E-Book, Deutsch, 138 Seiten
Reihe: halbwertszeit
Buchner / Drack / Hultsch-Killius Kein Empfang, du Sau!
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-903081-69-7
Verlag: Luftschacht
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 138 Seiten
Reihe: halbwertszeit
ISBN: 978-3-903081-69-7
Verlag: Luftschacht
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Stefan A. Marx, * 1981 in Wien, war Lehrbeauftragter der Universität Wien und ist politischer Philosoph und Schriftsteller.
Autoren/Hrsg.
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VIVIANE DRACK
Das Tor zum Kunsthimmel.
Oder: Sie wünschen? Ein kleiner Brauner, eine heiße Melange und das Renommee der Künstlersau.
Einen kleinen Braunen – nein, einen Braunen will ich eher nicht, in den Nazihimmel will ich nicht, eine Melange auch nicht, eine so große Mischkulanz brauch ich nicht. Ich weiß, was ich will, ich will in den Kunsthimmel. Aber wie gelange ich in das Allerheiligste der Kunst? Was muss ich tun, damit mir Einlass in den Kunsthimmel gewährt wird? Vor allem noch in der Gegenwart, als Mensch aus Fleisch und Blut, und nicht erst posthum wie ein Van Gogh und viele andere, wenn ich die sprichwörtliche schöne Leich schon hinter mir habe und die Kartoffeln von unten anschaue. Was also gilt’s zu tun, um noch zu Lebzeiten Einlass ins Himmelsreich gefeierter Künstler zu erhalten? Was gilt es anzustellen, dass einem die Erfüllung dieses Herzenswunsches gewährt wird?
Soll ich provozieren? Nein, sagen Sie nichts! Wir leben in einer Zeit, in der es ja heißt, in der Kunst sei alles erlaubt. Es rege kaum noch etwas auf und es vermag auch kaum etwas noch zu schockieren, sagt man. Stimmt das, frage ich Sie? Immerhin hat es in der Welt schon so viel gegeben, dass es an Neuigkeitswert mangelt, man hat sich doch an alles irgendwie gewöhnt und nun ist man zu abgeklärt, um sich noch über Kunst zu echauffieren? Was sagen Sie? Denken Sie einen Moment darüber nach, bevor ich Ihnen meine Antwort verrate.
Es ist doch falsch, grundlegend falsch, ganz und gar falsch, auf ganzer Linie falsch.
Schauen Sie mich nicht so skeptisch an. Überlegen Sie. Was ist Kunst? Wer entscheidet, was Kunst ist? Welche Definitionen von Kunst gibt es? Was sagen sie uns? Sagen sie uns überhaupt noch etwas? Ist darunter eine so umfassende, die es vermag, alle Ansprüche, die an Kunst gestellt werden, in sich zu vereinen, sodass sie Allgemeingültigkeitsanspruch erheben kann?
Das ist Ihnen zu viel Blabla, ich sehe es Ihnen an, aber verraten Sie mir: Was ist für Sie ganz persönlich Kunst? Leonardo, Tintoretto, Klee oder Kandinsky, Immendorff, der Blutschütter Nitsch, Abramovic oder Banksy? Wodurch zeichnet sich Kunst aus, was sind die Merkmale von Kunst? Halten Sie es mit unserem hochverehrten Meisterphilosophen Kant, der die Kunst als Zweck an sich selbst, aus interesselosem Wohlgefallen entstanden, betrachtet und rezipiert sieht? Ist Kunst das subjektive Geschmacksurteil, das jedoch auf allgemeine Zustimmung trifft, l’art pour l’art, nicht Blabla aus interesselosem Wohlgefallen?
Ist Kunst das Schöne oder ist schön, was als angenehm empfunden wird, ist sie das Hässliche, das bei seinem Anblick unangenehm berührt? Muss die Kunst berühren, oder darf sie uns gleichgültig lassen? Raucht Ihnen auch schon der Kopf bei so vielen Fragen? Und wissen Sie die Antwort?
Ja, stimmt schon, das Kunstwerk gibt sich seine Gesetze selbst. Es schreit simpel und einfach: Ich bin ich, ich bin hier und ich bin da. Dem Kunstwerk an sich ist es schlicht wurscht, was Sie, ich, der vielgerühmte Rezipient oder die Kunstwelt von ihm denken. Dem Künstler ist es allerdings gar nicht egal, wenn er leben und nicht hungern will. Da stimmen Sie mir doch zu, oder? Da sind wir bei der nächsten Frage: Welche Ansprüche muss Kunst erfüllen, um als Kunst wahrgenommen zu werden? Was soll/kann Kunst leisten? Muss sie überhaupt etwas leisten oder reicht das „ich bin da“ nicht aus?
Muss, darf, soll Kunst provozieren? Wer provoziert und wie? Ist eine Provokation bewusst intendiert oder erfolgt sie subtil, auf einer unbewussten Ebene, die gar nicht sofort greifbar werden muss? Ist es der Anspruch von Kunst, Menschen aus ihrem Dornröschenschlaf unsanft wachzurütteln, gesellschaftsimmanente Probleme aufzuzeigen, den Finger punktgenau in offene Wunden zu legen, in ihnen herumzurühren und so lange herumzustochern, bis die realen, irrealen Probleme endlich die gewünschte Aufmerksamkeit erhalten? Die Aufmerksamkeit, die unserer Meinung nach Not tut, die den vermeintlichen oder wirklichen Problemen gebührt, damit nötige, auch unnötige gesellschaftsverändernde Prozesse in Gang gesetzt werden. Der Künstlerwille geschehe und langsam, aber doch, kommt Bewegung in über Jahre festgefahrene, immer rigider gewordene Strukturen.
Dadurch kann sich endlich ein sinnvoller, ein unsinniger Diskurs entfalten, der jederzeit unproblematisch ohne Risiko auf die bloße Anschauung des Objekts zurückgelenkt werden kann und damit Seelenhygiene betreibt. Die Büchse der Pandora ist geöffnet, ein Ventil zur Abkehr von unangenehmen Gefühlen gefunden, die sowohl Kritik am Materiellen ermöglicht als auch die Entladung gestauter Energie der geistigen Onanie.
Was meinen Sie? Ist Kunst ihrer Zeit immer voraus bzw. muss oder sollte sie es sein? Oder ist sie bloß ein Kind ihrer Zeit, gemäß des Sezessionsspruches „Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit“. Ist sie ein Abbild verschiedener synchron ablaufender Prozesse innerhalb einer heterogenen Gesellschaft?
Sie antworten nicht? Sind wohl kein Fan von Kunstgeschwurbel? Wird ein Kunstwerk erst zum Kunstwerk durch seine Zurschaustellung im öffentlichen Raum? Braucht es den Widerstand gegen festgefahrene Strukturen, den Michael Kohlhaas der Kunst? Reicht es nicht, dass Kunst einfach schön und frei sein darf, einfach kein Mittel zu einem anderen Zweck, sondern Zweck an sich?
Man räsoniert, warum Kunstwerke namhafter Größen, wenn sie über Jahre in privaten Händen gehätschelt, vernachlässigt, in einem alten Koffer oder Schrank im Keller oder am Dachboden gelagert wurden und irgendwann plötzlich zum Vorschein kommen, anders gehandelt werden, als vorher. Manche waren ja vielleicht versteckte Trophäen über dem Esstisch, zur Angabe vor wenigen, ausgesucht geladenen Gästen. Wiederentdeckt, der Öffentlichkeit zugemutet oder als Geschenk dargeboten werden sie dann entsprechend eines scheinbar unaufhaltsamen sich verselbstständigenden Automatismus ganz selbstverständlich nach ritualisierter Prüfung der Echtheit als Meisterwerke klassifiziert. Eine neue Ware belebt wohl den Markt, das Angebot wird sakrifiziert.
Warum traut sich niemand offen dagegenzureden? Hinter vorgehaltener Hand scheints ja wohl auch kein Problem zu sein. Da wird getuschelt, was das Zeug hält. Der Opportunismus feiert fröhliche Urständ, die Moral von der Geschicht: Es schickt sich nicht. Die Political Correctness erlaubt keine eigene Meinung. Wer will sich schon dem Verdacht aussetzen, vielleicht gar ein Liebhaber des kleinen Braunen zu sein.
Schließlich will auch ein Künstler leben, gut leben, nicht bloß überleben. Für sich muss er die Frage beantworten: Wie hat ein Künstler/eine Künstlerin zu sein? Welche Stereotype gibt es? Muss ein Künstler ein Eigenbrötler, ein komischer Kauz, die Skandalnudel oder die Gesellschaftsprostituierte sein? Soll er still, verschwiegen, in sich gekehrt, der Welt abgewandt, sein eigenes Süppchen kochend, kritisch oder dem Mainstream folgend, extrovertiert, laut polternd, unangepasst, primitiv oder elitär, „ich zieh mein Ding durch, koste es, was es wolle“, sein?
Notwendig ist das Feuer, die Leidenschaft, das Brennen für die eigene Sache und die Antwort auf die Gretchenfrage. Ist mir meine Künstleridentität so wichtig, dass ich bereit bin, von der Hand im Mund zu leben, wenn sich meine Kunst nicht verkauft? Sind Luft und Liebe, Wasser und Brot zum Erhalt der Körperlichkeit eine ausreichende Voraussetzung, um überhaupt Kunst schaffen zu können?
Bedarf es wirklich der lila gefärbten Haare, des flotten Irokesenschnitts, der zerschlissenen Jeans, des Nasenrings und Zungenpiercings, um den Künstlereindruck zu vermitteln? Stimmt das Bild, dass all dies wichtiger als Können ist? Stimmt es, dass, wer optisch den Eindruck der Angepasstheit vermittelt, ruhig und leise ist, nicht ins Bild passt und sich somit gleich in die Schublade der abzulehnenden Konformisten einreihen kann?
Gilt als Credo in der Kunstszene das hier postulierte Klischee: „Nonkonformismus muss man den Menschen an der Nasenspitze ansehen. Es verträgt sich nicht mit Unauffälligkeit und stiller Schweigsamkeit!“ Ist es wirklich so, dass, wer die Welt retten will, sie verändern will, den Nonkonformismus mit missionarischem Eifer in die Welt hinausschreien muss, dass er sich Gehör verschaffen muss – um jeden Preis ohne Rücksicht auf Verluste.
Darf man aufatmen oder bleibt die Spannung bestehen, wenn der künstlerische Durchbruch gelungen, geschafft ist? Oder beginnt ein Teufelskreis? Wird der Glaube, sich freigespielt, es geschafft zu haben, womöglich rasch bis in seine Grundfesten erschüttert? Beginnt sich eine neue Form der Unfreiheit breitzumachen?
Sie schütteln den Kopf über so viel Hirnwichserei. So jung und so verkopft, lauter Fragen, auf die man mit ganzen Dissertationen antworten könnte. Sie haben ja recht!
Der Freiheitsbegriff ist höchst strapaziert. Wer oder was ist schon frei? Der Künstler in seiner Schaffenskraft? Um von seiner Kunst leben...




