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Ihr Team von Sack Fachmedien
E-Book, Deutsch, Band 46, 186 Seiten
Reihe: Das Schwarze Auge
Büchner DSA 46: Das Wirtshaus "Zum Lachenden Henker"
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-95752-436-2
Verlag: Ulisses Spiele
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das Schwarze Auge Roman Nr. 46
E-Book, Deutsch, Band 46, 186 Seiten
Reihe: Das Schwarze Auge
ISBN: 978-3-95752-436-2
Verlag: Ulisses Spiele
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Wienerin Barbara Büchner (*01.02.1950) schreibt seit 1997 Geschichten und Romane, die Aventurien spielen, der Hintergrundwelt des erfolgreichsten und bekanntesten deutschsprachigen Fantasys-Rollenspiels 'Das Schwarze Auge'. Sie arbeitet darüber hinaus als Übersetzerin und freie Journalistin und hat für ihre Kinderbücher schon mehrere Preise erhalten.
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Eine Hochzeit im Lachenden Henker
Der Morgen graute eben über der Bornmündung, als Jasper Brinnske im Bug seines Bootes ausrief: »Was, bei allen Seedämonen, hängt da im Netz und ist so über alle Maßen schwer?« Der graubärtige Fischer strengte seine Arme an, um das Netz hochzuhieven, und seine beiden Gefährten halfen ihm dabei. Alle drei mußten sich gehörig ins Zeug legen, um den Fang aus den dunklen Gewässern der BornMündung zu ziehen. Sie schnauften und ruckten und spannten die Muskeln unter den groben Jacken an. Dann kam das Netz plötzlich hoch und holperte an Deck ... und was darin gefangen gewesen war, rollte platschend zur Seite und streckte alle viere von sich ...
Die Totenkammer in der Boronstadt auf der Jodekspitze war ein langgestreckter, düsterer Raum ohne Fenster mit einem steinernen Fußboden und drei mannslangen Marmortischen. Es roch nach der mehrfach destillierten Orkengalle, dem scharfen Schnaps, mit dem die Tische gewaschen wurden, und nach brackigem Wasser – ein Geruch, der stets gegenwärtig war, so oft er auch gesäubert wurde.
Rajan Notjes, der alte Geweihte des Boron, der die Totenkammer betreute, warf einen nachdenklichen Blick auf den weiblichen Leichnam, der bleich und nackt auf dem Steintisch lag. Es kam oft vor, daß man menschliche Überreste aus den schaumigen Fluten des Hafenbeckens zog, sei es nun, daß ein betrunkener Seemann vom Kai gestürzt war oder ein unglückliches junges Mädchen sich aus verschmähter Liebe in Efferds Arme sinken ließ – oder auch, daß das Opfer eines Mordes in tiefer, finsterer Nacht in den kalten Gewässern versenkt wurde. Zumeist wurden die Leichen von der Strömung an einer Stelle an der Kaimauer angetrieben, die man das ›Totenloch‹ nannte. Rajan hatte so viele von ihnen gesehen, daß er sie nicht mehr zählen konnte. Er wußte besser Bescheid als so mancher Medicus, was die verschiedenen Todesursachen betraf. Aber die Tote, die hier vor ihm lag, gab ihm Rätsel auf.
Ihr fehlte der Kopf.
Der Boroni holte zwei Laternen herbei und hängte sie an die Haken über dem steinernen Tisch, eine zu Füßen, eine zu Häupten der Leiche. Er hatte ihr die Algen und den schmutzigen Schaum abgewaschen und ein Tuch über den Halsstumpf gedeckt. In den nächsten Stunden würden die Leute von Festum in langen Reihen durch die Totenkammer ziehen und die Frau besichtigen. So geschah es immer, wenn ein namenloser Leichnam aus der Mündung des Born gefischt wurde. Zumeist fand sich dann jemand, der ihn oder sie wiedererkannte, und der oder die Tote konnte mit den gehörigen Ehren begraben werden. Wenn die Leichen von jungen Menschen in gutem körperlichen Zustand waren und nicht identifiziert wurden, so erteilte der Enge Rat der Stadt für gewöhnlich die Genehmigung, daß die toten Körper – ein Vorgang, den Rajan verabscheute und verachtete – den Anatomen im Spital der Therbuniten übergeben wurden, die daran ihre Studien betrieben.
Der Boroni fürchtete, daß auch diese Unbekannte auf einem Seziertisch enden würde, denn ohne Kopf war wohl kaum zu erwarten, daß jemand sie wiedererkennen würde. Außer der tödlichen Wunde wies sie keine Verletzung und auch kein Mal auf. Der Leib vom Hals abwärts war unversehrt. Sie war wohlgenährt und gepflegt gewesen, aber ihre Hände waren rauh und ihre Nägel kurz geschnitten; also hatte sie ihr Lebtag lang hart gearbeitet, vielleicht als Magd gedient. Das helle Schamhaar verriet, daß ihr Kopfhaar blond gewesen war.
Rajan hob das Tuch an und betrachtete die furchtbare Wunde. Der Schnitt war glatt und sauber. Wie vom Beil eines Henkers oder dem Messer eines Anatomen ausgeführt, durchtrennte er Muskeln und Knochen des Halses. Der Geweihte schauderte bei dem Gedanken, wieviel Blut bei dieser grausamen Tat geflossen sein mußte: Der Körper war völlig ausgeblutet, von bleich-bläulicher Farbe, als hätte man ihn nach dem Mord kopfunter aufgehängt wie ein geschlachtetes Tier.
»Das sind Oger, die das getan haben – keine Menschen«, murmelte Rajan vor sich hin, während er das Tuch wieder über den Stumpf deckte.
***
»Vorwärts da, dummer Klotz, steh mir hier nicht im Weg herum! Siehst du nicht, daß ich schwer zu tragen habe?« – »Bei Swafnir, mein süßes Mädchen, du siehst gar nicht übel aus!« – »Heißer Rum, um die Knochen zu wärmen! Kauft, Leute, kauft den guten heißen Rum!« – »Schöner fremder Mann! Ihr seid wohl eben erst in Festum angekommen? Wollt Ihr mir nicht ein Glas Meskinnes spendieren?« – »Holla, Gartimpski! Daß man Euch auch einmal wieder sieht!«
Die Brückenstraße zwischen den Warenspeichern und Kneipen im Festumer Hafengelände hallte von Geschrei und Geschwätz in allen Sprachen Aventuriens wider. Sogar das Schnattern eines Goblins hörte man da und dort, denn in der Stadt am Meer wohnten die Goblins – wenn auch in ihrem eigenen Viertel friedlich mit den Glatthäuten zusammen, wie sie die Menschen nannten. Der Geruch nach Tang und Teer hing in der kalten, nebelfeuchten Luft und mischte sich mit den fremdländischen Düften, die aus den Lagerhäusern drangen. Selbst jetzt am frühen Nachmittag war es in der engen Brückenstraße nahe der Zollbrücke fast so dunkel wie in der Nacht, denn die Gebäude aus Holz und Ziegeln hielten das ohnehin schwache Licht der gelblichen Travia-Sonne ab, die tief über dem Zwielichtberg stand. Zu einer Jahreszeit, da man im Mittelreich noch die Ernte einbrachte, lag das Bornland bereits erstarrt in den Klauen des Winters. Die eisige Luft biß durch Wolle und Leder. Auf dem Born trieben Eisschollen. Wie hart der Winter hier war, verriet schon der Baustil der Häuser: Die Dächer der Türme und Wirtschaftsgebäude ragten steil und spitzgiebelig in den Himmel, wie es Brauch bei den Häusern in schneereichen Ländern ist, um die Last des Schnees zu verteilen. Die gezinkten Dachrinnen endeten oft in gruseligen Lindwurmmäulern, die auf die Passanten herabgähnten und nun Mützchen aus flauschigem Schnee trugen. Man sah die Lampen hinter den Fenstern der Wirtshäuser leuchten, manche hell und einladend, manche rötlich und verstohlen.
Dort, an seiner Mündung war der Born fast sechshundert Schritt breit. Sein Lauf wurde von der Speicherinsel geteilt, auf der alle Waren und Passagiere ausgeladen wurden, um von den Festumer Behörden begutachtet zu werden. Über die Zollbrücke – ein Bauwerk von stolzen einhundertdreißig Schritt Länge gelangten Neuankömmlinge dann in die Stadt. Scharen von Menschen drängten sich auf der Straße: Seeleute, Huren, Händler, die alle in größter Eile und Wichtigkeit ihren Geschäften nachgingen. Festum war eine Stadt, die nie zur Ruhe kam; nur die Art der Geschäfte wechselte, die in den Stuben und auf offener Straße gemacht wurden. Es gab keine Stunde der Nacht, zu der die Straßen im Hafengelände verlassen lagen, vor allem jetzt im Travia, da die Norbarden aus dem Nordland sich in der Stadt versammelten und edle Pelze zum Kauf anboten. Wenn die letzten Nachtschwärmer und Saufbrüder im Morgengrauen schlafen gingen, standen die Dockarbeiter und Seeleute schon wieder auf. Pitjow Peddersen, der Besitzer des Wirtshauses Zum Lachenden Henker, hätte die Thekestube Tag und Nacht geöffnet lassen können. Oft hatten er und sein Sohn Elkwin Mühe, die letzten Gäste auf die Straße zu setzen, ohne daß die ersten dabei zur Tür hereinkamen.
Jetzt standen die beiden Männer unter der Tür und betrachteten müßig den Strom von Menschen, die an ihnen vorbeidrängten. Pitjow war ein schlanker, dunkelhaariger, alterslos wirkender Mann, an dessen faltigem Gesicht nur die glänzenden schwarzen Augen auffielen – Augen, die verrieten, daß er nicht halb so harmlos und einfältig war, wie er auf den ersten Blick wirkte. Wenn er lächelte, zeigte er vorstehende Zähne, und dieses Lächeln erinnerte sehr an das Zähnefletschen eines Raubtiers.
Sein Sohn war groß gewachsen wie er und dabei so hager, daß man alle Rippen an ihm zählen konnte, wenn er sich auszog, ein schwarzäugiger und schwarzhaariger Geselle mit einem Gesicht, das eine zackige rote Narbe verunstaltete. Sie zog seinen Mundwinkel hoch, so daß er unablässig hämisch zu grinsen schien. Es sah aus, als hätte ihn ein Blitz gestreift, der ihm an der Nase entlang von der Stirn bis zum Mundwinkel gefahren war. Das war auch die Geschichte, die Elkwin Peddersen jedem erzählte, der ihn nach seiner Narbe fragte – aber niemand wußte, ob sie wirklich so zustande gekommen war. Es gab auch nicht allzu viele Leute, die danach fragten. Die meisten Gäste, auch die rauheren unter ihnen, fanden den jungen Mann mit dem schiefen Gesicht abstoßend und redeten gerade soviel mit ihm, wie notwendig war, um ihr Bier oder ihren Rum zu bekommen. Er stand hinter der Theke; an den Tischen bedienten drei dralle blonde Mägde, die den Gästen einen weitaus gefälligeren Anblick boten.
Über den beiden Männern klapperte das Schild des Wirtshauses im Wind. Es zeigte einen lachenden Mann, der eine rote Gugelhaube trug und einen zur Schlinge geknüpften Strick in der Hand hielt. Niemand wußte, wie das Wirtshaus zu seinem Namen gekommen war. Es stand schon eine Ewigkeit dort am äußersten Ende der Brückenstraße, ein weiß getünchtes, weit ausladendes Gebäude mit einem Oberstock, in dem sich auch die Zimmer der Gäste befanden, und der Wirtsstube und den Stallungen im Erdgeschoß – ein typisches Haus im Festumer Stil: Die Wände waren aus Ziegeln erbaut und mit Kalk getüncht. Gestützt wurden sie von Fachwerk aus Tannholz, darüber erhob sich das Giebeldach, gedeckt mit grauen Föhrenholzschindeln. Die Fensterläden waren in den Stadtfarben Rot und Weiß bemalt.
Die Straßen selbst trugen freilich den Fluch der...




