Bubenzer | Die unglaubliche Geschichte des Henry N. Brown | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 416 Seiten

Bubenzer Die unglaubliche Geschichte des Henry N. Brown


13001. Auflage 2013
ISBN: 978-3-492-96451-7
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 416 Seiten

ISBN: 978-3-492-96451-7
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Henry N. Brown wird am 16. Juli 1921 als Teddybär geboren. Er erblickt das Licht der Welt, als ihm das zweite Auge angenäht wird. So beginnt ein Leben, wie es turbulenter nicht sein kann. Eine Odyssee durch Europa: durch England, Frankreich und Deutschland, Norwegen, Italien und Ungarn. Durch das zwanzigste Jahrhundert, durch Krieg und Frieden, durch Höhen und Tiefen - gesehen durch die Augen und erlebt mit dem Herzen eines Teddybären. Wie jeder Teddy ist auch Henry sprach- und bewegungslos. Er verbringt sein Leben als Zuhörer. Er ist den Menschen ein Spiegel. Er gibt ihnen all das, was sie nirgendwo anders finden. Er macht ihnen ihr Herz leichter. Henry N. Brown hat vieles erlebt und alles kennengelernt: Angst und Hoffnung, Einsamkeit und Trost, Sehnsucht und Glück. Doch während all der Jahre hat niemand entdeckt, dass Henry einen kleinen Gegenstand in der Brust trägt, den er für sich immer nur »Die Liebe« nennt. Ein Geheimnis, das er sein ganzes Leben lang bewahrt und das nicht einmal er selbst kennt. Ein Geheimnis, das ihn von allen anderen Bären unterscheidet ... Inspirierende Lektüre für alle, die über ihr Leben nachdenken wollen und auf der Suche nach Erkenntnis und spiritueller Erfahrung sind.

Anne Helene Bubenzer studierte in Freiburg i. Br. und Oslo Skandinavistik, Anglistik und Germanistik und war mehrere Jahre als Lektorin in Publikumsverlagen tätig. Sie lebt heute auf einem Weingut an der Mosel, wo sie als freie Autorin, Übersetzerin und Moderatorin von literarischen Veranstaltungen mit skandinavischen Autorinnen und Autoren arbeitet.
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1


Vor einer halben Stunde habe ich an der Sicherheitskontrolle Alarm ausgelöst.

Die Schriftstellerin stellte ihre Tasche zum Durchleuchten auf das Band, und dann war es auch schon zu spät.

»Bitte, entschuldigen Sie, gnädige Frau, is des Ihre Taschen?«, fragte der österreichische Sicherheitsbeamte routiniert.

»Ja, die gehört mir«, sagte die Schriftstellerin.

»Können Sie die einmal öffnen, bittschön?«

»Natürlich«, erwiderte sie ganz freundlich und nett – so, wie ich sie kennen gelernt habe. So, wie sie von Anfang an gewesen ist.

»Is des Ihr Teddy?«, fragte der Sicherheitsbeamte formell und zog mich am Arm aus der Tasche.

»Ja«, wiederholte sie. »Der gehört mir.«

Es machte mich irgendwie stolz, wie sie das sagte. Sie ließ keinen Zweifel daran, dass wir zusammengehören. Sie ist meine Besitzerin.

»Sie reisen mit einem Teddy?«, fragte der Beamte weiter.

»Warum nicht?«, fragte sie zurück.

»A bissl komisch is des scho …«, murmelte der Mann.

»Also, was wollen Sie?« Ungeduld schwang in ihrer Frage mit.

Mir war dieses Verhör ebenfalls unangenehm. Ich mag es nicht, wenn mich fremde Menschen so am Arm halten, vor allem nicht, wenn sie dabei so förmlich sind. Das verheißt nichts Gutes, ich kenne das.

»Wir müssen uns Ihren Teddy einmal genauer anschauen«, sagte der Beamte. »Er ist auffällig.«

Ich war auffällig. Was hatte das zu bedeuten? Ich war auffällig. Dass ich nicht lache.

»Hören Sie«, sagte die Schriftstellerin jetzt gar nicht mehr freundlich und nett. »Ich weiß nicht, was für einen Scherz Sie sich mit mir erlauben, aber ich muss meinen Flieger nach München kriegen und bin ziemlich in Eile.«

»Des tut mir leid, gnädige Frau, aber ich kann Sie erst gehen lassen, wenn wir wissen, was den Alarm ausgelöst hat.«

»Er hat einen Alarm ausgelöst?«

Ich hatte Alarm ausgelöst. Wieso hatte ich Alarm ausgelöst? Ich hielt die Luft an.

»Offensichtlich befindet sich im Körper Ihres Teddys ein auffälliger Gegenstand«, fuhr der Mann fort. »Können Sie uns sagen, worum es sich dabei handelt?«

»Ein Gegenstand? Was ist das hier? Versteckte Kamera? Lieber Herr, äh, wie ist gleich Ihr Name –«

»Das tut nichts zur Sache.«

»Also gut, mein Herr, ich habe diesen Bären vor ungefähr achtundvierzig Stunden in einem kleinen Puppenladen in einer Seitengasse der Kärntner Straße käuflich erworben. Dort hatte er zuvor mindestens drei Jahre im Schaufenster gesessen. Ich habe ihn seither keine Sekunde aus meiner Obhut gelassen. Ich glaube ernsthaft, dass Sie Ihre und vor allem meine Zeit verschwenden, wenn Sie mich für ein Al-Qaida-Mitglied halten und diesen alten Stoffbären für Osama bin Laden.«

Die Schriftstellerin war wütend. Das verstand ich. Das Problem war bloß, dass der Sicherheitsbeamte recht hat. Ich trage etwas in mir.

»Gnädigste, jetzt regen Sie sich bittschön mal wieder ab«, sagte er. »Und dann schicken wir Ihr Bärchen noch einmal durch. Dorle, geh, sei so lieb, schick den Teddy noch einmal durch!«

Er reichte mich in die Hände einer Frau, die legte mich in eine graue Plastikwanne, und ich fuhr noch einmal durch den dunklen Röntgentunnel. Ich spürte nichts.

»Da, schaun S’«, sagte der Beamte zur Schriftstellerin und deutete auf einen Monitor neben dem Band, als die Gummistreifen über mich strichen und ich wieder ans Tageslicht kam. »Man kann es ganz deutlich erkennen. Da wollen Sie doch bitte nichts dagegen sagen.«

»Nein«, sagte die Schriftstellerin. »Jetzt sehe ich es auch.«

Alle sahen es. In einem bunten Farbspektrum erstrahlte auf dem Bildschirm mein Umriss, und in mir drin war ein graues Etwas zu sehen. »Das da«, sagte der Beamte, »der graue Gegenstand, der ist auffällig.«

Ich war erstaunt, erschreckt und konsterniert. Die Tatsache, dass es möglich ist, ohne Weiteres durch mich hindurchzusehen, traf mich völlig unvorbereitet. Es ist offenbar ein Leichtes, mein Innerstes zu betrachten und das zu entdecken, was ich während der vergangenen vierundachtzig Jahre für mein best gehütetes Geheimnis gehalten habe.

Hier am Flughafen Wien-Schwechat hat ein Sicherheitsbeamter dieses Geheimnis entdeckt und es mit dem schnöden Wort »auffällig« in einer Art und Weise herabgewürdigt, dass mir ganz übel wurde.

»Und jetzt?«, fragte die Schriftstellerin.

»Können Sie Ihren Bären öffnen?«, fragte der Beamte.

»Machen Sie Witze?«, fragte die Schriftstellerin. »Dieser Bär wird nicht geöffnet. Er ist eine Rarität, verstehen Sie? Er ist mindesten siebzig Jahre alt, wenn nicht noch älter. Ich habe eine Menge Geld dafür bezahlt. So einen Teddy macht man nicht einfach auf.«

»Uns wird leider nichts anderes übrig bleiben. Wir werden versuchen, den Schaden so gering wie möglich zu halten. Wenn er sich als ungefährlich herausstellt, können Sie ihn ja wieder zunähen.«

Er will mich aufschneiden? Mich aufschneiden? Das wirst du doch nicht zulassen!

»Also, das glaube ich jetzt nicht!«, rief die Schriftstellerin aufgebracht. »Das kann ja wohl nicht wahr sein. Hier passiert erst mal gar nichts, so lange ich nicht mit Ihrem Vorgesetzten gesprochen habe, Herr Das-tut-nichts-zur-Sache.«

Der Sicherheitsbeamte sprach in sein Walkie-Talkie, es knatterte und rauschte, Dorle, die Röntgenfrau, hatte sich inzwischen zu uns gesellt, und die Schriftstellerin nahm mich aus der Plastikwanne und strich mir über den Kopf, als wolle sie mich beruhigen. Dabei beruhigte sie sich doch nur selbst. Ich kenne dieses abwesende, automatische Streicheln von Kindern und Erwachsenen – in diesem Punkt sind sie alle gleich.

»Legen Sie den Bären zurück«, sagte Dorle ruhig, aber bestimmt.

Die Schriftstellerin reagierte nicht. Sie strich weiter über meinen Kopf.

»Sie legen sofort den Bären zurück«, rief der Beamte aufgeregt. »Hinlegen, sag ich.« Er griff nach seiner Waffe.

»Schon gut, bitte, ich bin ganz harmlos«, sagte sie nun auch erschrocken und legte mich vorsichtig zurück in die Wanne.

Nein, halt mich fest! Halt mich fest! Bitte, halt mich fest.

Um uns herum blieben die Leute stehen, alle schauten herüber, neugierig, besorgt, belustigt, wütend, weil wir den Betrieb aufhielten. Doch keiner half uns.

»Bitte, gehen Sie weiter, meine Herrschaften, es gibt hier nichts zu sehen«, sagte Dorle.

»Sie zeigen uns jetzt erst einmal Ihre Bordkarte. Und sicher haben Sie doch auch einen Namen«, sagte der Beamte.

»Jeder hat einen Namen«, schoss die Schriftstellerin zurück und hielt ihm ihren Reisepass hin, in dem die Bordkarte steckte.

Da fiel mir auf, dass ich gar nicht wusste, wie sie heißt. So ist das manchmal, neue Besitzer stellen sich selten mit Namen vor. Eigentlich ist das auch unerheblich, denn früher oder später bekommt man ja mit, wie sie genannt werden. Doch ich kann nicht leugnen, dass es mir gerade jetzt lieber wäre, ich wüsste, wie sie heißt.

»So, gnädige Frau, dann kommen S’ bittschön mal mit, und dann klären wir die Sache in Ruhe«, sagte Dorle.

»Und was ist mit meinem Flug?«

»Das sehen wir dann.«

Der Beamte nahm die Plastikwanne unter den Arm, die Schriftstellerin folgte ihm und Dorle bildete die Nachhut. Ich lag mit dem Gesicht nach unten, die Nase gegen das kühle Plastik gedrückt. Das Funkgerät knisterte, die Schritte hallten.

»Bitte, das kann doch nur ein Missverständnis sein«, sagte die Schriftstellerin jetzt. »Was soll denn an einem so alten Teddy Schlimmes sein? Sehen Sie ihn sich doch einmal an.«

»Verzeihung, gnädige Frau, aber darauf können wir keine Rücksicht nehmen. Was glauben Sie denn, wie Terrorismus funktioniert?«, sagte der Beamte herablassend.

Wir betraten einen Raum, die Wanne wurde unsanft auf den Tisch gestellt, Stühle wurden gerückt.

»Wir nehmen jetzt Ihre Personalien auf, und dann kommt ein Kollege von der Polizei und schaut sich Ihren kleinen Freund einmal an. Wenn Sie jetzt kooperieren, sind wir ganz schnell fertig und Sie schaffen es heute vielleicht doch noch nach München. Es ist einfach eine notwendige Sicherheitsmaßnahme.«

»Denken Sie doch mal nach!«, rief die Schriftstellerin jetzt mit Verzweiflung in der Stimme. »Wenn ich wirklich eine Bombe in meinem Bär versteckt hätte, würde ich wohl kaum nach München fliegen, sondern nach Washington. Oder glauben Sie, ich würde mir wegen dem bayerischen Ministerpräsidenten so eine Mühe machen?«

Sie war toll. Sie kämpfte für mich – und ich hatte ein schlechtes Gewissen. Sie kannte ja mein Geheimnis nicht. Niemand kannte es, außer Alice. Und Alice, dieser Gedanke trifft mich immer wieder hart, war sicher schon lange tot.

»Bitte, wie Sie wollen«, sagte der Beamte. »Dorle, bring die Dame bitte ins V1. Ich kümmere mich um den Teddy.«

Geh nicht weg, bleib hier, lass mich nicht allein. Nicht weggehen!

»Ich komme wieder«, sagte die Schriftstellerin leise, aber bestimmt. Und ich wusste nicht, ob sie es zu mir sagte oder zu dem unangenehmen Sicherheitsbeamten. »Und wehe, dem Teddy ist auch nur ein Haar gekrümmt!«, setzte sie drohend hinzu.

Ich hörte, wie sich die Tür öffnete, die junge Frau verschwand aus meinem Blickfeld und das Letzte, was ich von ihr vernahm, war der Satz: »Das ist schon wieder so eine unglaubliche Geschichte, die müsste man glatt aufschreiben. So was glaubt einem ja keiner.«

Und jetzt liege ich hier. Es ist still, nur eine Neonröhre summt leise und eine Fliege sucht vergeblich den Weg hinaus aus dem Fenster. Der Beamte ist weggegangen, um seinen...



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