Bucay | Drei Fragen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 304 Seiten

Bucay Drei Fragen

Wer bin ich? Wohin gehe ich? Und mit wem?
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-10-400901-8
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Wer bin ich? Wohin gehe ich? Und mit wem?

E-Book, Deutsch, 304 Seiten

ISBN: 978-3-10-400901-8
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Für die Suche nach dem Glück gibt es definitiv kein Rezept. Und Jorge Bucay, der angesehene Psycho- und Gestalttherapeut, gaukelt uns auch gar nicht vor, über ein solches zu verfügen. Er weiß, wie vielfältig die Wege sind, die wir bei der Suche nach einem erfüllten Leben beschreiten können. Und doch: Wie individuell ein Weg auch immer sein mag, es gibt ein gemeinsames Merkmal. Denn bei unserer Suche werden wir von drei Fragen geleitet, die wie ein roter Faden dieses Buches durchziehen. Wer bin ich? Wohin gehe ich? Und mit wem? Drei Fragen, drei Aufgaben. Die Antwort auf die erste Frage liegt in der aufrichtigen Begegnung mit mir selbst. Die auf die zweite darin, zu entscheiden, welchen Sinn und welche Erfüllung ich in meinem Leben finde. Und die dritte besteht darin, auszuwählen, was mir entspricht, sich dem Prozess der Liebe zu öffnen und meinen Wegbegleiter oder meine Wegbegleiterin zu finden. Jorge Bucay erläutert in ?Die drei Fragen? den Prozess der Persönlichkeitsentwicklung, indem er, angeregt durch Ideen aus Psychologie, Pädagogik und Philosophie, die Suche nach dem Glück als unsere wichtigste Lebensaufgabe darstellt. Wobei er immer wieder kleine, beispielhafte Allegorien und Geschichten in seine Überlegungen mit einbezieht, die komplexe Sachverhalte sinnfällig auf den Punkt bringen. Die Suche nach einem erfüllten Leben ist ein Weg, den jeder für sich selbst beschreiten muss, doch dieses Buch wird ihm sicher dabei helfen.

Jorge Bucay, 1949 in Buenos Aires geboren, ist einer der einflussreichsten Gestalttherapeuten Argentiniens. Mit »Komm, ich erzähl dir eine Geschichte« gelang ihm der internationale Durchbruch als Autor. Bucays Bücher wurden in mehr als dreißig Sprachen übersetzt und haben sich weltweit über zehn Millionen Mal verkauft.
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3 Die Abhängigkeit


Haben wir die Adoleszenz erst einmal hinter uns gebracht und ist der Boden bereitet, dann wäre es wünschenswert und richtig, wenn wir uns allmählich um die Aussaat kümmern würden und die Früchte gedeihen ließen, die wir später einmal ernten wollen.

Im Begriff »abhängig« ist das Wort »hängen« enthalten, was auch »hängend« und »aufgehängt« impliziert; nämlich, herab- und in der Luft baumelnd, ohne Boden unter den Füßen. Außerdem bedeutet es »unselbständig«, »angewiesen«. Substantivisch gebraucht, bedeutet »Abhang« eine Ausrichtung nach unten, ein Gefälle, etwas steil Abschüssiges und vermutlich Gefährliches.

Bei all diesen Eintragungen im Wörterbuch finde ich es nicht verwunderlich, dass das Wort »Abhängigkeit« solch seltsame Assoziationen in uns hervorruft: Abhängig ist jemand, der sich an jemand anderen anhängt, der in der Luft hängt, haltlos, ohne eigenes Fundament, ein »Anhang« oder »Anhänger«, somit ein Schmuck, getragen von jemand anderem. »Abhängig« ist jemand, der nach unten zieht, sich allein unvollständig fühlt und daher immer auf jemanden angewiesen ist.

Es war einmal ein Mann, der unter einer absurden Angst litt: Er hatte Angst, unter anderen verlorenzugehen. Begonnen hatte das Ganze in seiner Jugend eines Abends auf einem Maskenball. Jemand hatte ein Gruppenfoto gemacht, zu dem sich alle aufgestellt hatten. Als der Mann das Foto später anschaute, fand er sich darauf nicht wieder. Er war als Pirat verkleidet gewesen, mit Augenklappe und Kopftuch, aber auch ein paar andere hatten sich fürs Piratenkostüm entschieden. Er hatte sich die Bäckchen rot geschminkt und sich einen Bart ins Gesicht gemalt, aber es gab dort mehrere mit Rotbäckchen und Schnauzbart. Auf dem Fest hatte er sich sehr amüsiert, aber alle auf dem Foto sahen aus, als hätten sie reichlich viel Spaß gehabt. Schließlich erinnerte er sich, dass er sich im Moment, als das Foto geschossen wurde, bei einer Blondine untergehakt hatte. Daran wollte er sich erkennen, aber vergebens: Mehr als die Hälfte der Frauen war blond, und nicht wenige von ihnen hingen am Arm eines Piraten.

Dieses Erlebnis hatte den Mann stark beeinflusst, und aus Angst, sich wieder zu verlieren, nahm er jahrelang an keiner Veranstaltung mehr teil.

Bis ihm eines Tages die Lösung einfiel: Von nun an würde er, wohin er auch ging, stets in brauner Kleidung erscheinen. In braunem Hemd, brauner Hose, braunem Jackett, braunen Strümpfen und Schuhen. »Wenn wieder mal jemand ein Foto macht, weiß ich sofort, dass ich der Braune bin«, sagte er sich.

Im Laufe der Zeit konnte unser Held sich bei Tausenden von Gelegenheiten von seinem genialen Einfall überzeugen: Jedes Mal, wenn er sich in den Spiegeln der Kaufhäuser unter den anderen Kunden ausmachte, wiederholte er sich beruhigend: »Ich bin der Mann in Braun.«

Im Winter schenkten ihm ein paar Freunde einen Gutschein für einen Nachmittag im Dampfbad, und freudig nahm der Mann ihn entgegen. An einem solchen Ort war er noch nie gewesen, und seine Freunde hatten ihm schon vorgeschwärmt, wie herrlich angenehm die Wasserstrahldusche, das finnische Bad und die Aromasauna waren.

Dort angekommen, bekam er zwei Handtücher, und man zeigte ihm den Weg zur Umkleidekabine. Der Mann zog sich das Jackett aus, die Hose, den Pullover, das Hemd, die Schuhe, die Socken … Gerade wollte er sich die Unterhose ausziehen, da schaute er in den Spiegel und erstarrte. »Wenn ich jetzt auch noch die Unterhose ausziehe, bin ich genauso nackt wie all die anderen hier«, dachte er. »Und falls ich mich verliere? Woran erkenne ich mich denn, wenn ich nicht auf dieses eine Kennzeichen zählen kann, das mir schon so oft aus der Patsche geholfen hat?«

Eine geschlagene Viertelstunde saß er in Unterhose im Umkleideraum und grübelte nach. Vielleicht sollte er besser nach Hause gehen … Dann hatte er die Idee: Da er nicht angezogen bleiben konnte, musste er sich wohl ein anderes Erkennungszeichen einfallen lassen. Vorsichtig zog er einen Faden aus seinem Pullover und befestigte ihn am rechten großen Zeh. »Das muss ich mir merken, für den Fall, dass ich verlorengehe: Der mit dem braunen Faden um den Zeh, das bin ich«, hämmerte er sich ein.

Sein neues Erkennungszeichen beruhigte ihn, und erleichtert gab er sich den Freuden des Dampfes und der Bäder hin. Er schwamm ein bisschen, und bei all dem Hin und Her merkte er nicht, dass der Wollfaden sich vom Zeh gelöst hatte und nun herrenlos im Schwimmbecken trieb. Ein anderer Mann bemerkte den Faden im Wasser und sagte zu seinem Freund: »Was für ein Zufall, das ist genau die Farbe, in der ich mir schon immer einen Schal von meiner Frau gewünscht habe. Den nehme ich mir, damit sie mir genau die gleiche Strickwolle kaufen kann.« Er fischte den Faden aus dem Wasser, und da ihm kein besserer Aufbewahrungsort einfiel, band er ihn sich kurzerhand um den großen Zeh am rechten Fuß.

Inzwischen hatte unsere Hauptfigur das gesamte Angebot des Erholungsbades zur Genüge ausprobiert und steuerte die Umkleidekabine an, um sich anzuziehen. Zuversichtlich trat er ein, doch als er sich beim Abtrocknen im Spiegel betrachtete, stellte er erschrocken fest, dass er nicht nur vollkommen nackt war, sondern auch am Zeh keinen Faden mehr trug. »Ich habe mich verloren«, schoss es ihm durch den Kopf. Zitternd verließ er die Kabine, um nach dem braunen Faden zu fahnden, an dem er sich erkennen würde. Nachdem er minutenlang hochkonzentriert den Boden abgesucht hatte, erblickte er den Fuß des anderen Mannes, der sich die braune Wolle um seinen Zeh gebunden hatte. Schüchtern ging er auf ihn zu und sagte:

»Entschuldigen Sie, mein Herr. Ich weiß, wer Sie sind, aber vielleicht könnten Sie mir sagen, wer ich bin?«

Es ist sicherlich ein Extremfall, so sehr von jemand anderem abhängig zu sein, dass der uns sagt, wer wir sind. Doch wenn wir unseren eigenen Augen nicht trauen und uns nur durch den Blick oder die Einschätzung anderer erkennen, dann sind wir nicht allzu weit davon entfernt.

Erwachsen zu sein heißt unter anderem: sich den bevorstehenden Herausforderungen zu stellen, zwischen all den verschiedenen sich bietenden Optionen selbst zu entscheiden, zu jedem Zeitpunkt so zu reagieren, wie es uns am meisten entspricht, und die Gewissheit zu haben, dass es sich dabei um unsere eigene Art und Weise handelt und nicht um eine von irgendwoher übernommene.

Um diesen Prozess wirklich sinnvoll zu gestalten, genügt es nicht, sich darüber im Klaren zu sein, was man ausschließen und verwerfen sollte. Es reicht nicht aus, Leute aus unserem Umkreis zu verbannen, denen wir einst aus mangelnder Entschlusskraft vertraut oder wegen fehlender eigener Meinung gestattet haben, sich nach Gutdünken in unser Leben einzumischen. Nein, dazu braucht es noch einiges mehr. Man kommt nicht darum herum, ein paar dieser perversen inneren Mechanismen zu begreifen und auseinanderzunehmen, die weiterhin Abhängigkeit generieren und es zulassen, dass wir uns wie Kinder aufführen, obwohl wir dem Kindesalter längst entwachsen sind.

Abhängigkeit ist für mich immer eine fragwürdige und krankhafte Angelegenheit, etwas das – auch wenn es vielleicht tausenderlei gute Gründe dafür gibt – bei denen, die ihr Leben nicht selbst in die Hand nehmen, unweigerlich zu unreifem, verantwortungslosem Verhalten führt.

Ich rede hier nicht von Menschen in akuten Krisenzuständen oder von solchen, die gebrechlich oder krank sind. Ich rede nicht von Menschen mit einer echten körperlichen Behinderung oder gewissen geistigen Einschränkungen. Ich rede auch nicht von Kleinkindern oder unreifen Jugendlichen.

Sie alle leben – wohlaufgehoben – mehr oder weniger in Abhängigkeit, aber hieran ist nichts Schlechtes oder Verwerfliches, denn zu etwas anderem sind sie häufig weder befähigt noch in der Lage. Anders liegt die Sache bei Erwachsenen, die sich bewusst dafür entscheiden, von jemandem abhängig zu sein. Aus Bequemlichkeit, aus Gleichgültigkeit, aus Berechnung, aus welchem Grund auch immer begeben sie sich dauerhaft in die Abhängigkeit eines Einzelnen beziehungsweise in eine generelle Abhängigkeit, und oft gibt es von dort aus kein Zurück. Mein Hauptargument gegen die Abhängigkeit ist, dass ich dem Schwachsinn keinen Vorschub leisten will.

Diesen Begriff benutze ich im Sinne von Fernando Savater[3]: Ein Schwachkopf ist jemand, der immer jemand anderen braucht, der ihn voranprügelt. Natürlich sind nicht alle Abhängigen gleich. Es gibt verschiedene Kategorien von Schwachköpfen.

Die intellektuellen Schwachköpfe sind die, die glauben, sie hätten nicht genügend Hirn zum Selberdenken (oder die fürchten, es könnte sich abnützen, wenn sie es gebrauchten), und die den anderen deshalb fragen: »Wer bin ich? Was soll ich tun? Wohin soll ich gehen?« Und bevor sie eine Entscheidung treffen, fragen sie überall herum: »Was würdest du an meiner Stelle machen?« Vor jeder Unternehmung bilden sie ein Beratungskomitee oder umgeben sich mit Leuten, »die sich auskennen«, damit diese an ihrer Stelle denken. Da sie tatsächlich meinen, sie könnten nicht selber denken, geben sie ihre Fähigkeit an die anderen ab, und das ist das eigentlich Beunruhigende an der Sache. Fälschlicherweise werden solche Leute häufig für wahrhaft liebenswürdige, achtsame und bescheidene Menschen gehalten. Manche dieser Schwachköpfe können sich durch ihr entgegenkommendes Verhalten sogar sehr großer Beliebtheit erfreuen und verantwortungsvolle Posten übernehmen, denen sie in Wahrheit...


Bucay, Jorge
Jorge Bucay, 1949 in Buenos Aires geboren, ist einer der einflussreichsten Gestalttherapeuten Argentiniens. Mit 'Komm, ich erzähl dir eine Geschichte' gelang ihm der internationale Durchbruch als Autor. Bucays Bücher wurden in mehr als dreißig Sprachen übersetzt und haben sich weltweit über zehn Millionen Mal verkauft.

Jorge BucayJorge Bucay, 1949 in Buenos Aires geboren, ist einer der einflussreichsten Gestalttherapeuten Argentiniens. Mit 'Komm, ich erzähl dir eine Geschichte' gelang ihm der internationale Durchbruch als Autor. Bucays Bücher wurden in mehr als dreißig Sprachen übersetzt und haben sich weltweit über zehn Millionen Mal verkauft.

Jorge Bucay, 1949 in Buenos Aires geboren, ist einer der einflussreichsten Gestalttherapeuten Argentiniens. Mit »Komm, ich erzähl dir eine Geschichte« gelang ihm der internationale Durchbruch als Autor. Bucays Bücher wurden in mehr als 30 Sprachen übersetzt und haben sich weltweit über zehn Millionen Mal verkauft.



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