Bruno | Die Fackel der dreißig Statuen | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 300 Seiten

Bruno Die Fackel der dreißig Statuen

übersetzt von Erika Rojas
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7504-0832-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

übersetzt von Erika Rojas

E-Book, Deutsch, 300 Seiten

ISBN: 978-3-7504-0832-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der Naturphilosoph Giordano Bruno (1548-1600) versinnbildlicht in der "Fackel der dreißig Statuen" je 30 Begriffe in Gestalten der griechischen Mythologie. Mit Hilfe dieser Einteilung soll alles, was es auch sei, analysiert, erkannt, verstanden und im Gedächtnis bewahrt werden. Dieses Buch ist jedoch viel mehr. In der "Fackel der dreißig Statuen" entwirft Giordano Bruno die Metaphysik einer lebendigen, beseelten und von Liebe druchdrungenen Welt, in der aus der Begegnung der Kräfte der Finsternis und des Lichts alles Sein hervorkommt. Das Universum selbst ist ein Lebewesen, nämlich das erste Lebewesen, aus dessen Fülle, Bewusstsein und Liebe alles entsteht. Mehr über die Bücher Giordano Brunos unter https://erikarojas.de/GiordanoBruno/GB.html

Der Naturphilosoph Giordano Bruno lebte in der Renaissance von 1548 bis 1600. Er reiste durch Europa und lehrte in vielen Städten, wobei ihn alle christlichen Kirchen verfolgten und exkommunizierten. Am 17. Februar 1600 wurde er von der katholischen Kirche wegen Ketzerei auf dem Campo de Fiori in Rom auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Giordano Bruno hinterließ ein umfangreiches Werk italienischer und lateinischer Schriften, von denen einige erst jetzt vollständig übersetzt wurden.
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Das zweite Formlose, der Orkus oder der Abgrund


Wie der Sohn dem Vater folgt der Abgrund oder der Orkus dem Chaos, denn aus dem Leeren und Unbegrenzten folgt eine  Hinwendung, ein Mangel oder ein grenzenloses Verlangen, wie es im Sprichwort heißt, dass „der Mangel das Verlangen hervorbringt“.  

Durch den Namen des Orkus stellen wir uns einen unermesslichen und unendlichen Schlund vor, der dem Leeren dasjenige hinzufügt, das irgendwie alles zu empfangen, zu begehren und anzuziehen vermag. Ihn stellen wir durch dreißig Bedingungen dar oder erklären wir durch das Dargestellte. Wir können ihm jedoch nicht irgendeine Idee oder Form geben.

I. Orkus oder Abgrund wird er wegen seiner Weite genannt, die mit der Weite seines Vaters, des Chaos, zusammentrifft. Das unendliche Verlangen folgt somit der unendlichen Leere.

II. Er wird Acheron genannt oder der Traurige, wegen der Ähnlichkeit, da sie beide wegen ihrer Bedürftigkeit nicht sonderlich zufrieden sind. Er selbst ist der Traurigste von allen, da er ja allen Mangel bedeutet und das Dasein des sich widersprechenden Gegensatzes.

III. Man stellt sich vor, dass er alles verwirft, was ihn nicht ausfüllt, da ja das dem Unendlichen oder dem unendlichen Verlangen hinzugefügte Endliche keinerlei Verhältnismäßigkeit oder Vereinbarkeit zulässt.

IV. Durch den Brunnen des Belus ist sein unermessliches Streben zu erkennen, oder er weist zumindest darauf hin. So viel Wasser auch in ihn hineingeschüttet wird, scheint es doch immer wie aus einem durchlöcherten Gefäß wieder herauszufließen und nichts zum Auffüllen des Schlundes beizutragen, noch zu seinem Ausfüllen zu führen.

V. Da hier ein Verlangen dargestellt wird, dessen Gegenstand das Endliche ohne Ende ist, ist es selbst unendlich. Denn der  unendlichen Leere und dem unendlichen Mangel folgt nicht ein Verlangen, dem ein bestimmtes Ziel seines Strebens oder ein bestimmtes Wünschenswertes gegenüberstehen könnte, sondern es ist in gleicher Weise unendlich und unbestimmt.

VI. Unersättlich ist sein Beiwort, denn welches Begehrenswerte oder Wünschenswerte ihm auch immer angeboten werden  könnte - wenn er glaubt, es umfassen zu können, wird es ihn in keiner Weise befriedigen können, nicht einmal mehr als das Nichts selbst.

VII. Daran ändert sich auch nichts durch den Körper des Tityos mit einer Größe von neun Morgen. Diese Zahl ist gebildet aus drei mal drei und bedeutet die vollkommen vollkommene Zahl oder das sphärisch vollkommene Unendliche. Von seiner ständig nachwachsenden Leber kann der ebenso unaufhörlich sich erneuernde Hunger des Geiers nicht gestillt werden, denn ein unendliches Streben, dem ein endliches Objekt oder Subjekt gegeben wird, ist niemals zufrieden, ebenso wie durch zufällig nichts. Wenn es immer so endlich ist, dass es nicht auch beendet wird, wie ein Subjekt, das beständig verschlungen werden kann, dann ist es nicht so abwesend, wie Gegenwärtiges abwesend ist oder Abwesendes anwesend ist. Wie zum Beispiel auch das Objekt des endlichen Bewusstseins und des endlichen Wollens das unendliche Gute ist, denn wenn es völlig erfasst und erreicht werden könnte, wäre es nicht mehr das Gute, denn es gäbe ja keinen Grund mehr, es zu begehren. Wenn es folglich immer gut sein soll, muss es immer begehrenswert sein. Um immer begehrt zu werden, darf es sich niemals erfüllen. Es ist also nicht völlig abwesend, außer es ist vielleicht überhaupt nicht gut, da es sich auf keine Weise mitteilt. Es ist auch nicht völlig anwesend, wenn es nicht ein endliches Gutes ist, und folglich seine Güte begrenzt ist und irgendwo endet, wo es sich erfüllt und sein Ende erreicht.

VIII. Durch die Gefangenschaft des Giganten wird ausgedrückt, wovon tiefsinnige Dichter erzählen, nämlich, dass es von der  Erdoberfläche in die Tiefe ebenso weit hinabgeht, wie sich der Himmel von derselben Oberfläche in die Höhe erhebt. Für die  Wirklichkeit wird dadurch gezeigt, dass der Umfang des Mangels und des Verlangens ebenso groß ist wie der Umfang des Guten. Das absolut unendliche Gute setzt also voraus, dass es unendlich wünschenswert ist, das unendliche Streben einen Abgrund ohne Ende.

IX. Er wird das Chaos der ewigen Nacht genannt, da er alt ist, so dass er seinem um nichts älteren Vater, dem Chaos, gleichgestellt wird. Sein Fassungsvermögen soll dem seines Vaters gleichkommen, denn wie es nichts Umfassenderes als das Umfassende gibt, so gibt es auch nichts Bedürftigeres und Abgründigeres als die Bedürftigkeit und den Abgrund selbst.

X. Es heißt, er verschlinge alles, denn wie er fähig ist, Unendliches hervorzubringen und Unendliches zu ergreifen, so ist er auch fähig, Unendliches zu überbringen und sich dem Unendlichen zuzuwenden. Denn wenn sie eingesetzt werden, setzen sie sich gegenseitig ein, und wenn sie entfernt werden, heben sie sich gegenseitig auf.

XI.. Es heißt, zwischen dem Orkus selbst und der eigentlichen  Fülle liege das weite Chaos, weil zwischen einem solchen  Verlangen und einem so großen Gut das Werk des unermesslichen Universums von der Nacht als Mutter und dem Licht als Vater gezeugt wurde.

XII. Er heißt blind und verwirrt, da er keine Form und keine Gestalt hat und folglich auch nicht erkannt werden kann, so dass sich der Sohn seines Vaters, des Chaos, würdig erweist.

XIII, Nicht einmal er selbst kann die Empfindung und die Erkenntnis seiner selbst bewahren. Er ist sogar das Urbild und das Gefäß aller Torheit und Vergesslichkeit. Deshalb wird erzählt, dass der Fluss Lethe in ihn münde und aus ihm entspringe.

XIV. Er ist zu begreifen als der Vater allen Wechsels, da ja alles am Schatten seines Mangels und am Chaos teilhat, und man glaubt, dass alles sich mit der gleichsam von der mütterlichen Seite stammenden Empfindung infizierte. Denn alles, was aus diesem Ursprung hervorkommt, begehrt alles zu sein, und ich behaupte, dass es unter allen Einzelwesen keines gibt, das nicht begehrte alles zu sein, da der Trieb des Orkus und die Töchter der Nacht jedes endliche und bestimmte Licht verschmähen, so dass sie sich ihres Vorfahren, des Chaos, würdig erweisen.

XV. Wie einerseits dem Vater, dem Chaos, alles fehlt, so sucht seine Enkelin, die Nacht, nach allem. Zwischen ihnen steht der Orkus, der Sohn, der alles begehrt.

XVI. Wie das Chaos sich nicht bewegt, und es folglich auch nichts gibt, in dem es ruhen könnte, und es weder Bewegung noch Ruhe kennt, (und doch kann es nicht als unbeweglich ruhend bezeichnet werden) so ist der Orkus ein Zeichen der Ruhe. Denn er will sich selbst nicht seines Begehrens berauben, noch könnte er dies wollen. Die Nacht verfolgt die Ruhe und das Gute, und weil sie es immer nur im Einzelnen ergreift, schleudert sie es gleichsam voller Unwillen von sich. Denn das Ganze, das sie nicht gleichzeitig in allen Teilen besitzen kann, fordert sie nach und nach in allen seinen Teilen ein. Wie also die Nacht die Ruhe verfolgt, so ist der Orkus ein Zeichen für sie.

XVII. Der Orkus geht nicht in den Himmel und in die Welt des Lichts über, noch könnte er dies wünschen, denn wenn er aufhörte, er selbst zu sein, würde er letztlich auch die Ordnung des Universums zerstören. Ebenso könnte auch niemand ohne Verwirrung zu stiften vorgeben, dass der Mangel kein Mangel sei, und das Begehrende sich in das Begehrenswerte verwandle, denn ohne das Begehrende kann das Begehrenswerte niemandem gegeben werden, ebenso wie ohne das Begehrenswerte dem Begehrenden nichts gegeben werden kann. Wie also die Welt des Lichts und der Fülle notwendig ist, ebenso ist es notwendig, dass es eine Welt gibt, in der sie leuchten, begeistern und erfüllen kann. Es ist also eine solche Sehnsucht, dass sie nicht wollen kann, keine Sehnsucht zu sein, genauso wie alles Seiende nicht wollen kann, kein Seiendes zu sein. Deshalb wird das Begehren des Orkus ein hinweisendes genannt, das der Nacht aber ein verfolgendes.

XVIII. In ihm, heißt es, seien der Acheron, der Cocytus, der Styx und der Phlegeton. Nicht deshalb aber ist diese Abgründigkeit traurig, beklagenswert oder betrüblich, da ihm ja das eigene Sein angenehm und erfreulich ist und in der Wirklichkeit der Natur nicht weniger gut und notwendig. Deshalb beneidet Pluto Zeus nicht und kann ihn auch nicht beneiden. Es heißt, dies seien nicht die Empfindungen des Orkus, sondern die Empfindungen, die durch den Orkus in denjenigen entstehen, in denen eine Zusammensetzung aus Licht und Finsternis besteht, weil ihre Mutter die Nacht und ihr Vater der Himmel ist. Wenn in diesen Zusammengesetzen das Licht überwiegt, beklagen sie das Tal der Finsternis. Wenn aber in ihnen der Anteil der Mutter die Oberhand hat, hassen sie den Himmel und streben dem Orkus zu.

XIX. Das Chaos ist formlos, unformbar der Orkus, die Nacht wird immer geformt, aber hat nie eine vollständige Form.  Der Orkus befindet sich folglich so in ihrer Mitte, dass er in der Unformbarkeit selbst nicht geformt werden kann, aber geformt zu werden wünscht. Auf der einen Seite ist das Leere oder das Chaos, das niemals geformt wird und auch nicht geformt zu werden wünscht. Auf der anderen Seite ist die Nacht, die immer geformt wird und immer geformt zu werden wünscht. 

XX. Das Übel existiert auf eine solche Weise, dass es nicht gut wäre, wenn es nicht existierte. Es bringt nämlich die Notwendigkeit des Guten hervor, denn ohne das Übel gäbe es keine Sehnsucht nach dem Guten, durch die das Gute wünschenswert, herrlich und hochgeschätzt ist. So ist also der Orkus notwendig ebenso wie die Ströme des Bösen.

XXI. Wie das höchste Gut nicht hervorgebracht wurde oder hervorgebracht werden kann, so auch nicht der Gegensatz seiner Fülle, das Chaos, oder was aus ihm folgt. Dem widerspricht nicht, dass gesagt wird, das Chaos sei gleichsam der Vater...



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