Brumme | Ein Gruß von Friedrich Nietzsche | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

Brumme Ein Gruß von Friedrich Nietzsche

Roman
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-406-66760-2
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

ISBN: 978-3-406-66760-2
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ost-Berlin, späte 80er-Jahre: Horst, genannt 'Bobby', Fischer, Paul Hansen und Franz Schönlein, der eine Student der Philosophie, der andere Gärtner, der Dritte Friedhofsmusiker, führen ein anarchisch-subversives Dasein. Sie finden ihre Freiheit in Liebschaften und tagelangen Literatur-, Schach- und Alkoholexzessen und beobachten genüsslich den Verfall des sie drangsalierenden Systems. Denn da ist der abgelebte, paranoide, brutale und kettenrauchende Hauptmann Welke, der ein ganzes Heer von IM auf sie ansetzt. Bobbys Schwäche für Frauen nutzt er nur zu gerne aus und zieht sein Netz aus Überwachung und Einschüchterung immer enger um die drei - bis sich einer darin verfängt. Klug und komisch, abgründig und unerschrocken erzählt dieser Roman von der paranoiden Logik der Macht und dem Irrwitz, der sich dahinter verbirgt, aber nicht weniger brutal ist, von schelmischer Gegenwehr und davon, was es heißt, doch zu verlieren. Die Gefängnisszenen in Christoph Brummes neuem Roman sind unvergesslich, bizarr, böse, anrührend. Eine Parabel auf politische Systeme, die nicht weichen wollen.

Christoph Brumme, 1962 in Wernigerode/Harz geboren, gelernter Eisenbahner, arbeitete am Theater Eisleben als Regieassistent und studierte Philosophie. Seit 1991 lebt er als freier Schriftsteller in Berlin. Er veröffentlichte die Romane 'No' (1994/2008), 'Tausend Tage' (1997), 'Süchtig nach Lügen' (2002) und 'Der Honigdachs' (2010) und den Reisebericht 'Auf einem blauen Elefanten' (2009). Brumme betreibt u.a. den Blog 'Honigdachs.com' mit Beiträgen vor allem über Osteuropa. 2014 erscheinen außerdem die beiden Bücher '111 Gründe, das Radfahren zu lieben' und '111 Gründe, das Schachspielen zu lieben'.
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40 Sie lagen am Ufer des . Das Wasser schimmerte tatsächlich rot. Ringsum ragten die Berge Hasmas, Giurgeu, Tarcau und Suhard in den Himmel.

«Was wird wohl Paul machen?», fragte Bobby. «Wenn ihm die Ausreise bewilligt wird, werde ich ihn nie wiedersehen.»

«Wie lange kennt ihr euch eigentlich schon?»

«Seit sieben Jahren, vom ersten Tag bei der Armee an. Als ich ihn zum ersten Mal sah, dachte ich, diesen Hänfling mit dem Gesicht eines Vierzehnjährigen könnte man umpusten. Der überlebt hier nicht, dachte ich. Aber er ist zäh. Schade, dass man sein Talent nicht schätzt. Im Schach könnte er zur Weltspitze gehören, wenn er internationale Turniere spielen dürfte.»

«Warum musste er nach Schwedt in die Strafkompanie?»

«Er hat die Flucht eines Kameraden nicht verhindert. Sie hatten zusammen Wache.»

«Hätte er die Flucht verhindern können?»

«Unter Anwendung von Waffengewalt vielleicht. Er hätte zumindest in die Luft schießen müssen. Wahrscheinlich hat er an irgendwelchen Schachaufgaben geknobelt und gar nicht gemerkt, was um ihn herum passierte. Der Deserteur hatte sich bei seiner Großmutter versteckt. Der war ein bisschen minderbemittelt, fast debil. Unsere Gruppe wurde danach gleich aufgelöst. Paul musste die drei Monate nachdienen.»

«Was ist ihm in Schwedt passiert?»

«Keine Ahnung, er redet nicht darüber. Er kam ziemlich apathisch zurück. Er meinte, die Wärter seien alle schwul. Einmal hat er was von Dunkelzelle angedeutet.»

«Wir werden beobachtet», sagte Angela. «Du redest und redest und merkst das gar nicht.»

Sie saßen inzwischen allein am Strand, gerade ging die Sonne hinter den Bergen unter. Bobby drehte sich um und sah, wie sich ein Strauch bewegte, während es auf der Lichtung sonst windstill war. Etwas Rotes verschwand im Gebüsch.

Bobby lief barfuß auf das Gebüsch zu. Niemand war zu sehen. Er ging weiter, an einer einzelnen Mauer aus Ziegelsteinen vorbei. Ein leerer Teereimer stand daneben. An der Wand hing eine sozialistische Losung, etwas mit .

Bobby rieb sich die Fußsohle an der Wade. In den Sträuchern bewegte sich etwas. Vor ihm trat ein Mann hinter einer Tanne hervor. Und von den Seiten zwei Männer. Sie waren etwa in seinem Alter, Mitte zwanzig. Alle drei hatten Knüppel in den Händen.

Bobby merkte selbst, dass er dümmlich grinste. Die beiden Männer mit den schwarzen Haaren blieben etwas weiter weg stehen.

Der mittlere Mann hatte offenbar im Gebüsch gelegen, er trug ein rotes Hemd.

«German?», fragte er.

«Yes, German», sagte Bobby in einem Ton, der ihm selbst fremd war.

«East? GDR?»

«Of course, from GDR.»

Der Mann hob seinen Knüppel.

«Fight?»

Bobby schüttelte den Kopf.

Die beiden anderen Männer kamen näher. Bobby ging an der Mauer entlang zur Seite, Schritt für Schritt. Die Männer lachten.

«German Angst?», fragte einer.

Sollte er diesen Spannern zeigen, wie ein Deutscher kämpfen konnte? Die Fressen zu Brei schlagen? Kung-Fu müsste man können, dachte er.

Sie ließen ihn laufen, sie kamen nicht hinter ihm her.

Angela fragte: «Und, hast du wen gesehen?»

«Es waren drei», sagte er. «Lass uns die Sachen packen und hier verschwinden. Die werden wir nicht mehr los.»

«Drei?»

«Drei Männer mit Knüppeln. Die stehen noch dahinten. Ich habe keine Lust auf eine Schlägerei.»

«Hier war es so schön.»

«Woanders wird es auch schön sein.»

Seine Knie zitterten. Überall hatte er Gänsehaut. Er schlug vor, im Wald einen Schlafplatz zu suchen. Sie zogen sich an und rollten die Schlafsäcke ein.

Bobby drehte sich immer wieder um. Doch es gurrten nur Tauben, und irgendwo jaulte ein Hund.

«Es wird hoffentlich niemand mehr kommen», sagte Bobby. «Ich hatte wirklich Angst.»

«Das habe ich gemerkt.»

«Na und, das ist doch nicht schlimm, gegen drei. Und wenn sie dir etwas angetan hätten? Weit und breit war niemand da, der hätte helfen können.»

«Man muss nicht gleich an das Schlimmste denken.»

«Das ist leicht gesagt in solch einer Situation.»

«Glaubst du, dass wir immer zusammen sein werden?»

«Nein.»

Sie blieb stehen und behielt die rechte Hand in der Luft, mit der sie etwas hatte zeigen wollen.

«Warum sind wir dann zusammen?»

Sie weinte. Verdammt, was hatte er da gesagt?

«Wir werden immer zusammen bleiben», sagte er. «Die Sterne sind meine Zeugen.»

«Warum hast du Nein gesagt?»

«Ich habe gedacht, so lange hältst du es mit mir nicht aus. Für immer, das ist schon eine lange Zeit. Willst du meine Frau werden?»

«Frag mich in einem Jahr noch einmal. Mal sehen, ob du deine Meinung dann geändert hast.»

«Siehst du, jetzt vertraust du mir nicht. Du bist dir auch nicht sicher.»

«Das heißt, dass du dir nicht sicher bist?»

«Das ist ein Witz?»

«Der Boden unter mir wackelt. Vielleicht ein Erdbeben?»

Er küsste sie.

41 Hauptmann Welke wischte sich den Bierschaum vom Mund und gratulierte dem Genossen Bastian zu dessen umfassenden Kompetenzen. Selbstverständlich war das ein zuverlässiger Genosse. Mit dem Wort Hausmeister waren seine Fähigkeiten nicht ausreichend beschrieben. Er war gleichzeitig als Kurier und als Einkäufer tätig, ein Mann für alle Fälle. Und natürlich hatte er auch in seiner Freizeit wachsame Augen, Gerüchte aus dem Dorf meldete er gewissenhaft.

Die Dorfbewohner waren in Einwohnerversammlungen darüber informiert worden, dass das Verbreiten von falschen Gerüchten insbesondere im Grenzgebiet unter Strafe steht. Das begann bei großen Lügen, wie etwa der, Margot Honecker fliege mit dem Flugzeug nach Paris, um sich dort die Haare färben zu lassen, und es endete bei anderen subversiven Gerüchten, die als Nadelstiche wirkten und die Bevölkerung verunsicherten. Beispielsweise, dass der Senf teurer werde oder dass alle Telefongespräche abgehört würden. Jeder musste wissen, was er sagte.

Außerdem konnte jeder Grenzbewohner sehen, dass auch der Feind mithörte. Der Feind hatte seine Lauscher am Wurmberg aufgestellt, jedes Gespräch in den Wohnstuben konnte er hören, er wusste genau über die Stimmung im Grenzgebiet Bescheid. Gerüchteverbreiter halfen dem Klassenfeind, sie waren Schädlinge, das musste man mal so klar sagen!

Der Genosse Bastian meinte, die meisten Leute aus dem Dorf interessierten sich nur für Fußball und für ihren Garten, ansonsten meckerten sie. Beim Fußball jubelten fast alle über Bayern München, dagegen halfen keine Argumente. Schlimm war das.

Sie saßen im Garten. Die Bernhardiner Athos und Leica tobten über die Wiese und balgten miteinander. Manchmal sprangen sie an den Zäunen hoch und bellten. Kinder wagten sich nicht in ihre Nähe, denn die Hunde waren viel größer als sie. Athos und Leica waren keine Streichelhunde, das konnte jeder sehen. Wegen ihrer fleckigen schwarzweißen Felle sahen sie zwar ein bisschen wie Kälbchen aus, aber diese Kälbchen sorgten dafür, dass verdiente Genossen sich ungestört unterhalten konnten.

Welke vertrat sich die Beine. Er grübelte, ob er ein schlechter Genosse war. Es mangele ihm an Disziplin, stellte er selbstkritisch fest. Der liebe Schnaps war sein Hauptfeind. Aber auch sein Hauptfreund, weil er ihn auf gute Ideen brachte.

Alles ist doch irgendwie gespalten, dachte er. Seine eigene Spaltung lag in der Natur seiner Arbeit. Er musste sich ja in den Feind hineindenken, musste dessen Motive und Winkelzüge erforschen. Die größte Gefahr für Tschekisten bestand aber darin, sich am Gedankengut des Feindes zu infizieren, dessen Einflüsterungen zu erliegen, ihm ähnlich zu werden. Auch weil man im Kampf gegen ihn, ob an der unsichtbaren oder an der Heimatfront, manchmal die gleichen Waffen und Methoden wie er benutzte. Wir verbreiten ja auch Gerüchte, dachte er.

Neue Herausforderungen erwarteten ihn nach diesem Urlaub. Hoffentlich auch neue Erfolge. Er hatte im letzten Halbjahr zu wenige Feinde entdeckt, die Maßnahmen mussten intensiviert werden! Die Anweisungen von oben waren zu widersprüchlich gewesen. Als er vor zweiundzwanzig Jahren bei der Firma angefangen hatte, wurden die Saboteure und Defätisten nicht so nachlässig verfolgt wie heute. Man hätte sie schneller eingesperrt, Schluss, aus. Noch früher hätte man sie gleich nach Sibirien gebracht, dann herrschte Ruhe im Karton!

Aber neuerdings war in Moskau wieder einmal Tauwetter angesagt. Traurig. Selbst der Genosse Generalsekretär zweifelte an der Idee des Sozialismus. Die erste Generation der Kommunisten, die Lenin nicht mehr persönlich erlebt hatte, verriet gleich dessen kostbare, ja heilige Ideen. Sogar die Verbannung des Dissidenten und Amerikafreundes Andrej Sacharow war aufgehoben worden. In...


Christoph Brumme, 1962 in Wernigerode/Harz geboren, gelernter Eisenbahner, arbeitete am Theater Eisleben als Regieassistent und studierte Philosophie. Seit 1991 lebt er als freier Schriftsteller in Berlin. Er veröffentlichte die Romane „No“ (1994/2008), „Tausend Tage“ (1997), „Süchtig nach Lügen“ (2002) und „Der Honigdachs“ (2010) und den Reisebericht „Auf einem blauen Elefanten“ (2009). Brumme betreibt u.a. den Blog „Honigdachs.com“ mit Beiträgen vor allem über Osteuropa. 2014 erscheinen außerdem die beiden Bücher „111 Gründe, das Radfahren zu lieben“ und „111 Gründe, das Schachspielen zu lieben“.



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