E-Book, Deutsch, 352 Seiten
Bunce Das Geheimnis des Glockenturms
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-95728-684-0
Verlag: Knesebeck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Myrtle-Hardcastle-Krimi
E-Book, Deutsch, 352 Seiten
ISBN: 978-3-95728-684-0
Verlag: Knesebeck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die clevere Amateurdetektivin Myrtle Hardcastle ist in ihrer Heimatstadt Swinburne einem mysteriösen Serienmörder auf der Spur!
Als Mr Leighton, der Besitzer eines Gemischtwarenladens, an dem Abend tot aufgefunden wird, an dem sein jährliches Weihnachtsschaufenster enthüllt werden soll, ist klar, dass ein Mörder Rache geübt hat. Aber wer hätte ein Motiv dafür gehabt, den örtlichen Händler zu töten? Etwa jemand, der sich an den ungelösten, lange zurückliegenden Skandal erinnert, der sich zu einer Zeit ereignete, als Mr Leighton noch Professor und Archäologe war?
Als der Mörder weitere Male zuschlägt und jedes Mal Hinweise auftauchen, die das Verbrechen vorhersagen, versucht Myrtle die schon lange vergrabenen Fakten eines historischen Skandals aufzudecken und damit die Beweggründe für den aktuellen Mörder zu finden. Aber was, wenn sie dabei auf ein dunkles Geheimnis in ihrer eigenen Familie stößt?
Weitere Infos & Material
1
Die Festtage in der Stadt
Wir nähern uns dem Neuen Jahrhundert und doch begleiten uns in diese moderne Welt weiterhin unsere jahrhundertealten Traditionen und Festlichkeiten.
H. M. Hardcastle: .
»Gib nicht mir die Schuld, solltest du enttäuscht werden. Man hat dich gewarnt.« Miss Judson, meine Gouvernante, schob eine behandschuhte Hand in ihre Jackentasche und holte mit dem Anflug eines Stirnrunzelns ihre Uhr heraus. »Dein Vater war nahezu am Boden zerstört, als er davon erfahren hat.«
»Ich will es mit eigenen Augen lesen«, sagte ich beherzt. Ich hatte die Dezemberausgabe des Londoner herbeigesehnt, denn noch hatte ich die neueste Sherlock-Holmes-Geschichte »Das letzte Problem« nicht gelesen. Vergangenen Monat war sie bereits in Amerika veröffentlicht worden, was ich schlicht und ergreifend ungerecht fand, war Holmes doch vor allem ein englischer Spürhund.
Kurz darauf gesellte sich vor eine Nebelwölkchen schnaufende Caroline Munjal zu uns. »Ist es schon soweit?«, fragte sie, während sie Schnee aus ihrem schwarzen Haar schüttelte. Wir waren nicht die Einzigen, die darauf warteten, dass der Laden endlich öffnete. An diesem Samstagmorgen hatte sich anlässlich der großen Enthüllung von Leightons alljährlichem Weihnachtsschaufenster eine regelrechte Menschenmenge versammelt. Schon seit Tagen hatte Caroline voller Vorfreude spekuliert, welches Thema Mr Leighton sich wohl diesmal ausgesucht haben mochte.
»Vielleicht wird es der Mord von Redgraves!«
Wie aufs Stichwort huschte die nächste Person auf uns zu, die einen Stapel Zeitschriften auf den Armen balancierte – unsere Nachbarin, die Erbin Priscilla Wodehouse. »Die neueste Ausgabe der «, verkündete sie. Indem sie sich die jüngste Geschichte ihres Zuhauses zunutze machte, um Profit daraus zu schlagen, hatte sie einen kleinen Verlag gegründet, der nach der berüchtigten Residenz benannt war. »Frisch aus der Druckerei und bereit, Mr Leightons Zeitschriftenständer zu bestücken.«
»Gibt es die nächste Mabel-Castleton-Folge?«, wollte Caroline wissen. Die neuen Groschenromangeschichten erfreuten sich wachsender Beliebtheit – zumindest bei einer kleinen Gruppe ergebener Anhänger. Priscilla hegte die gewagte Hoffnung, sie könnten irgendwann weltweiten Erfolg feiern. Ich war da anderer Meinung.
Priscillas Augen funkelten. »Wart’s ab.«
»Wie ich sehe, hat Dr. Doyle Konkurrenz«, bemerkte Miss Judson.
»Wir werden lesen.« Wenn Caroline eines war, dann loyal.
Ich stellte mich auf die Zehenspitzen und versuchte, über die Versammelten hinweg etwas zu sehen. Würde es eine Miniatur der Redgraves-Villa geben, des Schauplatzes meines ersten eigenen Triumphes als Detektivin?
»Freu dich nicht zu früh«, riet Miss Judson. »Dieses Jahr war viel los im Dorf.«
»Das können Sie laut sagen.« Mit diesen Worten erschien Mrs Munjal. Schwer beladen mit Bergen von Päckchen, trug sie einen angesteckten Stechpalmenzweig am Revers und verströmte ein Duftgemenge aus Tannengrün und Pfefferminz. »Da gab es die Blumenschau, die Küken von Lancelot und Elaine«, sie sprach von den schlecht gelaunten Schwänen im Park, »und nicht zu vergessen: Wir haben erstmals einen Bürgermeister.«
»Erinnere uns nicht daran«, grummelte Caroline – aber zu spät. Die Menge teilte sich (etwas widerwillig) und zwei prächtig gekleidete Frauen (nun, eine Frau und ein Mädchen) stolzierten wie weibliche Pfaue hindurch. Sie waren nahezu identisch gekleidet, in Samt, Pelz und riesig aufragende Hüte mit zahlreichen Bändern daran.
»Guten Morgen, Mrs Spence-Hastings, LaRue.« Miss Judsons Tonfall war so frostig wie besagter Morgen, als sie unsere früheren Nachbarinnen begrüßte.
»Sie dürfen Frau Bürgermeisterin nennen«, sagte LaRues Mutter. Unkorrekterweise, worauf sie allerdings keiner hinwies.
»Und mich Miss Spence-Hastings«, fiel LaRue ein, eine perfekte Miniatur ihrer Mutter, bis hin zur arroganten Kopfhaltung, als die beiden von oben herab auf das niedere Volk blickten.
Ich schaffte es, mir ein Augenrollen zu verkneifen, doch Caroline war weniger erfolgreich. Seit LaRues Vater den im Rahmen der Modernisierungsmaßnahmen frisch geschaffenen Bürgermeisterposten innehatte, legte sie noch mehr Allüren an den Tag als üblich. Swinburne bemühte sich wirklich sehr, den Ruf als eines der fortschrittlichsten Städchen Englands aufrechtzuerhalten.
»Das neue Herzstück wird bestimmt das Herrenhaus«, erklärte LaRue. »Wir haben es nämlich vollständig renovieren lassen. Für den Weihnachtsball des Bürgermeisters hat Vater den größten Baum der ganzen Grafschaft holen lassen.«
Ich ignorierte die Spence-Hastings und wandte meine Aufmerksamkeit der übrigen Menge zu. Trotz der Kälte hatten sich Trauben von Menschen gebildet, um der großen Eröffnung beizuwohnen. Eine Kapelle der Wohlfahrt spielte ein begeistertes Medley aus typischen altenglischen Weihnachtsliedern und Mrs Munjal wand einen ihrer Arme frei, um ihnen einen Schilling in den roten Eimer zu werfen.
Im Laden selbst war es vollkommen still, das Gaslicht war ausgedreht und ein grüner Wollstoff verdeckte das Fenster mit der Inschrift: . Normalerweise war das tiefe Schaufenster gerammelt voll mit allen möglichen Alltags- und Luxusgütern, von Ballen feinster Spitze über Reihen von Büchern bis hin zu Töpfen voller Marmelade oder eingemachtem Hack1. Vor Kurzem hatten sie eine Schreibmaschine der Marke Underwood ausgestellt und ich hoffte, drinnen würde ich eine neue Aktentasche als Weihnachtsgeschenk für Vater finden. Was ich Miss Judson schenken könnte, wusste ich noch immer nicht. Obwohl sie meine engste Vertraute auf der ganzen Welt war, war es notorisch schwierig, für sie das Richtige zu finden. Ihre Reaktion auf das toxikologische Taschenanalyse-Set, das ich ihr letztes Jahr überreicht hatte (damit sie ihr Essen auf Gift untersuchen konnte), war etwas … lustlos ausgefallen.
Da dies der erste Samstag im Dezember war, hatte man die gewöhnlichen Waren aus den Schaufenstern geräumt, um Platz zu machen für Weihnachten. In einem Fenster stand der Baum, an dem silberner und roter Schmuck, Papiergirlanden, Süßigkeiten und Kerzen funkelten, während das andere dem vorbehalten war: eine aufwendig gestaltete Miniaturausgabe des weihnachtlichen Swinburne, in der stets die denkwürdigsten Ereignisse des vergangenen Jahres dargestellt wurden. Mr Leighton arbeitete volle zwölf Monate daran und die vergangenen zwei Wochen schon war das Schaufenster verhängt gewesen, während er unter absoluter Geheimhaltung die letzten Handgriffe getätigt hatte.
Begleitet von den Klängen der Kapelle fiel der Schnee, stolzierten die Spence-Hastings und reckte der Rest von uns den Hals, um einen Blick hinter den Vorhang zu erhaschen.
»Sind Sie bereit für Ihr erstes englisches Weihnachten, Miss Wodehouse?« Mrs Munjals Stimme war fröhlich und munter. Miss Judson und die beiden Munjals trugen festliche Feiertagskleider und schicke Hüte, die ihre verschiedenen dunklen Hauttöne, Bronze und Olivebraun, zur Geltung brachten. Priscilla dagegen war ein Bild aus Rosa, mit ihren blonden Haaren und den elfenbeinfarbenen Wangen, auf denen ein Hauch von Zartrot lag. Neben ihnen fühlte ich mich klein, käsig und zerknittert.
Priscilla erhielt keine Gelegenheit zu einer Antwort, denn in diesem Moment kam endlich Mrs Leighton an, die mit dem großen Messingschlüssel für die Ladentür in den Händen durch die versammelte Menge eilte.
»Wie schön, Sie alle zu sehen!« Sie strahlte, sodass sich die blauen Augen unter ihrem krausen roten Pony in Falten legten. »Basil hat sich dieses Jahr eine solche Mühe gegeben – meint, es wäre sein bestes Modell überhaupt, und hat nicht mal mir einen Blick gestattet! Letzte Nacht hat er sogar im Geschäft verbracht, um sicherzustellen, dass alles perfekt wird. Sogar sein Frühstück soll ich ihm herbringen!« Sie tätschelte ihren Korb. »Aber nun warten Sie bitte noch kurz hier draußen, solange ich ihn wecke, damit er es feierlich enthüllen kann. Er wird alle Details erklären wollen.«
Mit rasselndem Schlüssel öffnete sich die Ladentür und läutete weihnachtlich. Ein Augenblick verging, dann noch einer. Endlich teilte sich der grüne Stoff...




