E-Book, Deutsch, 336 Seiten
Bunce Mord im Gewächshaus
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-95728-605-5
Verlag: Knesebeck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Myrtle-Hardcastle-Krimi
E-Book, Deutsch, 336 Seiten
ISBN: 978-3-95728-605-5
Verlag: Knesebeck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die zwölfjährige Myrtle Hardcastle ist eine leidenschaftliche Verfechterin der Gerechtigkeit und verfügt über eine höchst unkonventionelle Besessenheit von der Kriminalwissenschaft. Bewaffnet mit den Gesetzesbüchern ihres Vaters und dem Mikroskop ihrer Mutter studiert Myrtle Toxikologie, hält sich über die neuesten Entwicklungen in der Tatortanalyse auf dem Laufenden und beobachtet ihre Nachbarn in der ruhigen Kleinstadt Swinburne in England. Als ihre Nachbarin, eine wohlhabende Witwe und exzentrische Züchterin seltener Blumen, unter mysteriösen Umständen stirbt, ergreift Myrtle ihre Chance. Unterstützt von Miss Ada Judson, ihrer unerschütterlichen Gouvernante, will Myrtle den Mord an Miss Wodehouse beweisen und den Mörder finden, auch wenn ihr sonst niemand glaubt – noch nicht einmal ihr Vater, der Staatsanwalt der kleinen Stadt. Die viktorianischen Regeln für junge Damen aus gutem Hause reizt sie bei ihren Ermittlungen bis zum Äußersten aus, gerät mehr als einmal in brenzlige Situationen und weiß bald kaum mehr, wem sie eigentlich noch trauen kann. Doch dank ihrer Cleverness und nicht zuletzt mithilfe der Katze der ermordeten Nachbarin findet Myrtle schließlich entscheidende Hinweise ...
Hinter großen Detektiven wie Sherlock Holmes oder Hercule Poirot muss sich Myrtle Hardcaste wahrlich nicht verstecken und begeistert Leserinnen und Leser auf der ganzen Welt.
Ausgezeichnet mit dem Edgar Allan Poe Award 2021 in der Kategorie Best Juvenile .
Weitere Infos & Material
2
Die Gräber von Redgraves
Verdächtige Todesfälle erfordern zwingend eine gründliche Untersuchung des Tatorts, Befragung der Zeugen und schnellstmögliches Sicherstellen von Beweisstücken. Zeit ist von absoluter Bedeutung.
H. M. Hardcastle: , 1893.
Wir sollten zu spät zum Frühstück erscheinen, denn Inspektor Hardy hatte noch einige Fragen an uns, während er meinen gekonnt auswich. Jedoch informierte er uns darüber, dass Miss Gertrude Guildford, Hausmädchen auf Redgraves, die Leiche ihrer Herrin in der Badewanne aufgefunden hatte, als sie diese am Morgen wecken wollte. Ich antwortete ihm in aller Ausführlichkeit (Inspektor Hardy schien bereits einen langen Tag hinter sich zu haben – als ich mit meinem Bericht fertig war, wirkte er regelrecht erschöpft), während sich in meinem Kopf die Gedanken überschlugen. Wo steckte Mr Hamm? Was war aus Peony geworden? Wer hatte sich mitten in der Nacht auf Redgraves herumgetrieben? Woher war dieser »Neffe« aufgetaucht? Warum hatte Miss Wodehouse spätabends ein Bad genommen, wo doch alle Welt wusste, dass Trudy ihr jeden Vormittag um halb elf nach dem Gärtnern eines einließ?
Ich wäre ja geblieben, um die Ermittlungen zu unterstützen, doch Miss Judson warf immer wieder vielsagende Blicke auf ihre Armbanduhr. Vater war nicht so streng wie manch andere Eltern, doch gewiss würde auch er erwarten, dass seine Tochter und ihre Gouvernante zum Frühstück zu Hause waren und nicht unterwegs, um die Polizei zu beraten. Abgesehen davon wollte ich selbst dringend nach Hause, und zwar nicht nur um Vater die Neuigkeit von Miss Wodehouses mysteriösem und plötzlichem Ableben zu überbringen, sondern auch weil das Frühstück für mich eine ganz entscheidende Bedeutung hatte. Genau einmal am Tag konnte ich mich darauf verlassen, dass Vater, Miss Judson und ich gemeinsame Zeit mit ganz gewöhnlichen, häuslichen Dingen verbrachten. Damit war es meine einzige Gelegenheit, Vater uns drei als das zu präsentieren, was ich längst in uns sah: eine Familie.
Doch – wie üblich – war Vater abgelenkt und bemerkte nicht einmal, dass Miss Judson und ich uns verspätet hatten, erst recht nicht, dass wir bereits außer Haus gewesen waren. Mit einem halb vergessenen Stück Toast in den Fingern kauerte er am Tisch über einem Teller, der von einem Meer an Papieren umgeben war.
»Heute fängt der neue Prozess an, nicht wahr, Vater?« Es handelte sich um meine Lieblingssorte von Fällen, einen Mord, obwohl dieser gar nicht so interessant war – nur einige Straßenschläger, die in eine Kneipenprügelei verwickelt waren.
»Und endet auch, wenn alles gut läuft«, antwortete er und fing im letzten Moment seinen Toast auf, kurz bevor die Marmelade auf sein Affidavit3 tropfen konnte. »Warum stattet ihr mir keinen Besuch ab? Danach gehen wir gemeinsam Mittagessen. Macht doch einen Tagesausflug daraus.« Er schenkte mir ein warmes Lächeln.
»Darf ich von der Galerie aus zuschauen?« Vater erlaubte mir äußerst selten, ihn im Gericht zu besuchen, weil die meisten Richter und anderen Anwälte der Meinung waren, dass Kinder nur störten. Dafür hatte ich bisher jedes Wort über seine Fälle gelesen, das je im erschienen war, und mir natürlich im Selbststudium seine Rechtsbücher vorgenommen, damit ich die Feinheiten der Rechtslehre mit ihm diskutieren konnte. Zwar hatte sich die Gelegenheit dazu noch nicht ergeben, doch ich war bereit.
»Myrtle hätte gewiss ihre Freude daran«, warf Miss Judson ein. Mit geübter und effizienter Hand trug sie gerade Butter auf ihren Toast auf, sodass auch nicht der kleinste Klecks Gefahr lief, zu entkommen.
»Hmm?« Während er Miss Judson zusah, schien Vater das Gespräch von eben bereits vergessen zu haben. »Dann ist es also abgemacht.« Er stand auf, sammelte seine Papiere zusammen und drückte mir einen schnellen Kuss auf den Kopf. »Deine Haare sind nass. Warst du etwa im Regen?«
Ich warf Miss Judson einen Blick zu, doch Vater war schon verschwunden, bevor eine von uns antworten konnte. Sollte Miss Judson erleichtert aufgeatmet haben, dann kaum wahrnehmbar.
Lieber Leser, wenn ich es mir erlauben darf, möchte ich an dieser Stelle gern eine der Hauptfiguren dieser Geschichte vorstellen, meine Gouvernante und Vertraute Miss Ada Eugénie Judson. Gewiss haben Sie bereits feststellen können, verehrter Leser, dass Miss Judson eine bemerkenswert beherrschte Person war, die in Krisen4 einen kühlen Kopf bewahrte – Qualitäten, die für die Gouvernante einer angehenden Ermittlerin äußerst nützlich sind. Als Tochter einer französisch-guayanischen Krankenschwester und eines schottischen Pastors war sie überdurchschnittlich groß, kleidete sich ordentlich und praktisch und hatte die dunkle Haarfarbe ihrer karibischen Herkunft. Aus Angst, ihre Tochter könnte einer schrecklichen tropischen Krankheit zum Opfer fallen, hatten ihre Eltern die junge Ada auf ein Internat in England geschickt. (Vermutlich hatte niemand Mr und Mrs Judson je von Typhus, Pocken, Tuberkulose oder Cholera erzählt, die hier um sich griffen. Ganz abgesehen von gelegentlichen Ausbrüchen der Pest und nicht zu sprechen von gewissen, ebenso unaussprechlichen Gebrechen, von denen ich eigentlich nichts wissen sollte. Als »junge Dame aus gutem Hause«.)
Sobald Vater in seine Kanzlei aufgebrochen war, blieben uns fast zwei Stunden, um uns an die Arbeit zu machen, bevor wir im Gericht erscheinen mussten. Während Miss Judson noch immer mit ihrem extrem präzise bestrichenen Toast beschäftigt war, sprang ich bereits von meinem Platz auf und räumte meinen Teller ab. Obwohl ich schon jahrelang versuchte, Miss Judson nachzuahmen, schlug ich leider ganz nach Vater. Auf meinem Platz herrschte ein Chaos aus Krümeln und irgendwie war es mir sogar gelungen, Spiegelei meine Socken zu befördern.
»Wohin so eilig?«, fragte Miss Judson. »So viel Begeisterung für Geografie hast du ja noch nie an den Tag gelegt.«
»Wir müssen Peony finden«, sagte ich. »Sie hat gesehen, was letzte Nacht passiert ist.«
»Aha.« Miss Judson stand auf, obwohl ihre Hand nahe ihrer Teetasse verweilte, als würde sie in Erwägung ziehen, sich noch einmal nachzuschenken. Ich sah sie ungeduldig an. »Ich kann es nicht erwarten zu erfahren, welche Methode du erfunden hast, um an die Zeugenaussage einer Katze zu gelangen.«
»Machen Sie sich nicht über mich lustig.«
»Würde mir im Traum nicht einfallen«, sagte sie. »Trotzdem musst du zugeben, Myrtle, dass eine Katze als Zeugin heranzuziehen, selbst für dich etwas unrealistisch ist.«
Ich zögerte. Erwachsene nannten mich vieles, als Nettestes »frühreif«, »neugierig« und »unbändig« (wobei ich ja den Verdacht hegte, dass nichts davon wirklich als Kompliment gemeint war, auch wenn sie so taten als ob), doch im Vergleich zu anderen Kindern in meinem Alter galt ich im Allgemeinen nicht als »unrealistisch«. Miss Judson verfügte jedoch über exzellente Menschenkenntnis, wenn sie also der Meinung war, ich wäre etwas anderes als durch und durch vernünftig, dann machte es mich stutzig.
»Nun gut«, sagte ich vorsichtig. »Vielleicht sollten wir zuerst mit Mr Hamm reden. Wir müssen ohnehin fragen, wie es nun mit meinem Botanikunterricht weitergeht.« Der Gärtner von Redgraves hatte mir seit zwei Jahren Stunden gegeben. Er kannte sich extrem gut aus und Vater hatte es abgesegnet, da er fand, es »täte mir gut, hin und wieder an der frischen Luft zu spielen«.
»Das wiederum«, sagte Miss Judson, »ist eine hervorragende Idee.«
Fünfzehn Minuten später waren wir wieder auf Redgraves, diesmal passend gekleidet für einen Spaziergang im Garten. Redgraves’ Außenanlagen einen »Garten« zu nennen, tut ihnen allerdings großes Unrecht. Sie waren größer als das Gravesend-Grün, der öffentliche Park im Herzen unserer Nachbarschaft. Bevor man all die Wohnhäuser errichtet hatte, war er ein Friedhof gewesen5 und hatte mitsamt dem anderen Land einmal zum Privatbesitz der Familie Wodehouse gehört. Redgraves, der Familiensitz der Wodehouses, war ein düsterer roter Backsteinbau, dessen Schieferdach mit Giebeln, Türmen und Schornsteinen versehen war und vor dessen Haupteingang eine Treppe stand, die einem mürrischen Mund ähnelte und zum Eingang führte. Verglichen mit berühmten Schlössern wie Windsor oder Highclere, war Redgraves nur ein Landhaus – lächerliche vier Stockwerke hoch, mit nur dreiundzwanzig Zimmern, einschließlich einer landesweit berühmten Bibliothek und einem regional berühmten...




