beach, Südkalifornien und Puerto Vallarta, Mexiko. An Bord über 3000 Männer, die genügend Zeit und Platz für den Leitspruch der Reise haben: 'Endless Fun. Your Way'. Aufgrund eines Missverständnisses um die Bedeutung des Begriffs 'Gay Cruising' begibt sich der Journalist Steven M. Brown im Auftrag seines Verlags an Bord der Carnival Splendor, um eine Reportage über diese siebentägige Non-Stop-Party zu schreiben. Zwischen endlosen Unterhaltungsshows, hedonistischem Körperkult, Partys im Swimmingpool und strassbesetzten Badehosen wird Brown zum genauen Beobachter seiner ungewöhnlichen Umgebung und einzigartigen Mitreisenden. Glänze, Gespenst! ist eine sensible und zugleich schreiend komische Betrachtung einer skurrilen Amüsiermaschine auf hoher See à la David Foster Wallace und zudem die bewegende Liebesgeschichte zweier Menschen, die voneinander getrennt sind. Eine Geschichte über die großen und kleinen Entscheidungen und darüber, worauf es im Leben eigentlich ankommt.

STEVEN M. BROWN (* 1980 in Flint, Michigan) studierte freie Kunst in Detroit bis ihn die Liebe zu seinem Freund 2006 nach Ostdeutschland zog. Als freier Journalist schreibt Brown u.a. für den DUMMY und für diverse Zeitschriften in Amerika. 2012 wurde er gleich zweimal für den Pushcart-Preis nominiert. Heute lebt Brown in Frankfort, Michigan und leitet dort das Oliver Art Center. Glänze, Gespenst! ist Browns erster Roman.
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2

Schwindelerregend, protzig, grell und angsteinflößend ist das fünfstöckige Atrium, über das wir die Splendor betreten. Die Einrichtung des Schiffes scheint inspiriert von italienischen Eisdielen in der österreichischen Provinz. Nichts könnte hässlicher sein, ohne die Grenze zur Selbstironie zu überschreiten, wobei ich unsicher bin, ob diese Grenze nicht schon überschritten wurde. Die Schlüsselbegriffe sind ROSA und BRONZE. Zorniges Rosa und Bronze vom Boden bis zur Decke weit über unseren Köpfen. Ich frage mich, ob der Kapitän der Costa Concordia sein Schiff als humanitären Akt gegenüber dem guten Geschmack versenkt hat.

Die Wände sind mit einem eigens angefertigten Material verkleidet, Chrom und rosa Flecken mit Zebramuster. Die Flecken haben einen Durchmesser von etwa acht Zentimetern und sind in Reihen auf dem Chrom angeordnet, so dass trotz der schlichten Geometrie ein hektisches, psychedelisches Muster entsteht. Der Blick kann nirgendwo verweilen: karierter und gestreifter Teppich, spiegelnde Deckenpaneele. Bilder füllen jede freie Fläche, die nicht schon von einem Telefon, Erste-Hilfe-Kasten oder rosa Zebramuster mit Chrom besetzt ist. Mit jedem Schritt, den ich mich einer Wand nähere, entdecke ich neue Muster und Details, bis ich ganz nah davorstehe und sehe, dass auch das Material selbst noch in sich strukturiert ist. Ich meine, mal gehört zu haben, dass das Innere der Vagina tatsächlich rau strukturiert ist, um die Ejakulation zu beschleunigen.

Die rosa gepunktete Oberfläche wird außerdem von schwachem Licht beleuchtet, das lila auf dem Chrom reflektiert. Lila und Rosa zusammen erzeugen eine fleischige, man könnte auch sagen gebärmutterartige Atmosphäre, nicht wie in einer echten Gebärmutter, sondern einer digital verbesserten mit dramatischer Beleuchtung, so dass jedes Blutgefäß, jede nährende Vene auf schockierende Weise sichtbar wird. Ein Neon-Uterus. Im Sinne dieser Metapher ahnen wir, dass wir diesen Ort zum Leben brauchen, doch wenn wir alt genug sind, uns dessen bewusst zu sein, ist eine Rückkehr verstörend. Oder sollte es wenigstens sein.

Da die Splendor kein Schiff für Schwule ist, nehme ich an, dass bei einer Investition von 700 Millionen Dollar eine Menge Marktforschung und Versuche unternommen wurden, um die Umgebung für Heterosexuelle und ihre Kinder maximal konsumfördernd zu gestalten.

Mich versetzt die Splendor in Angst und Schrecken, als würde das Schiff etwas verbergen. Das Ganze erinnert mich an eine Passage aus Matthew Derbys Kurzgeschichte »Krücken als Waffe«: »Welchen anderen Sinn sollten diese schicken Neonbalustraden und Kaskadenbrunnen haben, als von Kummer und Tragödien abzulenken?«

In »Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich«, dem Text schlechthin zum Thema Kreuzfahrten, den der verstorbene Autor David Foster Wallace 1996 für Harper’s Magazine schrieb, verbindet sich Derbys Gespür für Trauer perfekt mit dieser gebärmutterartigen Erfahrung.

»Einige Wochen bevor ich selbst meine Kreuzfahrt antrat«, schreibt Wallace, »stürzte sich ein Sechzehnjähriger vom Oberdeck eines Luxuskreuzers. In den Nachrichten hieß es, der Grund für den Selbstmord sei Liebeskummer, eine unglückliche Liebelei an Bord. Aber ich denke, es gab da noch etwas, das keine Nachrichtensendung bringen kann. Denn all diese Kreuzfahrten umgibt etwas unsäglich Trauriges. Und wie bei den meisten unsagbar traurigen Dingen ist die Ursache unglaublich komplex und schwer greifbar, die Folge aber denkbar schlicht: Was ich an Bord der Nadir fühlte (vor allem nachts, wenn der organisierte Frohsinn Pause machte), war Verzweiflung.«

Interessanterweise erschien der Essay ursprünglich unter dem Titel »Von den beinah tödlichen Annehmlichkeiten einer Luxuskreuzfahrt«.

Meine Kreuzfahrt unterscheidet sich von Wallace’. Erstens gibt es zwei Crews an Bord. Zum einen die der Carnival Cruise Lines, der das Schiff gehört, zum anderen die von Atlantis Events, die das Schiff für eine Woche von Carnival gechartert hat, zu einem Preis, den ich nicht herausbekommen habe, der aber so um eine Million Dollar liegen muss. Aus zuverlässiger Quelle weiß ich, dass Atlantis Events erst ab einer Auslastung von 85 Prozent schwarze Zahlen schreibt, was mir bei all den Unwägbarkeiten eines solchen Arrangements ziemlich knapp kalkuliert scheint. Das erklärt vielleicht auch, warum die Bordcrew von Atlantis Events fast ausschließlich aus Volunteers besteht. Drei Stunden mäßig anstrengende und oft unterhaltsame Arbeit pro Tag sind für diese jungen schwulen Männer ein erschwinglicher Preis für eine Woche auf See.

Das Bodenpersonal, wie Hafenarbeiter, Sicherheitsleute, Ticketverkäufer, und eine überwältigende Mehrheit der Besatzung – einschließlich eines Bataillons von 1200 Hilfsarbeitern – gehören zu Carnival. Diese Männer und Frauen repräsentieren wer weiß wie viele Länder, Essgewohnheiten, arme Verwandte, denen Geld geschickt wird, ungewollte Schwangerschaften sowie Hoffnungen und Träume, teils lebendig, teils zerplatzt. Diese Männer und Frauen übermalen rostige Stellen, produzieren rund um die Uhr eine begrenzte, aber unendlich scheinende Auswahl an Buffetzutaten und Cocktails, putzen Toiletten, warten Maschinen, löschen Feuer, diagnostizieren Softwarefehler, beobachten Radarschirme und bieten im riesigen Spa des Schiffes ein breites Verwöhnprogramm für Körper und Seele. Es gibt Treffen der Anonymen Alkoholiker und Veranstaltungen, die auf religiöse Fahrgäste abgestimmt sind.

Im Gegensatz zu den Carnival-Animateuren, die jetzt sofort mit der Bespaßung beginnen würden, kennen die Volunteers von Atlantis Events ihr Publikum gut genug, um es zunächst den eigenen Vorstellungen zu überlassen. Tatsächlich hat die Szenerie etwas Richtungsloses, fast schon Herrenloses, als ich das Schiff betrete. Niemand drängt mir einen Cocktail auf. Noch nicht. Niemand belästigt mich mit albernen tropischen Accessoires. Es gibt keinen Punkt, an dem die Männer zurückblicken, weil sie das Gefühl haben, eine Art Urlaubsrubikon zu überschreiten.

Dafür gibt es Kreuzfahrtdirektor Malcolm, ein hochgewachsener Mann von eins fünfundneunzig mit einem gigantischen Lächeln, das seine Bartstoppeln in ein Meer von Grübchen verwandelt. Er steht vor dem Hauptein-gang auf dem Boarding Deck, Deck 3, und umarmt jeden Mann innig, der an ihm vorbeikommt.

»Schön, dich wiederzusehen«, höre ich ihn zu einem großen Mann sagen, der ihn neben den Mund küsst. »Komm her und lass dich umarmen. Oooh, ja. So ist gut. Wie geht es dir?«

So höre ich ihn mehrere Männer vor mir fragen. Bei einer normalen Kreuzfahrt wie der von Mr. Wallace würde ein Mann wie Malcolm wohl jene unaufrichtige, aufgesetzte Gastfreundschaft verkörpern, die weit über ein professionelles Lächeln hinausgeht. Und sicher würde er nicht jeden von uns umarmen wollen. Manche von uns riechen bestimmt. Manche sind so hässlich, dass es selbst den eigenen Müttern aufstößt. Manche von uns wollen auch gar nicht von Fremden umarmt werden.

Aber ich denke, Malcolm meint es ernst. Nicht wegen der Herzlichkeit, mit der er mich umarmt, und die ist beträchtlich, sondern weil es ihn so zu berühren scheint. Jedenfalls kann ich mir nicht vorstellen, dass man so etwas vortäuschen kann. Oder er täuscht es schon so lange vor, dass er die Unaufrichtigkeit überwunden und eine andere Art von Authentizität erreicht hat, über die er keine Kontrolle hat. Woran soll man das erkennen? Außerdem bin ich in dieser Art Tourismus zu unerfahren, um solche ultrasubtilen Nuancen der Unaufrichtigkeit wahrzunehmen.

»Kennst du die Leute hier wirklich alle?«

Er breitet die Arme um mich, als würde er eine deutlich dickere Version von mir umarmen, hält inne, als ich das frage, runzelt die Stirn und drückt mich dann erwartungsgemäß statt einer Antwort. Er ist die Antithese aller Männer, die instinktiv mit Aggression reagieren.

Sie haben Angst?

Umarmen Sie jemanden.

Sie sind überfordert und gestresst?

Umarmen Sie jemanden.

Im Zweifelsfall umarmen Sie jemanden.

Und so betrachte ich ihn wie so vieles andere auf dem Schiff eher unter moralischen beziehungsweise philosophischen Aspekten als in Bezug auf Bewirtung und Service. Vielleicht habe ich die falschen Erwartungen an diese zuweilen sicher oberflächliche Erfahrung, aber ich nehme die Herausforderung an, eine Bedeutung darin zu finden, selbst wenn das Schiff sich querstellt. Angesichts all der Versprechungen in den Prospekten und auf der Internetseite wäre es im tieferen Sinne beruhigend, wenn die Splendor diesen einen Wunsch nicht erfüllen könnte.

Es fühlt sich falsch an, wie geordnet wir die Lounge auf Deck 3 betreten und uns auf unsere Kabinen verteilen, wie eine...


STEVEN M. BROWN (* 1980 in Flint, Michigan) studierte freie Kunst in Detroit bis ihn die Liebe zu seinem Freund 2006 nach Ostdeutschland zog. Als freier Journalist schreibt Brown u.a. für den DUMMY und für diverse Zeitschriften in Amerika. 2012 wurde er gleich zweimal für den Pushcart-Preis nominiert. Heute lebt Brown in Frankfort, Michigan und leitet dort das Oliver Art Center. Glänze, Gespenst! ist Browns erster Roman.



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