E-Book, Deutsch, Band 2, 496 Seiten
Reihe: Mondvogel-Saga
Buchberger Aqua
18001. Auflage 2018
ISBN: 978-3-492-99072-1
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Im Zeichen des Meeres
E-Book, Deutsch, Band 2, 496 Seiten
Reihe: Mondvogel-Saga
ISBN: 978-3-492-99072-1
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Anne Buchberger wurde 1995 in Heidelberg geboren und lebt und studiert in München. Seit sie einen Stift halten kann, gehört das Schreiben und Geschichtenerzählen zu ihren großen Leidenschaften.
Autoren/Hrsg.
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Die Wächter der Küste
»Bereit machen zur Landung!«
Mühelos übertönte Lars’ Stimme das gleichmäßige Brausen der silbernen Schwingen. In den letzten Tagen hatte Analina ihn als guten Drachenreiter kennengelernt und auch jetzt zeigte er keine Unsicherheit, als er die Höhenleine straffte, die Beine in die Halskuhlen des Tieres drückte und zu einer weiten Schleife ansetzte. Die Akademie des Meeres, gerade noch ein perlmuttfarbener Klecks vor stahlgrauen Klippen, verschwand hinter dem Horizont und Islas Griff an Anas Seite verstärkte sich.
»Eine Frage«, flüsterte Isla mit dünner Stimme. »Wird das hier so schlimm wie der Start oder …«
Der Rest des Satzes wurde von ihrem Aufschrei verschluckt, als sie urplötzlich zur Seite kippten. Analina holte tief Luft und schmeckte Zimt und Regen, während der Silberne seinen schuppigen Hals neigte und der Erdboden immer näher kam.
»Lass los«, rief sie über die Schulter. »Das ist der beste Teil!« Ohne Zögern löste sie die klammen Finger vom Sattel, streckte die Arme aus und genoss das Gefühl des freien Falls. Islas Finger gruben sich tief in Anas Fleisch, dann ließ auch sie los und stieß einen Laut aus, der ein Begeisterungsruf sein konnte oder ein Wimmern.
»Das ist …«
»Mund zu!«, rief Lars von vorne und Ana gehorchte. Im nächsten Moment setzten sie hart auf der Erde auf und Islas halb unterdrückter Fluch verriet, dass sie sich auf die Zunge gebissen hatte. Ein paar Sekunden wurden sie heftig durchgeschüttelt, dann kam der Drache zur Ruhe und faltete die Flügel ein.
Analina löste den Hüftgurt, der sie die letzten Stunden und Tage fast ununterbrochen gesichert hatte. Obwohl der Silberne sich dicht an den Erdboden drückte, waren sie in ihren Sätteln immer noch über drei Meter von dort entfernt. Vor ihnen sprang die nubische Besatzung furchtlos ab, aber Ana löste lieber die am Sattel aufgerollte Strickleiter und entschied sich für den langsamen Weg. Die Erleichterung war Isla deutlich anzusehen, als sie ihr auf der Leiter nach unten folgte.
»Fliegen ist gut«, verkündete sie, sobald sie wieder festen Boden unter den Füßen hatte. »Aber schwimmen ist besser.«
Analina verzog das Gesicht. »Ich mag Luft. Luft kann man atmen.« Sie ignorierte Islas verdrehte Augen und richtete ihre Aufmerksamkeit nach vorne. Lars war ebenfalls abgesprungen und kam mit großen Schritten auf sie zu. Nach der langen Zeit im Sattel fühlten sich Analinas Beine wie labbrige Algen an, der nubische Kronprinz aber bewegte sich genauso elegant wie immer. , dachte Ana nachdrücklich.
»Tja«, machte Lars und blieb vor ihr stehen. »Da wären wir.«
»Tja«, sagte Analina und sah sich um. Sie standen auf einer Lichtung zwischen knorrigen Laubbäumen, die an einer Seite von einer hohen Steilwand begrenzt wurde. Das Meer war nirgends zu sehen, aber sie hörte Wellen und Möwen und unter dem Zimtduft der Drachen roch sie das Salzwasser auch.
»Wir wären ?«, fragte Isla unbeeindruckt.
Lars hob die Brauen und offene Belustigung blitzte in seinen blauen Augen auf. »Geduld ist nicht deine Stärke, was?«
»Nachdem ich schon Wochen unter freiem Himmel verbracht habe und jeden einzelnen Knochen spüre? Nein, nicht so sehr.«
»Das hier ist einer der wenigen Landzugänge zu den Anlagen der Akademie. Sie haben uns kommen sehen. Jeden Moment sollte jemand hier sein, um euch abzuholen.«
»Und ihr?«, fragte Analina.
»Wir fliegen zurück. Auf der Wolkenfestung gibt es für mich mehr als genug zu tun, vor allem nach den jüngsten Entwicklungen.«
Ana schauderte, als sie an ihre Begegnung mit Gwendas Nachtmahren zurückdachte. »Wird … wird es Krieg geben? Einen offenen, meine ich?«
Ihre Blicke begegneten sich. Kurz schien Lars zu zögern.
»Ich weiß es nicht«, sagte er schließlich.
»Und was glaubst du?«
Stille. Dann: »Ich glaube schon.«
Sie nickte. »Ich auch.«
Keiner von ihnen schien zu wissen, was man darauf sagen sollte. Nach einer kurzen Pause nahm Lars den Helm ab und sein blonder Zopf rutschte ihm über die Schulter. »Lothian hat mit dir geredet, oder? Über …«
»Unsere Eltern«, sagte Analina.
»Ah. Ja. Damit … wäre das geklärt.« Er lächelte. »Du weißt, dass du es für dich behalten solltest?«
»Ich hatte es mir gedacht.« Sie hielt kurz inne. »Wie lange weißt du schon, dass …«
»Die Hoheiten, nehme ich an.«
Die Stimme ließ sie zusammenzucken. Ana fuhr herum und bemerkte jetzt erst die Gestalt, die im Schatten der Felswand aufgetaucht war. Das musste jemand von der Akademie sein, der sie abholen sollte. Dann trat die Person einen Schritt vor und Ana konnte eine hagere Frau mit kräftigen Schultern erkennen. Ihr Gesicht und die sehnigen Arme waren bedeckt von unzähligen Sommersprossen und das rote Haar hatte sie achtlos am Hinterkopf zusammengebunden. Sie bedachte Lars mit einem kurzen Blick und einem knappen Nicken, das er mit einem breiten Lächeln erwiderte. Dann blieben ihre Augen an Ana hängen und gaben ihr sofort das Gefühl, irgendeinen peinlichen Fehler gemacht zu haben.
»Analina Nelia von Funkelstein.« Es war keine Frage. Ana nickte trotzdem und trat auf sie zu.
»Du bist unauffällig«, stellte die Frau fest. »Das ist gut, damit bist du leichter zu schützen. Du stichst nicht besonders ins Auge.«
»Danke«, sagte Analina.
Die kritische Miene der Frau veränderte sich kaum wahrnehmbar. »Man sieht es«, sagte sie langsam, während ihre Augen noch einmal über Anas Gesicht wanderten. »Wenn man es weiß. Da ist etwas in deinem Blick … du ähnelst ihr.«
Das hatte Lothian auch gesagt. Bevor Analina antworten konnte, ergriff die Frau ihre Hand. Ihr Händedruck war fest, die Haut rau und voller Schwielen. »Mein Name ist Sienna Morianne. Streng genommen müsstest du mich Mentorin Morianne nennen, aber das tut niemand. Sienna reicht aus. Ich werde dich vermutlich in Schwertkampf und Lanze unterrichten, dich und deine Freundin.«
Analina warf Isla einen Blick zu. Sie wirkte ungewohnt zurückhaltend, und Ana rief sich in Erinnerung, dass Isla mit ihrer lückenhaften Ausbildung viel mehr Grund hatte als sie, nervös zu sein.
»Vielen Dank, dass Ihr uns abholt«, brachte Ana hervor und räusperte sich, um den unsicheren Unterton loszuwerden.
Sienna zuckte nur mit den Schultern. »Jemand muss es ja machen. Ach, und ihr werdet alle Mentoren auf der Akademie mit ›Sie‹ ansprechen. Auf der Akademie spielen Adelstitel keine Rolle, nicht wie bei Hof, deshalb genügt diese einfache Anrede. Wir halten einige Dinge anders, als ihr sie kennt, aber ihr wirkt nicht überdurchschnittlich begriffsstutzig. Ihr solltet euch bald zurechtfinden.«
Ana starrte sie an. »Gut zu wissen.«
»Ja. Nun, ich bin keine Freundin sentimentaler Szenen, also haltet es kurz. Ich warte.«
Erst nach ein paar Sekunden verstand Analina, dass das eine Aufforderung gewesen war, sich zu verabschieden. Peinlich berührt wandte sie sich ab und trat mit Isla auf Lars zu.
»Ah, Sienna«, sagte er vergnügt. »Immer wieder eine Freude.«
»Du kennst sie?«
»Klar, sie unterrichtet schon lange. Hasst es angeblich, aber dafür hält sie schon eine ganze Weile durch.«
»Wie kommt sie darauf, dass es sentimental werden könnte?«, hakte Isla stirnrunzelnd nach.
Ana stockte, aber Lars zuckte nicht einmal mit der Wimper. »Ach, für Sienna ist schon ein freundliches Lächeln sentimental. Also gut, halten wir es kurz.«
Er umarmte erst Isla, dann legte er eine Hand auf Analinas Schulter und murmelte: »Sienna ist eine Schulfreundin von Lothian. Wenn es Probleme gibt, sprich mit ihr.«
»In Ordnung.«
»Pass auf dich auf. Und hab Spaß. Es wird dir gefallen.« Er zwinkerte und trat zurück. »Na dann. Man sieht sich, Kleine.«
»Ich bin nicht « Sie warf ihm einen herausfordernden Blick zu, dann nahm sie ihr Gepäck von einem der Reiter entgegen und wandte sich wieder Sienna zu.
»Fertig?«, fragte diese knapp. »Dann los, wir sollten keine Zeit verlieren.«
Ana zog den Gurt ihrer Tasche straff und verkniff sich ein Stöhnen, als ihre Armmuskeln schmerzhaft protestierten. Siennas Reaktion auf Gejammer konnte sie sich nur zu gut vorstellen.
Bisher war Analina nicht klar gewesen, woher Sienna so plötzlich aufgetaucht war. Als sie jedoch in den Schatten der Steilwand traten, erkannte Ana eine schmiedeeiserne Tür, die mit verschiedenen Ketten und Schlössern gesichert war. Ohne auf ihre verdutzten Gesichter zu achten, hantierte Sienna eine Weile mit mehreren Schlüsseln verschiedener Größe, bevor sie zusätzlich einen Funken türkisblauer Magie auf die letzte Kette überspringen ließ. Ein lautes Klicken ertönte und die Tür schwang nach innen auf.
»Mir nach.« Sienna betrat den steinernen Gang im Fels, den die Tür verborgen hatte. Er war niedrig und eng und führte nach und nach immer stärker bergauf, was Analina nach ein paar Minuten Weg unangenehm zu spüren bekam. Ihre Waden begannen zu brennen, und sie musste sich darauf konzentrieren, gleichmäßig zu atmen. Bald wusste sie nicht mehr, wie lange sie schon schweigend hinter Siennas im Dämmerlicht leuchtendem Haarschopf herliefen. Es gab keine Fenster und die einzigen Lichtquellen waren einzelne, schwach leuchtende Magiekugeln, die an den Wänden schwebten und verzerrte Schatten über den Stein ziehen ließen.
Irgendwann wurde der Weg flacher und...




