Budgen | Die Holzpyjama-Affäre | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

Budgen Die Holzpyjama-Affäre


1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-99001-684-8
Verlag: edition a
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

ISBN: 978-3-99001-684-8
Verlag: edition a
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



TV-Journalist Alexander Toth hat genug von Dauerstress und Informationsüberflutung und will in seinem neuen Job am Wiener Zentralfriedhof zur Work-Life-Balance finden. Da fährt ein Auto vor der Bestattung Wien vor und auf der Rückbank sitzt ein Toter, mit dem manches nicht stimmt. Toth sieht nur noch eine Chance, seinen inneren Frieden zu finden: den Fall zu lösen.

Patrick Budgen, geboren 1983, ist Sohn eines Engländers und einer Halbfranzösin und wuchs in Wien auf. Seit 2005 arbeitet er für den ORF und präsentiert als Moderator das Stadtmagazin Wien heute sowie das Frühfernsehen Guten Morgen Österreich. Der sportbegeisterte Vollblutjournalist und Katzenliebhaber lebt und arbeitet in Wien.
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Montag, 7.02 Uhr


Er war nur den Bruchteil einer Sekunde unaufmerksam gewesen und hätte beinahe einen heftigen Zusammenstoß verursacht. Doch bevor Alexander Toth seinem Vordermann einen unfreiwilligen Stoß gab, hatte er sich eingebremst und war mit seinem Gefährt zum Stehen gekommen. Puh. Das war knapp. Er hatte gar nicht bemerkt, dass sich vor ihm eine lange Kolonne gebildet hatte. Sie erinnerte ihn an den täglichen Stau auf der Südosttangente, in dem er in seinem früheren Job mindestens drei Jahre seiner Lebenszeit verschwendet hatte.

Aus dem alten Radio tönte »Always look on the Bright Side of Life« von Eric Idle. Dieser Monty-Python-Song verlieh der frühmorgendlichen Szenerie eine besondere Ironie. Denn strahlend war hier in diesem neonbeleuchteten Keller wenig, und das Leben hatte zumindest die Hälfte der Teilnehmer dieser Karawane schon hinter sich.

Wie jeden Tag in der Früh holten die Bestatter hier ihre erste »Fuhr« aus der mit einer großen, silbernen Tür verschlossenen Kühlkammer. Davor bildete sich täglich eine morbide Warteschlange, in der sich ein Rollwagen mit Sarg an den nächsten reihte.

»Wo sind wir denn mit den Gedanken, Herr Journalist?«, schnauzte Karl in seine Richtung und klopfte dabei mit seinen wulstigen Fingern auf Toths Rollwagen. Karl, ein Bestatter, dessen Bauch aussah, als hätte er zwei Urnen verschluckt, nahm Toth seit seinem ersten Arbeitstag hier am Wiener Zentralfriedhof auf die Schaufel. Zum Glück nicht auf die der Totengräber. Toth spürte, wie sein blasses Gesicht rot anlief, wie immer, wenn ihn etwas ärgerte, und er fand, dass das in Kombination mit seinen vielen Sommersprossen nicht gerade vorteilhaft aussah.

Er war nervös wie bei seinen allerersten Live-Einstiegen, die er einst als Journalist fürs Fernsehen absolviert hatte. Denn er hatte sich fest vorgenommen, keine Fehler zu machen. Nicht heute. Er wusste, dass alle Augen auf ihn und seine Arbeit gerichtet waren. Nach mehr als vier Monaten bei der Bestattung Wien samt Blitzkurs zum Bestatter war er heute erstmals auf sich allein gestellt.

»Bei den Nachrichten im Fernsehen hat deine Gesichtsfarbe immer entspannter gewirkt«, setzte Karl, der seit dreißig Jahren dem Tod täglich ins Auge sah, nach.

»Die Maskenbildnerin war bei der Chefin hier leider nicht drin«, konterte Toth, der sich trotz hohen Adrenalinspiegels glücklicherweise wie immer auf seine Schlagfertigkeit verlassen konnte.

Seine erste Kundin bekam von dem kleinen Schlagabtausch nichts mit. In einem faltenfrei gebügelten, zartrosa Sommerkleid lag sie da, als Toth wie vorgeschrieben kontrollierte, ob er für seine erste Trauerfeier die Richtige aus dem Kühlhaus abholte. Die Aufschrift am Eichensarg stimmte mit dem Namen und dem Geburtsdatum auf dem kleinen Zettelchen an der großen Zehe der Frau überein. Die Nägel der in hohem Alter Verstorbenen waren für ihre letzte Reise pink lackiert.

Als er, wesentlich langsamer als seine Kollegen, den Sarg wieder schloss und die Schrauben anzog, wurde ihm klar, dass er nun wirklich in seinem neuen Leben angekommen war. Vor einem Jahr hatte er alles hingeschmissen. Seine Karriere. Seine Leidenschaft. Sein altes Ich. Toth war Journalist mit Leib und Seele gewesen.

Fast sein ganzes Berufsleben lang hatte er Nachrichten und Schlagzeilen gejagt, um sie dann seinem Publikum zu verkünden. Zunächst als Reporter. Später auch als Moderator. Toth war der Bluthund in der Redaktion gewesen. Fast zu jedem Grätzel der Stadt hatte er eine meist blutige Geschichte auf Lager. Hier ein Doppelmord. Da ein tödlicher Verkehrsunfall. Dort eine Geiselnahme.

Durch seine guten Kontakte war er meist zeitgleich mit der Polizei am Tatort und kam so schneller als die Konkurrenz zu den Informationen und Zeugeninterviews, die er für seine Berichte brauchte. Er liebte es, sich bei Nachbarn durchzufragen, neue Erkenntnisse aus Ermittlern herauszukitzeln und dann alles wie ein Puzzle zusammenzusetzen. Ein Puzzle, das jeden Abend Hunderttausende Zuschauerinnen und Zuschauer vor den Fernsehgeräten bestaunen konnten.

Toth war ein Workaholic gewesen. Immer im Einsatz. Immer das Handy am Ohr oder das Tablet vor Augen. Er hatte stets Angst gehabt, etwas Wichtiges zu verpassen, und hatte so sein eigenes Leben verpasst. Denn das bestand irgendwann nur noch aus täglich vier Stunden Schlaf, drei Liter Kaffee und seiner Arbeit.

Es ging sogar so weit, dass er eines Morgens auf Twitter las, dass es draußen geschneit hatte, bevor er auf seinen tiefverschneiten Balkon direkt vor seinem Bett blickte. Irgendwann fühlte er sich so ausgebrannt wie die Kerzenreste in der Schachtel neben dem Lastenaufzug, auf den er mit seiner schweigsamen Kundin im ärmellosen Sommerkleid gerade wartete. Zum Glück konnte sie nicht mehr frieren, denn im Keller vor den Kühlkammern hatte es gerade einmal zwölf Grad.

Es war ihm zu viel geworden. Alles. Sein Job. Sein Leben. Sein Drang nach Nachrichten. Letzterer führte sogar dazu, dass Toth bei seinem letzten Einsatz als TV-Reporter einen international gesuchten Doppelmörder stellte. Nachdem die Polizei den Tatort am Stadtrand freigegeben hatte, legte er sich in seinem türkisfarbenen Renault Twingo auf die Lauer, weil er im Gespür hatte, da könnte noch etwas passieren. Und tatsächlich. Um zwei Uhr morgens irrte eine dunkle Gestalt rund um das Haus jenes Ehepaares, das hier vor wenigen Stunden getötet worden war.

Toth zückte sein Handy, rief seinen Kontaktmann Chefinspektor Herbert Berger bei der Polizei an und meldete den Verdächtigen. Toth wurde in den Wochen darauf als Held gefeiert und mit Auszeichnungen überschüttet. Sogar eine goldene Anstecknadel des Bürgermeisters, die er kurz darauf verlor, bekam er überreicht. Aufmerksamkeit, die er über sich ergehen ließ, die ihn aber noch mehr stresste und ihn einen Entschluss fassen ließ.

Nach zwanzig Jahren im Mediengeschäft hatte er das Gefühl, sein Leben an sich vorbeiziehen zu sehen. Kein Ruhm und kein Geld konnten dieses deprimierende Gefühl stoppen. Drei Monate hatte er sich krankschreiben lassen, bevor er seinen Job an den Nagel hängte. Er sehnte sich nach Ruhe. Nach geregelten Arbeitszeiten. Nach Digital Detox. Nach Beschäftigung mit sich selbst. Nach Work-Life-Balance.

So wurde es Friedhof statt Fernsehen. Ein alter Bekannter hatte ihm von der offenen Stelle als Bestatter erzählt. Toth hatte, wenn gerade kein Mord passiert war, was auch hin und wieder vorkam, von zahlreichen Promi-Begräbnissen berichtet. Erste Reihe fußfrei. Es war seine zweite Leidenschaft. Schauspieler, Sängerinnen, Politiker. Für viele von ihnen gab es Zeremonien, bei denen die Kaiserfamilie in der Kapuzinergruft blass vor Neid geworden wäre.

Der gerade eben pensionierte Ober-Bestatter, der diese Trauerfeiern organisiert hatte, war über die Jahre sein Freund geworden und hatte ihm zum Wechsel in die Branche mit dem todsicheren Geschäftsmodell geraten. Der Zentralfriedhof als ruhiger und atemberaubend schöner Arbeitsplatz voller Natur, den Toth auch von den Besuchen seines verstorbenen Journalisten-Mentors Otto Wurm kannte, hatte ihn schließlich von dem gewagten Schritt überzeugt, obwohl nicht alle in seinem Umfeld sonderlich begeistert davon gewesen waren.

Vor allem seine Mutter Leopoldine hatte ihn mit allen Registern der mütterlichen Überzeugungskraft davon abzubringen versucht. Vergeblich. Sein Sturschädel, der ihm beruflich schon unzählige Türen geöffnet hatte, öffnete auch das berühmte Tor 2 zum Zentralfriedhof, auf dem er nun in seinem dunkelgrauen Arbeitstalar mit dem Aufzug nach oben zu den Trauerhallen fuhr.

Alle Bestatter bekamen um sieben Uhr Früh ihre Aufträge zugeteilt. In der handgeschriebenen Liste standen bei Toth heute gleich vier Verstorbene, die er zu verabschieden hatte. Mit der Pink-Lady am Rollwagen machte er sich auf zu seiner ersten eigenen Trauerfeier.

Er hievte gerade einen großen Kranz mit rosa Rosen, die der Ehemann der Verstorbenen bestellt hatte, auf einen der Ständer, als es laut miaute. Miau, miau. Der Katzenlaut erfüllte die gesamte weißmarmorierte Halle. Hektisch griff Toth in die rechte Tasche seiner schwarzen Arbeitshose, fischte sein Handy heraus und ärgerte sich, dass er es nicht auf lautlos gestellt hatte. Alte Berufskrankheit.

Früher hatte er nichts verpassen dürfen. Zu keinem Zeitpunkt.

Er bemerkte, wie der dicke Karl und ein anderer Kollege aus der Nachbarhalle herüberlugten, ihre Köpfe zusammensteckten und tuschelten. Er war der Neue. Er war der aus dem Fernsehen. Toth war klar, dass er hier damit keinen Beliebtheitswettbewerb gewinnen würde.

Doch er hatte sich dafür entschieden und diesen Entschluss auch nicht bereut.

»Lieber Alex! Du weißt, ich hätte dich lieber weiter im Fernsehen gesehen. Aber ich wünsche dir toi, toi, toi für deinen ersten richtigen Arbeitstag bei der Bestattung heute. Ich hoffe, du findest die Ruhe, die du dir gewünscht hast. Hab dich sehr lieb. Deine Mama«, stand in der WhatsApp-Nachricht, die...



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