E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Buber-Neumann Milena
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7844-8485-3
Verlag: Langen-Müller
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kafkas Freundin
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-7844-8485-3
Verlag: Langen-Müller
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Im Oktober 1940 trafen sich Margarete Buber-Neumann und Milena Jesenská zum ersten Mal an der »Klagemauer«. So nannte Milena den schmalen Weg zwischen der Barackenrückseite und der hohen Mauer, die das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück umgab. Das Buch »Milena – Kafkas Freundin« ist das Vermächtnis der dabei entstandenen Freundschaft.
Für Milena war die Kafkasche Prosa das Vollkommenste, das es gab. Sie übertrug »Das Urteil« und »Die Verwandlung« vom Deutschen ins Tschechische und wurde so zur ersten Übersetzerin. Im Zusammenhang mit dieser Arbeit wandte sie sich in einem Brief an den Dichter, der sich gerade zu einer Kur in Meran aufhielt. Das war der Anfang der Liebe zwischen Kafka und Milena, von der die erhalten gebliebenen Briefe Kafkas zeugen. Am 17. Mai 1944 starb sie in Ravensbrück.
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Begegnung an der Klagemauer
Am 21. Oktober 1940 erhielt ich den ersten Brief von Milena, einen auf der Lagerstraße heimlich in die Hand gedrückten Zettel. Damals kannten wir uns erst einige Tage. Aber was können Tage bedeuten, wenn die Zeit nicht mehr in Stunden und Minuten zerfällt, sondern nach Herzschlägen zählt.
Es war im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück, wo wir uns trafen. Milena hatte durch eine Deutsche, mit der sie im gleichen Transport ins Lager kam, von meinem Schicksal erfahren. Die Journalistin Milena Jesenská wollte mich sprechen, wollte wissen, ob die Sowjets wirklich antifaschistische Emigranten an Hitler ausgeliefert hätten. Beim Spaziergang der »Zugänge« auf dem schmalen Weg zwischen der Barackenrückseite und der hohen Lagermauer mit dem starkstromgeladenen Stacheldraht, der Mauer, die uns von der Freiheit trennte, kam Milena auf mich zu. Sie stellte sich vor und sagte: »Milena aus Prag.« Für sie war die Heimatstadt wichtiger als der Familienname. Nie vergesse ich die Geste, mit der sie mir die Hand zum ersten Gruß gab, die Stärke und Grazie dieser Bewegung. Als ihre Hand in der meinen lag, sagte sie leicht ironisch: »Bitte nicht so drücken und schütteln, wie ihr Deutschen das zu tun pflegt. Meine Finger sind krank ...« Ich sah in ein von schweren Leiden gezeichnetes Gesicht von grauer Gefängnisblässe. Aber der Eindruck von Krankheit verschwand sofort unter der Kraft ihres Blickes und der Lebhaftigkeit der Gebärden. Milena war hochgewachsen, hatte steile, breite Schultern und einen zierlichen Kopf. Augen und Kinn verrieten starke Initiative, der Mund mit seinem schönen Schwung ein Übermaß an Gefühl. Die weiblich zarte Nase ließ das Gesicht eher zerbrechlich erscheinen, und der Ernst der etwas buckligen Stirn wurde gemildert durch kleine Locken, die sie umrahmten.
Wir standen auf dem schmalen Weg und hinderten die anderen am Weitergehen, brachten das Hin- und Hergeflute der Häftlinge zum Stocken. Die wurden wütend und versuchten, uns ärgerlich vorwärtszustoßen, so dass ich nur wünschte, der Begrüßung so schnell wie möglich ein Ende zu machen und mich wieder in den vorgeschriebenen Rhythmus des Rundganges einzuordnen. Ich hatte bereits in jahrelanger Haft gelernt, mich den äußeren Gesetzen dieser Häftlingsherde anzupassen. Aber Milena fehlten solche Fähigkeiten gänzlich. Sie benahm sich auf der Straße des Konzentrationslagers genauso, als hätte man uns auf dem Boulevard irgendeiner friedlichen Stadt einander vorgestellt. Sie dehnte die Begrüßung aus. Sie war völlig beherrscht von der Freude, einen neuen Menschen kennenzulernen, oder vielleicht auch von der Reporterleidenschaft, ein fremdes Schicksal zu ergründen. Unbeirrt durch das murrende Gewimmel um uns, kostete sie dieses Ereignis in aller Ruhe aus. In den ersten Minuten hatte mich ihre Unbekümmertheit aufgebracht, dann aber begann sie mich zu faszinieren. Hier war ein Mensch mit noch ungebrochenem Selbstbewusstsein, ein freier Mensch inmitten all der Erniedrigten! Dann gingen wir genauso wie die anderen, eingehüllt in den von den Holzpantinen aufgewirbelten Staub, an der »Klagemauer« hin und her. So hatte Milena diesen Weg benannt. Wenn man im normalen Leben einen Menschen trifft, so sagt, selbst wenn er einem völlig fremd ist, wenigstens sein Kleid etwas über ihn aus, es verrät, jedenfalls sehr oft, in welchem Lebenskreis sich der andere bewegt. »Milena aus Prag« trug das gleiche gestreifte, lange, schlotternde Häftlingskleid wie ich, die blaue Schürze und das vorgeschriebene Kopftuch. Ich wusste nichts anderes von ihr, als dass sie ein tschechischer Häftling sei und eine Journalistin. Sie sprach mit leicht tschechischem Akzent, doch nicht wie eine Ausländerin, denn sie beherrschte die deutsche Sprache vollkommen. Besonders ihr großer Wortreichtum, ihre außergewöhnliche Ausdrucksfähigkeit begeisterten mich schon in diesen kurzen zehn Minuten unseres Kennenlernens.
Nach einigen Abschiedsworten, dem üblichen »Auf Wiedersehn!«, lief ich zurück in meine Baracke und wusste nicht, wie mir geschehen war. Ich blieb den Rest des Tages blind und taub gegen alles. Der Name »Milena« erfüllte mich ganz, ich schwelgte in seinem Wohlklang.
Nur der kann meine heftigen Gefühle ermessen, der je unter Tausenden, und noch dazu in einem Konzentrationslager, einsam war. Anfang August des Jahres 1940 wurde ich in Ravensbrück eingeliefert. Hinter mir lagen die Schreckensjahre in Sowjetrussland: Verhaftung durch die NKWD in Moskau, Verurteilung zu fünf Jahren Zwangsarbeit, Aufenthalt im kasachischen Konzentrationslager Karaganda und dann die Auslieferung durch die russische Staatspolizei an die Deutschen im Jahre 1940. Dem folgten Haft und monatelange Verhöre bei der Gestapo in Berlin und schließlich die Überführung ins deutsche KZ. Schon am dritten Tag meines Aufenthaltes in Ravensbrück stellten die deutschen kommunistischen Mithäftlinge ein Verhör mit mir an, weil sie wussten, dass ich die Lebensgefährtin Heinz Neumanns war und aus unseren bitteren Erfahrungen in Sowjetrussland keinen Hehl machte. Nach dem Verhör drückten sie mir den Stempel »Verräterin« auf und behaupteten, ich verbreite Lügen über Sowjetrussland. Da die Kommunistinnen in Ravensbrück zur Prominenz unter den Häftlingen gehörten, hatte ihre Ächtung den gewünschten Erfolg: Die politischen Mitgefangenen mieden mich, als hätte ich eine ansteckende Krankheit.
Die Tschechin Milena Jesenská war die erste unter den politischen Häftlingen im deutschen KZ, die nicht nur mit mir sprach, sondern mir auch ihr Vertrauen entgegenbrachte, die an mich glaubte. Ich dankte für das Glück, nach Ravensbrück gekommen zu sein, weil ich dort Milena getroffen hatte.
Ravensbrück liegt in Mecklenburg, 80 Kilometer nördlich von Berlin. 1940 hatte die Gestapo dort ungefähr 5000 Frauen eingesperrt, politische Gefangene, jüdische Häftlinge, aus religiösen Gründen Inhaftierte, Zigeuner, Kriminelle und Asoziale. Am Schluss des Krieges waren in Ravensbrück gegen 25 000 Frauen inhaftiert. Anfangs bestand das Lager aus sechzehn ebenerdigen Baracken, im Laufe der Jahre wurden es zweiunddreißig, in die man die Frauen hineinpferchte. Bis auf die Kriminellen und Asozialen waren die ins Lager Geworfenen Hausfrauen, Mütter, junge Mädchen, – zwar in ihren Charakteren verschieden, aber sonst genauso wie die anderen Menschen in der Freiheit. Bewusste politische Gegner des Regimes gab es außer den deutschen, polnischen und tschechischen Politischen und den Bibelforschern verhältnismäßig wenige im ersten Jahr. Später vergrößerte sich deren Zahl durch die Frauen der Widerstandsbewegung aus allen von Hitler besetzten Ländern.
Den Politischen fiel die Umstellung auf das Lagerdasein leichter. Sie hatten gekämpft, das gab ihrem Opfer einen Sinn. Durch die Überführung in ein KZ wurde ihnen bestätigt, wie gefährlich sie für den Nationalsozialismus waren. Das steigerte ihre Selbstachtung. Aber das Gros der Häftlinge bestand immer aus Menschen, die unschuldig in diese entsetzliche Lage gekommen waren, denen nicht klar wurde, warum.
Jede Verhaftete hing mit allen ihren Gedanken am Leben, aus dem man sie herausgerissen hatte, an den Kindern, an dem Mann, an der Familie. In diesem Zustand tiefster Verzweiflung wurden nun solche Menschen für unbestimmte Dauer in ein Konzentrationslager geschleppt. Man zwang sie unter militärischen Drill, sie hatten keine Minute des Tages und der Nacht für sich allein, alle Verrichtungen geschahen in Gesellschaft von Hunderten von anderen, bei jedem Schritt, mit jedem Wort stießen sie gegen ein anderes unbekanntes, ebenso leidendes Geschöpf. Unter der Masse gab es vielleicht in jeder Baracke ein paar Wesen, zu denen man sich hingezogen fühlte; aber die große Mehrzahl war einem unerträglich in all ihren Lebensäußerungen. Die SS ließ die Frauen frieren, hungern, hart arbeiten, man brüllte sie, erwachsene Menschen, an, putzte sie herunter, ja schlug sie sogar.
Bereits mit dem Verlust der Freiheit verändert sich jedes Geschöpf bis in die Wurzeln seines Wesens. Wenn aber die täglichen Qualen der Gefangenschaft auch noch die ständige Angst vor dem Tode einschließen, erleidet der Häftling einen so tiefgehenden Schock, dass seine Reaktionen nicht mehr als normal bezeichnet werden können. Die einen werden hemmungslos aggressiv, um ihr Leben zu verteidigen, die anderen kriecherisch und zu jedem Verrat geneigt, und wieder andere resignieren in dumpfer Verzweiflung, in der sie sich weder gegen Krankheit noch Tod zur Wehr setzen.
Jeder Häftling muss im Laufe seines Gefangenendaseins verschiedene Stadien durchleben. Wenn es ihm nicht gelingt, den Schock zu überwinden, den er bei der Einlieferung ins KZ erleidet, ist er besonders gefährdet. Zum Überleben muss man sich in irgendeiner Weise dieser extremen Situation anpassen, man muss dem neuen Leben, so schrecklich es ist, einen Sinn geben. Über sich selbst hinauszuwachsen und ein neues Gleichgewicht zu finden, das gelang nur wenigen. Milena brachte es fertig, obgleich sie krank ins Lager kam. Es sprach für ihre geistige Kraft, dass sie bereits in den ersten verwirrenden Tagen ihres Aufenthaltes in Ravensbrück ihr leidenschaftliches Interesse an dem Schicksal anderer Häftlinge bekundete.
Noch gehörte Milena zu den Neuangekommenen, die in einer besonderen Baracke untergebracht waren und abgesondert von den anderen zum kurzen täglichen »Spaziergang« herausgelassen wurden. Trotz Verbot mischte ich mich jeden Tag unter die Zugänge, was nur möglich war, weil ich als Blockälteste der Bibelforscherbaracke eine grüne Armbinde trug, die eine gewisse Bewegungsfreiheit im Lager ermöglichte. So erwartete mich Milena täglich an der Klagemauer. Ich wusste sehr genau, was...




