E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Bugnyar Raben
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7106-0658-8
Verlag: Brandstätter Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das Geheimnis ihrer erstaunlichen Intelligenz und sozialen Fähigkeiten
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
ISBN: 978-3-7106-0658-8
Verlag: Brandstätter Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thomas Bugnyar ist Professor und aktueller Leiter des Departments für Verhaltens- und Kognitionsbiologie der Universität Wien sowie der Forschungsstation Haidlhof in Bad Vöslau. Dort und an der von Konrad Lorenz gegründeten Forschungsstelle Grünau im Almtal erforscht er die kognitiven und sozialen Fähigkeiten von Tieren, insbesondere von Rabenvögeln. Mit den zahlreichen neuen Erkenntnissen, die er in der Arbeit mit handaufgezogenen wie mit wildlebenden Raben und Krähen in den vergangenen 25 Jahren gewinnen konnte, gehört er zu den weltweit bedeutendsten Rabenforschern und Kognitionsbiologen. Patricia McAllister-Käfer ist freie Journalistin und Schreibmentorin. Sie beschäftigt sich in ihrer Arbeit für Auftraggeber wie 'Die Presse' oder 'Datum' mit dem Verhältnis zwischen Natur und Mensch - und damit, wie es sich erzählen lässt.
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„Raben sind auch nichts anderes als fliegende Affen“
Mein Weg in ein ganz spezielles Forschungsgebiet
Da stand ich also wieder mit Hugin, Munin, Wota und Kaflunk – und schüttelte den Kopf. Seit Wochen hatte ich jetzt schon mit den vier Rabengeschwistern für mein Dissertationsprojekt gearbeitet: Ich versteckte für sie kleine Filmdosen, wie sie in den Neunzigerjahren bei jedem, der fotografierte, herumkullerten, in der Voliere. Farblich hatte ich sie sauber markiert: rot, blau, gelb.
Raben lieben Käse. Deshalb hatte ich mir für dieses Experiment eine Käse-Regel überlegt: Montags steckte in allen rot markierten Döschen ein Stück Käse, dienstags in allen blauen und so weiter; die Dosen der jeweils anderen beiden Farben blieben für den Tag leer. Die Raben sollten lernen, dieser Käse-Regel zu folgen: Sie sollten also am Montag zuerst durch Versuch und Irrtum herausfinden, dass heute Rot die „richtige“ Farbe war, dass also heute die roten Döschen mit Käse gespickt waren, und dann gezielt nach allen roten suchen.
Aber die Vögel schienen einfach nicht zu verstehen, was ich von ihnen wollte. Vielleicht, weil ich anfangs selbst nicht so genau wusste, wie ich die Arbeit mit den Raben gestalten sollte und wie sie darauf reagieren würden: Es ist das Jahr 1996, ich bin ein junger, ambitionierter Student und zum ersten Mal für einen längeren Zeitraum an der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle im oberösterreichischen Grünau. Und ich bin als angehender Verhaltensbiologe – mit einer satten Portion Ehrgeiz – schließlich nicht nur hier, um mit den Raben zu spielen, ich möchte meine Dissertation durchführen. Es ist mir wichtig, dass die Vögel von Anfang an merken: Sie sollen mit mir arbeiten. Im Käseexperiment möchte ich herausfinden, wie gut die Raben lernen können, einer Regel zu folgen, und ob sie darüber hinaus imstande sind, das Wissen ihrer Artgenossen für sich zu nutzen.
Aber Hugin und Munin, Wota und Kaflunk schienen sich überhaupt nicht dafür zu interessieren, welches Versuchsdesign ich mir überlegt hatte. Sie öffneten fleißig die kleinen Dosen, verspeisten den Käse, wenn sie darin ein Stück fanden, aber erkannten die Käse-Regel nicht. Ich versuchte immer wieder neue Anordnungen, kam fast jeden Tag mit einer neuen Annahme, warum der Versuch nicht klappte, zum Frühstück in der Forschungsstelle – bei den Kolleg*innen war das schon ein Running Gag. Es war zum Haareraufen.
Ich kam damals von der Primatologie zu den Raben. Für meine Diplomarbeit hatte ich mich davor mit jener Klasse von Tieren beschäftigt, zu der auch wir Menschen zählen, genauer gesagt: mit ihrer Kognition, also ihrem Wahrnehmen und Denken.
Nach einigen Jahren der Beschäftigung mit Weißbüscheläffchen und Löwenkopfäffchen hatte ich für meine Dissertation zuerst ein internationales Schimpansenprojekt im Auge. Das sich aber plötzlich zerschlug. Da fragte mich der Verhaltensbiologe Kurt Kotrschal, ob ich nicht in Grünau an Raben forschen wolle, eine Kohorte – jene rund um Hugin und Munin – sei frisch handaufgezogen. „Sind auch nix anderes als fliegende Affen“, sagte er schmunzelnd.
Von den Primaten also zu den Raben? Herausforderung angenommen!
Als ich dann tatsächlich mit den Raben zu arbeiten begann, stand ich zuerst also auch vor der Frage: Wie ticken diese Tiere? Wie kann ich mich ihnen verständlich machen? Langsam, schrittweise arbeitete ich mich vor. Und schließlich hatte ich auch im Käseexperiment die Anordnung gefunden, bei der die Raben konzentriert zu suchen schienen. Mit unerwarteten Wendungen allerdings: Kaum verzeichnete ich erste Erfolge, kaum klappte etwas wirklich so, wie ich es mir ausgedacht hatte, blieb mir auch schon der Mund offen stehen: Die Rabenbrüder Hugin und Munin hatten damit begonnen, einander auszutricksen – und mich obendrein. Eine Fähigkeit, die ich bisher nur Primaten zugetraut hatte.
Ich selbst hatte mich bis zu dem Zeitpunkt schon viel mit (Tier-)Psychologie auseinandergesetzt, insbesondere mit sozialem Lernen und Imitation. War es also vielleicht „wishful thinking“ meines eigenen Forschergeistes, dass ich die Intelligenz der Primaten nun auch in den Raben entdecken wollte? Nach dem Stand der damals aktuellen Forschung drängte sich die Frage auf: Warum, bitte, sollten Raben derart ausgereifte Fähigkeiten haben?
Einer der Rabenbrüder, Hugin, hatte die Käse-Regel nämlich offenbar recht früh in unserer Versuchsphase verstanden. Munin wiederum machte sich das Wissen seines Bruders zunutze und nahm ihm einfach die geöffnete Dose mit den Käsestücken weg. Woraufhin Hugin anfing, gezielt bei den falschen Dosen zu suchen, bis Munin ebenfalls die Käse-Regel lernte und ihm den Schwindel nicht mehr abnahm. Somit verstrickten sie einander in verschiedenste Manöver des Tarnens und Täuschens.
Was ich aus dieser Studie lernte: Raben sind begnadete Schwindler, die unglaublich gut aufeinander eingehen. Sie sind äußerst flexibel in ihrem Verhalten, lernen sehr schnell und können vielleicht sogar Zusammenhänge begreifen – darunter verstehen wir in der Kognitionsbiologie die Fähigkeit, nicht nur auswendig zu lernen, sondern über Problemstellungen auch nachzudenken.
Raben sind nicht einfach. Sie „challengen“ einen, wie man neudeutsch sagt, sie fordern einen heraus, stellen einen auf die Probe. Genau das reizte mich an ihnen – und tut es bis heute. Sagt mir jemand, etwas sei nicht möglich, zerbreche ich mir leidenschaftlich gern den Kopf darüber, wie ich meinen Zugang oder meine Methoden ändern könnte, um das Unerklärliche doch zu ergründen. Wie mir das bei den Raben schon gelungen ist, manchmal aber auch misslingt, wie die Raben immer wieder mein eigenes Denken auf den Kopf stellen, davon erzähle ich in diesem Buch. Es ist übrigens auch eine Geschichte des Staunens: Denn sosehr ich in all den Jahren versucht habe, Raben zu verstehen – am verblüffendsten fand ich stets die Situationen, in denen ich bemerkte: Sie verstehen mich.
Wie ich den Raben nahekomme
Sich mit Raben für wissenschaftliche Studien derart vertraut zu machen, das war Mitte der Neunzigerjahre neu. Davor hatten Forschende vor allem mit freilebenden Raben gearbeitet, am bekanntesten von ihnen ist Bernd Heinrich. Eigentlich spezialisiert auf Hummeln, war dem US-amerikanischen Zoologen deutscher Herkunft in Maine und Vermont, an der US-Ostküste nahe der kanadischen Grenze, etwas aufgefallen: Raben, die im tiefverschneiten Wald ein verendetes Tier fanden, machten andere Raben lauthals darauf aufmerksam. Heinrich beobachtete solche Schauspiele, während er stundenlang im Schnee lag. Ein – durch die Brille des Evolutionsbiologen betrachtet – eigenartiges Verhalten der Tiere: Warum sollten die Vögel in einer Situation, in der Nahrung ohnehin knapp war, teilen wollen?
Ich setzte mich mit Bernd in Verbindung und ging nach Abschluss meiner Dissertation 2001, unterstützt durch ein Erwin-Schrödinger-Auslandsstipendium, für zwei Jahre an die Universität Vermont. Zu dieser Zeit hatte er auch damit begonnen, Raben temporär in Volieren zu halten und ihnen erste kognitionswissenschaftliche Aufgaben zu stellen.
In Vermont zog ich gemeinsam mit meiner Kollegin Mareike Stöwe meine ersten Raben mit der Hand auf. Immer war eine/r von uns für die Pflege der Jungen, der/die andere für die Datenaufnahme zuständig. Bernd schaute uns beim Austüfteln unserer Versuchsdesigns immer belustigt zu. Es gefiel ihm sichtlich, was wir da alles ausprobierten, er war aber oft skeptisch, auf welchen Denksport sich die Raben dann auch wirklich einlassen würden.
Natürlich klappte auch nicht alles, aber dank unserer Arbeitsteilung waren Mareike und ich in diesen zwei Jahren wissenschaftlich extrem produktiv. Wir konnten eine große Anzahl an Studien unter standardisierten Bedingungen durchführen und diese in international angesehenen, wissenschaftlichen Journals unterbringen. Damit qualifizierte ich mich für weiteres Funding meiner Forschung – die Finanzierung, z. B. durch Stipendien, Stiftungen oder Sponsoren, ist stets eine der größten Sorgen eines Jung-Wissenschaftlers.
Ich kehrte nach Österreich zurück, um hier meine erste Arbeitsgruppe zur Erforschung der Rabenkognition aufzubauen. Dafür hatte ich bereits einige Studierende im Kopf, die sich für Raben zu interessieren und zu mir und Grünau zu passen schienen. Christian Schlögl wurde somit mein erster Masterstudent und später Dissertant – allerdings noch inoffiziell, weil ich zu der Zeit nicht habilitiert war, also keine Betreuungsbefugnis hatte. Matthias Loretto kam als ganz junger Student von der Universität Graz, um beim Rabenaufziehen zu helfen. Er schloss dann sein Bachelor-, Master- und Doktoratsstudium mit der Erforschung von Raben ab und arbeitet auch heute noch mit ihnen. Christine Schwab und Mareike Stöwe komplementierten unser Team: Christine war gerade dabei, ihre Dissertation zu planen, und...




