E-Book, Deutsch, 352 Seiten
Reihe: Fischer Klassik Plus
Bukowski Das weingetränkte Notizbuch
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-10-402296-3
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Stories und Essays 1944-1990
E-Book, Deutsch, 352 Seiten
Reihe: Fischer Klassik Plus
ISBN: 978-3-10-402296-3
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Charles Bukowski, geboren am 16. August 1920 in Andernach bei Koblenz, wuchs während der Wirtschaftskrise in Los Angeles auf. Schon als Kind ein Außenseiter, fand er früh Halt bei Alkohol und Literatur. Unzählige schlechtbezahlte Jobs und ein Leben in billigen Absteigen, erste Short Story mit 24, lebensgefährliche Magenblutung mit 35. Erst mit 50 Jahren konnte er vom Schreiben leben, wurde auch in Deutschland Kultautor. Seit seinem Tod am 9. März 1994 wurde weiter aus dem Nachlass veröffentlicht, eine literarische Gesellschaft gegründet und sein alter Hinterhof zum Kulturerbe erklärt. Heute ist Bukowski ein moderner Klassiker.
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Einführung
Erst jetzt, vierzehn Jahre nachdem Charles Bukowski (1920–1994) seine letzten Worte getippt hat, ist es möglich, seine proteische Kreativität ganz auszuloten. Zwar ist er in erster Linie als Dichter bekannt, aber er hat ein breites Spektrum an Prosa verfasst: Short Stories, autobiographische Essays, Vorworte zu den Werken anderer Dichter, Buchbesprechungen, literarische Essays, die berühmte Artikelserie »Notizen eines Dirty Old Man« sowie eine Reihe von »Manifesten« zu seiner sich entwickelnden Poetik und Ästhetik. Außerdem war er ein glänzender Briefeschreiber (die Briefe sind in fünf Bänden jetzt teilweise gesammelt) und hat sechs Romane veröffentlicht: (1971), (1975), (1978), (1982), (1989) und – ausgeträumt (1994). Bukowski war so produktiv, dass die Literaturwissenschaftler nicht hinterherkamen, und so gibt es noch immer keine adäquate oder vollständige Bibliographie seiner Werke. Der vorliegende Band weist den Reichtum und die Vielfalt seines unbekannten Œuvres aus und enthält nicht gesammelte sowie bisher unveröffentlichte Stories und Essays.[1]
Bukowskis früheste Geschichten – »Nach dem langen Ablehnungsbescheid« (1944) und »20 Tanks aus Kasseldown« (1946) – zeigen bereits die gegensätzlichen, einander ergänzenden Stile, die seine ganze Laufbahn hindurch für ihn bezeichnend geblieben sind. »Ablehnungsbescheid« ist ein phantasievolles Porträt des donquichottischen jungen Künstlers als Außenseiter und Clown, in »20 Tanks« dagegen ist Bukowski grüblerisch und düster in der Tradition seiner Vorbilder Nietzsche und Dostojewskij und schreibt, weit weg im Exil geistiger Einsamkeit, gepeinigte Notizen aus dem Untergrund. Seine Originalität bestand letztlich darin, existentielle Härte und humorvollen Schwung in einem unnachahmlichen »bukowskischen« Ganzen zu verbinden. Wie sein nihilistischer, philosophierender Protagonist war Bukowski selbst ein empfindsames, gequältes, verletzliches Genie, das in einem kleinen Zimmer gefangensaß, doch er verfügte auch über einen trockenen Humor und war ein charmanter Spötter in der Tradition eines anderen literarischen Vorbilds, James Thurber.
Bukowski hatte sein literarisches Debüt mit vierundzwanzig, als »Ablehnungsbescheid« in der renommierten Zeitschrift von Whit Burnett und Martha Foley erschien; zwei Jahre später folgte dann »20 Tanks« in Caresse Crosbys Avantgardeblatt , neben Beiträgen von Jean Genet, Federico García Lorca, Henry Miller und Jean Paul Sartre. Entgegen der Legende schrieb Bukowski damals jedoch nicht nur Prosa, sondern auch Lyrik. So findet sich beispielsweise in der Sommerausgabe von 1946 nicht nur seine Story »The Reason Behind Reason«, sondern auch sein erstes veröffentlichtes Gedicht, »Hello«. Und im Herbst/Winter 1947 bringt sowohl das Gedicht »Voice in a New York Subway« als auch die Story »Cacoethes Scribendi«. In der Praxis hat er also von Beginn an zwischen Gedicht, Story und Essay gewechselt und seine doppelte Identität als Dichter und Prosaschriftsteller aufgebaut. Diese »Zweigleisigkeit« zeigt sich auch in einer 1959 geschriebenen, aber erst 1961 veröffentlichten Arbeit, »Das weingetränkte Notizbuch«, wo sich Bukowski auf einen Genremix außerhalb der Kategorien Prosa, Lyrik und Prosagedicht verlegt.
Viele seiner darauffolgenden Texte sind in einer enormen Vielzahl »kleiner Zeitschriften«[2] erschienen. So wie die berühmten Geburtsstätten des Modernismus – – entscheidend zur Verbreitung der Meisterwerke von Ezra Pound, T. S. Eliot und James Joyce beigetragen haben, waren die Literaturzeitschriften und die Alternativpresse – – Abnehmer für Bukowskis unkonventionelle Arbeiten. Und nach dem Vorbild der großen Modernisten wurde Bukowski zum Verfasser militanter Manifeste. In seinem Essay zur Lyrik mit Jazzbegleitung für (herausgegeben von James Boyer May in London) begann er ästhetische Theorien aufzustellen, die er fortwährend ausarbeitete und erweiterte. Bukowskis Stil und Methode waren im Wesentlichen experimentell, und wie er einmal festhielt, gibt es »nicht genug Leser, die progressive Texte verstehen, verarbeiten und Spaß daran haben«.[3]
In einem seiner stärksten Manifeste, »Zur Verteidigung einer bestimmten Art von Gedichten, einer bestimmten Art zu leben, eines bestimmten blutdurchströmten Lebewesens, das eines Tages sterben wird«, entwickelt er Ansätze einer Poetik des Herzens, einer Poetik der Zärtlichkeit und Offenheit: . Bukowski wählte diese Variante einer Zeile aus Robinson Jeffers’ Gedicht »Hellenistics« als Titel für einen seiner ersten Gedichtbände und bringt damit sehr genau seine romantische und geistige Sehnsucht in unserer »kaputten Welt« zum Ausdruck.[4] Seine ganze Kindheit hindurch war Bukowski von seinem Vater brutal geprügelt und seelisch misshandelt worden. Das »blutdurchströmte Geschöpf« hier hat also verschiedene Bedeutungen: »Blut« im Sinne von D. H. Lawrence für Instinkt/Intuition, das Urgefühl, das klüger ist als der Intellekt, aber auch das bei Bukowskis qualvollen Züchtigungen buchstäblich vergossene Blut, und schließlich das Blut, das aus seinem Körper schoss, als er 1955 mit 35 Jahren in die Armenstation des Los Angeles County Hospital eingeliefert wurde und beinah an starken alkoholbedingten Magenblutungen starb.[5] Daher ist es kein Wunder, dass er sich fragte, wieso die anerkannte, etablierte Literatur durch die Jahrhunderte so ausgiebig über die am schlimmsten Leidenden geschwiegen hatte: die Geprellten, die Armen, die Verrückten, die Arbeitslosen, die Obdachlosen, die Alkoholiker, die Außenseiter, die misshandelten Kinder, die Arbeiterklasse. Seine poetische Welt ist wie die von Samuel Beckett die Welt der Enteigneten, der »stolzen dünnen Sterbenden«, und er bezeichnet sich selbst als »literarischen Outlaw«; Sicherheit ist nicht zu haben in einem Leben der äußersten Not, am Rand von Wahnsinn und Tod. Bukowskis größter Zorn galt den elitären »Jungs von der Uni«, die die Dichtung verrieten, indem sie ein harmloses, cleveres, gelehrtes und völlig uninspiriertes kleines Spiel mit Worten daraus machten und die heilige, wilde Muse zu zähmen versuchten – die brisanten, ungestümen archaischen Urkräfte des schöpferischen Unbewussten. Bukowskis Kunst besteht darin, seine blutenden Stigmata herauszustellen, sich (oft humorvoll) als Opfer vorzuführen und das in einer einfachen, direkten, rohen, gemeißelten Sprache zu tun, die auf Schnörkel und Drumherum verzichtet. Wie er in einem unveröffentlichten Vorwort zu William Wantlings schreibt: »Stil bedeutet, keinerlei Schutzschild. Stil bedeutet, keinerlei Fassade. Stil bedeutet völlige Natürlichkeit. Stil bedeutet, als Mensch allein unter Milliarden anderen zu sein.«[6]
In mehreren dieser Manifeste mit ihren zugleich empörenden und lyrischen Titeln wie »Ein hin und her schweifender Essay über Poetik und das verfluchte Leben, verfasst bei einem Sechserpack Bier« und »Über die Mathematik des Atems und des Weges« erkundet Bukowski den Zusammenhang zwischen Schreiben und der Suche nach dem authentischen Dasein. Er fährt zur Rennbahn, um das Leben zu beobachten, damit er es daheim an der »Maschine« in Kunst umsetzen kann. Wie Henry David Thoreau möchte er das Leben in die Ecke drängen und sehen, was er da vor sich hat – vom Ästhetizismus des Elfenbeinturms kann hier keine Rede sein. Bukowski sieht das künstlerische Schaffen in direktem Zusammenhang mit der eigenen inneren Entwicklung, und das Künstlerdasein ist für ihn mit einer ebenso strengen Disziplin verbunden wie die Schulung eines Zenmönchs. Er kombiniert eine präzise »Mathematik« genauer Beobachtung mit dem Atem und dem Weg taoistischer Praxis: Der Schriftsteller ist unterwegs, und er sollte alles, was ihm auf der Reise durch die Alltagswelt begegnet, genau beobachten. Dort auf der Rennbahn, in der Bar, bei den Klängen von Sibelius aus dem kleinen Radio in seinem kleinen Zimmer, draußen in den tristen, leeren Straßen wird er den gesuchten Weg finden. Wie er in »Bekenntnis eines Dirty Old Man« schreibt, war Bukowski Beat vor den Beats, und es ist kein Zufall, dass er sich von den Gedichten Allen Ginsbergs stark angesprochen fühlte und eine klare Linie zwischen und den frühen Arbeiten des begabten jungen Ginsberg sah, die später als herausgebracht wurden.
Die Undergroundpresse – kleine Zeitschriften, Zeitungen, Heftchen, Hektographien –, der Bukowski seine Stories und Essays lieferte, kam in den sechziger Jahren groß auf, und damals explodierte seine Kreativität in viele verschiedene Richtungen. Bukowski hatte wohlgemerkt am Los Angeles City College Journalistik studiert und ursprünglich gehofft, bei einer Zeitung unterzukommen. Vielleicht war sein Wunsch vom Beispiel Hemingways inspiriert, doch in einer autobiographischen Notiz am Ende...




