E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Buhl Die Auslöschung der Mary Shelley
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-95837-001-2
Verlag: BliNK BOOKS
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-95837-001-2
Verlag: BliNK BOOKS
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Marc Buhl, geboren 1967, hat mittlerweile sechs Romane (unter anderem Das Paradies des August Engelhardt sowie 375 und Das Billardzimmer) veröffentlicht, die in mehrere Sprachen übersetzt wurden. Er lebt mit seiner Familie in Freiburg im Breisgau.
Autoren/Hrsg.
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5
Sie erkannte den Mann mit dem rasierten Schädel nicht gleich, obwohl er ihren Tisch direkt ansteuerte.
„Ben?“, fragte sie.
„Jeremy“, sagte er.
„Sorry. Klar. Jeremy McFarland. Jetzt erinnere ich mich. Wir saßen zusammen in dem Seminar über metaheuristische Optimierungsverfahren. Lange her. Was machst du jetzt?“
„NSA.“
Er zuckte mit den Schultern.
Sie sah ihn an. Er wirkte nicht wie der Feind. Blaue Augen und ein Gesicht, das aussah, als wäre er komplett überrascht.
„Klingt nicht geil, ich weiß“, sagte er.
Das war nicht das Problem, aber das würde sie ihm nicht sagen können.
„Aber wir haben die besten Computer und die besten Programmierer.“
„Und die schlechteste Presse“, sagte Frank. „Und das nicht zu unrecht. Und ihr macht euch auf unserer Konferenz breit.“
„Hier sind mehr Leute von Microsoft und der NSA als Hacker“, sagte Jeremy. „Kein großes Geheimnis. Aber es ist besser, als ihr vermutet. Wenn du deinen Job wechseln willst, ruf mich an.“
Er hielt Mary seine Karte hin. „Ich habe ein super Team. Lionel ist auch dabei. Kennst du noch von der Uni. Wir haben viel Spaß und machen nichts Schlechtes.“
Sie nickte und schob die Karte in ihr Portemonnaie. Eine Nummer der NSA. Konnte nicht schaden.
Er wirkte nicht so, als hätte man ihn auf sie angesetzt. Da gab es möglicherweise andere, von denen er gar nichts wusste.
„Eine Sekunde“, sagte sie zu Frank, nachdem Jeremy sich wieder verabschiedet hatte. „Ich checke gerade mal die Handys im Raum.“
Reine Routine.
Frank sah sie skeptisch an, während sie mit der Tastatur spielte. Als er damals seinen ersten Computer und einen Informatikkurs bekommen hatte, hatte er sich in die Verwaltungsseite des Internats gehackt und seine Noten verbessert.
Mary hatte keinen Computer bekommen. Sie war ein Mädchen. Ihr hatte man eine Nähmaschine geschenkt.
Katholische Erziehung eben.
Sie hatte sich heimlich an seinen Computer gesetzt und mithilfe von Büchern aus der Schulbibliothek programmieren gelernt. Als Erstes hatte sie eine Homepage für Tierschützer zusammengebastelt. Und anschließend seinen Computer auseinandergeschraubt. Schließlich war es wichtig zu wissen, wie das Ding funktionierte. Frank hatte ihr das lange nicht verziehen, obwohl sie ihn wieder zusammengebaut hatte. Im Gegensatz zu ihrer Nähmaschine.
Sie schob ihm den Laptop rüber: „Das hier sind die Namen der Besitzer und Nummern der Telefone hier im Café. Hier das Telefonbuch von James Tarman. Wer immer das sein mag. Viel gibt es nicht her, drei unterschiedliche Nummern seiner Mutter, kein Frauenname, jede Menge Geschäftsnummern und ein Bordell. Keine Gefahr also. Der Nächste: Mitch A. Kestner, da habe ich auch die Nummer und das Telefonbuch. Und er benutzt ein Headset.“
Keine gute Idee, dachte Mary. Eigentlich müsste zwischen Headset und Handy ein Passwort zwischengeschaltet sein. Ist es aber nicht. Nie. Man muss nur ein Klingelsignal ans Headset schicken, schon geht es an, weil es denkt: Prima, ich werde angerufen. Und man kann mithören. Mitsprechen auch, wenn man Lust dazu hat.
„Ich bin drin“, sagte Mary. „Kestner sitzt hier irgendwo im Café und redet sogar mit einem Kumpel. Willst du mithören?“
Sie stöpselte ihre Kopfhörer ein, gab Frank einen davon und stellte lauter:
Mary hatte sich in ihrem Stuhl ein wenig nach hinten gelehnt, sah durchs Café, winkte mit der rechten Hand, als wollte sie den Kellner rufen, und scannte dabei den Raum nach zwei Männern ab.
Frank starrte sie an.
„Du bist ein Zielobjekt? Warum beobachten sie dich? Die sind hinter dir her. Scheiße.“
Sie ignorierte ihn.
Rechts an der Säule aus Marmor saßen zwei Farmer aus Iowa oder Texas, die Hüte tief ins Gesicht gezogen, die Hemden hochgekrempelt, um den Hals Lederkrawatten. Die schieden aus. Dahinter ein hagerer Greis mit seinem Sohn oder Liebhaber; die Hand des älteren auf der Schulter des Jungen wirkte in jedem Fall übergriffig. Neben dem rechten Eingang saßen drei Jungs, der eine noch schwer verkatert oder schon sehr betrunken. Die anderen hielten ihn mühsam aufrecht. In einer Nische ein paar Geschäftsleute, Anzug, Krawatte, Köfferchen, zu auffällig, falls die Verfolger auch auf der Black Hat Konferenz waren, und alles sprach dafür. Links stritten vier Kinder um Kuchenreste, die Eltern daneben gelähmt von depressiver Toleranz. Die junge Frau am Nachbartisch beobachtete sie und überlegte offensichtlich, ob sie auch irgendwann so enden würde. In Richtung des anderen Ausganges, halb verdeckt durch einen Olivenbaum, saßen zwei Männer, beide zwischen 25 und 35 Jahren alt, T-Shirts, breite Schultern, und beugten sich über einen iPad. Den einen hatte sie gestern in einem der Konferenzsäle gesehen, es war um den Data Enscription Standard...




