Brown Zum Glück verführt
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-641-10034-6
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 304 Seiten
ISBN: 978-3-641-10034-6
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Schon bei ihrer ersten Begegnung fliegen zwischen Andrea Malone und Lyon Ratliff die Funken – vor Ärger. Denn Lyon möchte um jeden Preis verhindern, dass Andrea seinen Vater interviewt und dessen lang gehütetes Geheimnis der Öffentlichkeit preisgibt. Doch als sich Andrea mit List und Charme Zugang zu der Farm der Ratliffs verschafft, wendet sich das Blatt überraschend schnell. Aus Abneigung könnte Liebe werden, aber Andrea ist nicht frei. Ein anderer Mann erhebt ebensoviel Anspruch auf ihr Herz. Wie wird sich die junge Frau entscheiden?
Sandra Brown arbeitete als Schauspielerin und TV-Journalistin, bevor sie mit ihrem Roman »Trügerischer Spiegel«auf Anhieb einen großen Erfolg landete. Inzwischen ist sie eine der erfolgreichsten internationalen Autorinnen, die mit jedem ihrer Bücher die Spitzenplätze der »New York Times«-Bestsellerliste erreicht! Ihr endgültiger Durchbruch als Thrillerautorin gelang Sandra Brown mit dem Roman »Die Zeugin«, der auch in Deutschland zum Bestseller wurde. Seither konnte sie mit vielen weiteren Romanen ihre Leser und Leserinnen weltweit begeistern. Sandra Brown lebt mit ihrer Familie abwechselnd in Texas und South Carolina.
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2. Kapitel
Der Schock fuhr ihr in sämtliche Glieder. Wie paralysiert blieb sie stehen. Wie peinlich, dass ausgerechnet der General sie beim Spionieren erwischen musste! Gleichwohl nickte der greise Gentleman ihr wohlwollend zu. Wenn sie ehrlich war, irritierte er sie genauso wie sein Sohn. Andy hatte sich ihn eher wie George C. Scott als General Patton vorgestellt. Unnahbar, mit militärisch strengen Zügen. Der General Michael Ratliff, der dort im Zimmer saß, strahlte dagegen Güte und Milde aus. Allerdings kannte sie ihn bisher nur von alten Kriegsfotos, und die wiesen zwangsläufig wenig Ähnlichkeit mit dem gebrechlichen alten Herrn im Rollstuhl auf.
Es schien ihn zu amüsieren, dass er sie erkennbar beeindruckte. »Bitte, genieren Sie sich nicht. Treten Sie ruhig ein, dann kann ich Sie besser sehen, Mrs. Malone.«
Wie in Trance stakste Andy durch die geöffnete Glastür in den Wintergarten. »Sie sind General Ratliff?« , fragte sie unschlüssig.
Er grinste. »Ja, der bin ich.«
»W…«, sie schluckte schwer. »Woher kennen Sie meinen Namen? Hatten Sie mit meinem Besuch gerechnet?« Einen kurzen Moment lang überlegte sie, ob Les vielleicht selbst an den General herangetreten wäre und ihn um ein Interview gebeten hätte, verwarf den Gedanken aber sofort wieder. Nein, das passte nicht zu Les. Es war definitiv nicht sein Stil. Zudem, wer mit dem General reden wollte, kam an seinem Sohn nicht vorbei. Und der impulsive Les hätte bei Lyon bestimmt ganz schlechte Karten gehabt.
»Ja, ich habe Sie schon erwartet«, erklärte der General rundheraus. »Bitte, nehmen Sie doch Platz. Möchten Sie etwas trinken?«
»Nein … nein danke.« Unvermittelt kam sie sich wie ein Schulmädchen vor, das bei einem dummen Streich erwischt worden war. Sie setzte sich steif auf den Rand eines Korbsessels mit hohem, geschwungenem Rücken und bunt bedrucktem Polster. Stopfte ihre Unterarmtasche zwischen Schenkel und Armlehne und zupfte unbehaglich an der Manschette ihrer Bluse. »Sie haben nicht einmal aufgesehen, bevor Sie mich ansprachen. Wie …«
»Militärisches Training, Mrs. Malone. Ich hatte immer schon ein ausgezeichnetes Gehör. Hoch sensibilisiert wie Radarsysteme. Damit war ich der Albtraum meiner jungen Offiziere. Sie konnten mich nie heimlich kritisieren, weil ich immer alles mitbekam.« Wieder schmunzelte er.
»Und woher kennen Sie meinen Namen?« Einmal abgesehen von der Tatsache, dass er sie in flagranti beim Spionieren erwischt hatte, fand sie den alten Herrn zunehmend sympathisch. Einfach grandios, dass sie endlich einen der berühmtesten Kriegshelden ihres Landes persönlich kennen lernen durfte. Er war zwar physisch geschwächt, geistig jedoch überaus vital. Seine Augen blickten wässrig trübe, dennoch registrierte er zweifellos eine ganze Menge mehr, als er sich anmerken ließ. Zudem verfügte er bestimmt über eine hervorragende Menschenkenntnis. Er trug einen frisch gestärkten, tipptopp gebügelten Overall. Sein schütteres, weißes Haar war militärisch kurz geschnitten und streng nach hinten frisiert. »Kennen Sie etwa meine Fernsehsendung?«, schob sie nach.
»Nein, ich bedaure, das sagen zu müssen, aber die habe ich mir leider noch nie angeschaut. Ich wusste von Ihnen, weil Lyon mir davon erzählte, dass er Sie gestern in der Stadt kennen gelernt hat.« Er beobachtete ihre Reaktion.
»Ach ja?«, gab sie kühl zurück, ihre Miene bewusst unbestimmt. »Hat er Ihnen auch erzählt, wie respektlos er mir gegenüber war?«
Dem alten Mann entfuhr ein lautes, bellendes Lachen, das in einen Hustenanfall mündete. Alarmiert sprang sie auf und beugte sich über ihn. Kam sich ziemlich hilflos vor, da sie keine Ahnung hatte, was sie tun sollte. O Schreck, wenn ihm ausgerechnet jetzt etwas passierte, wo sie allein mit ihm war! Lyon würde sie lynchen! Der erstickende Krampf ebbte schließlich ab, und er bedeutete ihr mit einem schwachen Winken, sich wieder in den Sessel zu setzen. »Nein, das hat Lyon nicht erwähnt, aber es würde zu ihm passen. Ich kenne schließlich meinen Sohn.«
Er wischte sich die tränenden Augen mit einem weißen Batisttaschentuch. Räusperte sich und grinste dann verschmitzt. »Er erwähnte nur, dass wieder so eine Schmarotzerin von der Presse in der Stadt herumschnüffeln und blöde Fragen stellen würde. Er nannte Sie – was war es noch gleich – eine sensationsgeile Medienschlampe. Ja, ich glaube, das waren seine genauen Worte. Und dass Sie sich nicht zu schade sind, Ihr Aussehen auszuspielen, um an eine Story zu kommen. Daraufhin beschrieb er Sie mir recht ausführlich.«
Eine heiße Röte schoss in ihre Wangen, wütend biss sie die Kiefer aufeinander. Schmarotzerin. Medienschlampe. Dieser Schuft glaubte wohl, dass sie über Leichen ging.
Sie schluckte ihren Ärger jedoch hinunter, zumal der General sie aufmerksam beobachtete, als wollte er ihre Reaktion auf Lyons Affront testen. »General Ratliff, ich möchte, dass Sie eins wissen. Ihr Sohn hat ein völlig falsches Bild von mir. Natürlich habe ich mich über Sie und Ihr Leben hier auf der Ranch umgehört, aber doch nur, weil ich …«
»Sie müssen sich nicht rechtfertigen, Mrs. Malone. Ich wollte damit lediglich andeuten, welchen Eindruck Sie auf Lyon machen. Damit ich mir ein eigenes Urteil bilden kann, fasse ich die Fakten kurz zusammen: Sie arbeiten für einen Kabelsender und möchten mich für Ihre Sendung interviewen. Sehe ich das richtig?«
»Ja, Sir. Uns schweben Interviews von halbstündiger Länge vor, die im abendlichen Serienprogramm ausgestrahlt werden.«
»Wieso?«
»Wieso?«, wiederholte sie verständnislos.
»Wieso wollen Sie ausgerechnet mich interviewen?«
Sie starrte ihn mit großen Augen an, schüttelte kaum merklich den Kopf und erwiderte: »General Ratliff, das müssten Sie doch selbst am besten wissen. Immerhin haben Sie amerikanische Geschichte geschrieben. Ihr Name wird in jedem Titel über den Zweiten Weltkrieg erwähnt. Sie leben seit Jahren zurückgezogen auf dieser Ranch. Und die amerikanische Öffentlichkeit interessiert sich berechtigterweise für Sie. Man möchte wissen, was Sie hier so machen.«
»Das kann ich Ihnen mit einem Wort beantworten: nichts. Ich sitze hier herum, werde älter, gebrechlicher und warte auf den Tod.« Als sie protestieren wollte, hob er beschwörend die Hände. »Also, Mrs. Malone, wenn wir zusammenarbeiten wollen, müssen wir ehrlich miteinander umgehen. Ich werde bald sterben. Mir war ein langes Leben vergönnt, aber jetzt bin ich froh, wenn es vorbei ist. Es ist zermürbend, wenn man alt und krank ist, nicht mehr gebraucht wird.«
Da sie darauf nichts zu erwidern wusste, schwieg sie und musterte ihn eindringlich. Der General sprach als Erster wieder. »Einmal angenommen, ich lasse mich von Ihnen interviewen. Kann ich dann Einfluss nehmen auf die Fragen?«
Ihr Herzschlag beschleunigte sich. Das ließ sich doch sehr positiv an. »Ja, Sir.«
»Also schön. Sie bekommen Ihr Interview, Mrs. Malone. Trotzdem will mir nicht einleuchten, warum Sie mich interviewen möchten. Da gibt es doch weitaus beeindruckendere Figuren.«
»Ich finde Sie ungemein beeindruckend«, versetzte sie mit Nachdruck.
Er lachte, dieses Mal jedoch verhaltener, als hätte er Bedenken, damit einen weiteren Hustenkrampf auszulösen. »Das war ich vielleicht mal – als junger Mann. Und jetzt zu meinen Bedingungen: Meinetwegen können Sie meine gesamte Kindheit, Ausbildung, Militärlaufbahn, meine Karriere vor und nach dem Krieg durchleuchten. Im Ersten Weltkrieg war ich übrigens einfacher Fußsoldat. Wussten Sie das?« Ohne ihre Antwort abzuwarten, fuhr er fort: »Sie können mich ganz allgemein über den Krieg befragen, aber ich diskutiere keine einzelnen Schlachten.«
»Einverstanden«, meinte sie gedehnt.
»Sollten Sie eine Frage zu einem speziellen Kampfeinsatz stellen, werde ich Ihnen rigoros die Antwort verweigern.«
»In Ordnung.« Ganz geheuer war ihr das zwar nicht, aber an diesem Punkt hätte sie allem zugestimmt, weil sie unbedingt das Interview wollte.
»Wann fangen wir an? Gleich heute?«
Sein Enthusiasmus wirkte richtig ansteckend. Andy lächelte. »Nein. Heute Abend muss ich erst einmal telefonisch meine Crew informieren. Schätze mal, meine Kollegen können in ein, zwei Tagen mit der entsprechenden Ausrüstung hier sein.«
»Wird das Interview gefilmt?«
»Wir produzieren ein Video.«
»Ein Video«, sinnierte er, als wäre ihm diese Technik nicht geläufig.
»Es ist vergleichbar mit einer Filmrolle, lässt sich aber leichter bearbeiten. Sie müssen sich das in etwa so vorstellen wie früher die Kassetten für den Kassettenrekorder.« Er nickte unschlüssig. »Bis meine Crew eintrifft, kann ich schon einmal die Schauplätze auswählen. Ich persönlich finde es atmosphärisch ansprechender, wenn nicht immer in derselben Umgebung gedreht wird.«
»Und wir haben inzwischen Gelegenheit, uns besser kennen zu lernen.« Er zwinkerte ihr zu. »Wie lange dauert das Ganze?«
»Wir arbeiten immer nur so lange, wie es Ihre Gesundheit zulässt. Ich denke, wenn wir jeden Tag eine komplette Folge aufzeichnen, ist das für alle Beteiligten akzeptabel. Dann beenden wir das Projekt …«
»Das Projekt ist bereits beendet, bevor Sie überhaupt damit begonnen haben.«
Der vernichtende Kommentar kam von der Tür her, durch die Andy in den Wintergarten geschlüpft war. Ihr Kopf schnellte herum, und sie gewahrte Lyon, dessen hoch gewachsene Statur sich als bedrohlich dunkler Schatten vor dem strahlenden Sonnenlicht abzeichnete. Breitbeinig, in staubigen Cowboystiefeln, stemmte er die Hände in die Hüften seiner eng...




