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E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Buijssen Die Psychologie des Populismus
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-407-86904-3
Verlag: Beltz eBook
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Warum er Menschen anzieht - und wie wir seinen Einfluss stoppen
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
ISBN: 978-3-407-86904-3
Verlag: Beltz eBook
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Huub Buijssen ist Psychogerontologe und Psychologe und studierte Politikwissenschaften. Der Niederländer hat über vierzig Bücher geschrieben, die in viele Sprachen übersetzt wurden. Er lebt im niederländischen Tilburg.
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Weder progressiv noch konservativ, sondern regressiv
Am Abend seines herausragenden Sieges 2019 bei den Wahlen zur Ersten Kammer des niederländischen Parlaments sagte Thierry Baudet von der populistischen Partei Forum voor Democratie (FvD):
»Und so stehen wir heute Abend hier, buchstäblich kurz vor zwölf. Inmitten der Trümmer dessen, was einst die größte und schönste Kultur war, die die Welt je gekannt hat. Eine Kultur, die auch die entlegensten Winkel der Welt erreichte, die voller Selbstvertrauen war, die die schönste Architektur, die schönste Musik und die schönste Bildkunst hervorgebracht hat, die es je unter dem Sternenhimmel gab. Unser Land ist Teil dieser Kulturfamilie.«1
Populisten wollen zurück zu den alten Zeiten. Sie singen von einer Zeit ohne Begriffe wie woke und LGBTQ, in der das Land noch nicht überschwemmt wurde von einem – wie Geert Wilders es ausdrückte – »fast unbegrenzten Tsunami an Fremden, die unsere Arbeitsplätze einnehmen und unsere Kultur verseuchen«.2 Oft zeigt sich schon in ihren Wahlslogans, dass Populisten die Vergangenheit in ein goldenes Licht tauchen, wie bei Trump 2015 und 2024: Make Amerika Great Again. Das soll so viel heißen wie: »Unter Obama (oder Biden/Harris) ist alles nichts, früher war alles besser, und wenn ihr mich wählt, werde ich dafür sorgen, dass die guten alten Zeiten wieder aufleben.«
Am 30. Juni 2023 erschien in der Tageszeitung de Volkskrant (vergleichbar mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung) ein großer Artikel über den Aufstieg der AfD in Deutschland.3 Ein kurzes Zitat daraus illustriert, wie auch diese populistische Partei die Uhr zurückdrehen möchte:
»Die AfD verspricht, die Dinge dahin zurückzubringen, wie sie einst waren. Raus aus der EU, Flüchtlinge weg, Klimapolitik zurückdrehen, Coronamaßnahmen abschaffen, Nordstream reparieren. Ein Deutschland mit ausreichend Kernenergie und Schweinefleisch auf jedem Teller. Deutschland. ›Aber normal‹ lautete 2021 der nationale Wahlslogan.«
Bereits Jahre zuvor, am 23. September 2015, hatte der AfD-Politiker Björn Höcke auf einer Demonstration in Erfurt verlauten lassen: »Thüringer! Deutsche! 3000 Jahre Europa! 1000 Jahre Deutschland! Ich gebe sie nicht her, und ich weiß, ihr gebt sie auch nicht her!«4
Die Vergangenheit war den Populisten zufolge in jeder Hinsicht besser als das Heute. Wird an diesem Bild gerüttelt, stellen sie sofort alle Stacheln auf. Das zeigte sich beispielsweise, als die Zweite Kammer des niederländischen Parlaments am 14. Juni 2023 eine historische Studie zum Indonesischen Unabhängigkeitskrieg (1945–1949) diskutierte. Die Auseinandersetzung bedeutete das Ende der jahrhundertelangen niederländischen Kolonialherrschaft über die Region. Die Untersuchung kam zu dem Schluss, dass sich die niederländischen Streitkräfte während der Kämpfe »extremer und weit verbreiteter Gewalt« schuldig gemacht hätten. Während sich eine Mehrheit der Kammer diesem neuen Blick auf den Dekolonisierungskrieg anschloss, stimmten die Partij voor de Vrijheid (PVV) und die FvD dagegen. Geert Wilders sprach von einer »politisch gefärbten Studie mit einer links-aktivistischen Agenda«, und Thierry Baudet bestand darauf, der Kolonialismus sei die »größte Leistung« der Niederlande.
Und auch die BoerBurgerBeweging (BBB) von Caroline van der Plas zeigte sich von ihrer populistischen Seite, als sie die auf mehrjährigen Forschungen beruhende Studie als »Geschichtsverfälschung« abtat und als »nicht nuanciert genug« und »recht einseitig« beiseiteschob.
Marine Le Pen vom Rassemblement National träumt ebenfalls von früher. Von der ruhmreichen Zeit, in der Frankreich noch eine Weltmacht mit zahlreichen Kolonien war. Manchmal geht sie noch weiter zurück und hält ihre Vorträge und Reden vor einem Bild ihres Idols Jeanne d’Arc, der Jungfrau von Orléans.
Populisten halten ihren (potenziellen) Wählern allesamt das Bild einer Welt von früher vor, in der die eigene Nation mächtig und wohlhabend war, eine Zeit, in der alle mit der Regierung und den politisch Verantwortlichen zufrieden waren. Kurz, ein irdisches Paradies, das es nie gegeben hat. Diesem Paradies stellen sie die heutige Zeit gegenüber, die ihrer Ansicht nach in Finsternis gehüllt ist, weil (und solange) die »Altparteien« an der Macht sind.
Wilderswil
Kürzlich las ich eine Kolumne des niederländischen Journalisten und Autors Marcel van Roosmalen, in der er beschreibt, wie er als Jugendlicher mit seinen Eltern die Ferien verbrachte. So beginnt sein Bericht:
»Meine Eltern waren keine Reisenden, aber wir fuhren dennoch in den Urlaub. Immer nach Wilderswil, einem Dorf in der Schweiz mit Blick auf Eiger, Mönch und Jungfrau. Dort mieteten wir eine Wohnung im ersten Stock eines Bauernhauses. Es gehörte einer Familie, die auch selbst dort lebte und den ganzen Tag Käse machte. Diese Ferien konnte man in drei Worten zusammenfassen: wandern, wandern und wandern.«5
Nach diesen wenigen Zeilen ist bereits klar: In Roosmalens Erinnerung war der Urlaub mit seinen Eltern todlangweilig. Als 16-Jähriger notierte er einige Zeilen in einem Album, das er 32 Jahre später in einer Umzugskiste auf dem Speicher fand. Sie beweisen, dass ihn seine Erinnerung nicht trog: »Nicht mal ein Fernseher!« »Wieder Scheißwetter!« »Wieder Monopoly.« »Wieder Scrabble.« Und das Dorf Wilderswil nennt er konsequent »das Schweizer Scheißdorf«. Aber dann, am Ende, gibt es eine überraschende Wendung:
»Später sollten sie [die Eltern von Marcel; H.?B.] noch regelmäßig von diesen wunderschönen Ferien in Wilderswil schwärmen. Neben dem Sterbebett meines Vater stand eine Kuhglocke, und das Dorf war sogar Ziel der Hochzeitsreise meiner Schwester. Neulich hatte ich auch mal wieder Lust auf Wilderswil, ich erwähnte es zumindest als mögliches Urlaubsziel. Es war mir ein Rätsel, wie das sein konnte.«
In diesem Kapitel werden wir versuchen, diesem Rätsel auf den Grund zu gehen und dabei eines der Erfolgsgeheimnisse populistischer Parteien zu lüften. Bevor wir das tun, stelle ich Ihnen zunächst sechs Fragen:
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In welcher Zeit entstand Ihrer Ansicht nach die schönste Musik?
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Welcher Film ist Ihr absoluter Lieblingsfilm?
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Und welches Buch war für Sie entscheidend? (Ein Buch, das Sie so tief beeindruckte, dass Sie wochenlang nicht davon loskamen.)
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Was war (oder ist) das wichtigste Ereignis in Ihrem Leben?
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Welche Erinnerung ist die glücklichste in Ihrem Leben?
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Welche Erinnerung ist die traurigste in Ihrem Leben?
Denken Sie ruhig eine Weile über diese Fragen nach. Später in diesem Kapitel komme ich darauf zurück und erkläre, welches Ziel ich damit verfolge.
Die Patina der Zeit
Am Ende des vorigen Jahrhunderts führte die führende französische Zeitung Le Monde eine Umfrage unter ihrer Leserschaft durch: Was sind die hundert besten Bücher des Jahrhunderts? Nach L’Étranger (Der Fremde) von Albert Camus landete der Romanzyklus À la recherche du temps perdu (Auf der Suche nach der verlorenen Zeit) von Marcel Proust auf dem zweiten Platz.
Die Hauptbotschaft des Romanzyklus lautet: Die Gegenwart ist rettungslos unvollkommen, und wahre Schönheit findet sich nur in der Vergangenheit, besser gesagt: in der Erinnerung an diese Vergangenheit. Wie Proust aufzeigt, ist das Besondere an unserem Gedächtnis, dass wir uns der Dinge von früher als schöner erinnern, als sie in Wirklichkeit waren. Die Zeit verleiht der Vergangenheit einen Glanz und eine Intensität,...




