Bruckner | Die Fänge der Rache | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 2, 316 Seiten

Reihe: Schottland Trilogie

Bruckner Die Fänge der Rache

Historischer Roman: Familiensaga mit kolonialem Schatten
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7597-6500-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Historischer Roman: Familiensaga mit kolonialem Schatten

E-Book, Deutsch, Band 2, 316 Seiten

Reihe: Schottland Trilogie

ISBN: 978-3-7597-6500-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Größer könnte der Unterschied kaum sein: Während Riley MacIntyre nach dem fehlgeschlagenen Versuch der schottischen Koloniegründung im Jahr 1699 an der Landenge von Panama als Pirat in den Gewässern der Karibik unterwegs ist, hat sich sein Cousin Aiden Hunter als erfolgreicher Kaufmann an der noch jungen Börse in London etabliert. Er ist seit zwanzig Jahren mit Orla Hunter verheiratet. Auch Orlas ehemalige Herrin Marjorie Bonnie Buchanan ist traumatisiert mit ihrem Ehemann Cailean in die Heimat zurückgekehrt. All unsere Protagonisten haben die gescheiterte koloniale Unternehmung zwar überlebt, aber teuer dafür bezahlt. Ihre Herzen drohen zu verrohen oder zu vereinsamen, als sie unerwartet von neuen Schicksalsschlägen ereilt werden, die alte Wunden wieder aufreißen und sie zum Handeln zwingen. Ein spannendes Buch über die ewige Frage nach Schuld und Sühne.

Dr.med.Markus Bruckner Geboren am 24. Juli 1952 in Frankfurt/ Main. 1970 Abitur in Kronberg/Taunus. Im Anschluss: Studium der Humanmedizin mit Abschluss in Mainz 1976. Danach Ausbildung zum Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe. Zuerst als Assistenzarzt, dann als Oberarzt bis 1985 in großer Frankfurter Klinik tätig. In dieser Zeit Promotion und Ausbildung zum Zytologen. Von April 1985 bis April 2015 in eigener Praxis als Gynäkologe und Zytologe in Friedrichsdorf/Taunus tätig. Bisher: Drei Bücher im Selbstverlag bei BoD (Norderstedt) veröffentlicht. Darunter: Band 1 der Schottland-Trilogie unter dem Titel: Die Ufer des Fiebers ISBN:978375 7801014. Dr. Bruckner ist verwitwet, hat drei erwachsene Töchter und lebt seit vierzig Jahren in Bad Homburg.
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[1] In den Wirren der South Sea Company
September 1720


Das herbstliche Firmament über London ließ am Morgen noch vereinzelte Sonnenstrahlen auf das emsige Treiben in der Stadt fallen. Bis zum Mittag zeigte sich der Himmel zunehmend launisch und wechselhaft; kurz vor Sonnenuntergang tauchte dann eine schwere, tief hängende Wolkendecke die Stadt in ein dunkles Violett.

Man schrieb Montag, den 1. September des Jahres 1720. Aiden Hunter fehlte an diesem besonderen Tag jeglicher Blick für derlei Naturphänomene. Nach einer Nacht, in der sein Herz gerast, in der er keinen Schlaf gefunden hatte, machte er sich ausgelaugt schon am frühen Morgen mit der Kutsche auf den steinigen Weg. Sein Ziel war das Haus der South Sea Company, das im Londoner Stadtkern lag. Übermüdet ließ er seine Gedanken immer wieder um den einen zentralen Punkt kreisen: War er nach zwanzig Jahren harter Arbeit hier in London nun finanziell ruiniert, oder gab es doch noch Hoffnung?

Selbst auf dem Teil der Fahrtstrecke, den der Richmond-Forst flankierte, nahm er das beginnende Farbenspiel der Bäume im frühherbstlichen Licht des Tages nicht wahr, obwohl sein starrer Blick die meiste Zeit nach draußen gerichtet war. Aiden Hunter, inzwischen dreiundvierzig Jahre alt und als Handelssekretär in London erfolgreich, saß allein und von dunkler Vorahnung gefangen in seinem holprigen Gefährt. Den Kutscher hatte er zur Eile gemahnt. Nervös tastend kontrollierte er den Sitz seiner üppigen Perücke, wobei es ihm am wichtigsten war, dass die Ohrmuscheln, unter deren Größe er seit Jugendzeiten litt, vom Kunsthaar vollständig verdeckt wurden. Die Perücke verbarg auch sein einstmals braunes Haar, welches, inzwischen schütter geworden, besonders an den Schläfen zunehmend von grauen Strähnen durchzogen wurde.

Die Stadtgrenze war erreicht, und jetzt säumten wachsende Häuserzeilen die Fahrtroute. Doch Aiden war zu sehr in seine Gedanken versunken, als dass Einzelheiten der Welt außerhalb seiner Kutsche hätten zu ihm durchdringen können. Mechanisch strich er mit dem rechten Handrücken immer wieder imaginäre Flusen vom Oberschenkel seiner neuen Kniehosen, die er extra für dieses schicksalsträchtige heutige Treffen hatte einkaufen lassen. Das helle Beige des aus Samt gearbeiteten Stücks kontrastierte gut zum kräftigen Marineblau seines besten Ausgehrocks. Dessen Knöpfe hatte seine Magd Larna Mills noch am Vorabend unter vorsichtiger Verwendung flüssigen Öls zu perfektem Glanz gebracht.

Als die Kutsche endlich vor dem imposanten Gebäude der South Sea Company in der Threadneedle Street, Ecke Bishopsgate, zum Stehen kam, klopfte Aiden das Herz schon wieder bis zum Hals. In Kürze würde er mehr wissen über den aktuellen Zustand der Company und – damit eng verbunden – über seine eigene Zukunft. Er würde schon heute die ungeschminkte Wahrheit erfahren, bevor die meisten der noch hoffnungsvollen Aktionäre erst in den nächsten Wochen vom heiklen Zustand ihrer Company Wind bekommen würden. Aiden rechnete kurz nach: Die South Sea Company war vor neun Jahren gegründet worden. Genau von dem Mann, der ihn heute über die Turbulenzen in der Company und die Hintergründe aufklären wollte. Fünf Jahre, ja, genau fünf Jahre war es her, seit der verehrte William Paterson angefangen hatte, ebenfalls als Berater für die South Sea Company zu arbeiten. Dann aber war Paterson, der Vater seines wirtschaftlichen Erfolgs, vor eineinhalb Jahren plötzlich und unerwartet verstorben. Wahrlich ein schwerer Schicksalsschlag für Aiden! Er erinnerte sich noch gut an die Stunde der Todesnachricht. Gott sei Dank hatte danach sehr schnell ein enger Vertrauter des Verstorbenen, ein Bankier mit dem Namen George Kemp, die Geschäfte samt Klientel und damit auch ihn, als Sekretär, übernommen. Dieser war ein Onkel von Patersons verstorbener zweiter Frau Hannah. Schon nach wenigen Wochen stellte sich dieser Wechsel sogar als Glücksfall dar: Denn die Geschäfte begannen sich unter seinem neuen Chef zunehmend zu lohnen. Er stieg zum Berater für den Vertrieb der South-Sea-Company-Aktien auf. Immer schneller wuchs die Zahl von Interessenten an den Geschäften der Gesellschaft und trieb damit den Aktienkurs gewaltig nach oben. Verdammt, er hatte für dieses Papier wahrlich geschuftet wie ein Pferd! Der rasante Erfolg seiner Beratungstätigkeit, die zusätzlich zu seinem Grundgehalt vergütet wurde, führte dazu, dass Mr. Kemp ihm für die anfallenden Schreibarbeiten einen weiteren Sekretär an die Seite stellen musste.

Das Geschäftsfeld der Company, der Handel mit Südamerika, was vor allem Sklavenhandel bedeutete, hatte den Nerv der wohlhabenden Klientel getroffen. Die Entwicklung der Company, die vom englischen Parlament exklusiv mit einem Monopol zum Südamerikahandel ausgestattet worden war, wurde darüber hinaus durch König George I. persönlich gefördert und von weiten Teilen des Adels unterstützt – immerhin hatte die South Sea Company einen großen Teil der Staatsschulden übernommen. Ja, König und Adel hatten durch den massenhaften privaten Ankauf gehörigen Anteil an der danach schwindelerregenden Kursentwicklung dieses Papiers.

Aiden hatte sich schon früh selbst vom Börsenfieber infizieren lassen. Jeden Tag war sein Stolz darauf gewachsen, dass es ihm dermaßen leicht gelang, mit seinem Einsatz zum Aufschwung des noch jungen Wertpapierhandels in London beitragen zu können. Sein Vermögen hatte sich parallel zum Börsenkurs entwickelt, seit auch er angefangen hatte, für sich private Aktien bei der South Sea Company zu zeichnen. Ja, er hatte sich sogar Geld geliehen, um seinen Gewinn noch deutlicher zu steigern. Prominente, finanzstarke Kundschaft, bei deren Namensnennung er noch vor Jahresfrist in Ehrfurcht erstarrt wäre, hatten sich in den letzten Monaten vertrauensvoll an ihn gewandt und ihn zu ihrem Finanzberater erkoren.

Die Stimme des Kutschers riss ihn aus seinen Gedanken. Aiden stieg aus dem Einspänner und vereinbarte mit dem sich verbeugenden Mann die Mittagszeit für die Rückfahrt. Hätte er die Folgen des Gesprächs geahnt, hätte er die Kutsche erst für den späten Abend wiederbestellt.

Er zog den tailliert geschnittenen Gehrock, der ihn größer erscheinen ließ, mit beiden Händen an der Hüfte nach unten und betrat das Gebäude der South Sea Company durch den Haupteingang. Er ging durch das schwere, riesige Eichentor, das zentral in der kraftstrotzenden steinernen Fassade des Gebäudes platziert war, welches allein durch sein Erscheinungsbild die wirtschaftliche Potenz seiner Besitzer widerspiegelte.

Aiden kannte das Besprechungszimmer des berühmten George Caswall im ersten Stock. Er war dort mit Paterson zusammen schon zu manch schwierigen Beratungen erschienen, doch in einer derartigen Krisenstimmung wie heute hatte er sich zuletzt vor etwas mehr als zwanzig Jahren auf der Insel Sankt Thomas in der Karibik befunden. Damals war ihm über Nacht das nicht mehr abwendbare Scheitern der schottischen Kolonie an der Landenge von Panama klar geworden. Betont aufrecht schreitend nahm er nun die Stufen in den ersten Stock. Dort wurde er schon von Mr. Caswalls Sekretär erwartet, der ihn noch um ein wenig Geduld bat. Aiden nickte freundlich, wusste er doch nur zu gut, dass ihn seine Aufregung überpünktlich hatte erscheinen lassen. Außerdem war bekannt, dass Mr. Caswall Unpünktlichkeit hasste und gnadenlos abstrafte. Caswall war ein Mann, den man nicht eine Minute warten ließ.

Aiden versuchte, eine möglichst gelassene Miene zur Schau zu stellen, während er auf einer schmalen Holzbank Platz nahm. Er dachte über diesen George Caswall nach – was für eine schillernde Persönlichkeit! Mit einer Größe von fast sechs Fuß und seinem massigen Körper war dieser Mann in der Tat schon rein optisch eine beeindruckende Erscheinung. Aus Eitelkeit, wie allgemein angenommen wurde, hielt er sein Geburtsdatum stets geheim. Nach Schätzungen von Menschen, die ihn schon lange kannten, sollte George Caswall etwa fünf Jahre älter sein als Aiden selbst. Ein Mann im reifen Alter von Ende vierzig! Mit scharfem Verstand und skrupellosem Durchsetzungsvermögen hatte Caswall eine beispiellose Karriere gemacht. Aus der Mittelschicht stammend, hatte sich George nach seiner Ausbildung zum Bankier zielstrebig nach oben gearbeitet. Überraschend schnell schaffte er es in die Vorstände verschiedener Firmen, bis er dann 1711 bei Gründung der South Sea Company deren erster Vorsitzender wurde. Doch dann kostete diesen Mann völlig unerwartet seine Verurteilung wegen Bestechlichkeit den Vorsitz der Company. Das Geschehen lag erst zwei Jahre zurück. Und trotz des Skandals blieb Caswall Mitglied der Partei der Whigs im Stadtparlament von Leominster, und, als wäre das noch nicht genug: Für das laufende Jahr 1720 war er sogar mit großer Mehrheit von den Amtsträgern Londons zu einem der zwei Sheriffs der Stadt gewählt worden – ein Amt von größtem politischem Einfluss und juristischer Macht!

Aiden Hunter hatte den heutigen Termin mit Caswall vereinbart, weil er ihn dringend...



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