E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Reihe: Lübbe
Bülter Brust raus
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7517-1860-8
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wie ich den Krebs besiege und dabei ICH bleibe
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Reihe: Lübbe
ISBN: 978-3-7517-1860-8
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die bekannte TV-Moderatorin Tanja Bülter ist gerade 48 Jahre alt, als die Ärzte bei ihr Brustkrebs feststellen - ein Schock! Die Zeit drängt, es ist ein aggressiver Krebs, der sofort behandelt werden muss. Sie hat tausend Fragen: Wie sage ich es den Kindern? Kann ich trotzdem weiterarbeiten? Fallen mir dann alle Haare aus?
In "Brust raus" schreibt sie über ihre Sorgen und über die Menschen, die ihr geholfen haben. Darüber wie sie Schul- mit Alternativmedizin kombiniert und auch unkonventionelle Methoden ausprobiert, um in dunklen Stunden optimistisch zu bleiben. Besonders der drohende Verlust ihrer Weiblichkeit macht ihr zu schaffen. Und: Das ist keine Eitelkeit, sondern ein berechtigtes Gefühl, das Millionen andere Frauen teilen. Doch sie findet außergewöhnliche Lösungen ...
Autoren/Hrsg.
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Gestatten, Mistbeule, mein Name!
Ein lauschiger Herbstabend im Oktober. Ich stand vor meinem Zuhause, einem großen Altbau-Mehrfamilienhaus in meiner super idyllischen Straße im Berliner Bezirk Charlottenburg: frisiert, geschminkt, mit schwarzem Minirock und bunt gepunkteter Bluse, schwarze High Heels an den Füßen. So wartete ich auf meine Freundin Kerstin, die mich mit ihrem weißen Nissan abholen kam. Kerstin ist übrigens Kerstin Linnartz, ebenso wie ich Moderatorin und Yoga-Expertin und eine sehr enge Freundin. Wir besuchten an diesem Abend eine karitative Veranstaltung zugunsten von Brustkrebs. Die Idee: Wir kellnerten in einem Restaurant, um möglichst hohe Einnahmen für eine Brustkrebsorganisation zu generieren. Als ich in ihr Auto stieg und in ihr strahlendes Gesicht schaute, freute ich mich auf unseren Abend. Da war aber noch etwas, das ich dringend loswerden musste und das mir seit einer Weile ein diffuses Unbehagen bereitete. »Du, Kerstin, es klingt jetzt vielleicht völlig absurd, aber ich habe Angst, dass ich selber Brustkrebs habe!«, platzte ich heraus, kaum dass ich auf dem Beifahrersitz saß, den Gurt umgelegt hatte und Kerstin den Blinker setzte. »Du bist die Erste, die davon erfährt«, schob ich hinterher. Ich musste endlich mit jemandem teilen, was mich die vergangenen Tage so beschäftigt hatte. Also erzählte ich ihr die ungeschönte Wahrheit:
»Vor zehn Tagen stand ich morgens unter der Dusche und tastete meine Brüste nach möglichen Unregelmäßigkeiten ab. Du kennst das sicher, dieses Gefühl von: ›Ach, da ist schon nichts‹, gepaart mit der Angst, dass da eben doch was sein könnte … Na ja, und diesmal spürte ich da plötzlich etwas, das sonst nicht da war. Ein kleiner Knubbel über meiner linken Brust.
In dem Moment kam mir noch nichts Böses in den Sinn. Musste eine kleine Zyste sein oder etwas anderes Harmloses! Definitiv dachte ich an nichts Schlimmes – das kam in meinem optimistischen Universum einfach nicht vor.
Zufällig hatte ich fünf Tage später einen Termin bei meiner Hautärztin wegen eines überschüssigen Hautläppchens an der Nase, das per Laser entfernt und verödet werden sollte. Nichts Großes. Zu der Ärztin ging ich nun schon seit acht Jahren, und wir unterhielten uns immer mal wieder auch privat über unsere Kinder oder unsere Urlaube. Daher war es für mich gar kein großes Thema zu fragen: ›Können Sie sich bitte diesen Knubbel oberhalb meiner linken Brust kurz mal anschauen? Den habe ich neulich entdeckt, und irgendwie gefällt er mir nicht.‹ Sie zog sich Gummihandschuhe an, setzte sich ihre schwarze Brille auf die Nase und meinte: ›Dann schieben Sie doch mal Ihre Bluse zur Seite.‹
Meine Hautärztin erklärte mir nach gründlichem Abtasten freundlich, aber schon mit etwas besorgter Miene, dass sie nicht genau identifizieren könne, was es sein könnte, und dass ich es besser bald vom Fachmann checken lassen sollte. Dann schrieb sie mir eine Überweisung, und ich versuchte einen Termin für einen Ultraschall zu bekommen. Zu dem Zeitpunkt dachte ich mir, immer noch die geborene Optimistin: ›Ach, das wird schon nichts sein!‹ Mein Glas war immer halb voll, statt halb leer – kennst mich ja!
Mit der Praxis für Sonografie hatte ich großes Glück, denn es gab spontan einen freien Termin – obwohl der nächste reguläre erst zwei Monate später gewesen wäre. Ich saß im Wartezimmer, schmökerte in Zeitschriften und war in dem Moment eigentlich eher genervt als besorgt, dass ich mich nun auch noch mit sowas rumschlagen musste. Die 24 Stunden eines Tages waren ja sowieso schon immer zu wenig bei mir.
Ich wurde aufgerufen, legte mich auf die Liege, und der Arzt fuhr mit dem Ultraschallgerät mehrfach über die Stelle und kreiste um sie herum. Ich schaute ihn erwartungsvoll an. Doch er sagte nur, dass er den Knubbel nicht genau zuordnen und dass es theoretisch ein Tumor sein könne, aber weitere Untersuchungen erforderlich seien. Ein Tumor? Es folgte aber keine konkrete Erklärung, kein langes Gespräch. Mir schwante, dass das hier eine zeitaufwändigere Sache werden würde – mehr wollte ich gedanklich aber noch nicht zulassen. Mit einem Überweisungsschein für eine Mammografie und eine Biopsie in der Hand und einem immer noch optimistischen Gefühl, dass schon alles gut sein würde, verließ ich die Praxis.«
Hier endete meine Erzählung. Genau das war der aktuelle Stand: Ich hatte zwei Überweisungsscheine auf meinem Küchentisch liegen und musste eine Biopsie und eine Mammografie machen lassen.
Kerstin schaute nur total geschockt und wusste gar nicht, was sie sagen sollte. Dann brachen wir beide in schallendes Gelächter aus. So absurd war diese Situation. Sie meinte: »Das kann gar kein bösartiger Tumor sein, Tanja, weil so viel Ironie des Schicksals kann’s doch gar nicht geben!« Wir parkten ihr Auto und machten für diesen Abend unseren Charity-Job – kein Wort mehr über den Knubbel oberhalb meiner linken Brust. Etliche Stunden, begleitet von Fotografen und jeder Menge Blitzlichtgewitter, trugen wir Tabletts voll beladen mit Essen und Getränken an die Tische. Was soll ich sagen? Der Abend war lustig, erfolgreich und ausgelassen. Wir nahmen viel Geld für die gute Sache ein und klatschten uns am Ende erschöpft, aber glücklich ab. Kerstin fuhr mich nach Hause. Es ging zwar auch um Brustkrebs an dem Abend – aber ich war ja nicht betroffen. Dachte ich da noch …
»Den nächsten freien Termin für eine Biopsie habe ich im Februar«, erklärt mir eine nicht besonders freundlich klingende Stimme am Telefon am nächsten Morgen. Also in fünf Monaten. Ich fragte: »Geht es nicht früher? Es ist dringend.« Aber da ich nicht privat versichert bin, hatte ich keine Chance. »Wir haben selbst für Notfalltermine nichts frei!« Kurz darauf tutete es nur noch in der Leitung. Ich dachte: »Kann ja wohl nicht wahr sein! Einfach aufgelegt«, und war mächtig gefrustet. Über so viel Unfreundlichkeit auf der einen Seite und die Unflexibilität auf der anderen.
An der Stelle habe ich gleich einen sehr wichtigen Tipp für dich: Akzeptiere ein »Nein« nie sofort, insbesondere wenn es um wichtige, möglicherweise lebenswichtige Termine geht! Zapfe dein Netzwerk an! Gehe über deinen Hausarzt, deine Gynäkologin, zur Not auch über den Zahnarzt, denn was ich gemerkt habe: Ärzte haben immer irgendwelche Verbindungen in andere Fachgebiete und kennen sich untereinander.
Vielleicht hast du auch in deinem direkten Freundes- oder Bekanntenkreis Leute, die Ärzte kennen. Nutze das! Ich habe das auch gemacht, und nur so bekam ich meinen Biopsietermin in der nächsten Woche, gefühlte 52 Telefonate später. Mein Freund Andi, selbst Mediziner, hatte sofort ein offenes Ohr, als ich ihm meine Lage und auch meine Not schilderte. Er beruhigte mich: »Tanja, das kriege ich schon hin.« Gesagt, getan, keine zwei Stunden später rief er mich an und meinte: »Übermorgen um 11 Uhr hast du einen Termin!« Ich überlegte einen Moment, denn eigentlich hätte ich da ja arbeiten müssen. Doch kurzerhand schob ich mein Pflichtbewusstsein zur Seite und dachte: Es geht jetzt mal zur Abwechslung um deine Gesundheit. Nimm das etwas ernster!
Mit dem guten Gefühl, selbst erfolgreich etwas bewegt und mich mit einem »Nein« nicht zufriedengegeben zu haben, stand ich zwei Tage später pünktlich in der Praxis.
Es war ein Mittwochmorgen. In Wartezimmer war alles versammelt – vom Bandscheibenvorfall bis zum Kreuzbandriss. Hier wurden MRTs, Biopsien und Mammografien am laufenden Band gemacht – im Grunde die Vorhölle, in der es sich entscheidet, wo für einen selbst die Reise hingeht. Ich hatte ein flaues Gefühl im Bauch, vor allem weil es meine erste Biopsie war und ich nicht wusste, was mich erwartete. Zuerst musste ich mich mit nacktem Oberkörper hinlegen und bekam eine lokale Betäubungsspritze. »Machen Sie sich obenrum mal frei, Frau Bülter«, war übrigens eine Aufforderung, die mir in den nächsten Monaten noch so oft begegnete, dass ich mittlerweile schon das T-Shirt hochziehe, wenn ich nur »obenrum« höre. Kurz später hieß es dann nur kurz: »Achtung, jetzt geht’s los!« PENG. Wie fies! In dem Moment fühlte es sich so an, als würde meine Brust zersprengt werden. Mit einer Mini-Pistole – die sieht wirklich so aus! – wurde in drei Durchgängen in den vermeintlichen Knoten »geschossen« und Gewebe herausgezogen. Autsch! Mir dagegen schossen Tränen in die Augen. Gerne hätte ich jetzt die Hand meiner Freundin Kerstin gehalten – aber leider durfte in der Pandemie-Zeit niemand mit in das Behandlungszimmer. Ein Umstand, der mich leider auch die nächsten Monate stets begleitete: Alles, sämtliche Arztbesuche, musste ich alleine durchstehen. Mein »Problem« fiel nämlich mitten in die Corona-Pandemie.
Als alles vorbei war, sagte die Ärztin zu mir: »Wir rufen Sie übermorgen an und teilen Ihnen das Ergebnis mit.« Ich schaute ihr direkt in die Augen und fragte: »Können Sie denn jetzt schon etwas erkennen?« Da legte sie mir die Hand auf den Arm und erklärte mit leiser Stimme: »Es sieht nicht gut aus. Aber das Gewebe muss erst im Labor genauer untersucht werden. Dann kann ich Ihnen mehr sagen.«
Zum ersten Mal wich mein Optimismus einer bis dato unbekannten Angst. Das war nicht die Antwort, die ich hören wollte. Eigentlich dachte ich, sie würde mir nur kurz versichern, ich solle mir keine Sorgen machen. Nur deshalb hatte ich gefragt. Mit weichen Knien verließ ich die Praxis.
Gut, dass ich zum Lunch mit einer guten Freundin verabredet war. An das Essen und worüber wir gesprochen hatten, erinnere ich mich allerdings nicht mehr wirklich. Den ganzen Tag verbrachte ich wie unter einer Dunstglocke, nur rational...




