Brunner / Kastenholz / Kor | Abartige Geschichten - Baker Street | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 2, 358 Seiten

Reihe: Abartige Geschichten

Brunner / Kastenholz / Kor Abartige Geschichten - Baker Street


1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7487-3324-9
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, Band 2, 358 Seiten

Reihe: Abartige Geschichten

ISBN: 978-3-7487-3324-9
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Oftmals nimmt das Abartige im Leben der Menschen einen deutlich größeren Raum ein, als man auf den ersten Blick meint.   Verschleiert hinter ihren Masken tragen sie vielerlei Dinge in sich, die wir nicht für möglich halten. Einige dieser Dinge halten sie selbst nicht für möglich. Es bedarf äußerster Vorsicht, hinter diese Masken zu sehen, damit die Menschen keinen Schaden nehmen.   Markus Lawo hat eine Reihe namhafter und noch nicht namhafter Autor*innen gefunden, um diese Abgründe zu ergründen.     Wolfgang Brunner DAS EWIGE LEBEN DES JOHN SMITH   Emely Meiou VERMISST   Jutta Wölk TODSÜNDEN   Ralf Kor 221 A   Marvin Buchecker SHERLOCK HOLMES UND DER VERRÜCKTE ARABER   Moe Teratos DAS RESTAURANT AN DER BAKER STREET   Markus Kastenholz DARHAM: BLACK   Jean Rises DRAGFOOT   Doris E. M. Bulenda EIN DETEKTIV TUT ...   COLJA NOWAK   Sascha Dinse POST MORTEM   Thomas Tippner NUR NICHT SHERLOCK HOLMES   Raven Roxx BLOOD-RIPPER   Jacqueline Pawlowski DIE LAST   Nici Hope EBENE NULL   Timo Koch IM BANN DER GRÜNEN FEE   Nicole Renner JASON, JACKS ERBE   Markus Lawo I HOLD YOUR HAND IN MINE   Elli Wintersun ZWISCHENWELT

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Emely Meiou - Vermisst
    Die Hände auf die Hüften stemmend, stand ich vor meinem Mann. Wie immer hatte Jonathan ein Glas mit billigem Scotch in der Hand. Und wie üblich lehnte er sich, wenn er trank, und das tat er oft und gern, dabei tief in seinen Sessel. Ich unterdrückte den Drang, ihm schon wieder zu sagen, dass er sich, anstatt sich zu betrinken, lieber einen Job suchen sollte. Einen, bei dem er länger als ein paar Wochen durchhielt. Scheinbar war er meinen missbilligenden Blick leid. Er erhob sich, wobei er mich abfällig ansah. »Ich gehe ins Jacks.« Ich verdrehte die Augen. »Es ist doch noch früh am Tag«, versuchte ich ihn von seinem Vorhaben abzuhalten. Doch meine Worte schienen ihm durch das eine Ohr rein und das andere wieder rauszugehen. Ich hielt ihn am Arm fest, wohl wissend, dass mir dieser Versuch ein blaues Auge einbringen konnte. Die Scham vor weiterem Getuschel unserer Nachbarn und den anderen Leuten aus der Baker Street war größer als meine Furcht vor einer Tracht Prügel. »Verdammt, Weib, lass meinen Arm los«, brüllte er und holte zum Schlag aus. Das Bimmeln der Türglocke bewahrte mich vor Schlimmerem. Jonathan prustete laut und ging genervt zur Haustür. Mit einem Ruck öffnete er sie, und ich konnte die alte Mrs. Rosenberg erkennen. Verdammt! Nicht jetzt! Schnell setzte ich ein künstliches Lächeln auf. »Ah, Mrs. Rosenberg.« Ich trat an meinem Mann vorbei und begrüßte sie. »Haben Sie einen neuen Hut? Der steht Ihnen ausgezeichnet.« »Vielen Dank, mein Kind«, lächelte sie mich an, doch nur einen Moment darauf erstarb ihr Lächeln und ich erkannte, woran es lag. »Darf ich mal vorbei?«, herrschte Jonathan mich an. Ohne unsere Nachbarin eines Blickes zu würdigen, verschwand er mit seiner Jacke unter dem Arm von der Bildfläche. Ich seufzte unwillkürlich. »Machen Sie sich nichts daraus, Liebes. Männer sind … Ach ja … Männer eben.« Von Dutzenden ihrer Erzählungen über ihren zweiten Ehemann wusste ich ganz genau, was sie mit ihrer Aussage meinte. Auch sie hatte einen Trinker zum Gatten gehabt, doch das Glück war ihr hold gewesen, denn eines Nachts, nachdem er wieder einmal über den Durst getrunken hatte, verlor er das Gleichgewicht und fiel in die Themse, wo er ertrank. »Ich wollte eigentlich nur kurz zum Markt gehen und wollte wissen, ob Sie etwas benötigen?«, fragte sie mich. »Wie lieb von Ihnen, aber nein, vielen Dank.« »Gut, gut, dann will ich Sie nicht von Ihren Aufgaben abhalten.« Sie tätschelte mir den Arm und machte auf dem Absatz kehrt. Ich wollte gerade die Tür schließen, als sie noch einmal in meine Richtung sah. »Sagen Sie, Kind, haben Sie auch Besuch von diesem Privatdetektiv bekommen?«, fragte sie mich mit Neugier in der Stimme. »Ein sonderlicher Mensch«, fügte sie hinzu und rümpfte die Nase. »Hat mir auf penetrante Art und Weise Fragen gestellt. Skurrile Fragen.« Ich spürte, wie sich meine Brauen zusammenzogen. »Nein. Was für ein Privatdetektiv denn?« »Nun ja …« Sie kam wieder auf mich zu und hielt die Hand an ihren Mundwinkel, so als wollte sie nicht, dass jemand anderes unser Gespräch mitbekam. »Es geht um die Familie Beckinsale. Sie wissen schon … Tragisch, wirklich tragisch. Ich bete seither jeden Tag und jede Nacht zum Herrn, dass er die Kleine zu ihrer Familie zurückbringen möge.« »Aber ich dachte, die Polizei würde sich um den Fall kümmern?«, fragte ich verdutzt. »Die Polizei? Pah! Kindchen, Sie müssen es doch besser wissen. Diese ungehobelten Kerle sind doch allesamt Nichtsnutze. Ja, sich wichtig tun, das können sie, aber ihrer Arbeit gewissenhaft nachgehen?« Sie zog eine ihrer grauweißen Brauen hoch. »Nein, nein, die Familie tat recht daran, einen Privatdetektiv anzuheuern, auch wenn sie sich meiner Meinung nach lieber einen anderen hätten nehmen sollen.« Zustimmend nickte ich ihr zu. »Ich hoffe nur, dass Matilda schnell und unversehrt zu ihrer Familie zurückkommt.« Ich musste wohl traurig geschaut haben, denn sofort zogen ihre Mundwinkel nach unten und sie streichelte mir über den Arm. »Ich weiß ja, wie gern Sie sie mochten und dass Sie oft mit ihr gespielt haben.« Mochten? Es missfiel mir, dass sie die Vergangenheitsform gebrauchte, so als sei Matilda schon tot. Da ich nichts erwiderte, schien sie das als Aufforderung zum Beenden unserer Unterhaltung aufzufassen. Sie drehte sich um und warf mir, während sie zum Treppenhaus ging, über die Schulter einen Blick zu. »Und Sie brauchen wirklich nichts?« Ich schenkte ihr ein aufgesetztes Lächeln. »Nein, vielen Dank. Ihnen noch einen schönen Tag, Mrs. Rosenberg.« Ich lehnte mich gegen meine geschlossene Haustür und seufzte. Dieses Theaterspiel raubte einem nicht nur Zeit, sondern kostete auch einiges an Kraft. Ich konnte diese aufdringliche alte Kuh nicht ausstehen. Ihre täglichen Besuche, die neugierigen Fragen um mein Wohlbefinden und die hochnäsigen Blicke, die sie meinem Mann nachwarf. Was erlaubte sie sich? Nur mir als Ehefrau standen diese Blicke zu! Meine Gedanken kreisten um ihre Worte. Privatdetektiv. Ein sonderlicher Mensch. Ob er auch mich aufsuchen würde? Ich hatte weiß Gott genug um die Ohren, als mich auch noch mit einem Schnüffler auseinandersetzen zu müssen. Nachdem ich bis zum frühen Nachmittag meine Haushaltsarbeiten erledigt hatte, ging ich unruhig durch meine kleine und spärlich eingerichtete Wohnung – und sah dabei immer wieder aus dem Fenster. Worüber machte ich mir eigentlich Sorgen? Wusste ich doch, dass er vor Anbruch des Abends und bis ihm das letzte bisschen Geld ausgegangen war, ohnehin nicht nach Hause kommen würde. Mrs. Rosenbergs geringschätziger Gesichtsausdruck sowie die mitleidvollen Blicke der anderen Bewohner des Hauses schwirrten mir durch den Kopf. Bitte, Jonathan, komm nicht angetrunken und schon gar nicht um die Zeit, in der die Nachbarn dir über den Weg laufen könnten, nach Hause. Bitte, Gott, bewahre mich vor weiterer Schmach! Ein lautes Poltern schreckte mich auf. Ich erhob mich von der Fensterbank und ging in den Flur. Da war es wieder. Doch diesmal drangen auch unverständliche Worte an mein Gehör. Kurz bevor ich die Haustür erreichte, wurden die Stimmen erheblich lauter. Gott, nein! Ich befürchtete das Schlimmste. Ruckartig öffnete ich die Tür und sah in die Gesichter meiner Nachbarn Luisa und Kenneth. Luisa hielt ihren Gatten am Arm fest. Kenneths Gesichtsausdruck jagte mir einen kurzen Schauer über den Rücken. Nie zuvor hatte ich ihn so aggressiv gesehen. Beide sahen in Richtung Treppenhaus. Mich hatten sie scheinbar nicht bemerkt. Ich trat aus der Tür und hielt den Atem an. Jonathan. Ich presste die Zähne zusammen. »Luisa. Kenneth.« Ich nickte den beiden freundlich zu. »Jonathan, Liebling, geh schon mal rein.« Ich umfasste seinen Arm und zog ihn mit mir. Mein ganzer Körper brannte insgeheim vor Scham. »Lass mich!«, keifte er und entzog mir seinen Arm. »Ich habe den beiden doch nur gesagt, dass sie auf ihre Tochter besser hätten aufpassen müssen«, lallte er eher, als dass er die Worte aussprach. Ich wollte im Boden versinken. Auf der Stelle, hier und jetzt. »Du verdammter …« »Nein!«, schrie Luisa und versperrte ihrem wutentbrannten Mann den Weg, indem sie sich vor ihn stellte. Wie angewurzelt stand ich da und sah abwechselnd zu Kenneth und zu dem Mann, dessen Geburt ich fast täglich verfluchte. »I-ich … Ich bitte euch vielmals um Entschuldigung.« Beschämt sah ich die beiden kurz an und ging dann zu Jonathan. »Bitte, Jonathan …« Ich wollte ihn gerade erneut am Arm fassen, als er von sich aus in Richtung Haustür ging. Mein Herz machte einen Freudensprung. »Wer weiß das schon?«, stammelte er und blieb plötzlich stehen. Geh weiter, verdammt!, schoss es mir durch den Kopf. »Ja, vielleicht sind sie es«, sagte er, und es schien, als würde er Selbstgespräche führen. Ich stupste ihn sanft in den Rücken, damit er weiterging. »Wie war das?«, presste Kenneth zwischen den Zähnen hervor. Jonathan blickte mich mit einem merkwürdigen Ausdruck an. »Du hast doch gesagt, dass die beiden überfordert sind. Immer musstest du auf das Gör aufpassen. Deine Worte«, grunzte er grinsend. »Vielleicht haben sie«, er deutete mit dem Finger zu unseren Nachbarn, »sie umgebracht und ihre Lei…« Noch ehe er aussprechen konnte, versetzte Kenneth ihm einen kräftigen Faustschlag mitten ins Gesicht. Jonathan taumelte unter dem Geschrei Luisas nach hinten und fiel zu Boden, was Kenneth nicht davon abhielt, brutal auf ihn einzutreten. Eine Stimme in mir jubelte beim Zusehen. Luisa war es, die ihren Mann daran hinderte, weiterzumachen. Jonathan lag bewegungslos und schwer zugerichtet da. Blutstropfen klebten nahe meiner Füße ringsum auf dem Steinboden. Sein Gesicht war fast unkenntlich geworden durch all...



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