E-Book, Deutsch, 144 Seiten
Reihe: tredition GmbH
Bürger / Imhof Bezwingt des Herzens Bitterkeit
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-347-13783-7
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Drei Leben - vor, in und nach Theresienstadt
E-Book, Deutsch, 144 Seiten
Reihe: tredition GmbH
ISBN: 978-3-347-13783-7
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Hilde Bürger wurde 1916 in Berlin geboren. Wenn es keine Nazis gegeben hätte, wäre sie wohl eine gute Ärztin geworden - aber ein Studium war ihr als Jüdin verwehrt. Sie durchlitt den Holocaust - die Diskriminierung, Ausgrenzung, Beraubung, Verfolgung. Die Befreiung erlebte sie im Konzentrationslager Theresienstadt. 1984 veröffentlichte sie ihre Autobiografie. Hilde Bürger starb 2002. Ihre Tochter Renate und ihre Enkelinnen Sonja und Miriam haben eine Neuflage dieses lesenswerten Buches erwirkt.
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Kindheit und Jugend in ärmlichen Verhältnissen
Wenn ich an die Jahre zurückdenke, so kommt es mir vor, als hätte ich mehrere Leben gelebt: die Kindheit, Berufsleben von 1934 – 1938, Lernschwester und Stationsschwester im Jüdischen Krankenhaus, KZ Theresienstadt, Heirat und danach ein glückliches und zufriedenes Familienleben.
Am 19. Mai 1916 bin ich in der Hildegardstraße in Berlin-Wilmersdorf zur Welt gekommen. Meine Mutter, Margareta Pohlmann, war als Jüdin in Berlin geboren. Ihr Vater, mein Großvater – Beruf: Metallbläser –, kam aus Ostpreußen. Ihre Mutter, meine Großmutter – Beruf: Hausangestellte –, stammte aus Posen. Der Großvater starb schon mit zweiundvierzig Jahren an einer Tbc, die er sich durch den Metallstaub als Metallbläser bei der Firma Hauptner, Tierärztliche Instrumente, in der Luisenstraße, Berlin, geholt hatte. Mein Vater, Albert Kallenbach, war in der Türkei von einem deutschen Vater und einer armenischen Mutter geboren. Er hatte die französische Staatsangehörigkeit.
Bei meiner Geburt lebten meine Mutter und mein Vater zusammen, die Großmutter hatte ihnen die Wohnung eingerichtet. Die Heiratspapiere auf dem französischen Konsulat ließen angeblich immer auf sich warten, das behauptete jedenfalls mein Erzeuger, bis er eines Tages verschwand. Da er Ausländer war, entschied das Gericht auf eine einmalige Abfindung für mich auf ein Sperrkonto; in der Inflationszeit war das Geld dann futsch.
Das war nun ein großes Unglück für meine sittenstrenge Großmutter. Meine Mutter, die meinen Erzeuger über alles geliebt hatte, zog mit ihrem Bankert, wie Großmutter mich nannte, wieder zurück in die Einzimmer-Hinterhauswohnung des Berliner Nordens, Schwedterstraße. Zunächst wohnten wir dort zu viert: Großmutter, die zwei Jahre ältere Schwester meiner Mutter, Jenny, und wir beide, Mutter und ich. Tante Jenny lernte bald einen Soldaten kennen, der im Ersten Weltkrieg an der Ostfront eingesetzt und auf Urlaub in Berlin war: Martin. Der Zufall wollte es, dass er Jude und sogar in Jerusalem geboren war. Nach einer Kriegstrauung und gleich nach Ende des Krieges bezogen die beiden eine Zweizimmerwohnung in Berlin-Reinickendorf, wo ich später immer meine Schulferien verbrachte.
Meine Mutter 1915
Onkel Martin erzählte oft und gern, wie er in Europa ankam, und ich hörte ihm ebenso gern zu. Die Eltern von Onkel Martin waren aus Russland nach Palästina ausgewandert und hatten dort für Deutschland optiert. Seine Mutter war eine stolze, resolute Frau und wollte, dass ihre Kinder einen angesehenen Beruf erlernen sollten. So schickte sie beide Söhne, nachdem sie in Palästina eine deutsche Schule besucht hatten, nach Deutschland. Der älteste Sohn wurde Apotheker und war schon einige Jahre in Frankfurt am Main, bevor Onkel Martin dort eintraf. Da die Eltern in Jerusalem fromme Juden waren, hatten sie die Söhne auch dementsprechend auf die Reise geschickt. Onkel Martin erzählte: „Ich kam mit Bart, Schläfenlocken, langem Kaftan und Käppchen in Frankfurt an. Mein Gepäck bestand aus einem verschnürten Karton und einem Oberbett. Die Adresse meines Bruders hatte ich bei mir, doch ich wusste nicht, wie ich dahin gelangen sollte. Ein Mann hatte mich beobachtet und kam zu mir. Er schaute auf den zerdrückten Zettel und fuhr mit mir in einer Pferdekutsche in Frankfurts Peripherie, wo mein Bruder in einer Apotheke arbeiten sollte. Der gütige Helfer bezahlte den Kutscher, denn ich hatte keinen Pfennig bei mir. In der Apotheke stellte sich heraus, dass mein Bruder inzwischen die Stellung gewechselt hatte. Der dortige Chef wusste aber die Adresse, wo mein Bruder in einem möblierten Zimmer wohnte. Der gute Mann, der mir vom lieben Gott geschickt worden war, brachte mich auch dorthin und verabschiedete sich dann. Ich wollte mir gerne seine Adresse geben lassen, doch der Mann winkte ab. Später habe ich in Frankfurts Straßen vergeblich nach ihm Ausschau gehalten.
Also klingelte ich an der Wohnungstür, an der auch der Name meines Bruders stand. Es öffnete eine ältere, unfreundliche Frau. In gebrochenem Deutsch fragte ich nach meinem Bruder. Sie gab mir zu verstehen, dass er nicht zu Hause wäre und erst abends zurückkäme. Dann schlug sie mir die Tür vor der Nase zu. Verzweifelt setzte ich mich auf die Treppe, um zu warten, dabei schlief ich ein. Plötzlich wurde ich gerüttelt, und mein Bruder stand vor mir. Er war außer sich, dass man ihn nicht benachrichtigt hatte, und er schleuste mich vorsichtig in sein Zimmer ein. Ganz erschrocken war ich, dass mein Bruder keinen Bart und keine Schläfenlocken mehr hatte und einen westlichen Anzug trug. Er meinte: »So musst du auch bald aussehen, denn man darf hier nicht auffallen.«“
Der Onkel zog dann zu seinem Bruder. Er hat in einem Laden für Wirtschaftsartikel als Verkaufshilfe gearbeitet und von dem verdienten Geld die Gauß-Schule besucht. Mit gutem Resultat machte er den Abschluss als Elektroingenieur und bekam bei AEG in Berlin eine Stellung. Dann wurde er im Ersten Weltkrieg eingezogen.
Onkel Martins Mutter 1887
Onkel Martins Vater 1885
Inzwischen hatte ich mich schon längst in das Herz der Großmutter eingeschlichen. Meine Mutter, deren Abgott ich war, arbeitete in der Schokoladenfabrik Cyliax, um für mich zu sorgen. Großmutter hatte eine sehr kleine Rente, und wir kamen immer mehr schlecht als recht über die Runden. Durch die Sparsamkeit und Hausfrauentugenden der Oma brauchten wir, was das Essen anbelangte, aber keine Not zu leiden. Großmutter ging kurz vor Markthallenschluss einkaufen und brachte dann Fleisch und angestoßenes Obst mit, das die Händler los sein wollten. Ich kann mich erinnern, dass ich selten in die Schule einen ganzen Apfel mitbekam, er war fast immer ausgeschnitten. Zum Geburtstag erhielt ich stets ein neues Kleid. Meine Mutter kaufte einen Stoffrest für 75 Pfennige das Meter. Eine Freundin von ihr nähte mir daraus ein Kleid. Wie stolz ging ich damit immer zur Schule, es war die 89. Gemeindeschule in der Schwedterstraße.
Als ich einmal für einen Aufsatz aller Berliner Grundschulen „Wie verlebe ich mein Wochenende“ einen Ehrenpreis bekam, war der Stolz meiner Mutter und Großmutter grenzenlos: ich war erst acht Jahre alt. Die Schule erhielt ein Diplom, was in die Aula gehängt und 1933 sofort entfernt wurde. Auch ich bekam ein Diplom, das die Großmutter im ganzen Hinterhaus herumzeigte. Ich weiß noch, wie unangenehm mir das war. Bald sollte meine Mutter in die Schule kommen. Da sie nicht redegewandt genug war, wurden alle meine schulischen Dinge von Tante Jenny erledigt. Von Seiten der Schule wurde vorgeschlagen, dass ich mit zehn Jahren in die Langesche Mittelschule kommen sollte. Ich bekam ein Stipendium. Der Kommentar meiner Mutter: „Das hat das Kind von mir.“
Meine Schulfreundin Gretchen Bosisio wollte natürlich mit mir kommen; da die Eltern zahlen konnten, war das kein Problem für sie. Ich muss noch erzählen, wie wir, Gretchen und ich, Freundinnen wurden. Bei der Einschulung saß ich vor ihr. Meine sehr krausen, fast schwarzen Haare, die ich von meinen Vorfahren geerbt hatte, waren in einem Zopf, der steif abstand, gebändigt. Dieser Zopf imponierte Gretchen sehr. Obwohl sie immer sehr schüchtern war, meldete sie sich am dritten Schultag. Auf die Frage der Lehrerin, sagte sie mit weinerlicher Stimme: „Ich habe meine Frühstückstasche vergessen.“ Die Lehrerin fragte: „Wohnst du weit von hier?“ – „Nein“, sagte Gretchen, „an der Ecke Kastanienallee.“ – „Na, dann kannst du sie in der Pause ausnahmsweise holen.“ Wieder meldete sich Gretchen: „Darf ich jemanden mitnehmen?“ – „Wen willst du denn zur Begleitung?“ Mit dem Zeigefinger zeigte Gretchen auf mich: „Die da!“ – „Ihr dürft zusammen gehen“, sagte Fräulein Golke. Ich war stolz. Wir zogen zusammen Hand in Hand los. Unterwegs sagte Gretchen: „Willst du meine Freundin sein?“ Aus tiefstem Herzen sagte ich ja. (Heute noch, nach sechzig Jahren, sind wir befreundet.)
An der Ecke Kastanienallee sagte Gretchen zu mir: „Hier musst du auf mich warten.“ Sie ging in einen Laden, eine Eiskonditorei. Gretchens Vater war Italiener und verkaufte italienisches Eis. Aus ganz Berlin kamen die Leute dorthin, um das gute italienische Eis zu kaufen. Später durfte ich natürlich immer mit in den Laden kommen, und oft bekam ich von dem netten Vater eine Eiswaffel, die für mich eine Kostbarkeit bedeutete.
Zu Hause lebten wir sehr beengt. Wir schliefen zu dritt im Wohnzimmer. Neben dem Kachelofen hatte ich meine Chaiselongue, daneben einen Tisch und unter dem Tisch mein Spielzeug. Wir aßen zusammen am Küchentisch, Mutter und Großmutter gaben mir immer die besten Bissen. Meine Mutter war stets lustig und voller
Hilde 1919
Humor und konnte oft die Leute karikieren. Bei jeder Hausarbeit sang...




