E-Book, Deutsch, Band 6, 500 Seiten
Reihe: Red Rising
Brown Red Rising - Das Dunkle Zeitalter Teil 2
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-96658-038-0
Verlag: Cross Cult Entertainment
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 6, 500 Seiten
Reihe: Red Rising
ISBN: 978-3-96658-038-0
Verlag: Cross Cult Entertainment
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Pierce Brown ist der Autor der New-York-Bestseller-Reihe RED RISING, IM HAUS DER FEINDE, TAG DER ENTSCHEIDUNG, ASCHE ZU ASCHE und DAS DUNKLE ZEITALTER. Seine Bücher erschienen in 33 Sprachen und 35 Ländern. Er lebt in Los Angeles, wo er gerade an seinem nächsten Roman arbeitet.
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42 | Lysander |
Ich verbrauche das Wasser, das ich Ajax’ Attentätern abgenommen habe, in zwei Tagen. Aufgrund meiner Physiologie ist ein Hitzschlag unwahrscheinlich, aber die Dehydrierung belastet mich und sorgt selbst bei einfachen Denkaufgaben oder motorischen Funktionen für Verwirrung.
Mein Auge ist zwar durch den Feuerbrand nicht erblindet, da es dem eigentlichen Blitz nicht ausgesetzt war, doch mein Sehvermögen ist extrem eingeschränkt.
Dreimal verlaufe ich mich fast, als die Eigenheiten der Wüste mich in die Irre führen und ich die Berge nicht mehr erkennen kann. Aber ich bewege mich so gerade wie möglich in Richtung Norden, weil ich weiß, dass ich irgendwann, wenn ich am Gebirge entlanggehe, auf Erebos stoßen werde.
Ich konnte Apollonius’ Angebot nicht annehmen, aber vielleicht wird man mir in Erebos helfen, ohne Bedingungen zu stellen. Wenn ich mich erholt habe, werde ich darüber nachdenken, wie ich Atalantia kontaktieren kann, ohne dass Ajax sich einmischt.
Ich esse Kaktusfleisch und sauge Wasser aus den Wüstenlotussen, spüre aber, dass ich schwächer werde. Ich wünschte, ich wäre wieder auf der und würde lesend in meiner Koje liegen, während Cassius und Pytha sich streiten. Ich wünschte, Kalindora wäre bei mir, und dass sie nicht glauben würde, ich sei tot.
Ich wünschte, Seraphina hätte einfach nur einen Schritt nach rechts gemacht.
Nur noch meine Wut auf die Wüste treibt mich voran. Alles wirkt nun wie eine verblichene Fata Morgana. Die Sonne ist ein boshafter fetter Troll, der über der Wüste hockt, unbedeckte Haut innerhalb von fünfzehn Minuten verbrennt und mich bestraft, wenn ich es wage, bei Tag unterwegs zu sein. Ich schwitze und schlafe, wenn ich Schatten finde, und gehe auch morgens noch weiter, wenn die Playa mir keinen Schutz spenden will. Am vierten Tag finde ich den verwesenden Kadaver eines Glaskolosses, der vom Sturm irgendwie aus dem Meer hierher gebracht worden ist. Im durchsichtigen Fleisch der Kreatur wimmelt es vor Blutfliegen, und über ihr kreisen so viele Bussarde, dass sie die Sonne verdunkeln. Ich mache einen großen Bogen um den Kadaver.
Als der Sturm aus dem Norden die Wüste mit Regen überschüttet, lege ich mich erfreut hin und lasse das Wasser mein entstelltes Gesicht und die Razorschnitte, die mir Seneca und seine Leute an den Oberschenkeln und der Hüfte zugefügt haben, kühlen.
Der Merkur ist ein wunderschöner Planet mit gemäßigtem Klima an den Küsten, Berghotels, kühlen Tälern und Korallenriffen, aber um all das zu bekommen, musste man die Ladon-Hölle rund um den Äquator erschaffen.
Ich verfluche die Bastarde, die diesen Planeten terraformt haben. Ich verfluche die Felsen. Ich verfluche die Sonne, den Sand und mich selbst, weil ich so drecksverdammt viel Wasser benötige. Und ich verfluche Ajax. Doch noch mehr verfluche ich die Kultur, durch die er so boshaft geworden ist.
Silenius führte die Einzigartige Narbe ein, um einen Goldenen zu kennzeichnen, den man respektieren, aber nicht anbeten sollte. Unsere strengen Institute wurden ins Leben gerufen, um uns zu Hirten auszubilden, nicht zu Kannibalen. Die Welt schenkte uns Darrow, um uns zu zeigen, wie weit wir vom Weg abgekommen waren. Wir kehrten jedoch nicht auf diesen Weg zurück, um ihn zu bekämpfen, sondern entfernten uns noch weiter davon, weil wir konstant die falschen Schlussfolgerungen zogen.
Nach und nach, als ich nördlichere Breitengrade erreiche, wird das Wüstenklima durch ein halb trockenes ersetzt. Der Übergang ist schleichend und fällt anfangs kaum auf. Doch selbst die kleinsten Hinweise auf Leben geben mir Hoffnung. Sintflutartige Regenfälle haben für eine Erosion der Hügel gesorgt, aber auch Gräser und Blumen aus dem steinigen Boden hervorgelockt. Die Sehkraft meines rechten Auges hat sich so weit gebessert, dass ich grüne Punkte in der braunen Landschaft erkennen kann. Der Boden ist immer noch erbarmungslos und spartanisch, aber die größte Gefahr ist vorüber. Mit genügend Wasser kann jeder überleben. Rehlinge mit einem spiralförmigen schwarzen Geweih und Vögel, die wie Kobolde aussehen, ernähren sich von den orangen Beeren knorriger Geranbüsche und kehren dann in ihre Nestburgen zwischen hausgroßen Kakteen zurück. Mir fehlt zwar die Kraft, um sie mit meinem Razor zu jagen, aber ich esse all die Beeren, die ich zwischen den Dornen finde, und ignoriere die Magenkrämpfe, die von diesem Übermaß an Ballaststoffen verursacht werden. Ich esse Maden, die ich unter Felsen entdecke, und schlürfe Vogeleier aus, die ich im Gestrüpp finde. Wurzeln und Knollen bilden den Hauptbestandteil meiner Ernährung, was zu weiteren Krämpfen führt, doch dann entdecke ich eine Schwefelotter, die sich unter einem toten Olivenbaum sonnt. Ich zermalme ihren Schädel mit einem Stein und trinke ihr Blut in der Gewissheit, dass mein Immunsystem wahrscheinlich alle Erreger abtöten wird. Die wertvollen Vitamine sind die leichte Übelkeit wert. Als ich die Schlange leer getrunken habe, grille ich sie über einem Feuer. Das Fleisch ist zäh und elastisch wie das eines Langsats, aber die Kalorien wecken meinen Optimismus, und ich stoße weiter nach Erebos vor.
Als ich auf einem Hügelkamm raste, der in ein fruchtbares Tal führt, drehe ich mich ein letztes Mal zur Wüste um. Sie liegt wartend hinter mir, geduldig, die Ewigkeiten überdauernd, das Grab von Armeen. Aber nicht meines.
Ich wende mich von ihr ab, aber ihre Lektionen nehme ich mit.
Die nächsten Kilometer sind fast schon angenehm. Die Temperatur liegt morgens zwar bei rund fünfzig Grad Celsius, aber aus den wirbelnden Wolken fällt oft Regen, der für Abkühlung sorgt und meiner Verbrennung guttut. Vögel sitzen zwitschernd auf Zitronenbäumen, die ordentliche Reihen bilden und deren Früchte ich häufig esse.
Als ich den Spuren eines stehen gelassenen Mähdreschers folge, stoße ich auf einen Schuppen und ein kleines Farmhaus, das anscheinend überstürzt verlassen wurde. Es ist mindestens einmal geplündert worden, und ich finde keine Medikamente. Doch im Garten entdecke ich eine Aloepflanze, aus der ich eine Paste für meine Verbrennung gewinne. Sie reduziert das Stechen und Jucken, hilft aber nicht gegen die Nervenschäden oder die Schmerzen in meinem Auge, die durch den ganzen Sehnerv pulsieren.
Es gibt keinen Strom auf der Farm, aber es ist schön, einmal ein Rätsel zu lösen, das nicht über Leben und Tod entscheidet. Ich brauche ein paar Stunden, um die Solarzellen des Mähdreschers mit dem Herd zu verbinden. Danach koche ich mir ein getrocknetes Curry aus einer Frischedose. Es gelingt mir auch, die uralte HoloBox im Wohnzimmer anzuschließen. Sie kommt nicht ins Internet, sondern strahlt nur eine Notfallsendung der Weltengesellschaft aus, die alle Bürger auffordert, Erebos und Umgebung zu verlassen und sich nach Naran, hundert Kilometer nordöstlich der Stadt, zu begeben.
Ich denke an die schmalen Duschkabinen auf der , als ich mir ein Bad einlasse. Ich lasse mich ins kühle Wasser gleiten, und ein wohliges Schaudern überkommt mich. Etwas so Angenehmes habe ich nicht mehr erlebt, seit ich mit Cassius im Kaldarium war. Meine Beine sind zu lang für die Wanne, und ich muss sie anwinkeln, sodass ich mit den Knien gegen die zerfaserte Tapete stoße. Erst da fällt mir auf, wie viel Gewicht ich verloren habe. Vielleicht zwanzig Kilo? Mein Körper sieht aus wie der eines Rostlungenopfers. Er ist ausgezehrt, und meine sonnenverbrannte Haut ist angeschwollen und schält sich. Ich döse stundenlang in der Wanne vor mich hin. Dann trinke ich einen Liter Wasser und breche auf dem Formostoffbett zusammen. Ich verschlafe einen kompletten Tag.
Am zweiten Morgen nach meiner Ankunft auf der Farm breche ich wieder auf. Ich habe das zerrissene Futter meiner Impulsrüstung durch die Kleidung eines Farmers ersetzt. Ich sehe albern aus, weil die Hemdsärmel knapp unter meinen Ellenbogen enden und die Hose mir nur bis zu den Waden reicht.
Ich werfe einen Blick zurück auf die Farm, die ich nur ungern verlasse, und frage mich, ob ich nicht einfach bleiben soll. Was erwartet mich denn bei meiner Rückkehr? Eine Zukunft als Atalantias Rivale? Ein Duell mit Ajax, wenn er sich dem stellen muss, was er getan hat? Ein kurzes Leben voller Politik und Verrat? Eine Rache, die ich nicht will, obwohl Darrow mein halbes Gesicht zerstört hat? Will ich zu meinem Volk zurückkehren? Warum? Die Krankheit der Goldenen hat sich während meiner Abwesenheit verschlimmert. Doch trotz allem spüre ich den Drang, zurückzukehren, als würde mein Geist von Schwerkraft angezogen.
Ich muss das Versprechen umsetzen, das ich Dido gab, die Ausrede, die ich für Cassius parat hatte, als ich ihn hinterging. Ich muss Gold vereinen. Und mehr. Ich muss es verändern. Aus...




