Büchle | Goldsommer | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 496 Seiten

Büchle Goldsommer

Roman.
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-96122-011-3
Verlag: Gerth Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman.

E-Book, Deutsch, 496 Seiten

ISBN: 978-3-96122-011-3
Verlag: Gerth Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Schwarzwald, 1940: Amrei ist erst 14 Jahre alt, als sie sich alleine um Haus und Hof, ihren kleinen Neffen und eine demenzkranke Frau kümmern muss. Unbemerkt beherbergt sie auch einen entflohenen britischen Kriegsgefangenen, der ihr das Leben rettet und dem sie zur Flucht verhilft. Jahre später beschließt Amrei, eine Reitpension zu eröffnen. Unter den ersten Gästen ist Tom, der sich stark zu der burschikosen und doch so reizvollen Frau hingezogen fühlt. Und dann taucht ein weiterer unverhoffter Gast auf. Während Amrei eine Entscheidung treffen muss, trachtet jemand nach dem Leben ihres Neffen ... Dieser Roman erreichte den 2. Platz des DeLiA-Literaturpreises 2012.

Elisabeth Büchle hat zahlreiche Bücher veröffentlicht und wurde für ihre Arbeit schon mehrfach ausgezeichnet. Ihr Markenzeichen ist die Mischung aus gründlich recherchiertem historischen Hintergrund, abwechslungsreicher Handlung und einem guten Schuss Romantik. Sie ist verheiratet, Mutter von fünf Kindern und lebt im süddeutschen Raum. www.elisabeth-buechle.de
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Kapitel 1

„Annemarie? Wo gehst du schon wieder hin?“, rief Margot ihr mit lauter Stimme zu, als sie gerade den Fuß in den Steigbügel stellte. Ihre Schwägerin betrachtete vorwurfvoll Amreis Männerhose, die sie schon wieder – wie fast immer – trug.

Der junge Hengst ruckte nervös mit dem Kopf. Amrei grinste. Das Tier hat jede Menge Menschenkenntnis, dachte sie, während sie sich in den Sattel hinaufstemmte. „Nach Triberg“, rief sie über die Schulter.

„Und die ganze Arbeit überlässt du mir?“

„Ich bin in ein paar Stunden zurück“, antwortete Amrei scheinbar gleichgültig. Dann trieb sie, ohne auf ein weiteres Wort ihrer Schwägerin zu warten, das Pferd an, das mit ein paar übermütigen, temperamentvollen Sprüngen auf den unebenen, nicht befestigten Weg hinauslief und ihr dadurch gehörige Mühe machte, es unter Kontrolle zu bringen. „So nicht“, raunte sie dem grauen Pferd mit der dunklen Mähne streng zu und hielt die Zügel straffer.

Schnell erreichten sie den Wald, der sich über einer Bergkette ausdehnte und an dessen schattigem Rand noch immer Schnee lag. Direkt vor der weißen Fläche reckten die ersten wild wachsenden Krokusse ihre gelben Köpfe empor.

Beim Anblick der Blüten legte sich ein erleichtertes Lächeln auf Amreis Gesicht. Die Menschen in diesem Tal hatten einen weiteren kalten und sehr schneereichen Kriegswinter überstanden. Und dieser Winter war hart gewesen. Margots vierjähriger Sohn war die ganzen letzten Wochen über krank gewesen.

Und sie hatte viel arbeiten müssen, um den Hof am Laufen zu halten. Der Knecht war bereits 1941 eingezogen worden, und die Großmutter, die für Amrei wenigstens noch ein bisschen Familie bedeutet hatte, war im Frühjahr 1942 verstorben. Wieder ein Jahr später hatte die Nachricht vom Tod ihres Vaters den Hof erreicht.

Die junge Frau lenkte den Grauschimmel in den Wald hinein, wo sich die mächtigen, dunklen Fichten dem blauen Frühlingshimmel entgegenstreckten. Der Wald war erfüllt von einem herben, feuchten Geruch und dem vielstimmigen Gesang der ersten Vögel, die bereits aus dem Süden zurückgekehrt waren.

Amrei liebte ihre Ritte über die engen Waldwege, die mit Moos und kleinen grünen Pflanzen bewachsen und von alten braunen Fichtennadeln übersät waren und beinahe jedes Geräusch verschluckten. Hier war sie allein und konnte sich von der anstrengenden, niemals enden wollenden Arbeit auf dem Hof und ihrer nicht minder anstrengenden Schwägerin erholen. Erleichtert schloss sie für einen Augenblick die Augen und ließ die Stille und die kühle Feuchtigkeit auf sich wirken.

Auf einmal scheute der Hengst und sofort war Amrei hellwach. Sie brachte das Tier zum Stehen, sah sich prüfend um und bemerkte Bewegungen im dichten Unterholz zwischen den dunklen Stämmen. „Nur ein Hase“, flüsterte sie dem Hengst beruhigend zu, den sie am Tag von Michaels Weggang im Stall bei seiner Mutter entdeckt hatte, weshalb sie sich mit dem Tier verbunden fühlte. Da es an einem stürmischen, schneereichen Tag geboren worden war, hatte es von ihr den etwas ungewöhnlichen Namen Schneesturm erhalten.

Er war nicht leicht zu reiten und würde es vermutlich nie sein, doch Amrei wusste, dass er eines Tages einen wundervollen Deckhengst abgeben würde. Mit diesem Pferd und den Araberstuten konnte sie sich nach dem Krieg ein zweites berufliches Standbein schaffen. Denn selbst ihr, die sie die Schwarzwälder Pferde liebte, war klar, dass im Zeitalter der Motorisierung die Zugpferde ausgedient hatten, selbst wenn die Armee im Moment noch ständig Nachschub forderte. Die Pferde, die sie anlieferte, schienen in der Armee schneller zu sterben als die Fliegen.

Dieser wunderbare, gut gebaute Hengst und die beiden Stuten, die Margot mit in die Ehe gebracht hatte, waren im Moment Amreis einzige Hoffnung auf ein etwas besseres Leben nach dem Krieg.

Amrei zwang sich aus ihren Grübeleien heraus und trieb das Tier in einen schnellen Trab. Der Weg in die nächstgrößere Stadt war weit und sie hatte an diesem Tag noch einiges zu tun.

Sie erreichte Triberg um die Mittagszeit. Die Stadt lag verschlafen in der Frühlingssonne. Wie jedes Mal, wenn Amrei nach Triberg kam, führte ihr Weg sie zuerst zu dem kleinen, etwas abseits stehenden Häuschen am Rande der kleinen Stadt. Vor dem schief in den Angeln hängenden Gartentor stieg sie behände ab. Vorsichtig streifte sie ihren schweren Rucksack von den Schultern und holte daraus eine weitere Tasche hervor. Der Duft von frisch gebackenem Brot stieg ihr in die Nase, und obwohl sie das Brot bereits um 5:00 Uhr am Morgen gebacken hatte, fühlte es sich noch ein kleines bisschen warm an.

Amrei schaute prüfend zu den kleinen Sprossenfenstern. Frau Wanner ließ sich nicht sehen, um sie zu begrüßen, also hängte sie die Tasche mit dem Brot, dem in Zeitungspapier eingewickelten Fisch und der Glasflasche mit Milch innen an den Griff des Gartentores, ehe sie das Pferd am Zügel nahm und es in die steil ansteigenden Straßen Tribergs hineinführte.

Innerhalb kürzester Zeit hatte sie das Hotel „Löwen“ erreicht, das – ebenso wie das Alte Spital und inzwischen auch das Frauenvereinsheim – zu einem Lazarett umfunktioniert worden war. Neben dem Haupteingang band sie den Hengst fest, dann nahm sie dem Tier den Sattel ab und trug diesen die Stufen hinauf, ins Gebäude hinein, wo er ihr an der Rezeption von einer lächelnden Rotkreuzschwester abgenommen wurde.

„Grüß Gott, Amrei.“

„Grüß Gott, Martha.“

„Schön, dass du kommen konntest. Wir haben gestern mehrere Schwerverletzte bekommen.“

„Es nimmt kein Ende“, seufzte Amrei.

Noch ehe Schwester Martha das Brot und die zwei Metallkannen mit der Milch aus den Satteltaschen nehmen konnte, war Amrei in dem angrenzenden Zimmer verschwunden, das einmal der stolze Speisesaal des Hotels gewesen war.

Dort bot sich der jungen Frau – wie bei jedem ihrer Besuche in den vergangenen Wochen – ein erbärmliches Bild: Verletzte Soldaten lagen auf schmalen, durchgelegenen Pritschen und wälzten sich darauf hin und her, während andere still und stumm dalagen und ihren Blick ins Leere gerichtet hatten.

Der metallene Geruch von Blut, gemischt mit dem säuerlichen Gestank von Erbrochenem, hing in dem Raum, obwohl an diesem schönen Frühlingstag viele Fenster geöffnet waren. Amrei lächelte einer Rotkreuzschwester zu, die dabei war, einem Patienten eine dünne Suppe einzuflößen. Dann griff auch sie zu einer der bereitgestellten verbeulten Metallschüsseln, nahm einen Löffel, schöpfte aus dem großen dampfenden Topf die wenig nahrhaft aussehende Suppe und setzte sich zu einem ganz jungen Soldaten, der sich bereits seit Wochen hier in diesem Lazarett befand.

Mit seinen großen dunklen Augen blickte er sie an, ohne sie tatsächlich wahrzunehmen. Amrei lächelte ihm zu, wobei sie das Gefühl hatte, dass sich ihr Herz zusammenzog. Dieser Junge hatte nicht nur körperliche Verletzungen aus dem Krieg mit nach Hause gebracht – und dabei war er hier noch nicht einmal zu Hause. Ein Rotkreuzmitarbeiter hatte herausgefunden, dass er aus Bremen stammte. So weit konnte er jedoch noch immer nicht transportiert werden, zumal der ganze Schienenverkehr derzeit ohnehin allein für die Kriegsmaschinerie reserviert war.

„Hallo, Ralf“, grüßte sie den Patienten. „Ist das heute nicht ein schöner Frühlingstag?“ Sie bot ihm den ersten Löffel mit der wässrigen Suppe an und er öffnete mechanisch den Mund. „Ich bin auf Schneesturm hierher geritten. Er war ganz brav heute. Nur einmal hat er sich vor einem Tier im Gebüsch erschreckt.“

Wie immer, wenn sie mit Ralf sprach, erhielt sie keine Reaktion. Dennoch redete sie weiter von Dingen, von denen sie annahm, dass sie einen jungen Mann interessierten.

Nach ein paar Minuten legte sich eine Hand auf ihre Schulter. Amrei schaute auf und blickte in Marthas Gesicht.

„Amrei, du hast einen ganzen Schinken mitgebracht.“

„Und?“

„Du weißt, du bekommst dafür kein Geld.“

„Weiß ich.“

„Aber braucht ihr den nicht selbst, du, deine Schwägerin und der Kleine?“

„In diese Suppe gehört er eigentlich!“, gab Amrei schnell, beinahe hart zurück.

Martha schwieg. Sie hatte inzwischen gelernt, dass man Amrei nicht zu oft widersprechen sollte.

„Ich danke dir im Namen der Verletzten hier, Amrei.“

„Warum tun Sie das?“, mischte sich eine tiefe, kratzige Männerstimme ein. Amrei blickte zu dem Leutnant hinüber, dem es dank der Pflege der Schwestern im Lazarett inzwischen so gut ging, dass er sich aufsetzen und selbst essen konnte.

„Weil ich hoffe, dass irgendjemand, sollte mein Bruder verletzt werden, dasselbe auch für ihn tun würde“, gab Amrei zurück, während sie dem Jungen den nächsten Löffel in den geöffneten Mund schob.

„Sie werden ihn bald wieder in die Arme schließen können, Ihren Bruder“, murmelte der Leutnant und widmete sich wieder seiner mageren Essensration. Er litt Hunger, so wie alle Soldaten und auch der Großteil der deutschen Zivilbevölkerung. Für sie gab es pro Tag, wenn man Glück hatte, noch etwa 1.500 Kalorien Lebensmittelzuteilung pro Person.

Nach der Mahlzeit half Amrei beim Waschen und Verbinden der Verletzten. Schon längst hatte sie alle Scheu vor Wunden, Blut und unbekleideten männlichen Körpern abgelegt. Hier galt es zu helfen, und sie tat es, soweit ihre Zeit es zuließ.

* * *

Einige Stunden später wusch Amrei sich den Schmutz...


Büchle, Elisabeth
Elisabeth Büchle hat zahlreiche Bücher veröffentlicht und wurde für ihre Arbeit schon mehrfach ausgezeichnet. Ihr Markenzeichen ist die Mischung aus gründlich recherchiertem historischen Hintergrund, abwechslungsreicher Handlung und einem guten Schuss Romantik. Sie ist verheiratet, Mutter von fünf Kindern und lebt im süddeutschen Raum. www.elisabeth-buechle.de

Elisabeth Büchle hat zahlreiche Bücher veröffentlicht und wurde für ihre Arbeit schon mehrfach ausgezeichnet. Ihr Markenzeichen ist die Mischung aus gründlich recherchiertem historischen Hintergrund, abwechslungsreicher Handlung und einem guten Schuss Romantik. Sie ist verheiratet, Mutter von fünf Kindern und lebt im süddeutschen Raum. www.elisabeth-buechle.de



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