E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Bunce Mord im Handgepäck
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-95728-677-2
Verlag: Knesebeck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Myrtle-Hardcastle-Krimi. Band 2
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-95728-677-2
Verlag: Knesebeck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Myrtle Hardcastle hat gar keine Lust, mit ihrer Tante Helena in den Urlaub zu fahren, wenn es doch zu Hause Wichtigeres zu tun gibt, wie Kriminelle und Mordprozesse im Auge zu behalten. Leider hat sie in dieser Angelegenheit kein Mitspracherecht, und so werden die Koffer gepackt. Die Reise führt sie und ihre Gouvernante, Miss Judson, und Katze Peony zusammen mit der ungeliebten Tante in einem privaten Eisenbahnwaggon Richtung Meer.
Myrtle ist begeistert, auf der Fahrt die Bekanntschaft von Mrs Bloom zu machen, einer professionellen Versicherungsdetektivin, die an Bord ist, um das unbezahlbare "Nordlicht-Diadem" zu schützen. Doch noch bevor der Zug sein Ziel erreicht hat, sind auf einmal beide verschwunden: Mrs Bloom und das Diadem! Als Myrtle am Tatort eintrifft, entdecken sie und Peony einen leblosen Körper im Gepäckwagen. Jemand ist umgebracht worden – mit Tante Helenas Nähschere! Die Reise wird unterbrochen, doch die örtliche Polizei ist mehr als ungeschickt und Scotland Yard scheint es nicht eilig zu haben, sich den Tatort anzuschauen. Da bleibt Myrtle natürlich nichts anderes übrig, als den Indizien zu folgen, um herauszufinden, welcher ihrer Mitreisenden ein Dieb und Mörder ist.
Weitere Infos & Material
2
Caveat Viator9
Eine Zugfahrt ist mit Abstand der effizienteste Weg, unsere schöne Insel zu besichtigen. Die Bequemlichkeit der modernen Zugwaggons erlauben es dem Reisenden, die Sehenswürdigkeiten Englands zu genießen, ohne sein Klima oder seine Bewohner ertragen zu müssen.
Tante Helena und Miss Judson waren nicht besonders erfreut, mich allein in der Begleitung von Sir Quentin und Mrs Bloom zu finden. Sie stürmten an Bord, dicht gefolgt von der gehetzten Miss Highsmith, die inzwischen die gehäkelte Tasche, den Reiseteppich, einen Picknickkorb und einen Tennisschläger schleppte und aussah, als müsste sie gleich in Ohnmacht fallen.
»Helena Myrtle!«, kläffte meine Tante. »Wo warst du? Du hast Judson in Angst und Schrecken versetzt – einfach so zu verschwinden!«
Ich hatte Miss Judson noch nie in Angst und Schrecken versetzt erlebt, allerdings wirkte sie durchaus verärgert. Mit hochgezogener Augenbraue lockte sie mich mit gekrümmtem Finger zu sich. Ich umklammerte Peonys Hutschachtel und legte mir eine Verteidigung zurecht, doch Sir Quentin machte das unnötig. Und unmöglich.
Noch einmal legte er erdrückend fest die Arme um mich. »Helena, haben Sie ein bisschen Vertrauen in das Kind! Sie ist ein mutiges Mädel, genau wie Sie.«
Nun erst entdeckte Tante Helena Mrs Bloom. »Das hätte ich mir ja denken können«, sagte sie und fegte wie ein Stier durch den Waggon auf sie zu. »Sind Sie anständigen Leuten nicht schon genug auf die Nerven gefallen, Mrs Bloom, müssen Sie nun auch noch deren Kinder belästigen?!«
Sie riss mich an sich. Wenn das so weiterging, würde ich noch eine Gehirnerschütterung erleiden.
»Niemand hat mich belästigt! Ich bin ihr .«
»Myrtle hatte mich in Verdacht, den Zug sabotieren zu wollen.« Mrs Bloom sagte dies vollkommen ernst, nicht um die anderen Erwachsenen zum Lachen zu bringen. »Selbstverständlich war sie besorgt.«
»Selbstverständlich«, murmelte Miss Judson.
»Sabotage?« Tante Helena rümpfte die Nase. »An einem Zug? Wohl kaum.«
Miss Judson hustete höflich. Ich befreite mich und Peony endlich und hastete zu ihr.
Derweil war Tante Helena mit Mrs Bloom noch lange nicht fertig. »Ihre Anwesenheit an Bord ist eine Schande für anständige Leute und ich werde dafür sorgen, dass Sir Quentin Sie auf der Stelle hinauswirft.« Um dies zu unterstreichen, rammte sie ihren Gehstock mehrfach in den Teppichboden. Tante Helena war grundsätzlich aufbrausend und nahm an allem Anstoß – doch dies schien selbst für ihre Verhältnisse übertrieben.
»Nun, das können Sie versuchen«, meinte Mrs Bloom im Plauderton. »Doch Mr Ballingall und ich sind zu einer Übereinkunft gekommen. Habe ich nicht recht? Miss Hardcastle, bitte setzen Sie sich, bevor der Zug noch ihretwegen entgleist. Und Miss Highsmith, Sie sind kein Packesel. Lassen Sie sich von ihr nicht wie einer behandeln.«
Sir Quentin versuchte, die Wogen zu glätten. »Mrs Bloom ist nur hier, um zu … nun, sagen wir, um die Maßnahmen zu beaufsichtigen. Nicht wahr, Myrtle?«
Es gefiel mir nicht, in ihre Meinungsverschiedenheit hineingezogen zu werden, und war unsicher, was ich antworten sollte. Jedoch blieb mir die Antwort erspart, da die Verbindungstüren erneut kreischend bekanntgaben, dass wir Gesellschaft bekamen.
»Vater! Wo steckst du nur? Alle warten auf deine Ansprache!« Dies wurde von einer jüngeren, weiblichen Version Sir Quentins vorgebracht. Mehrere Jahre älter als Miss Judson, war sie außerdem plump und gedrungen, hatte farbloses Haar, das sie zu einem straffen Knoten trug, und Augen im runden Gesicht, die an einen Vogel erinnerten.
»Temperance!«, dröhnte Sir Quentin. »Lass dir unsere Gäste vorstellen. Wir haben uns früher zusammengefunden. Einen Frühstart hingelegt, sozusagen.«
Miss Ballingall trampelte an Bord, gekleidet in einen langweiligen karierten Umhang über einem ausgeblichenen Wanderrock. Den rechten Arm hatte sie auf Taillenhöhe angewinkelt, die Faust geballt, als würde sie darin etwas verbergen, während sie in der linken Hand eine verblüffend große goldglänzende Schere hielt.
»Oh, schön«, sagte Tante Helena. »Ich dachte schon, Cicely hätte sie verloren.«
»Es war außerordentlich freundlich von Ihnen, sie mir zu leihen, liebe Helena«, sagte Miss Ballingall. »Sie wissen ja, wie sehr Vater seine Zeremonien liebt!« Sie reichte die Schere Sir Quentin, der mit einem enttäuschten Stirnrunzeln reagierte.
»Sie alle sind in meinen Zug eingedrungen, bevor wir die Zeremonie konnten«, schnaubte er. »Nun hat es kaum noch einen Sinn.«
»Vater, sei nicht albern. Du hast extra eine Rede vorbereitet und mehr zählt nicht. Wir würden sie zu gern hören.«
»Nein. Nein. Ich will nichts mehr davon hören. Ich werde veranlassen, dass man das Band entfernt. Wo steckt dieser Kofferkuli? Wir müssen die Damen einquartieren.« Damit nahm er die Schere und rauschte zur gegenüberliegenden Tür, hinter dem Klavier, und ging hinaus.
Miss Ballingall kam lächelnd auf uns zu. »Ach. So ein Durcheinander! So schnell wird Vater das nicht vergessen«, sagte sie zwinkernd. »Diese Geschichte wird er noch jahrelang zum Besten geben. Aber nun nehmen Sie doch bitte alle Platz, oder soll ich die Gepäckträger rufen, damit Sie Ihre Quartiere beziehen können? Ja, das wäre wohl das Beste, oder?«
Mit der linken Hand griff sie nach einem Draht, der knapp unterhalb der Decke verlief. »Aber machen Sie das nicht während der Fahrt – sonst hält der Zug an.«
Feierlich und fröhlich wandte sie sich zu mir um. »Miss Myrtle, wir schätzen uns überaus glücklich, Sie an Bord begrüßen zu dürfen. Ich hoffe, Sie finden Freude an unserem kleinen Ausflug. Die liebe Helena spricht pausenlos von Ihnen, es kommt mir direkt vor, als würde ich Sie – und natürlich auch die liebe Miss Judson! – bereits seit Jahren kennen.«
Sie wandte sich Mrs Bloom zu. »Ich bedaure, dass ich vorhin noch keine Zeit für Sie hatte. Ich hoffe, Vater hat sich nicht zu schrecklich benommen.«
»Aber gar nicht, Miss Ballingall. Ich hoffe, es geht Ihnen gut.«
Miss Ballingalls Gesicht verdüsterte sich, während sie sich gedankenverloren den Arm rieb. »Vater bei einem seiner Projekte zu begleiten, macht das Leben immer so stürmisch!«
»Gewiss wird er damit großen Erfolg haben, meine Liebe«, sagte Mrs Bloom.
Miss Ballingall rang sich ein Lachen ab. »Nun, jedenfalls werden wir es versuchen! Das Fairhaven erwartet uns. Gut, dass Sie ihren Regenschirm mitgebracht haben.« Während sie sich noch immer den Arm rieb, lief sie in Richtung der Verbindungstür. »Lassen Sie mich für Sie ein Abteil organisieren. So voll belegt sind wir gar nicht.«
Unter der fröhlichen Aufsicht von Miss Ballingall bezogen wir unsere Abteile, sofern man sie so nennen konnte.
»Wie kannst du nur enttäuscht sein?«, wollte Miss Judson wissen, die ihr Bett in all seiner vergoldeten, mit Rüschen und Fransen besetzten Pracht, den glitzernden Kristalllüster und den Orientteppich begutachtete. »Das ist reiner Luxus!«
»In der Broschüre war von Schlafwagen die Rede.« Ich hatte clever ausklappbare Möbel erwartet: Sofas, die sich in Schlafkojen verwandelten, oder Pritschen, die man aus der Decke ziehen konnte. »Das sind einfach nur Schlafzimmer. Gibt es hier denn gar nichts, das wie in einem Zug ist?«
Kopfschüttelnd verstaute Miss Judson ihr Handgepäck in einer Nische, genau groß genug für exakt diesen Zweck. Derweil ließ sich Peony, kaum war sie aus ihrer Hutschachtel befreit, auf mein Kopfkissen im angrenzenden Abteil sinken. Ich folgte ihr, konnte Miss Judson durch die Verbindungstür aber weiterhin gut hören.
»Hast du die gesehen?« Sie betonte es mit einem deutlich französischen Akzent, sodass es noch verführerischer klang. »Ich frage mich, ob ich diese Farben wohl genauso wiedergeben könnte. Ich habe nämlich meine Ölfarben mitgebracht.«
»Sir Quentin sollte sie eigentlich im Safe transportieren.« Ich fasste seinen Streit mit Mrs Bloom zusammen.
Miss Judson betrat schwungvoll mein Abteil. »Vielleicht werden wir noch von...




