Buchmann | Verstoßene Träume | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 208 Seiten

Buchmann Verstoßene Träume


1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7534-2177-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

ISBN: 978-3-7534-2177-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Träume bedeuten eine ganze Welt! Die Magie Terrevés speist sich aus der Gabe eines Träumers oder einer Träumerin. Ohne sie ist die Welt dem Untergang geweiht. Zögernd und voller Zweifel nimmt die achtzehnjährige Liv ihre Bürde als nächste Träumerin an, doch die erschaffenden Träume bleiben aus. Stattdessen träumt der Berliner Student Aaron von der Welt, welche aus Träumen erwächst. Wird es Liv und Aaron gemeinsam gelingen, der Bedrohung durch die machtgierigen Wächter des Traums zu trotzen? Können sie Terrevé und dessen Magie wieder erblühen lassen?

Anja Buchmann ist Jahrgang 1985 und lebt im mecklenburgischen Schwinkendorf. Mit großer Leidenschaft ersinnt sie in dörflicher Idylle Fantasyromane und Kurzgeschichten. Der Wunsch nach schreiberischer Fortentwicklung lässt sie sich immer wieder an neuen Genres versuchen, wiewohl die Phantastik in ihren verschiedenen Spielarten den klaren Schwerpunkt ihres Schaffens darstellt. Seit 2012 schreibend hat sie inzwischen mehrere Romane und zahlreiche Kurzgeschichten sowohl im Selfpublishing als auch bei Verlagen veröffentlicht. Seit Oktober 2015 bietet Anja Buchmann auf ihrer Seite geschichtengeschenk.de persönliche und personalisierte Kurzgeschichten an. Ihr Schreiben steht unter dem Motto »Eine Geschichte schuldet ihre Existenz dem, der sie niederschreibt, ihr Leben verdankt sie jenen, die sie lesen.«
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Bestimmung


Terrevé, August

»Vater«, ruft sie und läuft ihm eilig entgegen. Schon schließt er sie in seine starken Arme und wirbelt sie herum. Als er sie absetzt, gibt sie ihm einen Kuss auf die bärtige Wange. Es ist ihr Begrüßungsritual, solange sie denken kann, und bereits als kleines Mädchen hat sie es geliebt.

Inzwischen weiß sie längst, dass er nicht ihr Vater ist. Liam ist nicht einmal der Mann ihrer Mutter. Aber das spielt keine Rolle, ist er ihr doch stets ein Vater gewesen. Er wacht über sie, schützte sie vor allen Gefahren, die ungestümen kleinen Mädchen nun einmal begegnen können. Vor allem lehrte er sie, auf sich selbst achtzugeben.

Sie hatte mit Liam darüber gesprochen, unzählige Male schon. Immer dringlicher redet er auf sie ein. Ianthe weiß, dass er recht hat. Sie muss Liv endlich die Wahrheit sagen. Besser, sie erfährt von ihr, als dass sie völlig unvorbereitet davon überrascht wird. Die Gefahr dessen steigt von Tag zu Tag, sind es doch nur noch fünf Monate bis zu Livs achtzehntem Geburtstag. Jede Nacht können die Träume über ihre Tochter hereinbrechen. Und selbst wenn dies nicht geschieht, drei Monate allein würden die Vorbereitungen erfordern. Die Zeit drängt. Sie seufzt. Warum muss es so schwer sein?

So ernst hat Liv ihre Mutter noch nie erlebt. Was ist los? Fieberhaft überlegt sie, ob sie irgendetwas getan hat, was ihre Mutter verärgerte. Ist es die Freundschaft zu Chim? Glaubt Ianthe, dort gehe etwas Ungehöriges vonstatten?

Liv setzt sich auf den Rand eines Stuhls, angespannt, bereit, jederzeit aufzuspringen, bereit, sich zu verteidigen.

Liam scheint ihre Angespanntheit zu spüren, tritt hinter sie und legt ihr die Hände auf die Schultern. Weiß er, was ihre Mutter mit ihr besprechen will?

Endlich ergreift diese das Wort. »Liv, in weniger als einem halben Jahr ist dein achtzehnter Geburtstag. Wie du weißt, ist dies traditionell der Zeitpunkt, an dem junge Menschen über ihren weiteren Lebensweg entscheiden.«

Darum also geht es. Ein Teil der Anspannung weicht, sie lehnt sich zurück und antwortet: »Ich weiß, Mutter. Ich habe schon darüber nachgedacht.«

Ihre Mutter steht auf und geht unruhig im Zimmer umher.

»Soll ich?«, fragt Liam so leise, dass er kaum zu verstehen ist, doch Ianthe schüttelt den Kopf, dann spricht sie weiter: »Liv, mein Kind, die Entscheidung über deine Zukunft fiel bereits bei deiner Geburt.«

Was hat das zu bedeuten? Steht es nicht jedem Menschen in Terrevé frei, ein Leben nach den eigenen Wünschen zu führen? Sind sie nicht stolz auf diese Freiheit, rühmen sie sich nicht damit? Mahnen nicht die Alten immer wieder, dass eine Abkehr davon sie zurückfallen ließe in die graue Vorzeit?

Sie kommt nicht dazu, all diesen Fragen Ausdruck zu verleihen, denn ihre Mutter ergreift erneut das Wort. »Dir ist eine wichtige Aufgabe zugedacht und schon bald müssen die Vorbereitungen dafür beginnen.« Sie macht eine Pause, holt tief Luft. »Liv, du bist eine Träumerin!«

Eine Träumerin? Liv kennt die Legende von den Träumern, jedes Kind auf Terrevé kennt sie. Es ist nur ein Märchen; niemals konnte wahr sein, was über diese Menschen gesagt wird. Wie kann es das auch? Einzelne, die in der Lage sind, die Welt zu erschaffen, wie soll das möglich sein? Sie hebt eine Augenbraue. »Mutter, die Träumer sind ein Mythos. Alle sagen das.«

Ianthe sucht ihren Blick. »Weil sie es nicht besser wissen. Nur wenige kennen die Wahrheit, zum Schutz der Träumer.«

»Schutz wovor?«

Es ist Liam, der antwortet. »Alles zu seiner Zeit. Um das zu verstehen, musst du erst mehr über das Wesen der Träumer erfahren, über dein Wesen.«

Sie reißt die Augen auf. Meint er das ernst? Glaubt er ebenfalls, sie sei eine Träumerin? Liv ist unschlüssig, was sie denken oder fühlen soll. Unzählige Fragen schießen ihr durch den Kopf, der sich gleichzeitig seltsam leer anfühlt. Sie will allein sein, muss fort von den Blicken ihrer Eltern.

»Liv, bleib!«, bittet ihre Mutter.

Liam hebt die Hand. »Lass sie, gib ihr Zeit«, wendet er ein.

Es ist mehr als Zeit, was sie braucht. Von einem Augenblick zum anderen ist sie ihrer Identität beraubt. Sie ist nicht länger Liv, das rothaarige Mädchen aus dem Wald. Nun ist sie eine Träumerin. Noch hat sie keine genaue Vorstellung davon, was dies bedeutet, doch sie spürt ein Gewicht auf ihren Schultern ruhen, das zuvor nicht da gewesen ist.

Es ist jene Last, die ihr das Leugnen unmöglich macht. So sehr sie es sich wünscht, sie kann die Worte ihrer Mutter nicht als Lüge abtun. Mit jener Erkenntnis der Wahrheit kommt die Wut. Sie ist wütend auf Ianthe und Liam, die sie ihr ganzes Leben lang belogen haben. Sie knirscht mit den Zähnen. Zumindest muss sie annehmen, dass die beiden schon lange um ihre wahre Natur wissen. Denn plötzlich ergibt vieles, was sie taten, einen Sinn, allem voran Liams Part in ihrem Leben. Wenn er sie wirklich für eine Träumerin hält, so ist verständlich, warum er stets alles daran setzt, sie zu beschützen. Seine geheimnisvollen Reisen in der letzten Zeit stehen sicher im Zusammenhang mit der Rolle, die das Leben ihr zugedacht hat.

Wahrscheinlich ist ihre Mutter Ianthe nur die, die sie ist, weil Livs Bestimmung dies aus ihr gemacht hat. Zumindest kennt Liv keine andere Frau, die ihrer Mutter gleicht. Keine ist gleichermaßen gelehrt. So lange Liv sich zurückerinnern kann, hat sie Bilder vor Augen, in denen ihre Mutter über ein Buch gebeugt ist. Daher ist es für sie selbstverständlich, die Welt in allen Einzelheiten von ihrer Mutter erklärt zu bekommen. Bisher glaubte sie, diese umfassenden Kenntnisse nur dann zu benötigen, wenn sie sich entschiede, dereinst in die Fußstapfen ihrer Mutter zu treten; etwas, was sie in Betracht zog, jedoch schnell verwarf. Ihr Bezug zu Terrevé ist nicht vorrangig von gelehrter, theoretischer Natur, vielmehr hat sie stets den Eindruck, auf direkte, gefühlsmäßige Weise mit ihrer Umwelt verbunden zu sein. Sogar jetzt, im Zustand höchster Aufregung und Verwirrung, vermag sie, dies zu empfinden. Sie spürt, wie der Wald um sie herum mit geschäftigem Leben erfüllt ist, aber auch die Ruhe, die von den großen Steinen ausgeht, die das Bachbett säumen.

Sie nimmt auf einem jener Steine Platz.

Der Bachlauf ist seit jeher einer ihrer Lieblingsplätze. Sie genießt es, dem fließenden Wasser zuzusehen. Dieses Element, es ist so voller Widersprüche: Einerseits kann es Leben schenken, andererseits mit Leichtigkeit nehmen; es scheint so unbeständig und unstet, doch es besitzt die Kraft, Stein zu polieren, zu Sand zu zermahlen und alles fortzureißen, was sich ihm in den Weg stellt.

Heute scheint das Wasser ihrer Stimmung folgen zu wollen. Während sie nachdenklich dasitzt und in den Bach starrt, bilden sich dort immer wieder kleine Strudel und Verwirbelungen, die das Treibgut, Blätter und Ästchen, bald hierhin und bald dorthin werfen. Als dieses faszinierende Schauspiel ihre Aufmerksamkeit schließlich vollends gefangen nimmt, beruhigt sich der Strom allmählich. Im gleichen Maße, wie alle trüben Gedanken schwinden, nimmt das Gewässer seinen üblichen ruhigen Lauf wieder auf.

Er ahnte, dass er sie an diesem Ort fände, doch als er sie am Bach sitzen sieht, seufzt Liam trotzdem erleichtert auf.

Das Gesicht seines Schützlings kann er nicht sehen, aber er erkennt, dass es ihr den Umständen entsprechend gut geht. Das verrät ihm die Art, wie sie auf dem Stein sitzt, und ebenso die Ruhe der sie umgebenden Natur. Schon seit über einem Jahr spiegelt die Umwelt Livs Gefühle und ihr Befinden stark genug, dass er es erkennen kann, denn er weiß, worauf er achten muss. Vier Jahre lang hat er gelernt, ein Beschützer zu sein. Erst dann war das Leben der zukünftigen Träumerin in seine Hände gelegt worden. Vierzehn Jahre liegt das jetzt zurück und nicht einen Moment in dieser langen Zeit hegte er Zweifel an seiner Aufgabe. Dabei hatte er, wie Liv nun, keine Wahl, sondern war erwählt. Ein hartes Los in einer Welt, in der die Freiheit von allen Zwängen ein so hohes Gut ist.

Nicht ohne Wehmut denkt er an die Entbehrungen, die sein Leben bestimmten und noch immer bestimmen. Bedauern und Mitleid liegen deswegen in seinem Blick, mit dem er Liv betrachtet. Vielleicht ist er der Einzige, der ermessen kann, welch großes Opfer sie bringen soll. Er wird ihr helfen, so gut er es vermag.

Entgegen seinem Vorsatz, ihr Raum zum Nachdenken zu geben, tritt er an sie heran. Sie bemerkt ihn erst, als er direkt neben ihr steht. Mit traurigen Augen schaut sie auf und sagt: »Liam, du hättest nicht herkommen sollen.«

Sie nennt ihn bei seinem Namen, verwendet nicht Vater, wie sie es sonst tut. Er versteht. Sie ist klug, erkannte gewiss, dass er ebenso das Geheimnis vor ihr verbarg, wie ihre Mutter es tat. Wut und Ärger sind verständlich und er trägt sie ihr nicht nach. »Ich wollte nur sehen, ob es dir gut geht«, antwortet er, bemüht, seine eigenen Emotionen aus der Stimme herauszuhalten.

»Als ob dich das interessieren würde. Für dich zählt nur, dass ich meine Bestimmung erfülle«, schleudert sie ihm entgegen.

Der Wind frischt spürbar auf. Er kann sehen, wie ein Frösteln durch Livs Körper geht. Ihm hingegen ist eher heiß als kalt, denn ihre Anschuldigung trifft ihn hart. Er liebt sie wie eine Tochter und er schämt sich dafür, sie hintergangen zu haben. »Es tut mir leid. Wir, deine Mutter und ich, dachten, wir handeln richtig. Da wir die Aufgabe nicht von dir nehmen können, wollten wir wenigstens dein Herz nicht allzu früh damit beschweren«, spricht er, hoffend, sie möge die Aufrichtigkeit seiner Worte erkennen und...



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