E-Book, Deutsch, 321 Seiten
Büchsenschuß Scharlachrote Zeiten: Thriller
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-96152-230-9
Verlag: Schardt Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 321 Seiten
ISBN: 978-3-96152-230-9
Verlag: Schardt Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Hannover. Cameo ist IT-Spezialist des okkulten Syndikats Pazuzu. Jahrelang spielen deren Machenschaften für ihn keine Rolle. Bis er bei einem routinemäßigen Update eine grauenhafte Entdeckung macht: geheimnisvolle Rituale, perverse Experimente und bestialische Tötungen dienen einem geheimen Ziel - der Kreation eines neuen Menschen. Gepeinigt vom aufflammenden Gewissen, kopiert er das belastende Material auf einen Datenstick und löscht alle Systeme. Minuten später ist Pazuzu handlungsunfähig, und die mafiose Konkurrenz schickt ihre Bluthunde los. Ein erbarmungsloser Kampf um mehr Macht und Einfluss beginnt.
Die Jagd nach dem Stick führt in das Provinznest Kappenstadt im Braunschweiger Land. Schnell werden hier Jäger selbst zu Gejagten, denn die Killer aller Mafia-Clans kennen weder Erbarmen noch Loyalität. Und hinter jeder Fassade verbirgt sich eine eigene, grausame Moral, die Morde, Folter und rituelle Menschenopfer rechtfertigt ...
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Kapitel 2
Das war absolut unprofessionell.
Schwer atmend lehnte sich Lontralargi gegen die verschmutzte Wand. Sein Herz raste, auch wenn seine Wut verraucht war. Dass diese neumodischen IT-Mimosen auch so wenig wegstecken konnten. Fielen beim kleinsten Windhauch schon um und blieben liegen. Verächtlich schaute Lontralargi auf den leblosen Körper zu seinen Füßen. Cameos Gesicht war mit Blut verschmiert. Die bleichen Hände umfassten die Einstichstellen an seinem Bauch.
Lontralargi trat mit der Fußspitze gegen den Körper. Keine Reaktion. Er schaute auf die Uhr: Zeit zu verschwinden. Auch wenn der Pazuzu-Mann noch leben sollte, war im Augenblick nichts mehr aus ihm herauszubekommen. Bevor Lontralargi ging, durchsuchte er Cameos Taschen, fand dessen Smartphone und steckte es ein.
In einer nahegelegenen Bar bestellte sich Lontralargi einen Wodka und betrachtete das Smartphone. Er hatte sich vorhin in der Kneipe die Figur gemerkt, die er zum Entsperren des Bildschirms wischen musste. Jetzt suchte er im Verlauf und in den Protokollen nach irgendwelchen Hinweisen, wo oder bei wem der Stick sein konnte.
Nichts Verdächtiges. Außer den Nachrichten und Telefonaten mit Krawallo und ihm war heute noch nicht mit dem Ding kommuniziert worden. Das wäre auch zu einfach gewesen. So ein Nerd hatte bestimmt die entsprechenden Hinweise gelöscht.
Das Wahrscheinlichste war, dass der Stick bei einem guten Bekannten, jemand Vertrautem untergebracht war. Er scrollte durch den Verlauf der letzten Tage und Wochen. Viele verschiedene Nummern waren es nicht. Die, die am häufigsten angerufen oder angeschrieben wurde, gehörte einem Frank. Allerweltsname. Das half überhaupt nicht. Er musste zuerst wissen, wer dieser Typ war. Die Nummer, die am zweithäufigsten angerufen wurde, gehörte einem Pizzalieferdienst, der seine Gastronomie gleich hier gegenüber hatte. Das legte den Verdacht nahe, dass der Typ in der Nähe wohnen musste. Immerhin ein Anfang. Er wählte die Nummer.
„Pizzeria Napoli. Schönen guten Tag, was kann ich für Sie tun?“
„Hallo, ich bin's.“ Lontralargi versuchte akzentfrei zu sprechen und seine Stimme der von Cameo anzupassen.
„Wer? Moment. – Ach, Sie sind es Herr Cameo. Was möchten Sie? Wie immer?“
Lontralargi griente. Glück gehabt.
„Ja, wie immer. – Wie lange wird es dauern?“
„Um die Uhrzeit? Nicht lang. Zwanzig Minuten.“
„Vielen Dank.“
Aufgelegt. Lontralargi rieb das Wodkaglas zwischen seinen Händen hin und her und trank zufrieden kleine Schlucke. Dann verließ er die Bar. Direkt davor stand ein Motorroller. Mit gekonnten Handgriffen startete er ihn.
Es dauerte nicht lang, und der Auslieferer stieg mit einer schwarzen Styroporkiste in ein kleines Auto. Lontralargi folgte dem Wagen.
Nach nur wenigen Hundert Metern hielt das Auto bereits wieder. Der Lieferbote stieg mit der Box aus und ging auf einen Hauseingang zu. Lontralargi folgte dem Pizzaboten. So konnte er gerade noch sehen, auf welche Klingel der Lieferdienst gedrückt hatte. Er betätigte die gleiche Klingel. Beide warteten schweigend. Dann klingelte der Bote noch einmal.
„Herr Cameo hört uns wohl nicht“, begann Lontralargi das Gespräch. „Soll ich die Pizza mit hochnehmen? Ich bezahle auch.“
Der Pizzabote überlegte. „Eigentlich muss ich beim Besteller abliefern.“
„Verstehe. Aber, wie gesagt, ich bezahle auch. Machen Sie sich keine Gedanken. Ich rufe gleich auf Festnetz durch. Das ist laut genug.“
„Also. Wenn Sie das ... Dann. Nun ja. Das wäre schon nett. Ich ...“
Lontralargi griff in seine Jackentasche und holte einen Fünfzigeuroschein heraus.
„Hier. Bitte. Passt schon.“
Der Pizzabote machte große Augen, nahm das Geld und verschwand eilig. Lontralargi lachte still. Sein Smartphone vibrierte. Pep. Er nahm sofort ab.
„Was gibt es, Pep?“
„L, ich warte auf eine Rückmeldung von dir. Was ist jetzt mit den Originaldaten? Ich habe bereits einen sehr interessierten Käufer klargemacht. Wir müssen zeitnah eine Kostprobe liefern, damit der Fisch am Haken bleibt. Also, was ist nun?“
„Einen Käufer? Wen denn?“
„L, lenk nicht ab. Immer wenn du das machst, ist irgendwas schiefgelaufen. Nun sag es schon. – Die Balten wollen die Daten haben.“
„Die Balten?“
„Ja, erhoffen sich eine bessere Verhandlungsposition mit Pazuzu. Sind mit ihrem jetzigen Stand offensichtlich sehr unzufrieden. Greifen daher nach jedem Strohhalm. – Und wenn du mir nicht gleich sagst, was passiert ist, ziehe ich deine Rippenbögen mit einem Fleischermesser nach. Klar?!“
Lontralargi schluckte. Das waren keine leeren Drohungen. Pep tat, was er ankündigte. Er hatte es oft genug miterlebt.
„Der Typ hatte den Stick tatsächlich nicht dabei. Nur diese bescheuerten Screenshots. Krawallo war ganz begeistert. Habe sie alle da und schicke sie dir gleich rüber. Vielleicht reicht den Balten ja auch vorerst das. Zumindest scheinen die Daten keine reinen Erfindungen sein. Habe mal eine Zeile aus der Datenbank von unseren Leuten durchchecken lassen. Die meinten, das könnte stimmen.“
„Das weiß ich. Was ist jetzt mit den beschissenen Daten?“, fiel ihm Pep wütend ins Wort. Lontralargi schluckte erneut.
„Der Typ hat gesagt, dass er den Stick sicher verwahrt hat. Mehr war aus ihm nicht herauszubekommen. Als ich noch einmal etwas – na, sagen wir – intensiver nachgefragt habe, ist er mir einfach zusammengebrochen.“
„Was?“
„Hey Chef, ich kann doch nicht ahnen, dass der Typ schon nach ganz wenigen Streicheleinheiten schlappmacht.“
Peps Stimme überschlug sich. „Der ist doch nicht etwa tot?“
„Nein. – Also, ich weiß es nicht. Hatte keine Zeit, Erste Hilfe zu leisten. Aber ich ...“
„L, ich schneide dir höchstpersönlich deine rechte Hand mit einem Buttermesser ab, damit du endlich lernst, dich zu kontrollieren.“
Jetzt wurde es ungemütlich. Lontralargi musste sich an der Hauswand festhalten. Wenn er nicht zeitnah lieferte, konnte er Messer und Gabel aus seinem Besteckkasten entfernen.
„Chef, Pep, ich bekomm das hin. Vertrau mir. Bis morgen bekommst du die Daten.“
Lontralargi schluckte schwer. Stille im Äther. Pep dachte scheinbar über sein Angebot nach.
„Morgen Mittag habe ich die Originaldaten. Andernfalls kannst du dich von beiden Händen verabschieden. Ich habe heute Abend noch ein Treffen mit den Balten. Dafür schick mir die Screenshots, und dann mach dich an die Arbeit.“
„Alles klar, Chef.“
Pep legte ohne ein weiteres Wort auf. Lontralargi fühlte sich mehr als unwohl. Es drückte in der Magengegend. Seine Hand zitterte. Vielleicht hätte er beim Logistikunternehmen seines Onkels bleiben sollen. Er schickte die Bilder von Cameos Smartphone an Pep. Dann holte er sein Werkzeug hervor und öffnete die Hauseingangstür. Die Wohnungstür ließ sich noch leichter knacken, und Lontralargi stand in Cameos Wohnung. Es roch nach abgestandener Luft und Schweiß, und es war unglaublich warm. Die Heizkörper waren voll aufgedreht.
Als Erstes drehte er die Heizung herunter und öffnete mehrere Fenster. Drei Männer in Schwarz registrierten das Öffnen der Fenster und standen ruckartig auf.
Im Zimmer sah es überraschend unordentlich aus. Wäsche lag überall herum, und Bücher waren aus den wenigen Regalen geräumt worden. Der Laptop war an, aber im Ruhemodus. Lontralargi konnte ihn nicht entsperren. Dafür betrachtete er den Arbeitstisch genauer.
Eine feine Staubschicht hatte sich über die Oberflächen gelegt, nur an einigen Stellen waren geometrisch fast perfekte Figuren zu erkennen, die gänzlich staubfrei schienen. Lontralargi wusste sofort, was das zu bedeuten hatte: Die Wohnung war schon einmal und mit nicht sehr viel Umsicht durchsucht worden.
War dieser Cameo so eiskalt, dass er sich an mehrere Journalisten gewandt hatte? Nein, das schien nicht der Typ zu sein. Hier musste jemand anderes gesucht haben, jemand, der um Cameos Identität wusste – Pazuzu! Wer sonst?
Sie mussten bereits gemerkt haben, dass die Daten kopiert wurden. So früh? Oder war da noch mehr passiert? Im Moment nicht wichtig. Lontralargi starrte nervös auf seine Hände und erwischte sich dabei, wie er sich gedanklich von ihnen verabschiedete. Unsinn. Die Daten waren irgendwo. Und die Tatsache, dass auch Pazuzu hier gesucht hatte, deutete doch wohl an, dass er auf der richtigen Spur war.
Lontralargi war damit auch klar: Nach einem Datenspeicher oder einem Hinweis auf den Ort, wo er verborgen war, brauchte er nicht mehr zu suchen. Aber wusste Pazuzu von Frank?
Er ging in eine andere Zimmerecke. Dort hingen ein paar gerahmte Fotos an der Wand. Ein Urlaub in Las Vegas musste Cameo besonders wichtig gewesen sein. Mehrere Motive der Glücksspielmetropole hingen nebeneinander. Mal war nur die leuchtende Reklame des Strips zu sehen, mal war er selbst mit abgebildet, und einmal war ein anderer Mann seines Alters dabei. Dann entdeckte er ein weiteres Bild von den beiden beim Angeln. Nicht...




