E-Book, Deutsch, 312 Seiten
Bühlmann / Ladner Demokratie in den Gemeinden
1. Auflage 2007
ISBN: 978-3-7253-0858-3
Verlag: Verlag Rüegger
Format: PDF
Kopierschutz: 1 - PDF Watermark
Der Einfluss der Gemeindegrösse und anderer Faktoren auf die Qualität der lokalen Demokratie
E-Book, Deutsch, 312 Seiten
ISBN: 978-3-7253-0858-3
Verlag: Verlag Rüegger
Format: PDF
Kopierschutz: 1 - PDF Watermark
Gibt es eine ideale Grösse eines Gemeinwesens für das Funktionieren einer Demokratie? Mit dieser Frage befassten sich bereits die alten Griechen. Gemessen wird hier die Qualität der Demokratie über Einstellungen, Einschätzungen und Verhaltensweisen der Einwohnerinnen und Einwohner der Gemeinden. Soziale Integration, Interesse an politischen Fragen, Grundkenntnisse über die Politik, das politische System und die politischen Akteure, Vertrauen in die lokale Demokratie, Zufriedenheit mit den Behörden, den Dienstleistungen und den politischen Mitsprachemöglichkeiten sowie die politische Beteiligung werden als zentrale Voraussetzungen für gehaltvolle demokratische Auseinandersetzungen betrachtet.
Untersucht wird, ob und wie diese Indikatoren von der Grösse einer Gemeinde beeinflusst werden. Vor allem vor dem Hintergrund der immer aktueller werdenden Diskussionen über die Fusion von Gemeinden und anderen Reformbestrebungen sind die hier gewonnenen Erkenntnisse von grosser Praxisrelevanz.
Die Autoren
Andreas Ladner ist Professor für öffentliche Verwaltung und institutionelle Politik am IDHEAP in Lausanne. In verschiedenen Studien hat er sich mit den Schweizer Gemeinden befasst.
Marc Bühlmann hat an der Universität Bern zum Thema «Politische Partizipation auf lokaler Ebene» dissertiert und arbeitet aktuell an der Universität Zürich an einem Projekt, das die Messung der Demokratiequalität etablierter demokratischer Staaten zum Ziel hat.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1;Inhaltsverzeichnis;6
2;Tabellenverzeichnis;9
3;Abbildungsverzeichnis;11
4;TEIL I – EINLEITUNG;18
4.1;1 Fragestellung, Grundlagen und Vorgehen;18
4.1.1;1.1 Die Gemeinden;19
4.1.2;1.2 Lokale Demokratie;21
4.1.2.1;1.2.1 Demokratie in den Gemeinden;21
4.1.2.2;1.2.2 Messung lokaler Demokratiequalität;26
4.1.3;1.3 Der Einfluss der Gemeindegrösse;29
4.1.3.1;1.3.1 Unterschiedliche theoretische Wirkungen der Grösse;32
4.1.3.2;1.3.2 Weitere Einflussfaktoren und Wirkungsformen;35
4.1.3.3;1.3.3 Forschungsstand: Erkenntnisse aus bisherigen Untersuchungen;39
4.1.4;1.4 Untersuchungsanlage,Vorgehen und Aufbau des Buches;44
4.2;2 Lokale Demokratie: Organisation, Stellenwert und Erwartungen;48
4.2.1;2.1 Die politische Organisation der Gemeinden;48
4.2.2;2.2 Zum Stellenwert lokalpolitischer Entscheidungen;52
4.2.3;2.3 Einstellungen zur lokalen Demokratie;57
4.2.4;2.4 Einstellungen zur lokalen Regierung;59
4.2.5;2.5 Zusammenfassung;64
5;TEIL II – ASPEKTE LOKALER DEMOKRATIEQUALITÄT;67
5.1;3 Die Gemeinde – Ort der sozialen Integration;68
5.1.1;3.1 Soziale Integration in unterschiedlichen Kontexten;69
5.1.1.1;3.1.1 Die persönlichen Lebensverhältnisse;69
5.1.1.2;3.1.2 Nachbarschaftliche Einbettung;72
5.1.1.3;3.1.3 Organisationelle Einbindung;75
5.1.1.4;3.1.4 Bindung an die Gemeinde;82
5.1.2;3.2 Soziale Integration als Folge individueller und kontextueller Bedingungen;86
5.1.2.1;3.2.1 Hypothesen;87
5.1.2.2;3.2.2 Resultate;89
5.1.3;3.3 Zusammenfassung;93
5.2;4 Politisches Interesse;97
5.2.1;4.1 Das politische Interesse in unterschiedlichen Kontexten;100
5.2.2;4.2 Politisches Interesse als Folge individueller und kontextueller Bedingungen;103
5.2.2.1;4.2.1 Hypothesen;104
5.2.2.2;4.2.2 Resultate;107
5.2.3;4.3 Zusammenfassung;111
5.3;5 Politisches Wissen und Kompetenz;114
5.3.1;5.1 Wissen und Kompetenz in unterschiedlichen Kontexten;115
5.3.1.1;5.1.1 Politisches Wissen;115
5.3.1.2;5.1.2 Kompetenz;128
5.3.2;5.2 Wissen und Kompetenz als Folge individueller und kontextueller Bedingungen;136
5.3.2.1;5.2.1 Hypothesen;137
5.3.2.2;5.2.2 Resultate;139
5.3.3;5.3 Zusammenfassung;144
5.4;6 Politisches Vertrauen und Wahrnehmung lokaler Politik;148
5.4.1;6.1 Politisches Vertrauen in unterschiedlichen Kontexten;149
5.4.1.1;6.1.1 Kompetenz und Integrität der Politikerinnen und Politiker;150
5.4.1.2;6.1.2 Fähigkeit der Politik, die Anliegen der Bürgerinnen und Bürger aufzunehmen (Responsivität);156
5.4.1.3;6.1.3 Vertrauen in verschiedene politische Institutionen;162
5.4.2;6.2 Politisches Vertrauen als Folge individueller und kontextueller Bedingungen;166
5.4.2.1;6.2.1 Hypothesen;167
5.4.2.2;6.2.2 Resultate;170
5.4.3;6.3 Zusammenfassung;175
5.5;7 Zufriedenheit mit lokaler Politik;180
5.5.1;7.1 Zufriedenheit in unterschiedlichen Kontexten;182
5.5.1.1;7.1.1 Allgemeine Zufriedenheit mit dem Leben in der Gemeinde;182
5.5.1.2;7.1.2 Output-orientierte Aspekte der Zufriedenheit;184
5.5.1.3;7.1.3 Zufriedenheit mit dem Funktionieren der Demokratie (Input-orientierter Aspekt der lokalen Demokratie);187
5.5.1.4;7.1.4 Die Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Aspekten der Zufriedenheit;189
5.5.1.5;7.1.5 Exkurs: Zufriedenheit und Steuerbelastung;190
5.5.2;7.2 Zufriedenheit als Folge individueller und kontextueller Bedingungen;194
5.5.2.1;7.2.1 Hypothesen;194
5.5.2.2;7.2.2 Resultate;198
5.5.3;7.3 Zusammenfassung;203
5.6;8 Politische Partizipation;207
5.6.1;8.1 Beteiligung an Wahlen;209
5.6.1.1;8.1.1 Beteiligung an Wahlen in unterschiedlichen Kontexten;209
5.6.1.1.1;8.1.1.1 Beteiligung bei Gemeindewahlen;209
5.6.1.1.2;8.1.1.2 Beteiligung bei Nationalratswahlen;212
5.6.1.2;8.1.2 Partizipation bei Wahlen als Folge individueller und kontextueller Bedingungen;215
5.6.1.2.1;8.1.2.1 Hypothesen;215
5.6.1.2.2;8.1.2.2 Resultate;218
5.6.2;8.2 Andere Formen der politischen Partizipation;222
5.6.2.1;8.2.1 Andere Formen der politischen Partizipation in unterschiedlichen Kontexten;222
5.6.2.1.1;8.2.1.1 Bereitschaft, ein politisches Amt zu übernehmen;222
5.6.2.1.2;8.2.1.2 Kontakt mit Gemeindepolitikern;225
5.6.2.1.3;8.2.1.3 Einreichen von Beschwerden;228
5.6.2.1.4;8.2.1.4 Unterstützung und Lancierung von Initiativen;230
5.6.3;8.3 Andere Formen der politischen Partizipation als Folge individueller und kontextueller Bedingungen;233
5.6.3.1;8.3.1 Hypothesen;233
5.6.3.2;8.3.2 Resultate;235
5.6.4;8.4 Zusammenfassung;239
6;TEIL III – «SMALL IS BEAUTIFUL»: ZUSAMMENFASSUNG UND FAZIT;244
6.1;9 Zusammenfassung und Fazit;244
6.1.1;9.1 Zusammenfassung der wichtigsten Resultate;244
6.1.1.1;9.1.1 Die Schweiz im internationalen Vergleich: eher Sonder- als Normalfall;248
6.1.1.2;9.1.2 Unterschiede zwischen grossen und kleinen Gemeinden;249
6.1.1.3;9.1.3 Der Einfluss der Gemeindegrösse: Grösse eher hinderlich;251
6.1.1.4;9.1.4 Funnel of causality: die gegenseitige Beeinflussung der Indikatoren lokaler Demokratiequalität;254
6.1.1.5;9.1.5 Die wichtigsten kontextuellen und individuellen Determinanten zur Erklärung der Demokratie-Indikatoren;256
6.1.2;9.2 Synthese:Demokratiequalität in den Schweizer Gemeinden – Small seems beautiful;257
6.1.3;9.3 Handlungsrelevante Implikationen: Fusionen Nein, politische Bildung Ja?;267
7;ANHANG UND LITERATURVERZEICHNIS;270
8;Methoden;270
8.1;Bivariate Korrelationen;270
8.2;Mehrebenenanalysen;270
9;Fragebogen;274
10;Kontextvariablen;300
11;Literaturverzeichnis;302
3 Die Gemeinde – Ort der sozialen Integration (S. 67)
Seit Beginn der politikwissenschaftlichen Analysen des individuellen politischen Verhaltens stellt die soziale Integration eine zentrale Erklärungsgrösse dar (Campbell et al. 1976, Key 1952, Lazarsfeld et al. 1949). Insbesondere das lokalpolitische Verhalten wird stark beeinflusst von der Einbindung in das kommunale Leben. Die Gemeinde ist dabei mehr als eine reine Verwaltungseinheit. Neben dem gemeinsamen Territorium sind die Einwohnerinnen und Einwohner – gemäss den traditionellen Konzepten der Gemeinde – auch durch soziale Bindungen und Interaktion im kommunalen Umfeld verankert (vgl. dazu Ladner 1991a: 10ff.).
Starke kommunale Bindungen und Interaktionen haben – so die gängige These – positive Auswirkungen auf die verschiedenen Elemente, welche als Bestandteile einer funktionierenden Demokratie gelten. Sie tragen aber auch selber zu einer hohen Demokratiequalität bei. Eine starke Verbundenheit mit der Gemeinde und den dort ansässigen Personen, durch gutnachbarschaftliche Kontakte und in Form von Mitgliedschaften in Vereinen und politischen Gruppierungen fördert die Mobilisierungsbereitschaft.
Soziale Integration stellt die Basis für lokale Demokratie dar. Soziale Desintegration führt demgegenüber zu politischer Apathie oder zu Protestverhalten ausserhalb der vorgesehenen konventionellen demokratischen Bahnen. Gewährleistet wird die soziale Integration auf verschiedenen Wegen. Wichtige Integrationsleistungen finden vor allem dort statt, wo die Einzelnen mit ihrer Umwelt in Kontakt kommen und persönliche Interessen tangiert sind. Es wird hier vermutet, dass dies insbesondere über persönliche Lebensverhältnisse, nachbarschaftliche soziale Kontakte oder über organisatorische Einbindung z.B. in Vereine oder Parteien geschieht. Wichtig sind aber auch die selbst empfundene Verbundenheit mit der eigenen Gemeinde und die Ortsansässigkeit.
Diesen Aspekten wird in diesem Kapitel nachgegangen:
a) Persönliche Lebensverhältnisse: Wohneigentum, eigene Kinder.
b) Nachbarschaftliche Einbettung: Kontakte mit den Nachbarn, Einschätzung Hilfsbereitschaft der Menschen im unmittelbaren Wohnumfeld.
c) Organisatorische Einbindung: Mitgliedschaft in einer Partei, Mitgliedschaft in Vereinen.
d) Ortsansässigkeit (Wohnsitzdauer) und Verbundenheit mit der Gemeinde.
Von all diesen Merkmalen kann erwartet werden, dass sie der sozialen Integration förderlich sind und sich positiv auf die Teilhabe an der lokalen Demokratie auswirken.
Was den Einfluss der Gemeindegrösse anbelangt, so lautet die nahe liegende Hypothese, dass mit zunehmenden Einwohnerzahlen die soziale Integration zurückgeht. Eine grössere Gemeinde führt zu mehr Anonymität, man ist nicht mehr immer mit denselben Leuten konfrontiert und es fällt einem leichter, sich zurückzuziehen. Oder etwas anders formuliert: Die gemeinschaftlichen Bindungen sind weniger ausgeprägt, die sozialen Kontakte selektiver und die Leute weniger stark in die Gemeinschaft integriert. Diese Vorstellung entspricht dem «Decline-of- Community»-Modell von Verba und Nie (1972), welches eine Abnahme der gemeinschaftlichen Integrationsfähigkeit mit zunehmender Gemeindegrösse postuliert. Dem kann allenfalls entgegengehalten werden, dass kleine Gemeinschaften zu einer hermetischen Abschottung tendieren, sodass die soziale Integration in einer kleinen Gemeinde nicht zwingend leichter fallen muss.
In einem ersten Schritt interessiert uns, wie sich die Schweiz hinsichtlich der sozialen Integration von den anderen drei Ländern unterscheidet und ob es Unterschiede zwischen grossen und kleinen Gemeinden, zwischen den Sprachregionen und Konfessionsgebieten in der Schweiz gibt. Danach werden wir untersuchen, wie weit für allfällige Unterschiede die Grösse der Gemeinde verantwortlich gemacht werden kann.
3.1 Soziale Integration in unterschiedlichen Kontexten
3.1.1 Die persönlichen Lebensverhältnisse
Es gibt gute Gründe anzunehmen, dass die persönlichen Lebensverhältnisse Auswirkungen auf die verschiedenen Voraussetzungen für eine funktionierende Demokratie haben.




