Brunk / Vollmann | Ziemlich beste Nachbarn | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 176 Seiten

Brunk / Vollmann Ziemlich beste Nachbarn

Der Ratgeber für ein neues Miteinander. Von den Gründern von nebenan.de
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-96238-511-8
Verlag: oekom verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Der Ratgeber für ein neues Miteinander. Von den Gründern von nebenan.de

E-Book, Deutsch, 176 Seiten

ISBN: 978-3-96238-511-8
Verlag: oekom verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Vom Teilen und Tauschen über gemeinsames Gärtnern bis zum großen Hofflohmarkt oder Straßenfest - die Möglichkeiten des nachbarschaftlichen Miteinanders sind vielfältig. Doch wie lernst du die Menschen in deiner Nachbarschaft kennen und findest Mitstreiter für gemeinsame Unternehmungen? Die Autoren Ina Brunk und Michael Vollmann wissen Rat. In ihrem Buch zeigen sie, wie aus Menschen, die zufällig im selben Viertel wohnen, echte Nachbarn werden - neue Freundschaften nicht ausgeschlossen. Werde aktiv und mach dein Viertel zu einem lebendigen Ort, an dem Einsamkeit keinen Platz mehr hat! - Lass dich von gelungenen Projekten und Initiativen inspirieren - Mit Anleitungen zur Organisation von Straßenfesten, Repair-Cafés und mehr - Mit praktischen Stickern für den Briefkasten

Ina Brunk ist Mitgründerin der Nachbarschaftsplattform nebenan.de. Mit über 800.000 Mitgliedern, die sich in 30.000 Nachbarschaften vernetzen, ist sie Deutschlands größtes soziales Netzwerk für Nachbarn. Egal, ob jung oder alt, zugezogen oder alt-eingesessen - die Plattform steht allen offen, die Freude an einer lebendigen und sich unterstützenden Nachbarschaft haben.
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Weitere Infos & Material


Who the f* is Alice?


Vielleicht gebührt Chris Norman am ehesten der Titel »Größter Nachbarschaftssänger aller Zeiten«. Als der Frontsänger der britischen Pop-Band »Smokie« Mitte der Siebzigerjahre in »Living Next Door to Alice« dem Mädchen seiner Träume hinterherschluchzte und ein Jahr darauf Howard Carpendale mit der deutschen Version »Tür an Tür mit Alice« in die Sehnsucht mit einfiel, schauten Millionen von Menschen noch einmal genauer hin, wer da eigentlich rechts und links von ihm oder ihr wohnte. Vielleicht ja sogar die große Liebe? Kaum ein Song der Popgeschichte zelebrierte derart intensiv und dahinschmelzend die romantische Macht der Nachbarschaft.
Die Nachbarschaft ist der Mikrokosmos außerhalb der eigenen vier Wände.
Seitdem wurde und wird sie in etlichen Songs besungen und dient bis heute in Filmen und Büchern als Projektionsfläche für die Beschreibung einer ganzen Gesellschaft. Mal ernst wie im Roman »Das Kapital« von John Lanchester, in dem der britische Schriftsteller die Nachbarn in der fiktiven Pepys Road in London als Bühne für die Finanzkrise 2008 grandios in Szene setzt. Mal leicht wie in »Ein Mann namens Ove« des schwedischen Autors Carl Fredrik Backmann, in dem ein mürrischer alter Kauz unversehens zum Knotenpunkt seiner Nachbarn wird und en passant Themen wie Migration, sexuelle Orientierung und Freundschaft behandelt werden. Den Schrecken vor dem lieben Nachbar hat Regisseur Mark Pellington in seinem Psychothriller »Arlington Road« auf die Spitze getrieben: Der neue Mann von gegenüber entpuppt sich als Terrorist und jagt in einem furiosen Finale das Hauptquartier des FBI in die Luft – und mit dem Gebäude auch gleich seinen armen Nachbarn, der ihm auf die Schliche gekommen war. Und nur am Rande: Es kursieren im Internet sogar Listen mit den 25 schrecklichsten Filmnachbarn. Auf Platz 3: Homer Simpson.
Jeder von uns wohnt in ihr, jeder hat eine Meinung zu ihr und den Menschen um sich herum. Die Nachbarschaft ist der Mikrokosmos außerhalb der eigenen vier Wände, in dem sich Dramen ebenso abspielen wie Komödien, tiefe Trauer und große Freude – eben all das, was passieren kann, wo Menschen leben. Nur bekommen wir es nicht immer mit. Und das ist ja auch nicht immer gewollt. Wer will schon mit dem unheimlichen Mittsechziger von nebenan zu tun haben oder mit der Schreckschraube aus dem Erdgeschoss?! Sicher ist aber auch: Es gibt eine Vielzahl von Menschen um uns herum, die wir interessant, kurios oder einfach richtig nett finden würden – wenn wir sie nur kennenlernten.

Das Prinzip Dorf


Auf den Dörfern kennt man dieses Verbinden teilweise noch mehr als in den Metropolen. Da schmücken die Nachbarn die Türen bei Hochzeiten und runden Geburtstagen, Geburten werden gemeinsam begossen, mit dem Nachbarn am Gartenzaun samstagnachmittags über den kommenden Bundesliga-Spieltag parliert oder Rezepte für den Kirschkuchen herübergereicht. Wer zu viele Äpfel geerntet hat, verteilt sie in seiner Straße. Wer eine Bohrmaschine braucht, fragt nebenan nach. Und nicht nur Gegenstände, Gedanken oder Gefallen werden getauscht, sondern auch Kompetenzen: Wenn bei Christiane der Wasserhahn tropft, fragt sie Klempnermeister Marc zwei Häuser weiter, der dann gleich am selben Abend oder spätestens am Wochenende kommt und den Schaden behebt. Natürlich ohne Geld dafür zu nehmen. Denn immerhin ist Christiane ja Angestellte in einer Steuerkanzlei in der Kreisstadt und macht Marc jedes Jahr die Steuererklärung.
Meyenburg in Niedersachsen
Oder anders gesagt: Vor allem auf dem Dorf funktionieren all die vertrauensbasierten Rituale noch, die den Zusammenhalt der Menschen fördern und fürs Wohlergehen jedes Einzelnen wichtig sind. Für viele Städter ist deswegen auch heute die Kleinstadt ein Sehnsuchtsort – nicht nur wegen der Natur, dem Waldkindergarten für die Kleinen oder weil man endlich mal selber Gemüse anbauen kann. Es sind auch die Menschen und die Gemeinschaft, die einen Reiz ausüben und jene Wärme geben können, die man in Zeiten von aufgelösten Großfamilienstrukturen vermisst. Auch wenn das heute sogar auf dem Dorf keine Selbstverständlichkeit mehr ist.

Allein zu Haus


Laut der GfK-Bevölkerungsstrukturdaten von 2017 beträgt der Anteil der Einpersonenhaushalte in Deutschland aktuell 38 Prozent.
In den Metropolen funktioniert Nachbarschaft in den meisten Fällen anders. In den großen Wohneinheiten bleibt es oftmals beim dahingenuschelten »Morg’n« im Treppenhaus. Manchmal kommt es zum Gespräch über die Unfähigkeit des Vermieters oder die immer vollen Mülltonnen. Die Themen kreisen ums Äußere, selten um Persönliches, nie um das Innerste. Was viele ja auch gar nicht wollen und gerade deshalb die Anonymität der Großstadt als zentralen Lebensmittelpunkt gewählt haben. Und damit auch die Unannehmlichkeiten, die damit verbunden sind: die laute Musik bei der Einweihungsparty, das Getrampel der kleinen Kinder im Stockwerk oben, das Klaviergeklimper rechts unten. All das nehmen viele in Kauf für ein hohes Maß an Privatsphäre.
Und das zunehmend allein: Laut der GfK-Bevölkerungsstrukturdaten von 2017 beträgt der Anteil der Einpersonenhaushalte in Deutschland aktuell 38 Prozent. In Großstädten wie Berlin (49 Prozent), München (50 Prozent) und Köln (49 Prozent) lebt in rund der Hälfte aller Haushalte nur eine Person. Die »Volkskrankheit Vereinsamung« kriecht weiter voran – mit weitreichenden Folgen für die psychische Gesundheit der Betroffenen. In der Studie »Sozialer Zusammenhalt in Deutschland 2017« der Bertelsmann Stiftung kommen die Experten zum wenig verblüffenden Schluss: »Dort, wo sich kohäsive Gemeinschaften bilden, sind die Menschen gesünder, glücklicher und zufriedener.« Es lohnt sich also, an dem Zusammenhalt der Menschen zu arbeiten. Und das nicht nur für mehr Wohlergehen des Einzelnen, sondern der Gesellschaft insgesamt.
Tag des guten Lebens in Köln-Ehrenfeld

Zusammenhalt in Gefahr


Dabei ist die Einschätzung von gesellschaftlichem Zusammenhalt nicht immer gleich: Laut Bertelsmann-Studie sind mehr als die Hälfte der Deutschen der Meinung, dass bundesweit der soziale Kitt bröckelt, während fast 70 Prozent gleichzeitig den Zusammenhalt auf lokaler Ebene als sehr gut oder gut einschätzen. Die Kennzeichen für eine zusammenhaltende Gesellschaft sind laut Studienleiter »belastbare soziale Beziehungen, eine positive emotionale Verbundenheit ihrer Mitglieder mit dem Gemeinwesen und eine ausgeprägte Gemeinwohlorientierung«.
Wir müssen am Erhalt und an der Wiederherstellung der Heterogenität von Nachbarschaften arbeiten.
Gemäß diverser Studien ist aber genau diese bedroht – insbesondere durch die immer größer werdende Lücke zwischen Arm und Reich sowie durch eine immer höhere kulturelle Diversität. Eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) zeigt auf erschreckende Weise, wie sich unsere Städte zwischen 2005 und 2014 verändert haben. Zum einen leben arme Menschen zunehmend konzentriert in bestimmten Wohnvierteln, insbesondere in Ostdeutschland: In 36 deutschen Städten gibt es Quartiere, in denen mehr als die Hälfte der Kinder von Leistungen nach SGB II leben. Zum anderen gibt es die Tendenz, dass die Altersgruppen örtlich auseinanderdriften: Immer mehr 15- bis 29-Jährige rotten sich in Wohnvierteln zusammen, während andernorts fast ausschließlich Menschen über 65 Jahre leben.
Heißt im Umkehrschluss: Wir müssen am Erhalt und an der Wiederherstellung der Heterogenität von Nachbarschaften arbeiten, um der Spaltung der Gesellschaft entgegenzuwirken. Wenn sich Nachbarn quer durch alle Einkommens- und Altersschichten, unabhängig von Herkunft und Status miteinander vernetzen, entsteht ein Gemeinschaftsgefühl außerhalb der Filterblasen, in denen wir uns sonst bewegen.
Das gilt auch insbesondere für eine der größten Herausforderungen unserer Gesellschaft: die interkulturelle Verständigung und Integration von Menschen mit Migrationshintergrund. Nicht nur der Aufstieg der AfD hat gezeigt, wie stark die »Angst vor dem Fremden« vielerorts ist und wie schwierig es ist, diese Ängste und Vorurteile abzubauen. In der Bertelsmann-Studie geben in Deutschland insgesamt 22 Prozent der Befragten an, einen Ausländer oder Migranten ungern als Nachbarn haben zu wollen. Auch eine Umfrage des WDR zum Thema Nachbarschaft (2017) hat gezeigt, dass die meisten Befragten in Nordrhein-Westfalen sich Nachbarn wünschen, die ihnen möglichst ähnlich sind.
Das beste Gegenmittel gegen Angst vor dem Fremden ist der Kontakt.
Das beste Gegenmittel gegen Angst vor dem Fremden ist der Kontakt, denn »Begegnung schafft Vertrauen, weil sie dazu anleitet, die Menschen als Individuen zu sehen und Vorurteile, die jeder mit sich herumträgt, zu hinterfragen«, heißt es in der Bertelsmann-Studie. Hier auf der lokalen Ebene können wir tatsächlich die großen Fragen unserer Zeit angehen und Probleme lösen. Deswegen ist jede erfolgreiche Begegnung in der Nachbarschaft so wertvoll: Sie stärkt das Vertrauen in die Menschen von nebenan und die Identifikation mit dem Quartier. Jede positive Erfahrung öffnet die Tür für weitere, tiefer gehende soziale Interaktionen – und trägt dadurch zum gesellschaftlichen Zusammenhalt bei.

Raus aus der Anonymität


Hinzu kommt, dass in Zeiten von Beschleunigung und Globalisierung und dem damit verbundenen Gefühl der Entfremdung auch in den Metropolen die Sehnsucht nach Nähe wächst. Viele wollen heraus aus der Anonymität und hinein in ein aktives und erfüllendes Miteinander. Man mag zwar...


Brunk, Ina
Ina Brunk ist Mitgründerin der Nachbarschaftsplattform nebenan.de. Mit über 800.000 Mitgliedern, die sich in 30.000 Nachbarschaften vernetzen, ist sie Deutschlands größtes soziales Netzwerk für Nachbarn. Egal, ob jung oder alt, zugezogen oder alt-eingesessen – die Plattform steht allen offen, die Freude an einer lebendigen und sich unterstützenden Nachbarschaft haben.

Vollmann, Michael
Michael Vollmann ist Mitgründer der Nachbarschaftsplattform nebenan.de. Mit über 800.000 Mitgliedern, die sich in 30.000 Nachbarschaften vernetzen, ist sie Deutschlands größtes soziales Netzwerk für Nachbarn. Egal, ob jung oder alt, zugezogen oder alt-eingesessen – die Plattform steht allen offen, die Freude an einer lebendigen und sich unterstützenden Nachbarschaft haben.



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