Bürger | Frieden im Niemandsland | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 560 Seiten

Bürger Frieden im Niemandsland

Die Minderheit der christlichen Botschafter im Ersten Weltkrieg
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7534-3005-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Die Minderheit der christlichen Botschafter im Ersten Weltkrieg

E-Book, Deutsch, 560 Seiten

ISBN: 978-3-7534-3005-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die großen Kirchen in Deutschland folgen zu Beginn des 20. Jahrhunderts einem nationalen, staatskirchlichen Paradigma und unterstützen dann mit ihrer "geistlichen Assistenz" das militärische Massenmorden 1914-1918. Pazifist*innen hatten seit zwei Jahrzehnten angesichts von Militarismus und Aufrüstung vor einem großen Krieg gewarnt. Christliche Stimmen, eine Minderheit in der Minderheit, sind beteiligt. Sie setzen am Vorabend des 1. Weltkrieges auf eine völkerübergreifende Ökumene und entlarven das kriegstrunkene Nationalkirchentum als Gotteslästerung. Die Militärreligion bleibt übermächtig, doch bisweilen kommt es zu Unterbrechungen der Gewalt. Mit Blick auf eine rasante Hochrüstungspolitik unserer Tage und neue Tötungstechnologien dürfen die Kirchen mit der Rückkehr zur Friedensbotschaft des Jesus von Nazareth nicht länger warten. Die Schönheit der in diesem Band erschlossenen Zeugnisse von Christ*innen, die sich vor über 100 Jahren der Kriegsmaschine verweigert haben, ist eine mögliche Kraftquelle für Widerstand und Neubesinnung in der Gegenwart. Das Lesebuch enthält Beiträge von Eberhard Bürger, Peter Bürger, Helmut Donat, Karlheinz Lipp, Thomas Nauerth, Elisabeth Rotten, Michael Schober und Johannes Weissinger sowie zahlreiche Quellentexte. Kirche & Weltkrieg - Band 3

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Einige Feststellungen künftiger
deutscher Geschichtsschreiber


(Aus: „Durch! .. zur Demokratie!“, 1917)23

Die Aufgabe der zukünftigen deutschen Geschichtsschreiber wird im höchsten Grade undankbar und peinlich sein. Wie werden sie wohl die Begeisterung, die staunenswerte Geschlossenheit und den felsenfesten Glauben an das heilige Recht der deutschen Sache erklären, mit dem das deutsche Volk in diesen Weltkrieg gezogen ist? Werden sie, die nicht mehr unter der Burgfriedenzensur, das heißt unter der Vormundschaft des deutschen Generalstabes stehen werden, die heute in Deutschland vorgeschriebenen Ideen über die Notwendigkeit und Entstehung dieses Weltkrieges ernsthaft aufrecht erhalten? Oder werden sie sie mit Hilfe des schon heute vorhandenen erdrückenden Beweismaterials als geschichtlich unhaltbar verwerfen? Und gesetzt, ihre Wahrheitsliebe zwingt sie dazu, wie sollen sie in diesem Falle der Nachwelt wohl begreiflich machen, dass Deutschland damals nicht mit einem Gefühl des Schmerzes und der Bestürzung in diesen Weltkrieg zog, sondern mit hellem Jubel, als ginge es zu einem Fest?

Ich fürchte, die deutschen Geschichtsschreiber der Zukunft werden nur mit unwilligem Erstaunen die deutschen Zeitungen (insonderheit die Witzblätter) der ersten Kriegsmonate durchsehen können, so unpassend, so gründlich undeutsch und barbarisch wird ihnen die kuriose Rechtsidee, die Siegestrunkenheit, die Kritiklosigkeit und, sagen wir es nur offen, die Großmäuligkeit der führenden Organe und Männer Deutschlands im Angesicht der nackten, historischen Wahrheit vorkommen.

Und ihr unwilliges Erstaunen wird sich in stillen Schmerz oder helle Empörung wandeln, nachdem sie die Frage untersucht haben werden: Musste es sein? War der Weltkrieg wirklich unvermeidbar? – Vom Joche der Burgfriedenzensur befreit und nur noch mit der vorurteilslosen Feststellung der geschichtlichen Wahrheit beschäftigt, wird es ihnen leicht sein, die Antwort darauf zu finden: Nein, es musste nicht sein! Es wäre auch anders gegangen!

Denn schließlich: Warum musste Deutschland am 1. August 1914 Russland den Krieg erklären? Weil in Sarajewo ein österreichischer Thronfolger ermordet worden war? Niemand betrachtet diesen Mord als Kriegsgrund an sich, weil niemand sich vorstellen kann, dass es im zivilisierten Europa jemals Menschen gegeben habe, die der Meinung waren, ein Fürstenleben wiege Millionen gewöhnlicher Menschenleben auf. Immerhin werden die späteren deutschen Geschichtsschreiber nicht begreifen, warum man diesen Mord zum Anlass jenes Ultimatums an Serbien machte, das den Kriegswagen ins Rollen brachte. Als 1894 der französische Präsident Carnot in Lyon von einem italienischen Anarchisten ermordet wurde, fiel es da jemand in Frankreich ein, zu sagen, die Italiener seien ein „schmutziges Pack“ (so betitelten damals österreichischungarische Staatsmänner und Journalisten die Serben) und man müsse eine „Strafexpedition“ gegen sie ausrüsten? Als die Kaiserin Elisabeth von Österreich 1898 am Genfer See von einem anderen italienischen Anarchisten ermordet wurde, kam da jemand in Österreich auf die Idee, der Schweiz ein Ultimatum mit der Behauptung zu senden, der Schweizer Bundesrat schmiede Umtriebe gegen Österreich und unterstütze die irredentistische Bewegung in Italien? Keineswegs. Die Welt war über diese Attentate empört, die Mörder wurden bestraft und jedermann begriff, dass dies die einzig mögliche Erledigung war.

Dass man also 1914 den Mord von Sarajewo (der noch dazu von Serben, sondern von österreichischen Staatangehörigen auf österreichischem Boden verübt wurde) zum Gegenstand einer diplomatischen Aktion gegen Serbien machte, ist eine Tatsache, die von vornherein vom Standpunkt des Rechts Verurteilung verdient. Denn ein Staat, der wegen eines solchen Vorkommnisses solche Forderungen in solcher Tonart stellt, kann nicht als friedliebend gelten; er weiß im Voraus, dass durch seine Handlung eine Kriegsgefahr entstehen muss. „Es war nicht der Fürstenmord von Sarajewo, der die Ursache zum Weltkrieg wurde“, werden die deutschen Annalen der Kriegsgeschichte den späteren Geschichtsschreibern antworten. Wenn Deutschland am 1. August 1914 Russland den Krieg erklären musste, dann geschah das aus Bündnistreue gegen Österreich. Der Mord von Sarajewo war nur ein äußeres Symptom jener serbischen und russischen Umtriebe, die seit langem schon Österreichs Weltmachtstellung bedrohten. Serbien fühlte sich stark durch Russlands Schutz. Da wir mit Österreich verbündet waren, konnten wir diese Bedrohung nicht zugeben und mussten ihm, da Russland sich eigenmächtig in den österreichisch-serbischen Konflikt einmischte, gegen Russland zu Hilfe eilen. So entstand der Weltkrieg.

Diese Begründung ist für die geschichtliche Wahrheitsforschung nur dann vollwertig, wenn sie durch Beweise erhärtet werden kann. Vergeblich werden aber die Geschichtsschreiber der Zukunft nach tatsächlichen Beweisen für die serbische und russische Drohung suchen. Aus den zahlreichen Diplomatenakten werden sie nicht ein einziges Schriftstück zutage fördern können, aus dem unzweideutig hervorgeht, dass Russland den Serben tatsächlich zum kriegerischen Widerstand gegen Österreich geraten hat. Ebenso wenig werden sie je ein beweiskräftiges Dokument finden, aus dem hervorgeht, dass der Mord von Sarajewo planmäßig im Einvernehmen mit Serbiens oder Russlands Regierung verübt wurde. Sie werden im Gegenteil die Nr. 40 des russischen Orangebuches und die überaus entgegenkommende serbische Antwort auf das österreichische Ultimatum als Beweise dafür ansehen müssen, dass Russland den Serben zur Mäßigung riet und dass Serbien diesen Rat befolgt hat. Denn eine entgegenkommendere Antwort als die, welche es Österreich gab, ist kaum denkbar.

Wenn fast alle deutschen Darstellungen behaupten, Österreich-Ungarn sei aufs Schwerste bedroht gewesen,24 so fehlen erstens, wie gesagt, die handgreiflichen, geschichtlichen Beweise für diese Bedrohung, zweitens aber (was noch wichtiger ist) wirklich glaubbare Rechtfertigungen dafür, dass Österreich mit einem Schiedsgericht nicht billiger und vernunftgemäßer zu seinem Recht kommen konnte als durch den Mord von Millionen Menschen.

Die zukünftigen deutschen Geschichtsschreiber, denen zudem die Psychologie der Fälle Prohaska, Friedjung usw. besser bekannt sein wird als uns, werden also Zweifel setzen müssen in die Behauptungen der österreichischen Diplomatie, die fortwährend von „Umtrieben“ spricht, ohne jemals greifbare Beweise dafür beizubringen.

Was andererseits die deutsche Bündnistreue für Österreich angeht, so werden sie zugeben müssen, dass sie in der Tat nicht nur treu, sondern geradezu aufdringlich war. Denn Deutschland stellte nicht nur an Russland ein zwölfstündiges Ultimatum in einem Augenblick, als Österreich selbst sich schon bereit erklärte, mit Russland abermals zu verhandeln (Rotbuch, Nr. 55 und 56), es machte also damit diese österreichische Friedensbereitschaft der letzten Minute nicht nur hinfällig, sondern es erklärte auch den Krieg an Russland volle fünf Tage vor dem so sehr bedrohten Österreich selbst. Treuer konnte man nicht sein.

Leider werden die zukünftigen deutschen Geschichtsschreiber die Aufrichtigkeit dieser „Nibelungentreue“ bezweifeln müssen, wenn sie weiter in die Kriegsgeschichte eindringen. Denn als am 23. Mai 1915 Italien plötzlich Österreich den Krieg erklärte, da wusste das bündnistreue Deutschland nichts mehr von dieser neuen, ungleich gefährlicheren Bedrohung des Bundesgenossen. War Österreichs Existenz und Weltmachtstellung durch Italien weniger bedroht als durch Serbien? Wer kennt die höheren Einsichten der damaligen Diplomaten? Tatsache ist, dass Deutschland keinen Krieg an Italien erklärte. Entweder nun, so werden die späteren deutschen Geschichtsschreiber folgern, war unsere Bündnistreue für Österreich wirklich ehrlich, dann aber war unsere Haltung im Mai 1915 Österreich gegenüber ein Vertragsbruch; oder aber, sie ist nur eine Diplomatenlüge gewesen und dann hätten unsere Vorfahren, wenn sie wirklich den Frieden wollten, dem Kampfe Österreichs gegen Serbien und Russland ebenso untätig zusehen können, wie sie später dem Kampfe ihres Bundesgenossen gegen Italien zusahen.

Aus alledem scheint hervorzugehen, dass weder der Fürstenmord von Sarajewo, noch die ständig behaupteten, aber niemals bewiesenen serbisch-russischen Umtriebe, noch auch die deutsche Bündnistreue für Österreich die wahre Ursache zum Weltkrieg sein kann. Unmöglich konnten unsere Vorfahren der halben Welt den Krieg erklären, ohne tatsächlich und handgreiflich angegriffen worden zu sein, werden die deutschen Historiker der Zukunft sagen. Gesetzt selbst, dass sie den Krieg an sich liebten, so konnten sie doch niemals so übermütig sein, gleich vier Staaten auf einmal anzugreifen. Augenscheinlich muss ein direkter Angriff auf unser Land, eine effektive Verletzung der nationalen Würde, kurzum ein...



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