E-Book, Deutsch, 85 Seiten
Reihe: Fischer Klassik Plus
Büchner Woyzeck
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-10-401966-6
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
(Fischer Klassik PLUS)
E-Book, Deutsch, 85 Seiten
Reihe: Fischer Klassik Plus
ISBN: 978-3-10-401966-6
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Georg Büchner, geboren am 17. Oktober 1813 in Goddelau bei Darmstadt, studierte von 1831 bis 1833 in Straßburg und von 1833 bis 1834 in Gießen Medizin, Naturwissenschaften, Geschichte und Philosophie. Er gehörte der politischen Opposition an und gründete 1834 die ?Gesellschaft für Menschenrechte?. 1835 musste er wegen seiner politischen Flugschrift ?Der Hessische Landbote? nach Straßburg fliehen, wo er naturwissenschaftliche Studien verfasste und auch literarisch tätig war. Büchner starb am 19. Februar 1837 in Zürich.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Woyzeck
Entstehungsstufen
Woyzeck
Erste Fassung
Szenengruppe I
1 BUDEN. VOLK
MARKTSCHREIER vor einer Bude
Meine Herren! Meine Herren! Sehn Sie die Creatur, wie sie Gott gemacht, nix, gar nix. Sehen Sie jezt die Kunst, geht aufrecht hat Rock und Hosen, hat ein Säbel! Ho! Mach Compliment! So bist Baron. Gieb Kuß! Er trompetet. Wicht ist musikalisch. Meine Herren hier ist zu sehen das astronomische Pferd und die kleine Canaillevögele. Ist favori von alle gekrönte Häupter. Die rapräsentation anfangen! Man mackt Anfang von Anfang. Es wird sogleich seyn das commencement von commencement.
WOYZECK
Willst du?
MARGRETH
Meinetwege. Das muß schön Dings seyn. Was der Mensch Quasten hat und die Frau hat Hosen.
2 DAS INNERE DER BUDE
MARKTSCHREIER
Zeig’ dein Talent! zeig deine viehische Vernünftigkeit! Beschäm die menschlich Societät! Meine Herren, dieß Thier, das Sie da sehn, Schwanz am Leib, auf sei 4 Hufe ist Mitglied von alle gelehrte Societät, ist Professor an unse Universität, wo die Studente bey ihm reiten und schlage lerne. Das war einfacher Verstand. Denk jezt mit der doppelte raison. Was machst du wann du mit der doppelte Raison denkst? Ist unter der gelehrte Société da ein Esel? Der Gaul schüttelt den Kopf. Sehn Sie jezt die doppelte Räson? Das ist Viehsionomik. Ja das ist kei viehdummes Individuum, das ist eine Person. Ei Mensch, ei thierisch Mensch und doch ei Vieh, ei bête. Das Pferd führt sich ungebührlich auf. So beschäm die société. Sehn Sie das Vieh ist noch Natur, unideale Natur! Lern Sie bey ihm. Fragen Sie den Arzt, es ist höchst schädlich. Das hat geheiße: Mensch sey natürlich. Du bist geschaffe Staub, Sand, Dreck. Willst du mehr seyn, als Staub, Sand, Dreck? Sehn Sie was Vernunft, es kann rechnen und kann doch nit an de Finger herzählen, warum? Kann sich nur nit ausdrücke, nur nit explicirn, ist ein verwandelter Mensch! Sag den Herrn, wieviel Uhr es ist. Wer von den Herrn und Damen hat eine Uhr, eine Uhr?
UNTEROFFICIER
Eine Uhr! Zieht großartig und gemessen die Uhr aus der Tasche. Da mein Herr. (Das ist ein Weibsbild guckt siebe Paar lederne Hose durch)
MARGRETH
Das muß ich sehn. Sie klettert auf den 1. Platz. Unterofficier hilft ihr.
UNTEROFFICIER
3 MARGRETH ALLEIN
Der andre hat ihm befohlen und er hat gehn müssen. Ha! Ein Mann vor einem Andern.
4 DER CASERNENHOF
ANDRES singt
Frau Wirthin hat n’e brave Magd,
Sie sizt im Garten Tag und Nacht,
Sie sizt in ihrem Garte,
Biß daß das Glöcklein zwölfe schlägt,
Und paßt auf die Soldate.
LOUIS
He Andres, ich hab kei Ruh!
ANDRES
Narre!
LOUIS
Was meinst du? So red doch!
ANDRES
Nu?
LOUIS
Was glaubst du wohl, daß ich hier bin?
ANDRES
Weils schön Wetter ist und sie heut tanzen.
LOUIS
Ich muß fort, muß sehn!
ANDRES
Was willst du?
LOUIS
Hinaus!
ANDRES
Du Unfried, wegen des Menschs.
LOUIS
Ich muß fort.
5 WIRTSHAUS
Die Fenster sind offen. Man tanzt. Auf der Bank vor dem Haus.
LOUIS lauscht am Fenster
Er – Sie! Teufel! Er setzt sich zitternd nieder. Er späht, tritt an’s Fenster. Wie das geht! Ja wälzt euch übernander! Und Sie: immer, zu – immer zu.
DER NARR
Puh! Das riecht.
LOUIS
Ja das riecht! Sie hat rothe rothe Backe und warum riecht sie schon? Carl, was witterst du so?
DER NARR
Ich riech, ich riech Blut.
LOUIS
Blut? Warum wird es mir so roth vor den Augen! Es ist mir als wälzten sie sich in einem Meer von Blut, all mitnander! Ha rothes Meer.
6 FREIES FELD
LOUIS
Immer! zu! – Immer zu! – Hisch! hasch, so gehn die Geigen und die Pfeifen. – Immer zu! immer zu! Was spricht da? Da unten aus dem Boden hervor, ganz leise, was, was? Er bückt sich nieder. Stich! Stich! Stich die Woyzecke todt! Stich! stich die Woyzecke todt! Immer Woyzecke! das zischt und rumort und donnert.
7 EIN ZIMMER
ANDRES
He!
LOUIS
Andres!
ANDRES murmelt im Schlaf
LOUIS
He Andres!
ANDRES
Na, was is?
LOUIS
Ich hab kei Ruh, ich hör’s immer, wie’s geigt und springt, immer zu! immer zu! Und dann wann ich die Augen zumach, da blizt es mir immer, es ist ei groß breit Messer und das liegt auf eim Tisch am Fenster und ist in einer eng dunkel Gaß und ein alter Mann sizt dahinter. Und das Messer ist mir immer zwischen den Augen.
ANDRES
Schlaf Narr!
8 CASERNENHOF
LOUIS
Hast nix gehört?
ANDRES
Er ist da noch mit einem Kamraden.
LOUIS
Er hat was gesagt.
ANDRES
Woher weißt du’s? Was soll ich’s sagen. Nu, er lachte und dann sagt’ er: ein köstlich Weibsbild! Die hat Schenkel und Alles so heiß!
LOUIS ganz kalt
So hat er das gesagt?
Von was hat mir doch heut Nacht geträumt? War’s nicht von eim Messer? Was man doch närrische Träume hat.
ANDRES
Wohin Kamrad?
LOUIS
Meim Officier Wein holen. – Aber Andres, sie war doch ein einzig Mädel.
ANDRES
Wer war?
LOUIS
Nix. Adies.
9 DER OFFICIER. LOUIS
LOUIS allein
Was hat er gesagt? So? – Ja es ist noch nicht aller Tag Abend.
10 EIN WIRTSHAUS
BARBIER
Ach Tochter, liebe Tochter,
Was hast du gedenkt,
Daß du dich an die...




